Ein fast un­be­kann­ter Schatz aus Kno­chen - Kriegs­ge­schich­te

Ske­let­te und Sch del iens atur­his­to­ri­sches use­um hat ei­ne der um­fang­reichs­ten an­thro­po­lo­gi­schen Samm­lun­gen der elt. ür ei­ne Aus­stel­lung über den rieg wer­den sie nun in be­son­de­rer ei­se pr sen­tiert.

Amerika Woche - - Kultur -

Die Vi­tri­nen wir­ken aus der Fer­ne wie et­was ver­staub­te Bü­cher­re­ga­le. Doch in den Glas­schrän­ken des Na­tur­his­to­ri­schen Mu­se­ums (NHM) in Wi­en la­gern To­ten­schä­del aus Tau­sen­den Jah­ren. Mit 40.000 Ob­jek­ten be­sitzt das NHM ei­ne der größ­ten Kno­chen­samm­lun­gen der Welt. In der Schau „Krieg. Auf den Spu­ren ei­ner Evo­lu­ti­on“, die bis En­de April zu se­hen ist, zeu­gen die men­sch­li­chen Über­res­te von der Ge­walt, zu der der Mensch fä­hig ist.

Ein Tief­punkt: Das Mas­sen­grab von 47 Op­fern der Schlacht von Lüt­zen im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg. Bis­her war es nur im Lan­des­mu­se­um für Vor­ge­schich­te in Hal­le an der Saa­le zu se­hen. „Es han­delt sich um Kämp­fer bei­der Sei­ten im Al­ter von 15 bis 50 Jah­ren“, sagt Ka­rin Wilt­sch­ke, stell­ver­tre­ten­de Lei­te­rin der os­teo­lo­gi­schen Samm­lung.

Die Aus­stel­lung, die sich als ar­chäo­lo­gi­sche Spu­ren­su­che über ei­nen Zei­t­raum von 7000 Jah­ren be­greift, dau­ert bis zum 28. April. Sie ist ei­ne der sel­te­nen Ge­le­gen­hei­ten, Tei­le der Kno­chen­samm­lung des NHM zu se­hen. Nor­ma­ler­wei­se wird nur ein To­ten­schä­del in der an­thro­po­lo­gi­schen Dau­er­aus­stel­lung des Mu­se­ums aus­ge­stellt. Der Groß­teil der Ob­jek­te la­gert in den Vi­tri­nen­schrän­ken oder im mu­se­um­s­ei­ge­nen Tie­fen­de­pot.

Dass die os­teo­lo­gi­sche Samm­lung in der Öf­fent­lich­keit ein Schat­ten­da­sein führt, stört Ka­rin Wilt­sch­ke nicht. „Die Samm­lung ist nicht da­zu da, dass sie mög­lichst vie­le Men­schen se­hen, son­dern vor al­lem für die Wis­sen­schaft be­stimmt“, er­klärt die stu­dier­te Bio­lo­gin. Und in der in­ter­na­tio­na­len Fach­welt ge­nie­ße die Kol­lek­ti­on ei­nen gu­ten Ruf: „Hier la­gert ein ein­zig­ar­ti­ger an­thro­po­lo­gi­scher Schatz, den wir ge­mein­sam mit For­schern aus al­ler Welt un­ter­su­chen.“

Auch in Deutsch­land gibt es In­sti­tu­te, die sich wis­sen­schaft­lich mit den men­sch­li­chen Über­res­ten al­ter Zei­ten be­fas­sen. „An­de­re Wis­sen­schafts­zwei­ge wie die DNAFor­schung ha­ben mo­men­tan zwar ei­nen pro­mi­nen­te­ren Ruf, aber die klas­si­sche os­teo­lo­gi­sche Samm­lung er­lebt ei­ne ge­wis­se Re­nais­sance“, sagt der Ku­ra­tor der et­wa 10.000 Ob­jek­te um­fas­sen­den Samm­lung an der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, Micha­el Francken. Die For­schung mer­ke, dass mit neu­en Me­tho­den aus den Kno­chen noch viel de­tail­lier­te­re Er­kennt­nis­se zu ge­win­nen sei­en.

