Cha­os in Gro­n­in­gen: Auch Deut­sche fin­den kei­ne Stu­den­ten­zim­mer

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Die Nie­der­lan­de sind bei in­ter­na­tio­na­len Stu­den­ten be­son­ders be­liebt. An den Uni­ver­si­tä­ten wird flei­ßig um sie ge­wor­ben. Je­doch man­gelt es an Wohn­raum. In Gro­n­in­gen er­fah­ren das auch vie­le Deut­sche.

Tief ein­ge­mum­melt in sei­ne Ja­cke sitzt Paul auf der Bank vor dem Hos­tel in Gro­n­in­gen (das wird im Nie­der­län­di­schen „Chro­n­in­gen“aus­ge­spro­chen). Er ist er­käl­tet. „Es ist rich­tig be­schis­sen“, sagt der 23-jäh­ri­ge Stu­dent. „Es ist echt kein Zim­mer zu fin­den.“

Vor gut vier Wo­chen hat sein Stu­di­um an­ge­fan­gen, und eben­so lan­ge schon wohnt der jun­ge Deut­sche in dem Hos­tel am Ran­de von Gro­n­in­gen, im Nord­os­ten der Nie­der­lan­de. Zwangs­läu­fig. Er schläft in ei­nem um­ge­bau­ten Con­tai­ner mit fünf Eta­gen­bet­ten und Platz für zehn Per­so­nen. Im schma­len Spind ist sei­ne Klei­dung. Ei­nen Schreib­tisch gibt es nicht. Kos­ten­punkt: 100 Eu­ro pro Wo­che, mit Frühstück.

Re­bel, Re­bel

Das Hos­tel „Re­bel, Re­bel“(Foto

oben bei der Er­öff­nung) ist mit den um­ge­bau­ten Con­tai­nern, vie­len Grün­pflan­zen und ei­nem klei­nen Ca­fé ei­ne char­man­te Idyl­le auf dem Ge­län­de der al­ten Zu­cker­fa­brik. Rund um das In­dus­trie­denk­mal ha­ben sich hip­pe, jun­ge Un­ter­neh­men und Kul­tur­in­itia­ti­ven an­ge­sie­delt. Am Wo­che­n­en­de fin­den hier Kon­zer­te und Fes­ti­vals statt.

„Es ist su­per hier“, sagt Ca­mil­lo, „wenn du Fe­ri­en hast.“Der 24-Jäh­ri­ge will sei­nen Mas­ter in Wirt­schaft in Gro­n­in­gen ma­chen. Auch er wohnt im Hos­tel bis sei­ne Woh­nung be­zugs­fer­tig ist. „Da­hin­ten.“Ca­mil­lo weist auf ei­ne Bau­stel­le am En­de des Ge­län­des.

Not­un­ter­künf­te

We­gen der gro­ßen Woh­nungs­not der Stu­den­ten baut die Stadt ge­ra­de 250 Not­un­ter­künf­te. Doch die wa­ren zu Be­ginn des Stu­di­en­jah­res am 1. Sep­tem­ber noch längst nicht fer­tig. Die zu gro­ßen Blö­cken ge­sta­pel­ten Con­tai­ner ste­hen noch im­mer mit­ten in ei­ner Schlamm­wüs­te. Gleich da­hin­ter ist die Au­to­bahn. „Da­für zahlt man 500 Eu­ro Mie­te im Mo­nat“, stöhnt Ca­mil­lo, „und zehn Eu­ro ex­tra fürs In­ter­net.“

Stadt to­tal über­las­tet

Die Woh­nungs­not der Stu­den­ten in den Nie­der­lan­den ist groß. „Be­son­ders pre­kär ist es in Gro­n­in­gen und für die in­ter­na­tio­na­len Stu­den­ten“, sagt Jo­li­en Brui­ne­woud, Vor­sit­zen­de des Stu­den­ten­ver­ban­des. „Die Stadt ist to­tal über­las­tet.“

55.0000 Stu­den­ten gibt es in Gro­n­in­gen, gut die Hälf­te von ih­nen wohnt in der Stadt. Da­von kom­men 9000 aus dem Aus­land, vor wie­gend aus Deutsch­land. Die Uni­ver­si­tät schätzt, dass meh­re­re Hun­dert noch ein Zim­mer su­chen.

