Na­tur­schutz am DDR-To­des­strei­fen

Amerika Woche - - Kaleidoskop -

Ich woll­te das selbst se­hen“, sagt Chun Jae Kyong (im Fo­to oben links). Der Süd-ko­rea­ner steht an ei­nem son­ni­gen Ok­to­ber­tag im thü­rin­gi­schen Ifta auf dem Ko­lon­nen­weg, wo bis 1989 DDR-Mi­li­tär­fahr­zeu­ge an der in­ner­deut­schen Gren­ze pa­trouil­lier­ten. Chun vom staat­lich ge­för­der­ten süd­ko­rea­ni­schen Na­tio­nal Na­tu­re Trust hat zu­sam­men mit der Um­welt­ex­per­tin Hwang Eun Ju Tau­sen­de Ki­lo­me­ter zu­rück­ge­legt, um ein Ge­biet zu se­hen, von dem er nach ei­ge­nem Be­kun­den schon viel ge­le­sen hat: das Grü­ne Band. Ein Na­tur­re­fu­gi­um durch Deutsch­land, zu dem sich der eins­ti­ge To­des­strei­fen 29 Jah­re nach dem Mau­er­fall ent­wi­ckelt hat.

Thü­rin­gens Um­welt­mi­nis­te­rin An­ja Sie­ges­mund (Grü­ne, Fo­to rechts un­ten) hat die Süd­ko­rea­ner zu dem Spa­zier­gang auf dem ver­wit­ter­ten Be­ton­weg durch recht wil­de Na­tur mit bunt ge­färb­ten Blät­tern ein­ge­la­den. Sie will das Grü­ne Band per Ge­setz als Na­tur­mo­nu­ment schüt­zen. Im­mer­hin sei es in Thü­rin­gen 763 Ki­lo­me­ter lang - et­wa die Hälf­te der Ge­samt­län­ge durch Deutsch­land und et­wa drei Mal so lang wie die Gren­ze zwi­schen Nord- und Süd­ko­rea mit knapp 250 Ki­lo­me­tern.

Das Ge­setz ha­be zwei Zie­le: die Per­len­ket­te ver­schie­de­ner Bio­to­pe zu er­hal­ten und gleich­zei­tig ei­nen er­leb­ba­ren Er­in­ne­rungs­ort an die deut­sche Tei­lung zu be­wah­ren. Als Sie­ges­mund hör­te, dass zur Eu­ro­päi­schen Grü­ne-Band Kon­fe­renz, die vor kur­zem auf der Wart­burg bei Ei­se­nach statt fand, auch Ver­tre­ter aus dem ge­teil­ten Ko­rea kom­men, war für sie klar: „Die musst du tref­fen.“

Bei dem Spa­zier­gang an dem ge­schichts­träch­ti­gen Ort na­he der Lan­des­gren­zen von Thü­rin­gen und Hes­sen wird viel dis­ku­tiert. Chun stellt im­mer wie­der Fra­gen: Wem ge­hö­ren die Flä­chen am Grü­nen Band? Wer hat sie ge­kauft? Sieht der Ko­lon­nen­weg über­all so aus? Gibt es Lü­cken im Grü­nen Band? Was steht in dem Thü­rin­ger Ge­setz, das der Land­tag mög­li­cher­wei­se im No­vem­ber nach mehr als ein­jäh­ri­ger De­bat­te be­schließt?

Auf der ko­rea­ni­schen Halb­in­sel zieht sich die de­mi­li­ta­ri­sier­te Zo­ne (DMZ), von der Hwang spricht, eben­falls wie ein grü­nes Band zwi­schen dem süd­li­chen und nörd­li­chen Teil ent­lang. Na­tur­schüt­zer schät­zen die vier Ki­lo­me­ter brei­te Puf­fer­zo­ne als üp­pi­ges, na­tur­na­hes Öko­sys­tem. Es ist fast un­be­rührt von Men­schen, ei­ne Art Nie­mands­land.

Doch die Rei­hen von über­manns­ho­hen Elek­tro­zäu­nen, St­a­chel­draht und Grä­ben ge­nau an der De­mar­ka­ti­ons­li­nie zwi­schen Süd- und Nord­ko­rea, die zahl­rei­chen Be­ob­ach­tungs­pos­ten und pa­trouil­lie­ren­den Sol­da­ten er­in­nern dar­an, dass sich hier die an­geb­lich am stärks­ten ge­si­cher­te Gren­ze der Welt be­fin­det.

In­grid Wer­res von der Thü­rin­ger Stiftung Na­tur­schutz er­zählt, dass das Land von der Bun­des­re­gie­rung 4000 Hekt­ar Land im und am Grü­nen Band er­hielt. Aber es sei­en auch Flä­chen in Pri­vat­be­sitz. Chun be­rich­tet, dass in der DMZ et­wa 40 Pro­zent der Flä­chen in pri­va­ter Hand sei­en. „Das ist ja wie bei uns“, stellt Sie­ges­mund fest. Sie er­mun­tert ih­re Gäs­te, so viel wie mög­lich zu er­wer­ben. „Wer die Flä­chen hat, kann Na­tur­schutz be­trei­ben.“

In Süd­ko­rea sol­le ein Pro­gramm zum Flä­chen­er­werb star­ten, sagt Hwang. Da­für wür­den auch Spen­den ge­sam­melt. Ein Ge­setz si­che­re, dass die vom Trust ge­kauf­ten Flä­chen nur dem Na­tur­schutz die­nen. Aber die Prei­se sei­en in kur­zer Zeit ge­stie­gen. Auf Fra­gen, wie sich Nord­ko­rea ver­hal­te, ant­wor­tet sie aus­wei­chend: „Es gibt kei­nen di­rek­ten Kon­tak­te.“

Doch im­mer­hin be­schlos­sen Süd- und Nord­ko­rea bei ih­rem Gip­fel­tref­fen im April 2018, die mi­li­tä­ri­schen Feind­se­lig­kei­ten „im Kon­fron­ta­ti­ons­ge­biet in­klu­si­ve der DMZ“hin­ter sich zu las­sen. An ei­ni­gen Stel­len wur­de so­gar mit der Räu­mung von Land­mi­nen be­gon­nen.

Die Süd­ko­rea­ner wol­len in Thü­rin­gen nicht nur wis­sen, was gut läuft. Sie wol­len auch aus Feh­lern ler­nen, die das wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land beim Na­tur­schutz be­ging. Vi­el­leicht wä­re es bes­ser ge­we­sen, den Grenz­strei­fen gleich als Na­tio­nal­park, oder - wie in Thü­rin­gen ge­plant - als Na­tur­mo­nu­ment aus­zu­wei­sen, meint Chun.

Als dann al­le am ehe­ma­li­gen Grenz­wach­turm ste­hen, äu­ßert die ko­rea­ni­sche Um­welt­ex­per­tin Hwang ih­re Hoff­nung, dass die Wie­der­ver­ei­ni­gung von Süd- und Nord­ko­rea kommt. „Aber noch ste­hen vie­le Sol­da­ten auf bei­den Sei­ten.“Sie­ges­mund ver­sucht es mit Zu­ver­sicht: „In der DDR hat auch die Um­welt­be­we­gung zur fried­li­chen Re­vo­lu­ti­on bei­ge­tra­gen.“

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