Gros­se Un­glü­cke we­gen Am­mo­ni­um­ni­trat

Die letz­ten 100 Jah­re gab es im­mer wie­der Ka­ta­stro­phen.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Schweiz - Vin­cen­zo Ca­po­di­ci

Am­mo­ni­um­ni­trat gilt als mög­li­cher Aus­lö­ser der wuch­ti­gen Ex­plo­si­on in Bei­rut. Die Che­mi­ka­lie, die zur Her­stel­lung von Dün­ge­mit­teln ver­wen­det wird, ist ex­plo­si­ons­fä­hig – und sie sorgt im­mer wie­der für schreck­li­che Unfälle mit Hun­der­ten To­ten und noch mehr Ver­letz­ten. Gros­se Tra­gö­di­en er­eig­ne­ten sich zum Bei­spiel 1921 in Deutsch­land, 1947 in den USA, 2004 in Nord­ko­rea oder auch 2015 in Chi­na.

— 2015: Tian­jin

Vor Bei­rut hat sich die letz­te gros­se Ka­ta­stro­phe mit Am­mo­ni­um­ni­trat im chi­ne­si­schen Tian­jin er­eig­net. In der Ha­fen­stadt brach am 12. Au­gust 2015 am Abend in ei­nem La­ger­haus ein Feu­er aus. Ei­ne knap­pe St­un­de lang kämpf­ten Hun­der­te Feu­er­wehr­leu­te ge­gen den Brand, doch ver­geb­lich. In­ner­halb von 30 Se­kun­den kam es zu­nächst zu ei­ner klei­ne­ren und da­nach zu ei­ner ge­wal­ti­gen Ex­plo­si­on. 173 Men­schen ka­men ums Le­ben, knapp 800 wur­den ver­letzt. Zehn­tau­sen­de Per­so­nen ver­lo­ren ih­re Woh­nun­gen und Häu­ser.

Im Nach­hin­ein stell­te sich her­aus, dass auf dem Ge­län­de 800 Ton­nen Am­mo­ni­um­ni­trat und da­zu noch 500 Ton­nen Ka­li­um­ und Na­tri­um­ni­trat ge­la­gert wa­ren, al­le­samt hoch­ex­plo­si­ve Sub­stan­zen. Ei­ne Un­ter­su­chung kam zum Schluss, dass das Feu­er durch das Aus­trock­nen von Schiess­baum­wol­le ver­ur­sacht wur­de, weil nicht ge­nug Feuch­tig­keits­spen­der vor­han­den war.

— 2004: Ryong­chon

Am 22. April 2004 er­eig­ne­te sich im Bahn­hof von Ryong­chon ein fol­gen­schwe­rer Ran­gier­un­fall. Dar­an be­tei­ligt wa­ren zwei Gü­ter­zü­ge, von de­nen ei­ner mit Am­mo­ni­um­ni­trat be­la­den ge­we­sen war. Ge­mäss den nord­ko­rea­ni­schen Be­hör­den soll beim Zu­sam­men­stoss der bei­den Zü­ge ei­ne Ober­lei­tung her­ab­ge­stürzt sein. Dies ha­be ei­ne Öl­la­dung zum Bren­nen und das Am­mo­ni­um­ni­trat in ei­nem an­de­ren Wag­gon zur De­to­na­ti­on ge­bracht. Die wuch­ti­ge Ex­plo­si­on tö­te­te min­des­tens 161 Men­schen, un­ter den To­des­op­fern sol­len 76 Schul­kin­der ge­we­sen sein. Über 1300 Per­so­nen er­lit­ten Ver­let­zun­gen. Die Theo­rie ei­nes An­schlags be­stä­tig­te sich nicht.

