Di­no­sau­ri­er oder hei­li­ge Kuh

Braucht ei­ne le­ben­di­ge De­mo­kra­tie ei­nen ge­büh­ren­fi­nan­zier­ten Rund­funk? Sind Bür­ger nicht mün­dig ge­nug, selbst zu ent­schei­den, für was sie zah­len wol­len? In der Schweiz hat jetzt das Volk das Sa­gen. In Deutsch­land gu­cken vie­le auf die Ab­stim­mung ne­ben­an.

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Für die ei­nen ist der öf­fent­lich-recht­li­che Rund­funk mit sei­nen In­for­ma­ti­ons­sen­dun­gen ein un­ver­zicht­ba­rer Teil der De­mo­kra­tie, für die an­de­ren ist er ein mit ei­ner Zwangs­steu­er fi­nan­zier­ter Mo­no­po­list, der den pri­va­ten Sen­dern das Was­ser ab­gräbt. In der Schweiz kommt es am 4. März nun zum Show­down: Bei ei­ner Volks­ab­stim­mung geht es um die Ab­schaf­fung der Rund­funk­ge­büh­ren.

Die Ent­schei­dung könn­te durch­aus auch Aus­wir­kun­gen auf die Dis­kus­si­on in Deutsch­land ha­ben. „Wenn die­se Initia­ti­ve durch­kom­men wür­de, wür­de das hier all den­je­ni­gen Auf­trieb ge­ben, die den öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk und den Rund­funk­bei­trag in­fra­ge stel­len“, pro­gnos­ti­ziert der Vor­sit­zen­de des Deut­schen Jour­na­lis­tenVer­ban­des, Frank Über­all. SRG oh­ne Ge­büh­ren dicht?

Die Un­muts­be­we­gung hat in der Schweiz Fahrt auf­ge­nom­men, die Geg­ner der Ge­büh­ren be­ka­men ge­nü­gend Un­ter­schrif­ten zu­sam­men, um ei­ne Ab­stim­mung zu er­zwin­gen. Seit­dem tobt ei­ne Grund­satz­de­bat­te über die Rol­le der Me­di­en und ih­re Zu­kunft. Die Rund­funk­an­stalt SRG sagt, oh­ne Ge­büh­ren, die Drei­vier­tel ih­res Bud­gets de­cken, müs­se sie schlie­ßen. Die Geg­ner des öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funks sa­gen, Nach­rich­ten könn­ten auch Pri­va­te lie­fern, oder die SRG mö­ge sich über Wer­bung oder Ko­ope­ra­tio­nen fi­nan­zie­ren. Vor al­lem jun­ge Leu­te re­den von Zwangs­ge­büh­ren. „Wir möch­ten, dass man nur für das zahlt, was man auch kon­su­miert“, sagt Tho­mas Juch (rechts im Fo­to oben), Stu­dent und Mit­in­iti­ant der „No Bil­lag“-Initi­ti­ve, be­nannt nach der Ge­büh­ren­ein­zugs­zen­tra­le Bil­lag. SRG zu weit links?

Au­ßer­dem ma­che die SRG mit ih­rem kos­ten­lo­sen In­ter­net­an­ge­bot den Me­di­en­markt ka­putt: „Bei der qua­si Mo­no­pol­stel­lung der SRG ster­ben vie­le pri­va­te Me­di­en weg.“Das Me­di­en­haus kön­ne sei­ne Sen­dun­gen ja per Pay-TV an­bie­ten - die, die sie se­hen woll­ten, zahl­ten dann auch. Zu­dem wird im­mer wie­der kri­ti­siert, dass die SRG-Jour­na­lis­ten und ih­re Be­richt­er­stat­tung bzw. Ein­fluss­nah­me po­li­tisch viel zu weit links an­ge­sie­delt sei.

Kri­tik am öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk ist auch in Deutsch­land zu­letzt deut­lich lau­ter ge­wor­den, nicht nur von sei­ten der Zei­tungs­ver­la­ge. Geg­ner des Rund­funk­bei­trags, die sich aus Prin­zip wei­gern, die 17,50 Eu­ro im Mo­nat zu zah­len, zo­gen be­reits bis vors Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts. Auch in den Par­tei­en meh­ren sich die Stim­men, die ARD und ZDF zu Re­for­men und Spar­sam­keit drän­gen. Si­gnal für Deutsch­land?

