Wie lan­ge hält der Frie­den?

Uni­on und SPD auf Ab­gren­zungs­kurs

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Ober­fläch­lich be­trach­tet ist es für die Spit­zen der Ko­ali­ti­on ei­ne Rück­kehr aus der Som­mer­pau­se in un­ge­wohn­ter Har­mo­nie. Kei­ne neue Rück­tritts­dro­hung von In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer. Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) gibt sich wie der CSU-Chef und ihr Vi­ze­kanz­ler und Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz zu­ver­sicht­lich, dass die im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ver­an­ker­ten Än­de­run­gen bei der Ren­te und der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung jetzt end­lich rasch kom­men. Doch der Streit bro­delt wei­ter, dicht un­ter der Ober­flä­che.

Ka­ta­stro­pha­les Bild

Al­le drei Sei­ten dürf­ten sich nach dem ka­ta­stro­pha­len Bild, dass die Ko­ali­ti­on im Früh­som­mer ab­ge­ge­ben hat, jetzt zwar vor­ge­nom­men ha­ben: So darf es nicht wei­ter­ge­hen. Nach dem er­bit­ter­ten Streit zwi­schen den schwar­zen Schwes­tern über die Rück­wei­sung von Mi­gran­ten an der Gren­ze, der Mer­kel fast das Amt ge­kos­tet hät­te, wa­ren die Um­fra­gen für CDU und CSU wei­ter in den Kel­ler ge­gan­gen. Auch die SPD konn­te vom Uni­ons­zwist nicht pro­fi­tie­ren. Doch ob das mit der neu­en Har­mo­nie der Ko­ali­tio­nä­re wirk­lich klappt?

Noch be­vor die drei wich­tigs­ten Ver­tre­ter der Ko­ali­ti­on - Mer­kel, See­ho­fer und Scholz - jetzt im Kanz­ler­amt bei Cor­don bleu und Pom­mes über die nächs­ten Wo­chen be­rie­ten, gab es schon neu­en Un­mut in den schwarz-ro­ten Rei­hen. Ei­gent­lich soll­te das nächt­li­che Tref­fen di­rekt nach der Rück­kehr der Kanz­le­rin von ei­nem drei­tä­gi­gen Kau­ka­sus­be­such ge­heim blei­ben, doch dann stan­den die Ka­me­ra­teams vor der Re­gie­rungs­zen­tra­le. Wer da wohl ge­plau­dert hat?

See­ho­fer hat­te die öf­fent­li­che Er­war­tungs­hal­tung an das ei­gent­lich als rou­ti­ne­mä­ßi­ge „Vor­son­die­rung“de­kla­rier­te Drei­er-Tref­fen vor­her in die Hö­he ge­schraubt: „Die Pro­ble­me sind rie­sig, die wir heu­te Abend be­spre­chen“, sagt er in ei­ner „Bür­ger-Pres­se­kon­fe­renz“in Ber­lin vor der Spit­zen­run­de. Ge­ra­de bei der Ren­te ge­be es noch viel zu tun. „Aber ich glau­be, wir wer­den we­sent­li­che Schrit­te vor­an­kom­men.“Die An­kün­di­gung dürf­te we­der Mer­kel noch Scholz ge­fal­len ha­ben.

Kein Er­geb­nis

Am Sonn­tag­mor­gen war dann klar: Ein Er­geb­nis gab es bei den stun­den­lan­gen Be­ra­tun­gen im Kanz­ler­amt nicht. Al­so soll­te ei­ne Art Ko­ali­ti­ons­run­de - nach Re­dak­ti­ons­schluss - letz­te Fra­gen klä­ren. Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der (CDU), CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt und die SPDPar­tei­und Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Andrea Nah­les soll­ten da­bei sein, das woll­te Mer­kel so.

Dass aber al­le Sei­ten der Ko­ali­ti­on in­ten­siv nach Re­zep­ten su­chen, wie sie sich stär­ker pro­fi­lie­ren und ih­re auch zur AfD ab­ge­wan­der­te An­hän­ger­schaft zu­rück­ge­win­nen kön­nen, zeigt deut­lich ein öf­fent­li­cher Schlag­ab­tausch zwi­schen Kanz­le­rin und ih­rem Vi­ze vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag.

Scholz grenzt sich ab

Aus­führ­lich und teils un­ter Bei­fall der Zu­hö­rer grenzt sich Scholz da in ei­ner Be­fra­gung durch Bür­ger am Ran­de des Tags der of­fe­nen Tür der Bun­des­re­gie­rung scharf vom Ren­ten­kurs der Uni­on ab. Er ver­tei­digt sei­nen von der Uni­on ve­he­ment ab­ge­lehn­ten Vor­stoß für ei­ne Ren­ten-Sta­bi­li­sie­rung bis 2040 und warnt vor Pa­nik­ma­che mit über­zo­ge­nen Zah­len.

Doch Mer­kel keilt nur we­ni­ge St­un­den spä­ter zu­rück und setzt beim Drän­gen der SPD auf Ren­ten­ga­ran­ti­en bis 2040 ein un­ge­wöhn­lich deut­li­ches Warn­si­gnal: „Bit­te kei­ne Un­si­cher­heit schü­ren, das ist mei­ne An­for­de­rung an die SPD.“

Deut­li­che Wor­te

Jetzt sol­le man doch bit­te schön erst­mal die ge­mein­sam ein­ge­setz­te Ren­ten­kom­mis­si­on ar­bei­ten las­sen. „Ich glau­be, im Au­gen­blick je­den Tag et­was an­de­res mit­zu­tei­len, schärft eher die Ve­r­un­si­che­rung, als dass es Si­cher­heit schafft“, sagt sie im „Som­mer­inter view“der ARDSen­dung „Be­richt aus Ber­lin“. Das war deut­lich und das dürf­te der SPD nicht schme­cken.

Und was macht See­ho­fer? Im „Som­mer­inter­view“der ZDF-Sen­dung „Ber­lin di­rekt“, sag­te der Bay­er, er hal­te ei­ne Neu­auf­la­ge der Re­gie­rungs­kri­se in die­sem Herbst für aus­ge­schlos­sen. Die gro­ße Ko­ali­ti­on wer­de „jetzt Wo­che für Wo­che wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen bei der Ren­te, bei der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung, bei der Miet­preis­ent­wick­lung, beim Fach­kräf­te­zu­wan­de­rungs­ge­setz“tref­fen. Dass Mer­kel spä­ter na­he­zu glei­che For­mu­lie­run­gen ver­wen­det, mag noch Zu­fall sein.

Doch als der CSU-Chef auch auf die Fra­ge nach mög­li­chen Dif­fe­ren­zen mit der SPD ganz ähn­lich wie die Kanz­le­rin mit dem Satz „Die SPD soll die Leu­te nicht ver­un­si­chern“ant­wor­tet, macht das deut­lich: Mer­kel und See­ho­fer dürf­ten ih­ren Kurs ge­gen­über den SPD beim ein­stün­di­gen Vor­ge­spräch vor den Be­ra­tun­gen mit Scholz am Sams­tag­abend akri­bisch ab­ge­stimmt ha­ben.

Gut mög­lich al­so, dass sich CDU, CSU und SPD bis zu den wich­ti­gen Land­tags­wah­len in Bay­ern und Hes­sen im Ok­to­ber be­mü­hen, ge­mein­sam Hand­lungs­fä­hig­keit zu de­mons­trie­ren. Doch ei­nes scheint klar: Mehr als ein Zweck­bünd­nis dürf­te die drit­te gro­ße Ko­ali­ti­on Mer­kels kaum wer­den.

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