— 1947: Te­xas Ci­ty

Ei­ne Rol­le spiel­te Am­mo­ni­um­ni­trat auch bei ei­ner Ka­ta­stro­phe am 16. April 1947 in Te­xas Ci­ty, als im Ab­stand von 15 St­un­den die bei­den im Ha­fen lie­gen­den Fracht­schif­fe Grand­camp und High Fly­er ex­plo­dier­ten. An Bord der Grand­camp be­fan­den sich 2300 Ton­nen Am­mo­ni­um­ni­trat. Das Schiff High Fly­er war mit 900 Ton­nen Am­mo­ni­um­ni­trat be­la­den, da­zu wa­ren noch 1800 Ton­nen Schwe­fel auf dem USFrach­ter. Da­bei ka­men 581 Men­schen ums Le­ben, mehr als 5000 Per­so­nen wur­den ver­letzt.

Am An­fang der Ex­plo­si­ons­ka­ta­stro­phe war ein Feu­er, das an Bord der Grand­camp aus­ge­bro­chen war. Der Brand könn­te durch ei­ne weg­ge­wor­fe­ne Zi­ga­ret­te ver­ur­sacht wor­den sein. Die Schiffs­mann­schaft ver­such­te, das Feu­er mit Was­ser zu lö­schen, hat­te da­mit aber kei­nen Er­folg. Schliess­lich ex­plo­dier­te die Grand­camp und wur­de in die Luft ge­schleu­dert. Die Druck­wel­le zer­stör­te die Docks, na­he ge­le­ge­ne In­dus­trie­an­la­gen so­wie Tei­le von Te­xas Ci­ty. Die Wucht der De­to­na­ti­on liess Per­so­nen in Gal­ves­ton, 16 Ki­lo­me­ter ent­fernt, auf die Knie fal­len. So­gar im 60 Ki­lo­me­ter ent­fern­ten Hous­ton sol­len Fens­ter zer­bors­ten sein.

— 1921: Op­pau-Lud­wigs­ha­fen Am 21. Sep­tem­ber 1921 ex­plo­dier­te in Lud­wigs­ha­fen am Rhein ein Ge­bäu­de des Op­pau­er Stick­stoff­wer­kes, das zur Ba­di­schen Ani­lin­ und So­da­f­a­brik (BASF) ge­hör­te. Da­bei soll­te wie üb­lich ei­ne fest ge­wor­de­ne Am­mo­ni­umsul­fat­Am­mo­ni­um­ni­trat­Mi­schung durch Dy­na­mit auf­ge­lo­ckert wer­den. Auf­grund ei­ner Än­de­rung im Pro­duk­ti­ons­ab­lauf kam es zu ei­ner lo­ka­len An­rei­che­rung von Am­mo­ni­um­ni­trat im Pro­dukt. Durch die zur Lo­cke­rung ge­dach­ten klei­ne­ren Dy­na­mit­Ex­plo­sio­nen kam es in kur­zem Ab­stand zu zwei ge­wal­ti­gen Am­mo­ni­um­ni­trat­Ex­plo­sio­nen.

Et­wa 400 der dort ge­la­ger­ten 4500 Ton­nen Dün­ge­mit­tel ex­plo­dier­ten. Da­bei ka­men 559 Per­so­nen ums Le­ben, 1977 Men­schen er­lit­ten Ver­let­zun­gen. Noch in 75 Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung zum Un­glücks­ort be­schä­dig­ten die De­to­na­tio­nen Ge­bäu­de. Hö­ren konn­te man die Ex­plo­sio­nen aus wei­ter Ent­fer­nung, so auch in Tei­len der Deutsch­schweiz. Ge­mes­sen an der Op­fer­zahl, steht Op­pau für das gröss­te Un­glück in der Ge­schich­te der deut­schen che­mi­schen In­dus­trie und die gröss­te zi­vi­le Ex­plo­si­ons­ka­ta­stro­phe in Deutsch­land.

Fo­to: Wi­ki­me­dia

Zer­stör­tes BASF-Werk in Op­pau-Lud­wigs­ha­fen, 1921.

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