Rai­ner Ro­bra (CDU), der für Me­di­en zu­stän­di­ge Mi­nis­ter für Kul­tur in Sach­sen-An­halt, mach­te im Herbst mit kri­ti­schen Über­le­gun­gen zur ARD von sich re­den und hofft nun auf ei­ne Si­gnal­wir­kung der Schwei­zer Ab­stim­mung für Deutsch­land: „Ich set­ze dar­auf, dass die Ver­ant­wort­li­chen bei der Schwei­ze­ri­schen Rund­funk- und Fern­seh­ge­sell­schaft jetzt Vor­bild sind, wie man - zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen un­ter ho­hem öf­fent­li­chen Druck, aber am En­de doch frei­wil­lig - Pro­gramm­qua­li­tät, Wirt­schaft­lich­keit und Spar­sam­keit auf ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner brin­gen kann.“

Do­ris Leuthard, Mi­nis­te­rin für Kom­mu­ni­ka­ti­on, mahnt ih­re Lands­leu­te, die SRG tra­ge mit ih­rem Nach­rich­ten­an­ge­bot zur Gr­und­ver­sor­gung der Ge­sell­schaft bei: „Der öf­fent­li­che Rund­funk ga­ran­tiert, dass al­le Sprach­re­gio­nen der Schweiz auf ein viel­fäl­ti­ges An­ge­bot zäh­len kön­nen und un­ter­schied­li­che Stim­men zu Wort kom­men“, sagt sie. Vor­schlä­ge, SRG-Sen­dun­gen zum Be­zah­len an­zu­bie­ten, hält sie für il­lu­so­risch: „Was sich via Pay-TV fi­nan­zie­ren lässt, sind Sport, Fil­me – und Sex.“ Müs­sen wir er­zo­gen wer­den?

In ei­ner Fern­seh­de­bat­te for­dert Oli­vier Kess­ler, Mit-Initi­ant der Ab­stim­mung, sie her­aus: „Sind wir mün­di­ge Bür­ger oder Schü­ler, die er­zo­gen wer­den müs­sen?“fragt er. Den Mo­de­ra­tor der SRG-Sen­dung kan­zelt er als Ge­büh­ren­pro­fi­teur ab, der des­halb un­fair zu ihm sei. Der Mo­de­ra­tor er­hält an­schlie­ßend auf Twit­ter so­gar Mord­dro­hun­gen.

„Qua­li­täts­jour­na­lis­mus ist über den Markt nicht mehr fi­nan­zier­bar“, sagt der Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Vin­zenz Wyss. Der An­griff auf die SRG, die Kon­zen­tra­ti­on am Zei­tungs­markt - Wyss ist alar­miert: „Das Me­dien­sys­tem ist in Ge­fahr“, sagt er. „Es gibt Po­li­ti­ker, die da­nach lech­zen, dass das pas­siert. Wir kön­nen auch staats­po­li­tisch ein gro­ßes Pro­blem be­kom­men, et­wa, wenn Ideo­lo­gen Me­di­en auf­kau­fen.“

Dass die „staats­treu­en Me­di­en“selbst durch­weg ideo­lo­gisch tä­tig sind, das ver­schweigt Wyss al­ler­dings. Die Be­richt­er­stat­tung hat oft­mals nichts mehr mit der Rea­li­tät zu tun, son­dern spie­gelt dann nur noch die po­li­ti­schen An­sich­ten der Re­gie­run­gen wie­der - auch in Deutsch­land. Nicht mehr zeit­ge­mäß?

Für Eric Gu­jer, Chef­re­dak­teur der „Neu­en Zürcher Zei­tung“, ist die SRG hin­ge­gen nicht mehr zeit­ge­mäß: „Sie ist der ein­zi­ge Di­no­sau­ri­er, der je­den Tag ver­kün­det, die Evo­lu­ti­on ge­be es nicht. Sie will uns ein­re­den, Di­no­sau­ri­er leb­ten ewig und klei­ne, flin­ke Säu­ge­tie­re hät­ten nie ei­ne Chan­ce“, schrieb er.

In Um­fra­gen la­gen Geg­ner und Be­für­wor­ter lan­ge Kopf an Kopf. Kurz vor der Ab­stim­mung ging der Trend aber Rich­tung Ab­leh­nung. Be­stimmt oder eher da­ge­gen wa­ren 65 Pro­zent der Be­frag­ten.

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