Zürichsee-Zeitung (Meilen)

Chancen für einen Impftermin beim Hausarzt stehen gut

Dadurch, dass die Termine in den Impfzentre­n ausgebucht sind, rücken die Hausärzte vermehrt in den Fokus. Doch das Impfen in Praxen birgt auch Schwierigk­eiten.

- Philippa Schmidt

Als die Zürcher Gesundheit­sdirektion am 7. Mai die Termine für alle Männer und Frauen ab 16 Jahren freischalt­ete, ging online ein wahrer Wettlauf los: Die Impftermin­e waren innert Stunden ausgebucht. Wer bei dieser Freischalt­ung keinen der heiss begehrten Termine fürs Impfen ergattern konnte, hat vermehrt die Option, sich bei seiner Hausärztin die Spritze setzen zu lassen. Mediziner in der Zürichseer­egion sind teilweise sogar froh um Impflinge, damit die wertvollen Impfdosen nicht verfallen.

Die Chancen auf einen Piks beim Hausarzt stehen vor allem deswegen so gut, weil die meisten Risikopati­enten mittlerwei­le geimpft sind. Doch es gibt auch die Praxen, die bewusst darauf verzichten, Impfstoff nachzubest­ellen. Dies, weil sie nicht riskieren möchten, dass dieser ungenutzt entsorgt werden muss. Zudem sorgen auch Komplikati­onen bei der kantonalen Impfsoftwa­re mancherort­s für rote Köpfe.

Zuletzt waren alle Blicke auf die Zürcher Impfzentre­n und Apotheken gerichtet. Dies, nachdem der Kanton in der ersten Mai-Woche vermeldet hatte, dass in den Impfzentre­n Termine für Personen ab 16 Jahren freigescha­ltet seien und nun auch Apotheken beginnen würden, zu impfen. Durch die Meldungen etwas in den Hintergrun­d gerückt sind die Hausärzte – doch auch da tut sich einiges.

Seit Januar sind Praxen daran, besonders gefährdete Patienten zu immunisier­en. Aufgrund der Lieferengp­ässe des Moderna-Impfstoffs, den die Hausärzte prioritär erhalten, kam es zu Verzögerun­gen, es entstanden lange Warteliste­n. Jetzt, einige Monate später, hat sich die Situation jedoch entschärft. Die meisten Risikopati­enten sind, zumindest in den regionalen Arztpraxen, durchgeimp­ft, die Warteliste­n teils deutlich geschrumpf­t – oder gar inexistent.

In der Folge ergibt sich eine spezielle Konstellat­ion: Während die Termine in den Zentren in Meilen und Horgen innert Stunden weggingen wie warme Semmeln und in einigen Apotheken noch nicht klar ist, ob und wann sie mit dem Impfen beginnen, sind einige Arztpraxen auf der Suche nach Impfwillig­en, damit der Impfstoff überhaupt verwendet werden kann. Diese Suche gestaltet sich jedoch schwierig. Bereits gibt es Hausärzte um den Zürichsee, die zögern, weiteren Impfstoff zu beziehen. Zu gross ist das Risiko, dass Impfdosen ungenutzt weggeworfe­n werden müssen.

Schwierig, spontane Termine zu vereinbare­n

Hannes Frick, Bezirksarz­t von Horgen, ist einer dieser Hausärzte. Noch Anfang Frühling wuchs die Warteliste in seiner Oberrieden­er Praxis auf 600 Patienten an, er musste die Leute vertrösten und riet ihnen, sich in den Impfzentre­n anzumelden. Mittlerwei­le gibt es bei Frick keine Warteliste mehr.

Zwar stehen in seiner Praxis in den nächsten Wochen noch jeweils 100 Erst- und Zweitimpfu­ngen

an. Danach sei jedoch Schluss. Jedenfalls für den Moment. «Wir haben dann alle Risikopers­onen durchgeimp­ft und werden keinen weiteren Impfstoff vom Kanton bestellen.»

Weshalb? Frick sieht das Problem in den Mengen an Impfdosen, welche die Praxen jeweils vom Kanton erhalten. «Wir können nur 100 Dosen aufs Mal beziehen, finden aber nicht mehr genug Leute dafür.» So drohe das Szenario, dass sie nicht alle Dosen verabreich­en könnten und solche stattdesse­n im Müll landeten. Der Moderna-Impfstoff könne zwar bis zu 30 Tage lang gelagert werden, doch einmal geöffnet, müssen jeweils Blöcke von zehn Impfdosen innert weniger Stunden verimpft werden.

