EU-Gip­fel: Kurz will end­gül­ti­ge Ab­kehr von Quo­ten­lö­sung bei Asyl

Der EU fal­len Lö­sun­gen für schwe­len­de The­men zu­neh­mend schwer. Nun prescht der ös­ter­rei­chi­sche Rats­vor­sitz in der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik vor. Ist das der Aus­weg aus der Sack­gas­se?

Amerika Woche - - Alpenregion -

Nach jah­re­lan­gem Still­stand im EU-Asyl­streit for­dert Ös­ter­reich, die Pflicht zur Auf­nah­me von Flücht­lin­gen für al­le Mit­glied­staa­ten end­gül­tig fal­len zu las­sen. Nö­tig sei ein Aus­weg aus der Sack­gas­se, sag­te der Kanz­ler und der­zei­ti­ge EU-Rats­vor­sit­zen­de Se­bas­ti­an Kurz beim Gip­fel in Brüs­sel. Dort woll­te er mit der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel und den üb­ri­gen EU-Kol­le­gen Kom­pro­miss­li­ni­en in der Mi­gra­ti­ons­po­li­tik su­chen, aber auch bei den sto­cken­den Re­for­men der Eu­ro­zo­ne.

In bei­den Fel­dern geht seit Mo­na­ten nichts vor­an. Die Gip­fel­be­schlüs­se gin­gen auf Kurz‘ Vor­schlag noch nicht ein, son­dern be­kräf­tig­ten le­dig­lich ei­ni­ge kon­sens­fä­hi­ge Punk­te. Da­zu zählt, dass der Kampf ge­gen Men­schen­schlep­per ver­stärkt wer­den müs­se. Beim Aus­bau der Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex sol­len ge­mein­sa­me Stan­dards des Au­ßen­grenz­schut­zes ge­si­chert wer­den. Ei­nig war man sich dar­in, dass die EU sich bes­ser ge­gen Cy­ber-Atta­cken und An­grif fe mit Che­mie­waf­fen wapp­nen müs­se. Zu den seit mehr als ei­nem Jahr vor­be­rei­te­ten Eu­ro­zo­nen-Re­for­men wa­ren von An­fang an kei­ne Be­schlüs­se ge­plant.

Zum Gip­fel­auf­takt war beim The­ma Br­ex­it kein Durch­bruch ge­lun­gen. Die 27 blei­ben­den EU-Staa­ten be­klag­ten, dass bei den Ver­hand­lun­gen für ei­nen Aus­tritts­ver­trag mit Groß­bri­tan­ni­en die ent­schei­den­den Fort­schrit­te im­mer noch fehl­ten. Ein er wo­ge­ner Son­der­gip­fel im No­vem­ber wur­de nicht be­schlos­sen, son­dern le­dig­lich die For tset­zung der Ge­sprä­che fest­ge­legt. Da­mit bleibt es bei der für Wirt­schaft und Bür­ger auf bei­den Sei­ten ent­ner­ven­den Hän­ge­par­tie.

In der Br­ex­it-Fra­ge tre­ten die 27 blei­ben­den Staa­ten ge­schlos­sen ge­gen Groß­bri­tan­ni­en, das letzt­end­lich doch die bes­se­ren Kar­ten hält, auf - bei an­de­ren wich­ti­gen EU-The­men sind sie je­doch tief zer­strit­ten, vor al­lem in Grund­satz­fra­gen der Flücht­lings­po­li­tik. Ein EU-Gip­fel im Ju­ni hat­te zwar un­ter an­de­rem die Ein­rich­tung von „kon­trol­lier­ten Zen­tren“in der EU und so­ge­nann­ten Aus­schif fungs­platt­for­men in Nord­afri­ka be­schlos­sen. Ei­ne Um­set­zung ist je­doch nicht ab­seh­bar.

Der lu­xem­bur­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Xa­vier Bet­tel sag­te zu den „Aus­schif­fungs­platt­for­men“: „Je­der fin­det es ei­ne tol­le Idee, aber kei­ner will sie bei sich ha­ben. Das macht es schon kom­pli­ziert.“Die ge­wünsch­te en­ge­re Zu­sam­men­ar­beit mit nord­afri­ka­ni­schen Staa­ten wie Ägypten sei kom­pli­zier­ter als ge­dacht. Bet­tel poch­te auf So­li­da­ri­tät zwi­schen den EU­Staa­ten, die auch Lu­xem­burg hoch­hal­te: „Man kann nicht in Eu­ro­pa nur Vor­tei­le se­hen und, wenn es dann um So­li­da­ri­tät geht, sa­gen: Ich will es nicht.“Dass es da­bei um ei­ne von Deutsch­land auf­er­zwun­ge­ne „So­li­da­ri­tät“geht, er­wähn­te Bet­tel frei­lich nicht.

Kanz­ler Kurz will die Idee der So­li­da­ri­tät nun aber neu fas­sen, jen­seits der ver­pflich­ten­den Quo­ten für Län­der. Der „Weg der So­li­da­ri­tät“be­deu­te, „dass je­der ei­nen Bei­trag leis­tet - dort, wo er das kann und dort, wo er sinn­voll ist“, mein­te Kurz. Ge­gen die Idee, dass Län­der gar kei­ne Men­schen auf­neh­men, hat­te sich na­tür­lich - vor al­lem Deutsch­land in der EU-De­bat­te lan­ge ge­sperrt. Bei öst­li­chen EU-Län­dern, die sich ge­gen Auf­nah­me­quo­ten sper­ren, rennt Kurz hin­ge­gen of­fe­ne Tü­ren ein. „Es zeigt, dass sie ver­stan­den ha­ben, in wel­che Rich­tun­gen die gan­ze EU nun ge­hen soll­te“, sag­te der pol­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ma­teusz Mora­wi­ecki.

The­ma am Ran­de des Gip­fels war der Streit Ita­li­ens mit der EUKom­mis­si­on we­gen des Haus­halts für 2019, der deut­lich mehr neue Schul­den vor­sieht als zu­vor zu­ge­sagt. Die EU-Kom­mis­si­on hat den Haus­halts­ent­wurf in­des zu­rück­ge­wie­sen, Ita­li­en will den­noch dar­an fest­hal­ten, sich nichts von „nicht ge­wähl­ten Bü­ro­kra­ten in Brüs­sel“vor­schrei­ben las­sen.

Kurz sag­te, er sei ein Ver­fech­ter der Maas­tricht-Kri­te­ri­en, die das Haus­halts­de­fi­zit und die Ge­samt­ver­schul­dung der Eu­ro­staa­ten de­ckeln. Die­se „ver­hin­dern ei­ne Über­schul­dung von Staa­ten, die ge­fähr­lich für die Staa­ten, aber vor al­lem auch ge­fähr­lich für ganz Eu­ro­pa sein kann“, sag­te der Kanz­ler.

Der ita­lie­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Gi­u­sep­pe Con­te (Fo­to un­ten) äu­ßer­te Ver­ständ­nis für die Vor­be­hal­te. „Mir ist voll­kom­men be­wusst, dass das kein Haus­halts­ent­wurf ist, den sich die Kom­mis­si­on er­hofft hat“, sag­te Con­te. „Wir wer­den na­tür­lich auf die kri­ti­schen Ein­wän­de ant­wor­ten.“Ent­schei­dend für Ita­li­en sei aber die Wachs­tums­per­spek­ti­ve. Die deut­sche Kanz­le­rin Mer­kel ha­be sich „sehr be­ein­druckt“von den in Rom ge­plan­ten Struk­tur­re­for­men ge­zeigt.

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