Die klei­nen Le­bens­freu­den des Al­f­red Bio­lek

Amerika Woche - - Promi Special -

Al­f­red io­lek war ein Vier­tel ahr­hun­dert im

ern­se­hen prä­sent. Heu­te lebt er völ­lig zur ck­ge­zo­gen. öln ver­lässt er nicht mehr, sein ages­ab­lauf ist im­mer gleich. s gibt aber noch

omen­te, in de­nen er das Le­ben ge­nießt.

Ganz lang­sam be­tritt Al­f­red Bio­lek den Raum. Sein Ad­op­tiv­sohn Scott Bio­lek-Rit­chie stützt ihn. Der schma­le al­te Herr macht win­zi­ge Schrit­te. Vor­sich­tig lässt er sich in ei­nen Ses­sel sin­ken. Zer­brech­lich wirkt er und et­was ent­rückt. Aber dann reicht ihm der Kell­ner ei­nen klei­nen Be­cher mit Va­nille­creme-Pud­ding. Bio­lek pro­biert ei­nen Löf­fel da­von - und so­fort geht ein Leuch­ten über sein Ge­sicht. „Hmmmm! Le­cker!“Mit ei­nem Mal hat er wie­der die glei­che Mi­mik wie da­mals in sei­nen Koch­sen­dun­gen.

Nach län­ge­rer Zeit be­sucht Bio­lek an die­sem son­ni­gen Nach­mit­tag mal wie­der „Bio‘s Bar“in ei­nem Köl­ner Ho­tel. Es ist ei­ne Art be­geh­ba­rer Schrein. Hier sind sei­ne Fern­seh­prei­se aus­ge­stellt, die Bam­bis und Gol­de­nen Ka­me­ras, hier hän­gen Schwar­zweiß-Fo­tos von sei­nen gro­ßen Show-Mo­men­ten an den Wän­den: Er mit US-En­ter­tai­ner Sam­my Da­vis Ju­ni­or in „Bio‘s Bahn­hof“oder zu­sam­men mit Mo­de­schöp­fer Karl La­ger­feld. Ei­ne Zeich­nung von Schau­spie­ler Pe­ter Us­ti­nov, ein Dan­kes­schrei­ben der eng­li­schen Ko­mi­ker­grup­pe Mon­ty Py­thon.

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert war der pro­mo­vier­te Ju­rist ei­ne fes­te Grö­ße im Fern­se­hen, al­lein die Talk­show „Bou­le­vard Bio“lief zwölf Jah­re. Das Pu­bli­kum lieb­te ihn mit all sei­nen Schrul­lig­kei­ten. Der steif durch­ge­drück­te Ober­kör­per, die Stich­wort­kärt­chen, das Räus­pern, die „Ähs“- all das ge­hör­te zu Bio. Mit „Al­f­re­dis­si­mo“eta­blier­te er 1994 ei­ne der ers­ten Koch­shows.

Mitt­ler­wei­le kocht er schon seit Jah­ren nicht mehr. „Ich bin 84, da ist das ein­fach zu müh­sam.“Aber er hat sei­ne ge­sam­mel­ten Re­zep­te, 600 an der Zahl, der Nach­welt hin­ter­las­sen, in ei­nem di­cken Band mit ver­gol­de­ten Sei­ten, ei­nem Werk von na­he­zu bi­bli­schem Ge­wicht: „Die Re­zep­te mei­nes Le­bens“. Jetzt im Al­ter ha­be er ei­ne neue Vor­lie­be für Des­serts und Ku­chen ent­wi­ckelt, er­zählt er - und greift zu ei­nem „Ame­ri­ka­ner“mit Zu­cker­guss.

Ein schwe­rer Trep­pen­sturz hat 2010 sein Le­ben ver­än­dert. Er lag im Ko­ma, wuss­te da­nach nicht mehr, wer er war. Scott las ihm sei­ne ei­ge­nen Me­moi­ren vor, so kam die Er­in­ne­rung zu­rück. Seit­dem lebt Al­f­red Bio­lek sehr zu­rück­ge­zo­gen. Der einst un­er­müd­li­che Rei­sen­de ver­lässt Köln heu­te nicht mehr.

