Or­tho­pä­die Oer­tel fei­er­te 100-Jäh­ri­ges

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Horst Oer­tel, Sohn des Fir­men­grün­ders, er­lern­te das Hand­werk von sei­nem Va­ter. Der Wer­de­gang vom Ge­schäft des Va­ters in Lö­bau, in des­sen Schau­fens­tern „Sa­ni­täts­wa­ren“und „Kunst­glie­der­bau“an­ge­prie­sen wur­den, bis zur „Mo­dern Limb & Bra­ce Com­pa­ny“in Watchung, NJ, war ein lan­ger Weg. Aber Horst Oer­tel ver­wirk­lich­te sein Ziel auf er­staun­li­che Wei­se und ist stolz auf sein Hand­werk, wel­ches Sohn Eric Ot­to eben­falls er­lern­te. Er lei­tet das Ge­schäft „Oer­tel Or­tho­pe­dics“in Uni­on, NJ.

Lö­bau liegt im Ge­biet des Schie­fer­berg­bau­es, in dem die Mehr­zahl der Män­ner in der Gru­be ar­bei­te­ten. Vie­le von ih­nen star­ben we­gen den Ar­beits­be­din­gun­gen un­ter Ta­ge früh. Va­ter Ot­to ent­schied sich aus die­sem Grund für ei­ne Lehr­zeit in Eis­le­ben, um das or­tho­pä­di­sche Hand­werk zu er­ler­nen. Nach Ab­schluss der Lehr­jah­re er­öff­ne­te der Va­ter im Jahr 1936 ein Ge­schäft in Lö­bau. Ob­wohl er nicht zum Mi­li­tär ein­ge­zo­gen wur­de, mel­de­te er sich zur An­fer­ti­gung von or­tho­pä­di­schen Pro­the­sen für die ver­wun­de­ten Sol­da­ten.

Nach dem Krieg ar­bei­te­te Ot­to haupt­säch­lich für die rus­si­schen Be­sat­zungs­mäch­te. Bis zu 250 höl­zer­ne Bein­pro­the­sen pro Mo­nat wur­den an­ge­fer­tigt. Der Be­darf war so groß, dass 25 Per­so­nen da­für be­schäf­tigt wer­den muß­ten. Der jun­ge Horst woll­te nach sei­ner Schul­ent­las­sung in 1954 die­sem har­ten Le­ben ent­flie­hen, er­lern­te aber den Be­ruf sei­nes Va­ters, ob­wohl er ei­gent­lich Koch wer­den woll­te. Al­ler­dings wa­ren nicht aus­rei­chend Ho­tels vor­han­den, die ei­nen Chef­koch be­nö­tig­ten. So be­such­te Horst die Or­tho­pä­die Tech­ni­sche Fach­schu­le in Dres­den von 1954 bis 1957.

Im Al­ter von 17 Jah­ren ver­ließ Horst mit dem Zug sei­ne Hei­mat­stadt Lö­bau. Im glei­chen Ab­teil saß ein „Sta­si“-Mit­ar­bei­ter (Sta­si = Mi­nis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, der meist ge­hass­te und ge­fürch­te­te Ge­heim­dienst in der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik). Die­ser schau­te den jun­gen Horst lan­ge an, so daß die­ser schnells­tens den Zug an der nächs­ten Sta­ti­on ver­ließ und dann an den Ei­sen­bahn­schie­nen ent­lang lief, bis er am 13. De­zem­ber Neu­kölln er­reich­te, was be­reits West Ber­lin war. Es er­gab sich, dass Horst die­sem Be­am­ten bei ei­nem zu­fäl­li­gen spä­te­ren Tref­fen mit gro­ßer Dank­bar­keit die Hand schüt­tel­te, denn er ließ den Jun­gen lau­fen.

Am 10. Fe­bru­ar 1958, sei­nem 18. Ge­burts­tag fand Horst ei­ne Ar­beits­stel­le in Lör­rach in Ba­den. Sein Weg führ­te ihn über Rupp Or­tho­pä­die Ba­sel, Bäh­ler Or­tho­pä­di, Zü­rich, Ma­xim LeGrand, Pa­ris und Rio de Janei­ro - im­mer mit dem Ziel, mehr über sein Hand­werk zu ler­nen.

