Herz­schlag-De­tek­to­ren ge­gen Aus­bre­cher

Nach der Flucht­se­rie aus Ber­lins Haft­an­stal­ten tes­tet die Jus­tiz jetzt Tech­nik aus der Erd­be­ben-For­schung, um Men­schen auf­zu­spü­ren.

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Nach der Aus­bruchs­se­rie aus Ber­li­ner Ge­fäng­nis­sen will die Jus­tiz­ver­wal­tung künf­tig auf tech­no­lo­gi­sche Lö­sun­gen set­zen, um wei­te­re Fluch­ten zu ver­hin­dern. Der­zeit wer­den in den Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten (JVA) Hei­de­ring und Te­gel Herz­schlag­de­tek­to­ren ge­tes­tet. Mit die­sen Ge­rä­ten kann an den Ge­fäng­nis­pfor­ten her­aus­ge­fun­den wer­den, ob sich in Fahr­zeu­gen Men­schen ver­steckt ha­ben. Die Tech­nik kommt aus der Erd­be­ben­for­schung. In Ge­fäng­nis­sen an­de­rer Bun­des­län­der sind die­se Ge­rä­te teil­wei­se schon im Ein­satz – mit Er­folg.

Im We­sent­li­chen sind die­se Herz­schlag­de­tek­to­ren Sys­te­me, die den Puls und die da­durch ver­ur­sach­ten Schwin­gun­gen und de­ren Über­tra­gung auf das Fahr­zeug mes­sen kön­nen. Je­des Fahr­zeug, das in ein Ge­fäng­nis fährt oder es ver­lässt, soll künf­tig an den Schleu­sen an Sen­so­ren an­ge­schlos­sen und so ge­tes­tet wer­den.

Der gan­ze Vor­gang dau­ert nur we­ni­ge Se­kun­den. Das Er­geb­nis wird vor Ort auf ei­nem Com­pu­ter an­ge­zeigt. Auf­wen­di­ge Kon­trol­len der Fahr­zeu­ge sol­len so ent­fal­len.

In meh­re­ren Test­läu­fen in Te­gel und in Hei­de­ring wur­den JVABe­diens­te­te da­für in Trans­por­tern ver­steckt. Die Mit­ar­bei­ter ha­ben sich da­für auch in Kis­ten auf den La­de­flä­chen ver­steckt. Es wur­de ver­sucht, die­se Be­diens­te­ten un­be­merkt in die Ge­fäng­nis­se zu schmug­geln. „Die Ge­rä­te ha­ben im­mer an­ge­schla­gen“, sag­te der Spre­cher der Jus­tiz­ver­wal­tung, Se­bas­ti­an Brux, der Ber­li­ner Mor­gen­post auf Nach­fra­ge. Al­ler­dings ha­be es auch Fehl­alar­me ge­ge­ben. Die Ge­rä­te schlu­gen an, ob­wohl nie­mand in den Fahr­zeu­gen war.

Jus­tiz igno­riert Emp­feh­lung des Un­ter­su­chungs­be­richts

Mit der Ent­schei­dung für die tech­ni­sche Lö­sung setzt sich die Jus­tiz­ver­wal­tung über die Emp­feh­lun­gen des Un­ter­su­chungs­be­richts zu dem Aus­bruch aus dem Ge­fäng­nis in Te­gel vom Fe­bru­ar die­ses Jah­res hin­weg. Dar­in wur­de un­ter an­de­rem die An­schaf­fung von Un­ter­bo­den­scan­nern oder der Bau von Kon­troll­gru­ben emp­foh­len.

In der Jus­tiz­ver­wal­tung ist man al­ler­dings der An­sicht, dass auch die­se Lö­sun­gen nur un­zu­rei­chen­den Schutz vor Aus­brü­chen bie­ten wür­den. Mit Herz­schlag­de­tek­to­ren sei es mög­lich, das ge­sam­te Fahr­zeug zu scan­nen.

Die Jus­tiz­ver­wal­tung tes­tet der­zeit meh­re­re An­bie­ter. Ziel sei, dass die ers­ten Ge­rä­te zum Stück­preis von 100.000 Eu­ro noch in die­sem Jahr zum Ein­satz kom­men. Da­für sol­len Mit­tel aus dem Son­der­ver­mö­gen­fonds Si­wa­na ab­ge­ru­fen wer­den. Die ge­schätz­te Ge­samt­in­ves­ti­ti­on soll min­des­tens ei­ne Mil­li­on Eu­ro be­tra­gen, heißt es.

In der Jus­tiz­ver­wal­tung fa­vo­ri­siert man die De­tek­to­ren­lö­sung auch des­halb, weil da­für kei­ne Bau­ge­neh­mi­gung not­wen­dig ist, was aber bei der Er­rich­tung von Kon­troll­gru­ben et­wa not­wen­dig sei.

In an­de­ren Bun­des­län­dern wur­de die De­tek­to­ren­tech­nik be­reits er­folg­reich ge­tes­tet, auch in Bran­den­burg wur­den mit sol­chen Ge­rä­te im rea­len Ein­satz bes­te Er­geb­nis­se er­zielt und im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Stamm­heim in Stutt­gart sind an den Tor­wa­chen eben­falls sol­che De­tek­to­ren in­stal­liert.

Aus­brü­che aus Ber­li­ner Ge­fäng­nis­sen ver­hin­dern

Um den Jah­res­wech­sel und im Fe­bru­ar die­ses Jah­res hat­ten in Ber­lin spek­ta­ku­lä­re Aus­brü­che aus den JVA Plöt­zen­see und Te­gel bun­des­weit für Schlag­zei­len ge­sorgt und Jus­tiz­se­na­tor Dirk Beh­rendt (Grü­ne, im Fo­to) in Be­dräng­nis ge­bracht. Un­ter­su­chungs­be­rich­te zu den Aus­brü­chen of­fen­bar­ten ekla­tan­te Si­cher­heits­män­gel. In Plöt­zen­see hat­ten meh­re­re Ge­fan­ge­ne ein Loch in die Wand ge­hackt und konn­ten so flie­hen.

Noch spek­ta­ku­lä­rer war die Flucht ei­nes Ge­fan­ge­nen aus Te­gel. Jus­tiz­be­diens­te­te hat­ten am Mor­gen des 8. Fe­bru­ar ge­gen 6.05 Uhr beim Auf­schlie­ßen der Zel­len fest­ge­stellt, dass Ha­med M. nicht in sei­nem Bett lag. Statt­des­sen hat­te er dor t ei­ne aus Klei­dungs­stü­cken, Stoff­res­ten und Toi­let­ten­pa­pier ge­bas­tel­te mensch­li­che At­trap­pe ar­ran­giert.

Wie spä­ter her­aus­kam, hat­te M. sich am Un­ter­bo­den ei­nes Lie­fer­wa­gens fest­ge­krallt und konn­te so flie­hen. Der 24-jäh­ri­ge Li­by­er wur­de Wo­chen spä­ter in Bel­gi­en bei ei­nem Dieb­stahl ge­fasst und wie­der nach Ber­lin über­stellt. Er muss in Ber­lin noch ei­ne Haft­stra­fe bis zum Jahr 2022 ver­bü­ßen. Nach den Aus­brü­chen und der hef­ti­gen Kri­tik hat­te Jus­tiz­se­na­tor Beh­rendt ein So­fort­pro­gramm für die Ber­li­ner Ge­fäng­nis­se auf­ge­legt.

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