Zoff bei So­zi­al­de­mo­kra­ten: Cha­os nach Per­so­nal­wech­sel in Ös­ter­reich

Chris­ti­an Kern hat die SPÖ mit sei­nem plötz­li­chen und un­ko­or­di­nier­ten Ab­gang tief ver­un­si­chert. Die Par­tei hat nun ei­ne neue Che­fin, lässt Team­spi­rit aber völ­lig ver­mis­sen. Die nächs­te star­ke So­zi­al­de­mo­kra­tie in Eu­ro­pa wankt.

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Pa­me­la Ren­di-Wa­gner (Foto oben) könn­te ei­gent­lich ei­ne glück­li­che Frau sein. Nur ei­ne Wo­che nach dem über­ra­schen­den Rück­tritt des SPÖ-Vor­sit­zen­den Chris­ti­an Kern (un­ten) wur­de sie vom Par­tei­vor­stand ein­stim­mig als des­sen Nach­fol­ge­rin be­stimmt. Doch nach dem kla­ren Vo­tum folgt das ste­ti­ge, par­tei­in­ter­ne Nach­tre­ten mit ver­steck­ten Dro­hun­gen und For­de­run­gen. Das Cha­os bei der SPÖ tritt der­zeit of­fen zu­ta­ge. Hat Kern mit sei­nem plötz­li­chen Ab­gang die So­zi­al­de­mo­kra­ten Eu­ro­pas noch tie­fer in die Kri­se ge­schubst?

Im­mer­hin 26,9 Pro­zent der Stim­men hat­te die SPÖ noch bei der Na­tio­nal­rats­wahl im Ok­to­ber 2017 ge­holt. Das reich­te zwar nicht zum Re­gie­ren, So­zi­al­de­mo­kra­ten in an­de­ren Län­dern wür­den aber bei sol­chen Wer­ten wohl zu Freu­den­sprün­gen an­set­zen. Zum Ver­gleich: Die deut­sche SPD blieb bei der Bun­des­tags­wahl nur knapp über der 20-Pro­zent-Mar­ke und liegt nun in Um­fra­gen so­gar deut­lich dar­un­ter. Die SPÖ da­ge­gen be­weg­te sich vor dem Kern-Cha­os in Um­fra­gen zwi­schen 27 und 29 Pro­zent.

Doch der­zeit prä­sen­tiert sich die SPÖ in ers­ter Li­nie als zer­strit­te­ne Par­tei, in ei­ner ers­ten Um­fra­ge nach dem Kern-Ab­gang büß­te sie gleich vier Pro­zent­punk­te ein. Die neue Par­tei­che­fin war nach zahl­rei­chen Ab­sa­gen nicht die ers­te Wahl, son­dern die ein­zig ver­füg­ba­re, er­klärt Mei­nungs­for­scher Wolf­gang Bach­may­er: „Pa­me­la Ren­di-Wa­gner ist mehr oder min­der ei­ne Quer­ein­stei­ge­rin, sie ist nicht in der Par­tei ver­an­kert und hat ab­so­lut kei­ne Haus­macht.“

Trotz­dem oder viel­leicht ge­ra­de des­halb krem­pel­te sie die SPÖ im Eil­ver­fah­ren um, schmiss den Bun­des­ge­schäfts­füh­rer Max Ler­cher und den Frak­ti­ons­ge­schäfts­füh­rer Andre­as Schie­der raus und er­setz­te sie durch Ver­bün­de­te. Ler­cher und Schie­der füg­ten sich, konn­ten aber nicht ver­ber­gen, dass sie ger­ne noch ein we­nig in ih­ren Äm­tern ge­blie­ben wä­ren. Die Par­tei trug die­se Ent­schei­dun­gen zu­nächst mit - um sie nun täg­lich zu kri­ti­sie­ren.

