Volks­büh­ne bleibt un­ter Be­ob­ach­tung

Als die Ber­li­ner Volks­büh­ne vor ei­nem hal­ben Jahr ei­nen neu­en In­ten­dan­ten be­kam, ging ein Riss durch die Thea­ter­sze­ne. Nun zeigt das Haus mit „Li­ber­té“ein neu­es Schau­spiel. Bis zum ers­ten Zwi­schen­ruf dau­ert es nur ein paar Mi­nu­ten.

Amerika Woche - - Nachrichten - von Ju­lia Ki­li­an

Die Ku­lis­se sieht aus wie von Cas­par Da­vid Fried­rich ge­malt, die Gril­len zir­pen - und mit­ten­rein brüllt ein Zuschau­er. Der Mann in der Ber­li­ner Volks­büh­ne ruft aus ei­nem ganz prak­ti­schen Grund. Er ruft: „Lau- ter!“Denn der ka­ta­la­ni­sche Re­gis­seur Al­bert Ser­ra hat mit „Li­ber­té“zwar ab­sicht­lich ein Stück „fast im Flüs­ter­ton“ge­macht, aber das hilft den Zu­schau­ern hin­ten we­nig.

Skep­sis

Der Zwi­schen­ru­fer wird nicht der ein­zi­ge an die­sem Abend sein - und er um­schreibt ganz gut, was der­zeit am Ro­sa-Lu­xem­burg-Platz los ist. Denn man­che mei­nen, man hö­re zu we­nig vom tra­di­ti­ons­rei­chen Sprech­thea­ter im Ber­li­ner Os­ten. Der Bel­gi­er Chris Der­con hat dort im Herbst die In­ten­danz über­nom­men. Und ihm schlägt viel Skep­sis ent­ge­gen. Der­con lei­te­te zu­letzt das Lon­do­ner Mu­se­um Ta­te Mo­dern. Er will ne­ben dem Thea­ter auf Tanz, Mu­sik und Kunst set­zen. Dies­mal hat er den Ka­ta­la­nen Ser­ra nach Deutsch­land ge­holt und mit ihm ei­ne Rei­he Alt­stars. Da ist zum Bei­spiel der Ös­ter­rei­cher Hel­mut Ber­ger, (Fo­to un­ten rechts) den die Zeit­schrift „Vo­gue“mal zum „schöns­ten Mann der Welt“mach­te.

Ber­gers we­ni­ge Sät­ze

Das ist nun schon ei­ne Wei­le her, eben­so wie Ber­gers Hoch­zei­ten, als er et­wa in Fil­men sei­nes För­de­rers und Ge­lieb­ten Lu­chi­no Vis­con­ti mit­spiel­te. Ber­ger wag­te sich zwi­schen­zeit­lich ins RTL-Dschun­gel­camp. Und nun steht er mit 73 Jah­ren auf der Thea­ter­büh­ne, wenn auch mit eher we­ni­gen, aber durch­aus or­dent­li­chen Sät­zen.

„Li­ber­té“spielt im spä­ten 18. Jahr­hun­dert: Ei­ne Grup­pe aus Frank­reich sucht in Preu­ßen nach Gleich­ge­sinn­ten, die frei von ge­sell­schaft­li­cher Prü­de­rie und mo­ra­li­schen Gren­zen le­ben wol­len. Oder um es kurz zu sa­gen: Vie­le von ih­nen tref­fen sich nachts zwi­schen Berlin und Bran­den­burg zu Sex-Da­tes.

Re­du­ziert in­sze­niert

Das läuft zu die­sen Zei­ten an­ders ab als heu­te (oh­ne „Tin­der“). Statt­des­sen be­su­chen sich Män­ner mit Pe­rü­cken und Frau­en mit Reif­rö­cken in ih­ren Sänf­ten. Das Büh­nen­bild gleicht ei­nem opu­len­ten Ge­mäl­de, sonst in­sze­niert Ser­ra die Ge­schich­te aber re­du­ziert. Kei­ne Vi­deo­tech­nik, son­dern lei­se Dia­lo­ge und man­che Ge­sprächs­pau­se. „Spielt doch ma‘ jet­ze“, ruft ein Pre­mie­ren­gast da­zwi­schen.

