Uni Ba­sel: Lang­zeit­kli­ma­ex­pe­ri­ment im Wald wird vor­be­rei­tet

Amerika Woche - - Alpenregion -

Öko­lo­gi­sche Ver­su­che lau­fen meist nur drei bis fünf Jah­re, doch Bäu­me wach­sen sehr lang­sam. Rot­bu­chen kön­nen zum Bei­spiel 300 Jah­re alt wer­den. In Höl­stein nimmt die Uni­ver­si­tät Ba­sel ei­ne enorm ar­ten­rei­che Karst-Hü­gel­kup­pe un­ter die Lu­pe, wo kein Was­ser un­ter­ir­disch von au­ßen ein­si­ckert und Grund­was­ser fern ist.

Her­aus­fin­den will das Team von Professor Ans­gar Kah­men (Fo­to), wie hier Baum­ar­ten auf Tro­cken­heit re­agie­ren und ob aus­ge­wach­se­ne Bäu­me ih­ren Stoff­wech­sel an­pas­sen kön­nen. Be­son­ders re­le­vant ist da­bei, ob der Wald bei hö­he­ren Tem­pe­ra­tu­ren und we­ni­ger Nie­der­schlä­gen in der La­ge ist, wie bis­her gros­se Men­gen Koh­len­stoff in Holz und Bo­den zu spei­chern.

Vor kur­zem erst wur­de das weit her­um sicht­bars­te Ele­ment des Ex­pe­ri­ments per He­li­ko­pter in­stal­liert: ein 50 Me­ter ho­her Bau­kran in der Mit­te des rund 100 auf 100 Me­ter gros­sen Ge­län­des (Fo­to). Der soll For­schen­de per Gon­del in die Baum­kro­nen brin­gen, wo sie Ve­rän­de­run­gen et­wa am Laub be­ob­ach­ten und Ex­pe­ri­men­te durch­füh­ren wer­den.

En­de 2019 wird das Re­gen­dach in­stal­liert, dann be­ginnt auch der ei­gent­li­che Lang­zeit­ver­such. Es be­steht wie ein Rie­sen-Win­ter­gar­ten aus Kunst­stoff­schei­ben an Alu-Trä­gern gut zwei Me­ter über dem Wald­bo­den; dar­aus ra­gen die Baum­stäm­me her­vor. Die Dach­schei­ben sind mo­tor­be­trie­ben bei Be­darf zu öff­nen.

Rund die Hälf­te des Nie­der­schlags soll so den Bo­den nicht er­rei­chen, das ab­ge­fan­ge­ne Was­ser wird ab­ge­lei­tet. Ei­ne me­ter­tief in den Bo­den ein­ge­las­se­ne Fo­lie trennt zu­dem die tro­cke­ne Ver­suchs- von der na­tur­be­las­se­nen Ver­gleichs­flä­che. Re­fe­renz­da­ten wer­den an der Kran­spit­ze ge­mes­sen.

180 Baum­stäm­me ha­ben nun Um­fang­mess­bän­der zum Ge­winn von Wachs­tums­da­ten er­hal­ten. 30 Me­ter gro­ße Netztrich­ter er­fas­sen den Laub­fall, der CO2 in den Bo­den bringt. Be­ob­ach­tet wird un­ter an­de­rem auch das für die Bäu­me ele­men­ta­re Pilz­ge­flecht im Wald­bo­den. Git­ter­rost-Ste­ge ver­hin­dern Tritt­schä­den durch die For­schen­den.

Zum dau­er­haf­ten Schutz der di­ver­sen In­stal­la­tio­nen vor Van­da­lis­mus und vor al­lem vor Wild­schwei­nen wird das Ver­suchsare­al zwei Me­ter hoch ein­ge­zäunt. Dies ver­hin­dert zwar Reh­ver­biss am Jung­wuchs, was letz­te­ren un­na­tür­lich schützt, doch dies wer­de be­rück­sich­tigt, hieß es.

Schüt­zen muss man üb­ri­gens auch die Ka­bel der teu­ren Elek­tro­nik - vor Mäu­se­zäh­nen: Der Zaun hält zu­dem Füch­se fern, die sonst die Mäu­se de­zi­mie­ren. Kei­nen Schutz gab es üb­ri­gens vor dem erst kürz­li­chen hef­ti­gen Sturm Burg­lind, der 16 statt­li­che Bäu­me im Are­al kapp­te.

Die In­fra­struk­tur mit dem ei­gens ge­bau­ten Per­so­nen­kran samt 80-Ton­nen-Be­ton­so­ckel kos­tet über zwei Mil­lio­nen Fran­ken. Die Be­triebs­kos­ten sind laut Kah­men noch nicht be­zif­fer­bar, da sie von Dritt­mit­teln ab­hän­gig sind. Haupt­trä­ger sind die Uni Ba­sel, der Bund und der Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­fonds. Die Uni Ba­sel will auch mit an­de­ren For­schen­den zu­sam­men­ar­bei­ten, et­wa von den Unis Bern und Zü­rich so­wie von der Bun­des-For­schungs­an­stalt für Wald, Schnee und Land­schaft (WSL).

Laut Uni rech­nen neue Kli­ma­pro­gno­sen da­mit, dass bis zum Jahr 2085 die Nie­der­schlä­ge in der west­li­chen Schweiz bis zu ein Fünf­tel klei­ner aus­fal­len als heu­te. Der Höl­stei­ner „Scho­ren“-Hü­gel re­prä­sen­tiert den Schwei­zer Misch­wald gut; vie­le Bäu­me sind 80 bis 150 Jah­re alt. Im Kr­an­ra­di­us lie­gen zehn Ar­ten, dar­un­ter Rot­bu­che, Stie­lei­che, Ha­ge­bu­che, Fich­te, Wald­föh­re und Weiss­tan­ne.

Die Ver­suchs­an­ord­nung ist nicht fu­tu­ris­tisch: Zum Bei­spiel im Hit­ze­som­mer 2003 hat­ten die eu­ro­päi­schen Wäl­der laut Kah­men das Viel­fa­che an CO2 emit­tiert, das sie in nor­ma­len Jah­ren auf­neh­men. Die Mecha­nis­men die­ses Phä­no­mens sei­en noch we­nig be­kannt und da­her auch im Fo­kus sei­nes Ex­pe­ri­ments.

Die Fol­gen je­nes Ex­trem­jah­res sei­en in Schwei­zer Wäl­dern „bis heu­te deut­lich fest­zu­stel­len“, liest man in den Pro­jekt­un­ter­la­gen. So ist ne­ben For­schen­den aus ganz Eu­ro­pa auch die Forst­wirt­schaft auf prak­ti­sche Hin­wei­se aus dem Ex­pe­ri­ment ge­spannt.

Newspapers in German

Newspapers from USA

© PressReader. All rights reserved.