Wäh­rend sei­nes Auf­ent­hal­tes in Bra­si­li­en si­cher­te er sich ei­ne „Gre­en Card“und ei­ne Ar­beits­stel­le in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Ei­ne sol­che war Vor­aus­set­zung zur Ein­wan­de­rung in die USA. Wäh­rend der drei­wö­chi­gen Rei­se auf dem deut­schen Damp­fer „Burg Spar­ren­berg“im Ok­to­ber 1963 von Rio bis Bal­ti­more, ver­rich­te­te der 23-Jäh­ri­ge al­le Ar­bei­ten, wel­che der Ka­pi­tän von ihm ver­lang­te. Horst knüpf­te auf die­ser Rei­se Freund­schaf­ten, was bei 12 Mi­t­rei­sen­den im Schlaf­saal ei­gent­lich lo­gisch war. Bei sei­ner An­kunft in Bal­ti­more be­her­berg­te die Mut­ter ei­ner sei­ner neu­en Freun­de ihn in Phil­adel­phia. Nach ei­ni­gen Ta­gen be­stieg er ei­nen Zug und kam end­lich in sei­ner neu­en Hei­mat an: New Jer­sey.

Zwei Stel­len­an­ge­bo­te er­war­te­ten ihn dort, in Pitts­burgh und Eliz­a­beth. Horst wähl­te Eliz­a­beth. Sei­ne be­ruf­li­che Kar­rie­re ent­wi­ckel­te sich wäh­rend sei­ner Tä­tig­keit mit der ihm ver­trau­ten Ar­beit. In 1964 be­gann er am New York Uni­ver­si­ty Me­di­cal Cen­ter Un­ter­richt zu neh­men. Nach Er­rei­chung sei­nes Vor­di­ploms, ei­nes Auf­bau-Zer­ti­fi­ka­tes für Aus­bil­dung in Or­tho­pä­die und Proste­tik, so­wie 1.900 St­un­den ab­sol­vier­ter Stu­di­umser­fah­rung mit ei­nem ge­prüf­ten Prak­ti­ker, war Oer­tel be­reit, un­ter sei­nem ei­ge­nen Na­men tä­tig zu wer­den.

Acht Jah­re spä­ter hielt er sei­ne „Ame­ri­can Bo­ard for Cer­ti­fi­ca­ti­on in Ort­ho­tics and Prost­he­tics“in den Hän­den und wur­de Staats­bür­ger sei­ner neu­en Hei­mat, den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka. Sei­ne Wei­ter­bil­dung im Be­reich der Proste­tik und Ort­ho­tik war noch lan­ge nicht be­en­det. „Ame­ri­can Bo­ard for Cer­ti­fi­ca­ti­on“muss al­le fünf Jah­re mit der Auf­la­ge er­neu­ert wer­den, durch Kur­se die neu­es­te Tech­no­lo­gi­en und das Pa­ti­en­ten­ma­nage­ment zu ak­tua­li­sie­ren.

Wäh­rend der be­ruf­li­chen Wei­ter­bil­dung hei­ra­te­te Horst und wur­de Va­ter von drei Kin­dern: Eric, Kath­le­en und Ke­vin. Die­se Ehe wur­de ge­schie­den. Eric folg­te sei­nem Va­ter spä­ter in des­sen be­ruf­li­chen Fuß­stap­fen. Jah­re spä­ter war es Horst zu­dem mög­lich, per An­trag­stel­lung sei­ne Fa­mi­lie aus der DDR-Staats­bür­ger­schaft frei zu be­kom­men.

Oer­tels Er­folg im Be­rufs­le­ben er­mög­lich­te die Ein­rich­tung ei­ner Ge­schäfts­stel­le in Plain­field, wo er Räu­me an der Roo­se­velt Ave­nue di­rekt ne­ben dem ehe­ma­li­gen Bam­ber­gers an­mie­te­te. Zehn Jah­re spä­ter er­rich­te­te Horst in 1978 sein ei­ge­nes Be­triebs­ge­bäu­de an der So­mer­set Street in Watchung. Sei­ne Kli­en­ten set­zen sich aus Pa­ti­en­ten von Kran­ken­häu­sern und Be­woh­nern von Pfle­ge­hei­men zu­sam­men, die von Ver­si­che­rungs­fir­men an ihn emp­foh­len wer­den.

Sei­ne Pa­ti­en­ten sind heu­te im Durch­schnitt man­nif­gfal­tig, wie ver­letz­te Mo­tor­rad­fah­rer, Wo­chen­end­kämp­fer und Pa­ti­en­ten mit chro­ni­schen Kon­di­tio­nen wie Dia­be­tes. Da­zu kom­men noch die Kriegs­ve­te­ra­nen aus Ko­rea-, Viet­nam- und Zwei­tem Welt­krieg.

Mo­dern Limb & Bra­ce Com­pa­ny be­nutzt die neu­es­ten Tech­ni­ken und Ma­te­ria­li­en wie Ti­tan, Koh­le­fa­ser und Acryl zur Her­stel­lung von Knie­und El­len­bo­gen Pro­the­sen, myo­elek­tri­sche Pro­the­sen, Kör­per­glied- und Wir­bel­säu­len­stützap­pa­ra­te so­wie Fu­ßOr­tho­pä­die. Bei Oer­tel wird da­bei al­les von Hand ge­fer­tigt.