Un­ter Der­cons Vor­gän­ger Frank Cas­torf be­deu­te­te Thea­ter Über­län­ge, Ex­zess und Über­for­de­rung. Die Stü­cke wa­ren mal sie­ben St­un­den lang, es spritz­te Blut oder es krächz­ten die Darstel­ler. Er ha­be die Grup­pe an­fangs für ei­nen „Hau­fen Schwerst­ge­stör­ter“ge­hal­ten, sagt Schau­spie­ler Alex­an­der Scheer, der spä­ter selbst an dem Thea­ter lan­de­te, über ei­nen sei­ner ers­ten Be­su­che dort.

Dreck ma­chen

Es ha­be im­mer am meis­ten Spaß ge­macht, wenn Kri­ti­ker ge­sagt hät­ten, sie mach­ten Dreck, sagt die lang­jäh­ri­ge Volks­büh­nen­Schau­spie­le­rin So­phie Rois. Rois und Scheer er­zäh­len die­se Sät­ze im Film „Par­ti­san“, der ge­ra­de auf der Ber­li­na­le lief. Die Do­ku­men­ta­ti­on blickt auf die „al­te Volks­büh­ne“zu­rück, auf die Cas­torf-Ära von 1992 bis 2017.

Sie fin­de es fre­vel­haft, dass an der Volks­büh­ne die 100-jäh­ri­ge Tra­di­ti­on des Sprech­thea­ters zu En­de ge­he, er­zählt dar­in Souf­fleu­se Chris­tia­ne Scho­ber. Auch Schau­spie­ler Hen­ry Hüb­chen („Al­les auf Zu­cker!“) ge­hör­te zum al­ten Cas­torf-Kern. Nach ei­ner solch wich­ti­gen Zeit und so vie­len Jah­ren kön­ne je­der nur ver­lie­ren, der die Volks­büh­ne über­neh­me, sagt er am Ran­de der Film­pre­mie­re, „und ein Mu­se­ums­di­rek­tor so­wie­so“.

Kein Thea­ter mehr

Heu­te sei die Volks­büh­ne „kein Thea­ter mehr“, fin­det Hüb­chen. An­de­re ru­fen da­ge­gen nach Er­neu­er ung. „Die Leu­te an der Volks­büh­ne wa­ren die Avant­gar­de - aber die Avant­gar­de ist zum Main­stream ge­wor­den“, sag­te der da­ma­li­ge Ber­li­ner Kul­tur­staats­se­kre­tär Tim Ren­ner 2015, der die Neu­be­set­zung mit dem Bel­gi­er Der­con vor­an­trieb. Nun sei es Zeit, wie­der zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Re­gis­seur Ser­ra ver­sucht es mit ei­nem Cas­tor­fKon­trast-Pro­gramm.

The­ma von „Li­ber­té“ist die zü­gel­lo­se Lust, bei der die Gren­zen zwi­schen Frei­wil­lig­keit und Ge­walt ver­schwim­men. Da will ei­ner zum Bei­spiel im gro­ßen Stil Frau­en aus Po­ly­ne­si­en im­por­tie­ren, der an­de­re - in die­sem Fall Ber­ger - er­zählt sy­phi­lis­krank von sei­nen Fan­ta­si­en und Ver­bre­chen, die er für die Lust be­geht.

Zum Schä­men

Man­che Zuschau­er hal­ten das Gan­ze für höl­zern, der Sen­der Deutsch­land­funk Kul­tur fin­det den Abend „zum Schä­men“. Ei­ne Kri­ti­ke­rin des RBB spricht von „ver­quas­ter Kunst­an­stren­gung“. Ne­ben dem Ap­plaus gibt es am En­de ei­ni­ge Buh­ru­fe. Und die sind dann auch gut zu hö­ren.

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