Op­fer des ei­ge­nen Er­folgs

Gro­n­in­gen ist ein Op­fer des ei­ge­nen Er­folgs, klagt Brui­ne­woud. „Die Uni setzt stark auf In­ter­na­tio­na­li­sie­rung und wirbt im Aus­land.“ Die Ex­pan­si­on ist auch ei­ne Fol­ge des Fi­nan­zie­rungs­sys­tems in den Nie­der­lan­den. Je mehr Stu­den­ten ei­ne Hoch­schu­le hat, um­so mehr staat­li­che Mit­tel be­kommt sie. Fast al­le Uni­ver­si­tä­ten des Lan­des set­zen des­we­gen auch auf in­ter­na­tio­na­le Stu­den­ten. Die Reichs­uni­ver­si­tät Gro­n­in­gen et­wa be­kam in die­sem Jahr 2000 An­mel­dun­gen mehr als er­war­tet.

Der Stu­den­ten­ver­band wirft der Uni­ver­si­tät vor, zu we­nig in die Qua­li­tät zu in­ves­tie­ren und die Si­tua­ti­on der Stu­den­ten zu ver­nach­läs­si­gen. „Die Unis sind über­haupt nicht vor­be­rei­tet auf den gro­ßen An­sturm“, sagt Brui­ne­woud.

Mehr bau­en

In Gro­n­in­gen et­wa wur­de in die­sem Jahr der Nu­me­rus Clau­sus für Psy­cho­lo­gie auf­ge­ge­ben. Die Fol­ge: Ein Boom aus Deutsch­land. Fast die Hälf­te der An­fän­ger sind Deut­sche. Doch sie kön­nen, an­ders als ih­re nie­der­län­di­schen Kom­mi­li­to­nen, nicht zur Not wei­ter bei ih­ren El­tern woh­nen. „Es muss ein­fach mehr ge­baut wer­den“, for­dert die Vor­sit­zen­de des Stu­den­ten­ver­ban­des.

Auf dem oh­ne­hin sehr an­ge­spann­ten Woh­nungs­markt in den Nie­der­lan­den sind die Mie­ten für Stu­den­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ra­sant ge­stie­gen. Nach ei­ner Stu­die des lan­des­wei­ten Stu­den­ten­ver­ban­des be­zah­len Stu­den­ten mo­nat­lich im Schnitt 100 Eu­ro zu viel an Mie­te. Ein Stu­den­ten­zim­mer in Ams­ter­dam kos­tet im Schnitt 462 Eu­ro und in Gro­n­in­gen 336 Eu­ro.

Kein Wun­der, dass nie­der­län­di­sche Stu­den­ten im­mer län­ger zu Hau­se woh­nen blei­ben - nur 25 Pro­zent von ih­nen zie­hen zum Stu­di­en­be­ginn aus.

Tau­sen­de Eu­ro Schul­den

Zur Mie­te kom­men noch 200 Eu­ro Stu­di­en­ge­büh­ren im Mo­nat für In­ter­net, Bü­cher, Ver­si­che­run­gen und Ver­pfle­gung. Vie­le Nie­der­län­der ha­ben am En­de ih­res Stu­di­um Tau­sen­de Eu­ro Schul­den.

In Gro­n­in­gen hat die Stadt nun Not­un­ter­künf­te ein­ge­rich­tet: Feld­bet­ten in Zel­ten. Ko­jen auf ei­nem Ho­tel­schiff - mit 1300 Eu­ro pro Mo­nat auch nicht ge­ra­de ein Schnäpp­chen. Nun soll das Con­tai­ner­dorf bei der al­ten Zu­cker­fa­brik die schlimms­te Not lin­dern.

Früh su­chen

Der 21-jäh­ri­ge Hen­drik Mey­er aus Ham­burg hat­te Glück, er hat ein Zim­mer für 350 Eu­ro ge­fun­den. „Du musst sehr früh mit der Su­che an­fan­gen“, sagt er. Er selbst hat schon im März be­gon­nen. Im Ju­ni fand er das Zim­mer und hat es gleich ge­mie­tet, lan­ge be­vor das Psy­cho­lo­gie-Stu­di­um be­gann.

Vie­le an­de­re aber ha­ben nicht so viel Glück. Man­che schla­fen noch auf Cam­ping­plät­zen, an­de­re auf dem So­fa bei Be­kann­ten oder im Hos­tel. „Das ist un­halt­bar“, sagt Jo­li­en Brui­ne­woud (run­des Foto) vom Stu­den­ten­bund. „Man­che aus­län­di­sche Stu­den­ten ge­ben auf und fah­ren wie­der nach Hau­se.“

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