Sein Ta­ges­ab­lauf ist im­mer gleich. Er steht nicht vor neun Uhr auf, früh­stückt im Mor­gen­man­tel. Da­nach legt er sich noch mal auf die Couch. Mit­tags schaut Scott vor­bei, und er isst ein Häpp­chen, „was Sü­ßes“. Nach­mit­tags kommt oft ein Freund und nimmt ihn mit raus zum Spa­zie­ren­ge­hen, et­wa in den Stadt­gar­ten, Kölns äl­tes­ten Park. Der liegt di­rekt vor sei­ner Haus­tür. Im Mo­ment fär­ben sich dort ge­ra­de die Blät­ter, dann ist es be­son­ders schön.

Abends schaut Bio­lek fern. „Aber nie ei­ne gan­ze Sen­dung. Ich zap­pe.“Oder er be­kommt Be­such, und sie es­sen zu­sam­men, schwel­gen in Er­in­ne­run­gen. Plau­dern über lang ver­stor­be­ne Kol­le­gen wie „Ru­di“. Ru­di Car­rell, mit dem er in den 70ern die Spiel­show „Am lau­fen­den Band“pro­du­zier­te. Die­se ge­mein­sa­men Es­sen mit Freun­den sind die schöns­ten Mo­men­te, die er noch hat. Dann ist er zu­frie­den, viel­leicht glück­lich.

„Ich es­se ja gern Sü­ßes“, sagt er wie zur Ent­schul­di­gung und greift noch mal nach dem Va­nille­cremePud­ding. Manch­mal wird er auf sei­nen Spa­zier­gän­gen an­ge­spro­chen. „Nur die äl­te­ren Leu­te, die jün­ge­ren ha­ben mich ja nie ge­se­hen.“Wo­bei, an­spre­chen: Eher zei­gen die Äl­te­ren, dass sie ihn er­ken­nen. „Di­rekt an­spre­chen, das tun sehr we­ni­ge.“2003 hat­te er sei­ne Talk­show auf­ge­ge­ben, 2007 die WDRKoch­show. „Mei­ne Zeit ist jetzt zu En­de“, sag­te Bio­lek da­mals.

Er stellt den Pud­ding weg: „Der war gut.“Bis­her war das Tref­fen ei­ne zwang­lo­se Plau­de­rei, aber jetzt wird es ernst: Es soll noch ein kur­zes Vi­deo auf­ge­nom­men wer­den. „Okay“, sagt er. So­fort setzt er sich et­was auf­rech­ter hin und schmun­zelt in die Ka­me­ra. „Mir geht‘s gut“, ver­si­chert er auf Nach­fra­ge, „sehr gut“. Die Ant­wor­ten kom­men jetzt flüs­si­ger, die Stim­me ist fes­ter.

„Die Ka­me­ra liebt dich“, schwärmt Scott an­schlie­ßend. „Im­mer noch. Du schaust da durch, und es ist wie vor 20 Jah­ren.“Der so Ge­lob­te geht nicht dar­auf ein. Statt­des­sen fragt er: „Darf ich noch was es­sen?“„Hau rein!“, feu­ert ihn Scott an. Wer ei­nen so gu­ten Ap­pe­tit hat, kann ei­gent­lich noch nicht so bald ab­tre­ten. „Es kann sein, dass ich noch 100 wer­de“, be­stä­tigt er. „Aber ir­gend­wann kommt er, der Tod. Das ist die nor­mals­te Sa­che der Welt. Und dann ist es auch gut.“Scott hilft sei­nem Ad­op­tiv­va­ter aus dem Ses­sel. Sie ver­ab­schie­den sich, und vor­sich­tig tas­tend geht es wie­der hin­aus. Ganz lang­sam. Aber das macht ja nichts. Al­f­red Bio­lek hat Zeit. Und er hat Scott.

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