„Wir sind als loya­le Or­ga­ni­sa­ti­on be­kannt, aber wir wol­len auch et­was“, so Wi­ens SPÖ-Bür­ger­meis­ter Micha­el Lud­wig. Was ge­nau, wol­le er ihr lie­ber per­sön­lich sa­gen. Ei­nen Tag spä­ter legt er nach: Es wä­re kein Nach­teil, wenn die Per­so­nal­ent­schei­dun­gen an der SPÖ-Spit­ze noch mal über­dacht wür­den. „Ich bin über­zeugt, dass das so kommt.“Es klingt wie ei­ne Dro­hung.

„Die Par­tei ist da­bei, ei­ne Schlüs­sel­stär­ke ein­zu­bü­ßen: Die Ge­schlos­sen­heit nach au­ßen“, sagt da­zu der ös­ter­rei­chi­sche Po­li­tik­be­ra­ter Tho­mas Hofer. Der Ab­gang Kerns und die fol­gen­den Cha­os­ta­ge be­schreibt er als „Selbst­be­schä­di­gung in Rein­kul­tur“.

Dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten in Ös­ter­reich nun den glei­chen Weg ge­hen müs­sen wie je­ne in Frank­reich, Deutsch­land oder Ita­li­en, sei aber noch nicht si­cher. Ei­ne gro­ße Ge­fahr ber­ge die ak­tu­el­le Si­tua­ti­on in je­dem Fall. „Die So­zi­al­de­mo­kra­tie in Ös­ter­reich ist weit da­von ent­fernt, dass es ihr gut geht.“

Die rechts­kon­ser­va­ti­ve Re­gie­rung ge­nießt da­ge­gen ein sehr gu­tes An­se­hen. Die bei­den Re­gie­rungs­par­tei­en strei­ten kaum mit­ein­an­der und set­zen Ge­set­ze in Win­des­ei­le um. Hin­zu kommt die EU-Rats­prä­si­dent­schaft, vie­le Gip­fel, Tref­fen mit Staats­und Re­gie­rungs­chefs und ein Kurs in der Mi­gra­ti­ons­fra­ge, der „si­cher bei 70 bis 75 Pro­zent der Be­völ­ke­rung auf Zu­stim­mung stößt“, sagt Ex­per­te Bach­may­er. Für ei­ne SPÖ, die durch den Rück­tritt von Ex-Kanz­ler Kern in Per­so­nal­fra­gen in Streit ge­ra­ten ist, wirkt die­ser Geg­ner rie­sig.

Und so steht im klei­nen Ös­ter­reich für Eu­ro­pas So­zi­al­de­mo­kra­ten doch ei­ni­ges auf dem Spiel. Bei den letz­ten Wah­len in Frank­reich er­hiel­ten sie nur 9,5 Pro­zent der Stim­men, in Ita­li­en 18,7 Pro­zent, in Deutsch­land 20,5 Pro­zent - was dem­nächst so­gar hal­biert wer­den könn­te. In acht Mo­na­ten steht nun mit der Eu­ro­pa­wahl die nächs­te wich­ti­ge Ab­stim­mung an. Ob Chris­ti­an Kern mit sei­ner Be­wer­bung als Spit­zen­kan­di­dat der eu­ro­päi­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten bei die­ser Wahl al­les zum Po­si­ti­ven wen­den kann, wird sich zei­gen.

Hoch­mo­ti­viert kam der 52-Jäh­ri­ge bis­her al­ler­dings nicht rü­ber. Zu­letzt ließ er so­gar gro­ße Zwei­fel dar­an auf­kom­men, wie ernst er es mit sei­ner Kan­di­da­tur über­haupt meint. „Ich bin der Auf­fas­sung, dass wir uns da ge­mein­sam hin­zu­set­zen ha­ben, das zu dis­ku­tie­ren, wer wel­che Auf­ga­be über­nimmt. Da gibt es her­vor­ra­gen­de Män­ner und Frau­en.“

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