Vor mehr als 20 Jah­ren er­warb Horst ein ver­fal­le­nes Bau­ern­haus, wel­ches in den 1740iger Jah­ren er­baut wur­de, als Ka­pi­tal­an­la­ge. Das High Bridge An­we­sen mit sei­nen vier Stal­lun­gen auf ei­nem über 12 Mor­gen gro­ßen Stück Land bie­tet ei­ne Aus­sicht über das Spru­ce Run Re­ser­voir. Die In­nen­ein­rich­tung wur­de in nam­haf­ten Bran­chenIl­lus­trier­ten pu­bli­ziert.

Die­ses An­we­sen ist ei­ne Er­in­ne­rung an Oer­tels Kind­heit, sein El­tern­haus, wel­ches von den Kom­mu­nis­ten be­schlag­nahmt wur­de und nach dem Fall der Mau­er 1989 end­lich wie­der in den Fa­mi­li­en­be­sitz ge­lang­te. Al­ler­dings wa­ren sei­ne El­tern, Ot­to und Kä­the, in der Zwi­schen­zeit ver­stor­ben. Der hei­mi­sche Ka­chel­ofen, mit Por­zel­lan­ver­klei­dung, er­baut in 1880, hat jetzt sei­nen Platz in die­sem Heim. Horst brauch­te fünf Jah­re, um den Ofen wie­der­her­zu­stel­len und in Be­trieb zu set­zen. Er hol­te so­gar Fach­leu­te aus Deutsch­land, um ei­ni­ge der Ar­bei­ten aus­zu­füh­ren.

In 2001 lief Horst Oer­tel mit Nan­cy Le in den Ha­fen der Ehe ein, die vol­ler Freu­de die an­kom­men­den Gäs­te auf der Farm be­grüß­te - ge­klei­det in Schwarz-Rot-Gold.

Wie es auf ei­ner rich­ti­gen Farm sein soll, sind Geis­sen, Kü­he, ein Bul­le und 40 Hüh­ner dort vor­zu­fin­den. Oer­tel ist zu­frie­den mit sei­nem Le­ben und sei­ner Ar­beit und denkt sel­ten an sei­ne al­te Hei­mat in Ost­deutsch­land zu­rück. Er liebt sei­ne Ar­beit, die Krea­ti­vi­tät und die Di­enst­leis­tun­gen für die Lei­den­den. In sei­ner Frei­zeit singt Horst mit dem Sän­ger Chor Ne­wark, bei dem er be­reits seit 1983 Mit­glied ist.

Die­ses be­son­de­re Ju­bi­lä­um woll­te Horst Oer­tel un­be­dingt mit sei­nem gro­ßen Freun­des­kreis fei­ern. Da­zu über­trug er die ku­li­na­ri­sche Lei­tung Ed­ward Sa­gen­dorf, (Fo­to links) ei­nem ta­len­tier­ten Chef, der sei­ne Aus­bil­dung am Cu­li­na­ry In­sti­tu­te of Ame­ri­ca ab­sol­vier­te. Er mach­te Kar­rie­re in der „gu­ten Stu­be von New Jer­sey“, The Ma­nor Re­stau­rant in West Oran­ge. Als der­zei­ti­ger Chef ist er in The Bon­nie Brae Re­si­den­ti­al School in Ber­nards Town­ship zu fin­den. Die Kü­che war al­so in bes­ten Hän­den und das ge­bo­te­ne Bü­fett konn­te sich se­hen las­sen. Har­mon Vos, gu­ter Freund und San­ges­bru­der von Horst, stand die­sem bei den Vor­be­rei­tun­gen und dem Ver­lauf des Fes­tes treu zur Sei­te, be­grüß­te die Gäs­te auf das Herz­lichs­te und hat­te al­les fest im Griff. Der Tag klang mit ei­nem gran­dio­sen Feu­er­werk aus, das trotz des vor­aus­ge­gan­ge­nen Re­gens oh­ne Un­ter­bre­chung mun­ter den Abend­him­mel er­hell­te. Zur mu­si­ka­li­schen Un­ter­hal­tung spie­le Eric Baal mit ei­nem „Al­pi­ne Squee­ze“alt­be­kann­te und im­mer wie­der gern ge­hör­te Lie­der aus der al­ten und neu­en Hei­mat. Zu den an­we­sen­den Freun­den ge­hör­te auch Micha­el Schus­ter, Renn­fah­rer aus Deutsch­land, der auch in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern an Au­to­ren­nen teil­nahm. Horst Oer­tel wur­de un­ter der Na­ziHerr­schaft ge­bo­ren, wuchs un­ter dem kom­mu­nis­ti­schen Re­gime auf und er­reich­te Er­folg und Zuf­rie­den­heit in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ära. Er hat es ge­schafft, aus sei­nem Le­ben das Bes­te zu ma­chen. Text & Pho­tos: Chris­ta K. Wim­mer

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