Neu­er Schmu­se­kurs? Das deutsch-tür­ki­sche Ver­hält­nis

Rst lo­ben tür­ki­sche Po­li­ti­ker Deutsch­land, dann darf so­gar die we­gen er­ror­vor­wür­fen an­ge­klag­te deut­sche Jour­na­lis­tin und ber­set­ze­rin Me­sa­le olu aus­rei­sen. as will die ür­kei da­für Die eak­tio­nen in er­lin sind eden­falls ged mpft.

Amerika Woche - - Meinung - Von Chris­ti­ne-Fe­li­ce Röhrs und Jörg Blank

En­de Au­gust soll­te Me­sa­le To­lu (Fo­to) wie­der in Deutsch­land sein. Die Auf­he­bung der Rei­se­sper­re ist nach der An­kla­ge we­gen Ter­ror­vor­wür­fen, U-Haft und Zwangs­auf­ent­halt in der Tür­kei das En­de ei­nes Alp­traums nicht nur für die tür­kisch­stäm­mi­ge Jour­na­lis­tin mit deut­schem Pass und ih­re Fa­mi­lie, son­dern auch für deut­sche Di­plo­ma­ten. Der Fall hat­te, zu­sam­men mit dem des ein Jahr lang in­haf­tier­ten „Welt“-Re­por­ters De­niz Yücel und des Men­schen­recht­lers Pe­ter Steudt­ner, die Be­zie­hun­gen zur Tür­kei auf Ei­ses­käl­te ab­küh­len las­sen.

Trotz­dem ist nun längst nicht wie­der al­les in But­ter zwi­schen der Tür­kei und Deutsch­land. Denn der Fall To­lu ist zwar ein sehr pro­mi­nen­ter, aber doch nur ei­ner von vie­len. Na­tür­lich freue man sich für Frau To­lu, sag­te ein Spre­cher des Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums in Ber­lin. „Aber Stutt­gar­ter Zei­tung Es gibt vie­le Grün­de, war­um es un­klug wä­re, Er­do­gan ins po­li­ti­sche Ab­seits drif­ten zu las­sen. Ge­gen ei­ne Fi­nanz­sprit­ze, wie sie jüngst das Emi­rat Ka­tar of­fe­riert hat, spre­chen aber al­le Er­fah­run­gen mit der Eu­ro­kri­se. Hil­fe darf zu­dem kein Was­ser auf die Mühlen Er­do­gans lei­ten. Er hat ei­nen Preis zu zah­len, von dem sich nicht ab­se­hen lässt, ob er ihn zu leis­ten be­reit ist. Die stra­te­gi­schen Ei­gen­in­ter­es­sen dür­fen nicht aus dem Blick ge­ra­ten. Die spre­chen ein­deu­tig da­ge­gen, die Tür­kei al­lein we­gen Er­do­gan sich selbst zu über­las­sen. Münch­ner Mer­kur Die von der Groß­manns­sucht Ih­res Sul­tans ver­ur­sach­te Fi­nanz­kri­se ist in Wahr­heit ei­ne Chan­ce. Sie ist Er­do­gans Ren­dez­vous mit der Rea­li­tät. Sie kann die zu­letzt im­mer ag­gres­si­ver auf­tre­ten­de Tür­kei zu­rück­füh­ren auf den Weg ei­nes ge­deih­li­che­ren Mit­ein­an­ders es gibt ja noch ei­ne gan­ze Rei­he von an­de­ren Haft­fäl­len, die wir nicht aus den Au­gen ver­lie­ren wer­den, nur weil es in ei­nem Fall po­si­ti­ve Nach­rich­ten gibt“. Im Gan­zen sind es der­zeit sie­ben Deut­sche, die aus „po­li­ti­schen Grün­den“in der Tür­kei noch in Haft sind, dar­un­ter der 73-jäh­ri­ge En­ver Al­tay­li, der seit ei­nem Jahr oh­ne An­kla­ge­schrift in Ein­zel­haft sitzt.

Au­ßer­dem ge­hen die Fest­nah­men wei­ter. Kurz vor­her war wie­der ein Deut­scher mit tür­kisch-kur­di­schen Wur­zeln in der Tür­kei im Knast ge­lan­det, weil er an­geb­lich auf so­zia­len Me­di­en Pro­pa­gan­da für Ter­ror­grup­pen ge­macht hat­te.