Die Ske­let­te und Schä­del der Wie­ner Samm­lung sind Hun­der­te oder gar Tau­sen­de Jah­re alt - die äl­tes­ten Schä­del und Kno­chen rund 35.000 Jah­re. Ein gro­ßer Teil der Samm­lung stammt aus Ös­ter­reich, ei­ni­ge Ob­jek­te aber auch aus Afri­ka, Süd­ame­ri­ka oder Ozea­ni­en. Den Grund­stock leg­ten For­schungs­rei­sen­de im 18. und 19. Jahr­hun­dert.

Teil­wei­se wur­den die Stü­cke je­doch auf frag­wür­di­ge Wei­se er­wor­ben - bis heu­te ein Po­li­ti­kum. Vor al­lem Ur­ein­woh­ner der Her­kunfts­län­der for­dern im­mer wie­der die Her­aus­ga­be ih­rer Vor­fah­ren. Vor ei­ni­gen Jah­ren gab das Mu­se­um rund 30 Ob­jek­te an aus­tra­li­sche Abori­gi­nes zu­rück, ak­tu­ell lau­fen Ver­hand­lun­gen über Rück­ga­ben an in­di­ge­ne Stäm­me in Neu­see­land. „Die­se Ge­sprä­che sind sehr lang­wie­rig, weil wir schwer fest­stel­len kön­nen, wo­her ge­nau die Schä­del wirk­lich stam­men un­ab­hän­gig da­von, ob sie da­mals ge­schenkt, ge­kauft oder ge­raubt wur­den“, er­klärt Wilt­sch­ke.

Doch wel­chen Nut­zen hat es, To­ten­schä­del und Ske­let­te auf­zu­be­wah­ren? „Wich­tig ist un­se­re Samm­lung für Wis­sen­schaft­ler, vor al­lem für An­thro­po­lo­gen, die an den Kno­chen evo­lu­tio­nä­re Ve­rän­de­run­gen er­for­schen. Und für Me­di­zi­ner, die die Va­ria­ti­ons­brei­te des men­sch­li­chen Kör­pers un­ter­su­chen“, sagt Wilt­sch­ke. Ein ak­tu­el­les For­schungs­pro­jekt et­wa wid­me sich der Fra­ge, wie sich weib­li­che Be­cken­kno­chen durch ei­ne Schwan­ger­schaft ver­än­der­ten.

Zu­dem las­se sich er­for­schen, wie sich Er­näh­rung oder Krank­hei­ten auf das mensch­li­che Ske­lett aus­wirk­ten. His­to­ri­ker und Archäo­lo­gen er­fah­ren Nä­he­res über Mi­gra­ti­ons­strö­me, Er­näh­rungs­ge­wohn­hei­ten und be­waff­ne­te Kon­flik­te bei un­se­ren Vor­fah­ren.

Die knö­cher­nen Zeug­nis­se der Ge­walt las­sen noch heu­te beim Be­trach­ter den Schmerz und die Qu­al, den schnel­len oder lang­sa­men Tod er­ah­nen. In ei­ner Vi­tri­ne liegt ein Ske­lett, bei dem ein mit­tel­al­ter­li­ches Schwert einst den Kopf vom Kör­per trenn­te. Auch ein 25 bis 30 Jah­re al­ter Mann wur­de et­wa im Jahr 1000 mit zahl­rei­chen Hie­ben ge­tö­tet. Sein Un­ter­kie­fer wur­de laut Wilt­sch­ke da­bei fast ab­ge­trennt, sein Schä­del mit min­des­tens drei Hie­ben trak­tiert.

Ge­ra­de das Mas­sen­grab von Lüt­zen, ei­ner Schlacht mit et­wa 6000 Op­fern in­ner­halb we­ni­ger St­un­den, drängt ei­ne ge­ne­rell gül­ti­ge Er­kennt­nis auf, wie Wilt­sch­ke sagt: „Krieg ist zu je­der Zeit grau­sam.“

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