Dro­gen im Stra­ßen­ver­kehr: Ex­per­ten war­nen vor Le­gal Highs

Amerika Woche - - Wissenschaft -

Der Kick ist nur we­ni­ge Klicks ent­fernt: Wer auf der Su­che nach be­rau­schen­den Stof­fen das In­ternt durch­fors­tet, wird schnell fün­dig. Un­ter dem Be­griff Le­gal Highs wer­den dort vie­le Sub­stan­zen als ver­meint­li­che le­ga­le und harm­lo­se Rausch­mit­tel be­wor­ben, die Ex­pe­ri­men­tier­freu­di­ge per Post ins Haus be­stel­len kön­nen. Doch die Stof­fe ha­ben es in sich: Schon ein paar Zü­ge an ei­ner „Kräu­ter­zi­ga­ret­te“kön­nen ei­ne Ohn­macht her­vor­ru­fen, ag­gres­si­ves Ver­hal­ten, Herz­ra­sen oder Psy­cho­sen zur Fol­ge ha­ben.

Ne­ben die­sen un­mit­tel­ba­ren ge­sund­heit­li­chen Ri­si­ken se­hen Fach­leu­te ei­ne wei­te­re Ge­fahr: Die Sub­stan­zen sei­en ein un­ter­schätz­tes Ri­si­ko im Stra­ßen­ver­kehr, warn­ten sie vor ei­nem Sym­po­si­um der Deut­schen Ge­sell­schaft für Ver­kehrs­me­di­zin und der Deut­schen Ge­sell­schaft für Ver­kehrs­psy­cho­lo­gie, das vor kur­zem in in Saar­brü­cken ab­ge­hal­ten wur­de. Dort dis­ku­tie­ren Ärz­te, To­xi­ko­lo­gen, Psy­cho­lo­gen und Ju­ris­ten wie die Stof­fe die Ver­kehr­stüch­tig­keit be­ein­flus­sen, wie sie sich nach­wei­sen und wie sich Dro­gen­fahr­ten ver­hin­dern las­sen.

„Die Sub­stan­zen wir­ken oft sehr viel stär­ker als et­wa Can­na­bis oder an­de­re her­kömm­li­che Dro­gen und wer­den oft über­do­siert“, er­läu­tert To­xi­ko­lo­gin Na­di­ne Schä­fer vom In­sti­tut für Rechts­me­di­zin der Uni­ver­si­tät des Saar­lan­des in Hom­burg. Die kör­per­li­chen Aus­wir­kun­gen sei­en je nach Sub­stanz sehr va­ria­bel.

„Wie ge­nau wel­cher Stoff in wel­cher Kon­zen­tra­ti­on wirkt dar­über wis­sen wir noch viel zu we­nig“, so die Ta­gungs­lei­te­rin des Sym­po­si­ums. Be­son­ders pro­ble­ma­tisch im Stra­ßen­ver­kehr: Mit her­kömm­li­chen Tests las­sen sich die Sub­stan­zen meist nicht oder nur sehr schwer nach­wei­sen.

Fach­leu­te fas­sen die Le­gal Highs un­ter dem Be­griff neue psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen (NPS) zu­sam­men. Es han­delt sich um syn­the­ti­sche Mit­tel, die als Al­ter­na­ti­ve zu be­kann­ten Dro­gen wie Can­na­bis, Ecs­ta­sy oder Am­phet­ami­nen ver­mark­tet wer­den. Sie wer­den als Kräu­ter­mi­schung, ge­tarnt als Ba­de­salz oder Luf­ter­fri­scher an­ge­bo­ten und tra­gen Na­men wie Sum­mer High, Burning Skull oder Par­ty Beast. Ih­re Wir­kung wird of­fen­siv be­wor­ben: „Bau Dir ei­ne Mons­ter­si­chel und schä­del Dich de­zent für ein Stünd­chen oder mehr da­hin, wo sich Auf­re­gung und Hek­tik nicht hin­trau­en“, schreibt ein An­bie­ter. Der Er­werb sei „ab­so­lut le­gal“und für den Käu­fer mit kei­ner­lei Ri­si­ken ver­bun­den.

„Das ist so si­cher nicht rich­tig“, sagt Lud­wig Kraus, Epi­de­mio­lo­ge vom IFT In­sti­tut für The­ra­pie­for­schung in Mün­chen: „Wer sol­che Dro­gen im In­ter­net be­stellt, weiß nicht, was er be­kommt - we­der ob es le­gal ist, noch wie es wirkt. Das ist wie ei­ne gro­ße Black Box.“Das be­legt die Zahl der jähr­li­chen To­des­fäl­le: Al­lein 2017 sei­en 75 Men­schen nach dem Kon­sum von NPS ge­stor­ben, be­rich­te­te das Bun­des­kri­mi­nal­amt im Mai. 2016 wa­ren es laut Dro­gen- und Sucht­be­richt der Bun­des­re­gie­rung so­gar schon 98 To­te.

Ge­nau wie an­de­re Dro­gen be­ein­träch­ti­gen die Sub­stan­zen die Fahr­tüch­tig­keit. „Syn­the­ti­sche Can­na­bi­no­ide wir­ken oft dämp­fend und füh­ren zu nach­las­sen­der Auf­merk­sam­keit“, sagt To­xi­ko­lo­gin Schä­fer. Sol­che Fah­rer fie­len oft durch sehr lang­sa­mes Fah­ren auf. Ganz an­ders wir­ken et­wa Sti­mu­lan­zi­en. Sie er­hö­hen zwar die Wach­sam­keit, aber auch die Ri­si­ko­be­reit­schaft. Ra­s­an­tes Fahr­ver­hal­ten sei die Fol­ge.