Der Fall To­lu zeigt wohl eher, dass sich die In­ter­es­sens­la­ge in der Tür­kei ge­än­dert hat. „Die Tür­kei braucht Freun­de und un­ter Um­stän­den bald sehr kon­kre­te wirt­schaft­li­che Hil­fe­stel­lun­gen“, sagt Kris­ti­an Bra­kel, Lei­ter der Hein­richBöll-Stif­tung in Istan­bul, der die Fäl­le auf­merk­sam be­ob­ach­tet. „Zum Bei­spiel, was die Kre­dit­frei­ga­ben gro­ßer in­ter­na­tio­na­ler Fi­nanz­or­ga­ni­sa­tio­nen an­geht.“Denn der Streit mit den USA um And­rew Brun­son, ei­nen Pas­tor, den die Tür­kei we­gen Ter­ror­vor­wür­fen fest­hält, war in den ver­gan­ge­nen Wo­chen to­tal ent­glit­ten. US-Sank­tio­nen hat­ten Märk­te und In­ves­to­ren ver­un­si­chert und die tür­ki­sche Wäh­rung Li­ra schwer ab­stür­zen las­sen. Plötz­lich war die Re­de vom „Wirt­schafts­krieg“.

Ein un­er­war­te­tes Re­sul­tat da­von war die Kehrt­wen­de der Tür­kei Rich­tung Eu­ro­pa. Plötz­lich dar f To­lu aus­rei­sen. Plötz­lich kommt mit Ta­ner Ki­lic ein tür­ki­scher Re­prä­sen­tant der in Lon­don be­hei­ma­te­ten Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on mit ih­ren Nach­barn und mit Eu­ro­pa. Sie kann Er­do­gan zwin­gen, zu wirt­schaft­li­cher Ver­nunft und Rechts­staat­lich­keit zu­rück­zu­keh­ren. Das Fal­sches­te, was Ber­lin in die­ser La­ge tun könn­te, wä­re es, den Is­la­mis­ten in An­ka­ra vor­ei­lig Hilfs­mil­li­ar­den in Aus­sicht zu stel­len. Es ist be­zeich­nend für die ver­zwei­fel­te La­ge der SPD, dass sie nicht auf das Schick­sal zehn­tau­sen­der grund­los ein­ge­ker­ker­ter tür­ki­scher Op­po­si­tio­nel­ler schaut, son­dern lie­ber auf ein paar Stim­men deutsch-tür­ki­scher Wäh­ler schielt. Frank­fur­ter Rund­schau Bei­de ha­ben fast das­sel­be ge­sagt: Nah­les warn­te vor ei­ner Si­tua­ti­on, in der man der Tür­kei hel­fen müs­se. Fast al­le kri­ti­sier­ten sie da­für, und auch Mer­kels Re­ak­ti­on galt als Ab­leh­nung: Man müs­se „zur­zeit“nicht über Hil­fe für die Tür­kei nach­den­ken. Am En­de heißt das aber das­sel­be: Der Tag kann kom­men - we­gen der Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal frei. Plötz­lich dür­fen zwei grie­chi­sche Sol­da­ten aus dem Ge­fäng­nis, de­ren In­haf­tie­rung das Ver­hält­nis zwi­schen Grie­chen­land und der Tür­kei ähn­lich be­las­tet hat­te wie die Fäl­le Yücel, Steudt­ner und To­lu das deutsch-tür­ki­sche.

Eu­ro­päi­sche Re­gie­run­gen hat­ten wäh­rend des ge­ra­de auf­ge­ho­be­nen zwei­jäh­ri­gen Aus­nah­me­zu­stand nach dem Putsch­ver­such von 2016 Er­do­gans zu­neh­mend „au­to­ri­tä­ren“Kurs scharf kri­ti­siert, was in der Tür­kei mit gro­ßem Är­ger re­gis­trier t wor­den war. Da­zu hat­te die In­haf­tie­rung von Deut­schen, Grie­chen, US-Ame­ri­ka­nern den Be­griff der „Gei­sel-Di­plo­ma­tie“ge­prägt.

