War­um Äl­te­re auf die Ju­gend schimp­fen

War­um Äl­te­re auf die Ju­gend schimp­fen

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Faul und re­spekt­los soll sie sein, die „Ju­gend von heu­te“: Be­schwer­den dar­über gibt es wohl min­des­tens so lan­ge wie die Schrift. Auch heu­te nimmt das Jam­mern kein En­de. War­um ei­gent­lich?

Sie lie­ben den Lu­xus, är­gern die Leh­rer und lüm­meln her­um mehr als 400 Jah­re vor Chris­tus hat­te der grie­chi­sche Den­ker So­kra­tes an­geb­lich viel an den jun­gen Leu­ten sei­ner Zeit aus­zu­set­zen. „Die Jün­ge­ren stel­len sich den Äl­te­ren gleich und tre­ten ge­gen sie auf, in Wort und Tat“, mo­ser­te dann sein Schü­ler Pla­ton. Und als Pla­tons Zög­ling Aris­to­te­les er­wach­sen war, sah es noch düs­te­rer aus: Er ver­zweif­le an der Zu­kunft der Zi­vi­li­sa­ti­on, wenn er die Ju­gend se­he, wird der ent­nerv­te Phi­lo­soph zi­tiert.

Kri­tik an der Ju­gend ist ein ur­al­tes Phä­no­men - und heu­te noch sehr be­liebt. Seit Tau­sen­den von Jah­ren be­krit­teln Er­wach­se­ne die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on, fürch­ten den Ver­fall der Sit­ten. Heu­te geht es oft um die so­ge­nann­ten Mill­en­ni­als. Die 1980er und 1990er Jahr­gän­ge sei­en faul, selbst­mit­lei­dig, be­ses­sen von Sel­fies und Su­per­foods - ver­hät­schel­te

Nar­ziss­ten, die glaub­ten, es ge­be 165 Ar­ten ge­schlecht­li­cher Iden­ti­tät, stän­kert et­wa ein bri­ti­scher Jour­na­list.

Grie­chen, Rö­mer, Mit­tel­al­ter, Mo­der­ne - im­mer sind es die glei­chen Be­schwer­den und Be­schwö­run­gen. „Wo­hin sind der männ­li­che Elan und das ath­le­ti­sche Aus­se­hen un­se­rer Vor­fah­ren ver­schwun­den?“, klagt 1772 ein eng­li­sches Ma­ga­zin über die Mo­de der jun­gen Män­ner. „Die­se ver­weib­lich­ten, selbst­ver­lieb­ten, aus­ge­mer­gel­ten Nar­ren kön­nen nie­mals di­rekt von un­se­ren Hel­den ab­ge­stammt sein.“

„Vor dem Al­ten Grie­chen­land war es das Al­te Ägyp­ten, da­vor das Al­te Me­so­po­ta­mi­en. Es gibt aus vie­len an­ti­ken Kul­tu­ren Be­le­ge für die­sen Ste­reo­typ der re­spekt­lo­sen jun­gen Män­ner“, sagt der bri­ti­sche Alt­his­to­ri­ker Mat­t­hew Ship­ton. Er hat den Zoff zwi­schen den Ge­ne­ra­tio­nen im an­ti­ken At­hen er­forscht: „Man fin­det dort ziem­lich viel von die­ser Vor­stel­lung, die wir heu­te auch noch ken­nen: Al­les wird im­mer schlech­ter, man lebt in der schlimms­ten al­ler Zei­ten und Kin­der re­spek­tie­ren ih­re El­tern nicht mehr.“Spä­tes­tens mit die­ser Ge­ne­ra­ti­on geht es berg­ab, denkt je­de Ge­ne­ra­ti­on - und das of­fen­sicht­lich schon seit Men­schen­ge­den­ken.

Da­vid Fin­kel­hor (Fo­to oben) hat ein Wort da­für er­fun­den: Ju­venoia. Dar­in ste­cken die Be­stand­tei­le ju­ve­nil und Pa­ra­noia - das steht für die Angst vor der Ju­gend und zu­gleich auch die Angst um die Ju­gend. „Es geht um die über­trie­be­ne Be­sorg­nis vor dem Ef­fekt, den so­zia­le Ve­rän­de­run­gen auf Kin­der ha­ben“, er­klärt der So­zio­lo­ge, der seit Jahr­zehn­ten an der US-Uni­ver­si­tät New Hamp­shire über Ju­gend­schutz forscht. „Wir zie­hen ger­ne den Schluss, dass

es schlecht um un­se­re Kin­der steht. Und dass das wie­der­um un­se­rer Ge­sell­schaft scha­den wird.“

„Auf ih­rem Hö­he­punkt kennt die Ju­gend nur die Ver­schwen­dung, ist lei­den­schaft­lich dem Tan­ze er­ge­ben und be­darf so­mit wirk­lich ei­nes Zü­gels“, warn­te der Grie­che Plut­arch im ers­ten Jahr­hun­dert.

Im 20. Jahr­hun­dert sei der Ton in so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Stan­dard­wer­ken ähn­lich, sagt Gün­ter Mey, Pro­fes­sor für Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie an der Hoch­schu­le Mag­de­burg-Sten­dal. „Es ist häu­fig ein ex­trem ne­ga­ti­ver, de­fi­zi­tä­rer Blick, im­mer schon ge­dacht von der Zi­el­li­nie ei­ner eta­b­lier­ten, er­wach­se­nen Per­son.“Der jun­ge Mensch wird als un­fer­ti­ger Er wach­se­ner ge­se­hen - schlimms­ten­falls ge­fähr­lich, nie ernst­zu­neh­mend. Fin­kel­hor ver­mu­tet: Als Spe­zi­es, die sich in recht sta­bi­len Ver­hält­nis­sen ent­wi­ckelt hat, ha­ben Men­schen schon evo­lu­tio­när be­dingt Angst vor Ve­rän­de­run­gen. „Auf ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Ebe­ne geht es dar­um, dass ich Hü­ter be­stimm­ter Wer­te oder In­sti­tu­tio­nen bin, die ich be­wah­ren will“, er­klärt der So­zio­lo­ge. „Und ich ge­he dann da­von aus, dass die­se jun­gen Leu­te sie an­grei­fen, ab­schaf­fen oder un­ter­gra­ben wer­den.“Je ra­san­ter die Ve­rän­de­rung, des­to ab­weh­ren­der die Re­ak­ti­on: Die Jun­gen sind schuld.

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