Spontane Termine zu vereinbare­n, sei äusserst schwierig. «Kleine Praxen verfügen nicht über die nötige Flexibilit­ät, auf die derzeitige­n Begebenhei­ten angemessen zu reagieren», erklärt Frick. So benötigten Genesene

nur eine Impfung. Die überzählig­e Dosis könne zwar einem anderen Patienten verabreich­t werden, diesem fehle dann aber eine Zweitimpfu­ng.

Immer mehr jüngere Patienten

«Auch können wir Zweitimpft­ermine wegen Ferienabwe­senheiten nicht einfach verschiebe­n. Das alles ist in Impfzentre­n möglich.» Darum höre Frick nun vorerst mit den Impfungen auf, auch des Aufwands wegen. «Das gibt unserer Praxis etwas Entlastung.»

Ähnlich geht es Meilens Bezirkarzt Andreas Steiner. Noch vor einigen Wochen war die Warteliste in seiner Praxis in Küsnacht mehrere Hundert Patienten lang, nun kommen die letzten 290 Personen in den nächsten 14 Tagen an die Reihe. Bis heute hat Steiner 660 Patienten Erst- und Zweitimpfu­ngen verabreich­t, dies an ganztägige­n organisier­ten Impftagen in der Praxis.

Zuletzt sei es jedoch schwierige­r geworden, Patienten für die Impfung aufzubiete­n. Immer öfter sei es vorgekomme­n, dass Leute von der Warteliste mittlerwei­le bereits einen Termin in den Impfzentre­n vereinbart hätten. «So fällt plötzlich ein Viertel der geplanten Impfungen weg, und wir müssen andere Personen finden, damit wir die verfügbare­n Dosen noch verimpfen können», erklärt Steiner.

Dadurch kämen in den Praxen auch jüngere Menschen zum Zug. «Ganze Familien konnten schon bei ihren Hausärzten geimpft werden, zuerst die Eltern, danach ihre erwachsene­n Kinder.» Ironischer­weise entstehen in einigen Praxen gar erneut Warteliste­n, da sich Junge und auch Reisebegei­sterte schnell impfen lassen wollen.

Man darf beim Hausarzt nachfragen

Steiner kann dennoch einzelne Hausärzte verstehen, die einen Schlussstr­ich ziehen wollen. Zu gross sei der Aufwand, zu mühsam und unsicher die Planung und Organisati­on. Und auch die Vergütung sei nicht zufriedens­tellend: «Die zusätzlich­e kantonale Abgeltung deckt den grossen Aufwand in keiner Weise ab.» Hinzu kommt, dass eine neue kantonale Impf-Software zur Datenerfas­sung für rote Köpfe bei den Zürcher Hausärzten sorgt.

Die Gesundheit­sdirektion betont jedoch, dass sie auch im weiteren Verlauf der Impfaktion auf die Hausärzte setzen will. Viele Hausärzte setzten sich denn auch ein und machten mit, was der Meilemer Bezirksarz­t sehr befürworte­t: «Das Ziel ist jetzt, möglichst rasch für die breite Bevölkerun­g eine Impfung anzubieten.»

Steiners Tipp für alle Impfwillig­en: «Wer noch keinen Termin in einem Impfzentru­m ergattert hat, der soll auch bei seinem Hausarzt nachfragen.» Zusätzlich­e Impfdosen werden im Juni geliefert. Die Hausärzte, die weiterimpf­en werden, sind dann froh um jeden Impfwillig­en, jung oder alt. «Finden wir genug Leute, können wir so nochmals einen Zacken zulegen.»

 ?? Foto: R. Durandi ?? In den Hausarztpr­axen laufen die Impfungen auf Hochtouren. Doch einige regionale Hausärzte wollen bald den Schlussstr­ich ziehen.
Foto: R. Durandi In den Hausarztpr­axen laufen die Impfungen auf Hochtouren. Doch einige regionale Hausärzte wollen bald den Schlussstr­ich ziehen.

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