Nun sind, im Streit mit der Welt­macht USA die „Gei­seln“of­fen­bar plötz­lich prak­ti­sches Faust­pfand und Po­li­tik­in­stru­ment. Ein west­li­cher Di­plo­mat sag­te, ei­ne zu­ver­läs­si­ge An­nä­he­rung an Eu­ro­pa se­he er da noch nicht - „eher ein Zweck­bünd­nis, das so lan­ge hält, wie es der Tür­kei in ih­rer der­zei­ti­gen Si­tua­ti­on hilft“.

Die je­den­falls setzt sehr öf­fent­lich den Schmu­se­kurs fort. Der Fi­nanz­mi­nis­ter und Schwie­ger­sohn des Prä­si­den­ten, Be­rat Al­bay­rak, hat sich für die „Äu­ße­run­gen des ge­sun­den Men­schen­ver­stan­des“aus Deutsch­land be­dankt. An­ge­la Mer­kel hat­te zu­vor ge­sagt, dass die wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät der Tür­kei für Eu­ro­pa wich­tig sei.

Die Schmei­che­lei­en aus An­ka­ra hö­re die Kanz­le­rin aber mit Zu­rück­hal­tung, heißt es in Ber­lin. Die Bun­des­re­gie­rung gab sich be­tont schmal­lip­pig, als es dar­um ging, die Auf­he­bung der Aus­rei­se­sper­re kom­pli­zier­ten wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Ver­flech­tun­gen mit der Tür­kei, die ja „un­ab­hän­gig von den po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Er­do­gan“be­ste­hen, wie Nah­les ge­sagt hat­te. Wer wüss­te das bes­ser als Mer­kel, die selbst den Knie­fall vor Er­do­gan hin­nahm, um das EU-Flücht­lings­ab­kom­men mit der Tür­kei ab­zu­schlie­ßen. Der Un­ter­schied zwi­schen liegt im Ton: Die SPD-Che­fin warnt; die CDU-Che­fin winkt ab. Ent­we­der tut Mer­kel das, um den Ein­druck zu ver­mit­teln, so schlecht ste­he es um die Tür­kei nicht, und so die Märk­te zu be­ru­hi­gen. Oder sie weiß, dass ei­ne Ab­fuhr für den Au­to­kra­ten po­pu­lä­rer ist, als sich heu­te mit der Wahr­heit von mor­gen zu be­fas­sen. NZZ, Zü­rich Min­des­tens eben­so wich­tig wie die vom IWF ab­ruf­ba­ren Mil­li­ar­den wä­re die Fes­ti­gung der Er­war­tun­gen. So sind IWF-Pro­gram­me an kla­re und öf­fent­lich ein­seh­ba­re ge­gen To­lu zu kom­men­tie­ren. Zur Fra­ge mög­li­cher Wirt­schafts­hil­fen für den NATO-Part­ner, die un­ter an­de­rem von SPD-Che­fin Andrea Nah­les ins Ge­spräch ge­bracht wor­den wa­ren, sag­te Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert knapp, man ha­be ja be­reits mehr­fach „das deut­sche In­ter­es­se an ei­ner wirt­schaft­li­chen Sta­bi­li­tät der Tür­kei ge­äu­ßert“. Die Fra­ge deut­scher Hil­fen für die Tür­kei stel­le sich für die Bun­des­re­gie­rung ak­tu­ell nicht.

Der ge­dämpf­te Ton in Rich­tung An­ka­ra ver­wun­dert nicht - we­der die Kanz­le­rin noch der Au­ßen­mi­nis­ter dürf­ten die Aus­fäl­le Er­do­gans ver­ges­sen ha­ben, mit de­nen er erst vor we­ni­gen Mo­na­ten die Bun­des­re­gie­rung über­zo­gen hat­te. Da hat­te Er­do­gan bei­spiels­wei­se von Na­zi-Me­tho­den ge­spro­chen, weil deut­sche Kom­mu­nen Wahl­kampf­auf­trit­te tür­ki­scher Mi­nis­ter aus Si­cher­heits­grün­den ver­wei­gert hat­ten.

Den­noch weiß die Kanz­le­rin: Will sie et­wa bei ei­ner po­li­ti­schen Lö­sung im Sy­ri­en-Kon­flikt wei­ter­und da­mit ei­ner Rück­kehr der sy­ri­schen Flücht­lin­ge in ih­re Hei­mat nä­her­kom­men, dürf­te sie auf Un­ter­stüt­zung aus An­ka­ra an­ge­wie­sen sein, zu­mal sich Er­do­gan (an­geb­lich, Anm.d.Red.) nach Kräf­ten be­müht, ei­ne po­li­ti­schen Lö­sung im Sy­ri­en-Krieg zu fin­den.

