Deut­sches TV ge­prägt wie kaum ei­ner: „Tat­ort“-Er­fin­der Wit­te ist tot

Amerika Woche - - Personalien -

Die größ­te Er­fin­dung von Gun­ther Wit­te ge­hört mitt­ler­wei­le zu Deutsch­land wie Bier und Fuß­ball - und sie ist an fast je­dem Sonn­tag im Fern­se­hen zu se­hen. Gun­ther Wit­te hat den „Tat­ort“er­fun­den, da­mals 1969. Dass der Kom­mis­sar die Haupt­fi­gur ist und es im­mer auch um ein ge­sell­schaft­li­ches Pro­blem geht, war sei­ne Idee. Nun ist der frü­he­re WDR-Fern­seh­spiel­chef, der das deut­sche Fern­se­hen ver­än­der­te wie kaum ein an­de­rer, tot. Wit­te starb über­ra­schend im Al­ter von 82 Jah­ren in Ber­lin.

Wit­te war 1963 beim WDR ge­lan­det, zu­nächst als Re­dak­teur und Dra­ma­turg in der Ab­tei­lung Fern­seh­spiel, spä­ter wur­de er ihr Lei­ter. Auf­ge­wach­sen war Wit­te, der 1935 im let­ti­schen Ri­ga zu Welt kam, in Ber­lin. Nach dem Stu­di­um der Thea­ter­wis­sen­schaf­ten und ei­nem En­ga­ge­ment in Karl-Marx-Stadt, dem heu­ti­gen Chem­nitz, ging er in den Wes­ten.

1969 be­kam er als ein­fa­cher Re­dak­teur den Auf­trag, ei­ne Kri­mi­se­rie zu ent­wi­ckeln - bei ei­nem Spa­zier­gang mit sei­nem Chef im Köl­ner Stadt­wald. Ob­wohl Wit­te gar nicht als Kri­mi­ex­per­te galt, ahn­te er schon, dass da et­was auf ihn zu­kom­men könn­te. „Da­mals war das ZDF ja noch ganz frisch und hat auf dem Ge­biet der Un­ter­hal­tung un­heim­lich viel ge­macht“, be­rich­te­te er. „Da muss­ten wir was da­ge­gen­hal­ten.“

Aus ei­nem eher has­tig ent­wi­ckel­ten Kon­zept wur­de dann ein deut­sches Kul­tur­gut und ein Quo­ten­ga­rant: der „Tat­ort“. Im ver­gan­ge­nen Jahr schaff­ten die Müns­te­ra­ner Er­mitt­ler Thiel ali­as Axel Prahl und Bo­er­ne ali­as Jan Jo­sef Lie­fers sat­te 14,6 Mil­lio­nen Zu­schau­er - die höchs­te Zu­schau­er­zahl seit 25 Jah­ren für ei­nen „Tat­ort“.

Das Re­gio­nal­prin­zip der Rei­he hat sich Wit­te aus­ge­dacht: Die ARDSen­der schi­cken ih­re Er­mitt­ler in den di­ver­sen Städ­ten im Sen­de­ge­biet los. Vor dem Start der „Tat­ort“-Ära war er al­ler­dings auch nicht ganz si­cher, ob das funk­tio­nie­ren kann. „Ich wuss­te ja, dass es nir­gend­wo auf der Welt ei­ne Kri­mi­rei­he mit zehn ver­schie­de­nen Kom­mis­sa­ren gab“, gab er spä­ter zu. „Ich hat­te ganz schön Muf­fen­sau­sen.“

Wei­te­re Eck­pfei­ler wa­ren, dass der Kom­mis­sar im Mit­tel­punkt steht und in je­der Fol­ge auch ein ge­sell­schafts­po­li­tisch re­le­van­tes The­ma be­han­delt wer­den soll. 1970 ging mit „Ta­xi nach Leip­zig“der ers­te „Tat­ort“auf Sen­dung.

„Mit sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Er­fin­dung der „Tat­ort“-Rei­he hat er den WDR und das deut­sche Fern­se­hen so nach­hal­tig ge­prägt wie kaum ein an­de­rer“, er­klär­te WDR-In­ten­dant Tom Buhrow. Sonn­tag, 20.15 Uhr, sei nach wie vor „Tat­ort“-Zeit. „Das, was er ge­schaf­fen hat, bleibt und wird un­se­re Zu­schau­er wei­ter­hin be­rei­chern“, sag­te Buhrow.

Von 1979 bis 1998 war Wit­te Lei­ter der Ab­tei­lung Fern­seh­spiel beim WDR. Auch an an­de­ren be­kann­ten Pro­duk­tio­nen war er be­tei­ligt, un­ter an­de­rem an Vol­ker Sch­lön­dorffs „Die ver­lo­re­ne Eh­re der Kat­ha­ri­na Blum“. In sei­ne Zeit als Fern­seh­spiel­chef fiel zu­dem der Start der „Lin­den­stra­ße“. 2001 er­hielt Wit­te den Grim­me-Preis.

Man tritt Gun­ther Wit­te si­cher­lich nicht zu na­he, wenn man sagt, dass von sei­nem Schaf­fen vor al­lem der „Tat­ort“in Er­in­ne­rung blei­ben wird. Er hat­te wie vie­le an­de­re Fans der Rei­he üb­ri­gens auch ei­nen Lieb­lings­er­mitt­ler: Schi­man­ski in per­so­na Götz Ge­or­ge. Noch im Ru­he­stand är­ger­te ihn al­ler­dings, dass er Re­gis­seur Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der einst ei­nen „Tat­ort“ver­wei­gert hat­te: „Im Nach­hin­ein muss ich wirk­lich sa­gen: Das war ein Feh­ler, und das tut mir leid.“

Newspapers in German

Newspapers from USA

© PressReader. All rights reserved.