Mit Schla­gern ge­gen Schur­ken

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In Spa­ni­en le­ben vie­le Men­schen auf dem Land, vor al­lem Rent­ner. In ih­ren Mi­niPue­b­los gibt es nicht im­mer ei­ne Po­li­zei­sta­ti­on. Wenn aber in ei­nem Dorf öst­lich von Ma­drid ein­ge­bro­chen wird, dann hilft dann ei­ne 70er Jah­re-Schnul­ze.

Im Schutz der Dun­kel­heit schleicht ein Bö­se­wicht durch die lee­ren Stra­ßen des Dörf­chens La Pue­b­la de Val­ver­de. Plötz­lich er­schallt aus Laut­spre­chern ein Schla­ger, den in Spa­ni­en je­des Kind mit­träl­lern kann, „Mi car­ro“von Ma­no­lo Es­co­bar. Die Fol­ge: Die Bür­ger wis­sen um die Ge­fahr und schlie­ßen ih­re Tü­ren - und der von dem Gas­sen­hau­er über­rasch­te Schur­ke sucht schleu­nigst das Wei­te. So oder ähn­lich funk­tio­niert seit ei­nem gu­ten Jahr­zehnt die mu­si­ka­li­sche Alarm­an­la­ge der win­zi­gen Ge­mein­de öst­lich von Ma­drid.

In der Ort­schaft, in der in den Win­ter­mo­na­ten ge­ra­de ein­mal 300 zu­meist äl­te­re Men­schen le­ben, sind nicht im­mer ge­nü­gend Po­li­zei­be­am­te ver­füg­bar, um die Si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten. „Es han­delt sich um ei­ne Form des Alarms, die kei­ne Angst aus­löst, aber den­noch Dieb­stäh­le ver­hin­dert“, er­klärt Bür­ger­meis­te­rin Ma­ría Án­ge­les Iz­quier­do.

Drei bis vier Mal im Jahr er­klingt der Ever­green durch­schnitt­lich. Im­mer dann, wenn ein Bür­ger et­was Auf­fäl­li­ges oder Ver­däch­ti­ges be­ob­ach­tet hat und es der Stadt­ver­wal­tung mel­det. Schnell wird die Es­co­bar-CD ein­ge­scho­ben. Das Pro­ze­de­re sei mitt­ler­wei­le in der gan­zen Ge­gend be­kannt, so dass sich kaum noch ein Ga­no­ve ins Dorf traue, sagt Iz­quier­do. Jetzt fol­gen an­de­re Or­te in der Re­gi­on dem er­folg­rei­chen Bei­spiel.

So auch das eben­falls in der Pro­vinz Te­ru­el in der Re­gi­on Ara­gon lie­gen­de Ca­min­re­al. Hier le­ben 800 Men­schen, die nächs­te Po­li­zei­wa­che ist acht Ki­lo­me­ter ent­fernt. Das Lied ist das glei­che - kein Wun­der, passt der Text der Es­co­bar-Schnul­ze doch wun­der­bar zum The­ma Gau­ner und Ban­di­ten: „Mi car­ro me lo ro­ba­ron, de no­che cuan­do dor­mía“, zu Deutsch et­wa: Sie ha­ben mir mein Au­to ge­klaut, nachts als ich schlief.

Der Schla­ger war in den 1970er Jah­ren ein Rie­sen­hit in ganz Spa­ni­en, ver­gleich­bar mit Roy Blacks „Ganz in Weiß“in Deutsch­land. Er sei aus­ge­wählt wor­den, „weil der In­halt zur Si­tua­ti­on passt und das Lied sehr be­kannt ist“, be­tont Iz­quier­do.

Ca­min­re­al steckt aber noch in der Test­pha­se: Bis­her er­tön­te das Stück nur zur Ge­ne­ral­pro­be für den mög­li­chen Ernst­fall. „Wir ha­ben hier ei­gent­lich kei­ne Angst. Ich las­se die Haus­tür of­fen, oh­ne ab­zu­schlie­ßen“, er­zählt der Dorf­be­woh­ner Emi­lio Ba­la­dos. Dies kön­ne na­tür­lich Übel­tä­ter an­lo­cken.

„In un­se­rem Dorf le­ben vie­le al­te Men­schen, die an­de­ren leicht ver­trau­en - da muss­ten wir et­was tun“, sagt Bür­ger­meis­ter Jo­aquín Ro­me­ro. „Den Ein­woh­nern ge­fiel die Idee. Wenn sie jetzt ei­ne Per­son se­hen, die ih­nen ver­däch­tig vor­kommt, kön­nen sie das Rat­haus an­ru­fen, und wir le­gen die Mu­sik auf“, er­zählt er. „Hof­fen wir, dass wir es nie tun müs­sen!“

Bei al­ler Be­geis­te­rung für den Schnul­zen­alarm sind sich die Men­schen be­wusst, dass ei­ne sol­che Maß­nah­me auch Be­su­cher ver­un­si­chern kann, die nichts Bö­ses im Schil­de füh­ren.

„Das Sys­tem scheint mir gut, aber ich weiß nicht, wie ef fek­tiv es letzt­lich sein kann“, sagt Án­gel, der in Ca­min­re­al wohnt. Die Leu­te, die das gan­ze Jahr dort leb­ten, kann­ten ein­an­der und wür­den des­halb leicht auf un­ge­wöhn­li­ches Ver­hal­ten oder du­bio­se Ge­stal­ten auf­merk­sam. „Aber bei de­nen, die nicht im­mer hier woh­nen und nur im Som­mer kom­men, liegt die Sa­che an­ders“, so Án­gel.

Wenn nicht ge­ra­de je­mand ei­ne Woh­nungs­tür auf­bre­che, sei er im Grun­de zu­nächst ein­mal un­ver­däch­tig. Und wenn der Schla­ger trotz­dem er­klingt? Im bes­ten Fall war es Fehl­alarm - und ei­ne Chan­ce mehr, Ma­no­lo Es­co­bars „Mi car­ro“zu lau­schen.

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