Bei Ver­kehrs­kon­trol­len lässt sich ein Kon­sum der­ar­ti­ger Dro­gen nicht nach­wei­sen - oder nur nach um­fang­rei­chen Ana­ly­sen. Lie­fer­ten Ate­m­al­ko­hol- und Dro­gen­schnell­tests bei auf­fäl­li­gen Fah­rern kein Er­geb­nis, wer­de ei­ne Blut­pro­be ent­nom­men und im La­bor un­ter­sucht, er­läu­tert Schä­fer. Auch so sei der Nach­weis von NPS kein Kin­der­spiel, weil die Sub­stan­zen sehr va­ria­bel sei­en und Her­stel­ler die Re­zep­tu­ren stän­dig än­der­ten. „Das ist ein Kat­zund-Maus-Spiel.“

Seit No­vem­ber 2016 gibt es in Deutsch­land ein Ge­setz für den Um­gang mit die­sen neu­ar­ti­gen Dro­gen. Im Neue psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen Ge­setz (NPSG) sind zwei Stoff­grup­pen als ver­bo­ten ge­lis­tet, die ei­ne Rei­he von Ein­zel­sub­stan­zen um­fas­sen: die syn­the­ti­schen Can­na­bi­no­ide und die Phenethyl­a­mi­ne. Der Kon­sum die­ser Stof­fe bleibt straf­frei, aber Er­werb, Be­sitz und Han­del sind ver­bo­ten und wer­den be­straft.

Vor Ein­füh­rung des NPSG wur­den ein­zel­ne Sub­stan­zen zu­meist im Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz als ver­bo­ten auf­ge­lis­tet. Doch durch win­zi­ge Än­de­run­gen an der che­mi­schen Struk­tur um­gin­gen Dro­gen­kö­che das Ge­setz schnel­ler, als die­ses um neue Stof­fe er­wei­tert wer­den konn­te. Das sol­len das NPSG und die Ein­füh­rung ver­bo­te­ner Stoff­grup­pen än­dern.

In­wie­weit das ge­lingt, un­ter­su­chen Wis­sen­schaft­ler um Kraus in ei­nem Pro­jekt. „Es be­steht na­tür­lich nach wie vor die Ge­fahr, dass die Her­stel­ler der Dro­gen auf an­de­re Sub­stan­zen aus­wei­chen“, sagt Kraus. Schlimms­ten­falls sind die so­gar noch ge­fähr­li­cher als die ver­bo­te­nen Stof­fe. Er­geb­nis­se sol­len im Som­mer 2019 vor­lie­gen. In Eu­ro­pa sank die Zahl der neu­er­fass­ten Stof­fe zu­letzt. 2014 wur­den laut Eu­ro­päi­schem Dro­gen­be­richt noch 101 Sub­stan­zen erst­mals nach­ge­wie­sen, im Jahr 2017 nur noch 51 - mög­li­cher­wei­se ei­ne Fol­ge na­tio­na­ler Ge­set­ze wie dem NPSG, heißt es in dem Be­richt.

Auf den Ver­kaufs­sei­ten wer­ben Ver­trei­ber in­des wei­ter für ih­re Pro­duk­te, oft mit dem Hin­weis „Un­ter­liegt nicht dem NPSG“. Ver­las­sen soll­ten sich die Nut­zer dar­auf nicht, sagt Kraus. Selbst Händ­ler wüss­ten oft nicht, was in den Mi­schun­gen ste­cke. Das Ri­si­ko sei er­heb­lich, il­le­ga­le und ge­fähr­li­che Sub­stan­zen zu er wi­schen.

Laut Eu­ro­päi­schem Dro­gen­be­richt wer­den vie­le Sub­stan­zen in Chi­na in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt. In Eu­ro­pa er­folg­ten Wei­ter­ver­ar­bei­tung, Ver­pa­ckung und Ver­kauf. Das Aus­maß des Pro­blems sei schwer zu fas­sen, von ei­ner Epi­de­mie kön­ne man nicht spre­chen, be­tont Kraus. In ih­rem Dro­gen- und Sucht­be­richt 2017 spricht die Bun­des­re­gie­rung von knapp 460.000 Kon­su­men­ten zwi­schen 18 und 64 Jah­ren im vor­he­ri­gen Jahr, die meis­ten Nut­zer in der Grup­pe der 18- bis 20-Jäh­ri­gen.

Wel­che Rol­le NPS im Stra­ßen­ver­kehr spie­len, ist schwer zu be­zif­fern. Laut Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um hat sich die Zahl der Ver­kehrs­un­fäl­le nach Dro­gen­kon­sum in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ver­drei­facht. Dar­un­ter fie­len Can­na­bis, He­ro­in, Ecs­ta­sy, Speed oder an­de­re Am­phet­ami­ne. Zu ver­nach­läs­si­gen sei das Pro­blem je­den­falls nicht, sagt To­xi­ko­lo­gin Schä­fer. „Die Dun­kel­zif­fer ist ver­mut­lich hoch.“Na­he­lie­gend, wenn die Stof­fe kaum nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen

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