Es ist ein we­sent­li­cher Grund­satz Mer­kel­scher Po­li­tik, sich auf Pro­vo­ka­tio­nen von schwie­ri­gen Ver­hand­lungs­part­nern wie Trump, Pu­tin Re­form­auf­la­gen ge­knüpft. Die er­ra­ti­sche Wirt­schafts­po­li­tik von Er­do­gan, der sich zu­se­hends auch in geld­po­li­ti­sche Be­lan­ge ein­zu­mi­schen scheint, müss­te sich den Kon­di­tio­na­li­tä­ten des IWF beu­gen. Das könn­te wie­der Ru­he und Sta­bi­li­tät ins Sys­tem brin­gen. Ei­ne sol­che Do­mes­ti­zie­rung wä­re um­so wich­ti­ger, als Er­do­gan im neu­en Prä­si­di­al­sys­tem, das er sich auf den Leib schnei­dern liess, mit fast schran­ken­lo­ser Macht aus­ge­stat­tet ist. An ei­ner Ein­mi­schung aus dem Aus­land hat Er­do­gan je­doch kei­ner­lei In­ter­es­se. Der von we­nig Selbst­zwei­feln ge­plag­te Herr­scher, der in sei­nem Um­feld blin­de Loya­li­tät weit hö­her ge­wich­tet als fach­li­ches Wis­sen, will sich nicht vor­schrei­ben las­sen, wie er sein Land zu re­gie­ren hat. Die Welt, Ber­lin Der tür­ki­sche Prä­si­dent ist mitt­ler­wei­le so ab­ge­ho­ben, dass er nicht mehr von sei­nen Be­stän­den, oder eben Er­do­gan nicht ein­zu­las­sen. Selbst auf dem Hö­he­punkt der Be­lei­di­gun­gen aus An­ka­ra ge­gen sie und ih­re Po­li­tik ha­be Mer­kel den Ge­sprächs­fa­den nie ab­rei­ßen las­sen, wird in der CDU be­tont. Das könn­te sich nun aus­zah­len.

Ob der neue Schmu­se­kurs aus An­ka­ra nur ein Lip­pen­be­kennt­nis und rein tak­tisch ist oder ob er kon­kre­te po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das deutsch-tür­ki­sche Ver­hält­nis hat, könn­te sich schon En­de Sep­tem­ber zei­gen. Am 28. und 29. kommt Er­do­gan zum Staats­be­such nach Deutsch­land. Dann wird er nicht nur von Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er mit mi­li­tä­ri­schen Eh­ren emp­fan­gen - es wird auch ein Tref­fen mit Mer­kel ge­ben. son­dern von sei­nen Pa­ro­len aus­geht. Sie scheint er tat­säch­lich selbst zu glau­ben. Zum Scha­den sei­nes Lan­des. Nicht Do­nald Trump und sei­ne Sank­tio­nen set­zen die Tür­kei un­ter Druck. Es ist der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent in sei­nem Grö­ßen­wahn. Mit der Zer­stö­rung der Ge­wal­ten­tei­lung hat er ein Sys­tem ge­schaf­fen, das die Kon­trol­le der Re­gie­rung aus­schließt und so auch die Macht des Prä­si­den­ten nicht mehr zähmt. Kein Mi­nis­ter, kein Be­ra­ter wagt noch den Wi­der­spruch. Er­do­gans Um­feld be­steht nur noch aus Ma­rio­net­ten. Nur die Rück­kehr zur Ver­nunft wür­de hel­fen - in der Fi­nanz­po­li­tik ge­nau­so wie in der Au­ßen­po­li­tik. Doch Er­do­gan be­hagt es in sei­ner Wahn­welt. Mög­lich, dass er selbst noch die Nato-Mit­glied­schaft in­fra­ge stellt. Dem Wes­ten bleibt vor­erst nichts an­de­res üb­rig, als in Ru­he ab­zu­war­ten. Zum Glück ist auch der Mecha­nis­mus der Au­to­kra­tie kein Per­pe­tu­um mo­bi­le.

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