Wie war dein Tag, Ma­til­da

Amerika Woche - - Roman -

Lass uns auf Eli­sa­beth an­s­to en , wil­ligt sie ein, aber nur ein Glas.

Es wer­den dann doch zwei, denn der Mer­lot schmeckt wirk­lich gran­di­os. Wer hät­te ge­dacht, dass sie sich für Wein be­geis­tern kann

Ma­til­da ist so gel st wie schon lan­ge nicht mehr. Zum ers­ten Mal, seit sie Mi­chels Brief ge­fun­den hat, denkt sie nicht über die tra­gi­sche Lie­bes­ge­schich­te wild­frem­der Leu­te nach, son­dern über die von Knut und Eli­sa­beth, de­ren oto auf der

' + / . 2 zeigt ei­ne strah­len­de jun­ge rau in Ka­ki­ho­sen und Je­ans­blu­se, die ein L wen­ba­by im Arm hält.

Knut folgt ih­rem Blick. Das war auf un­se­rer Hoch­zeits­rei­se in Ke­nia.

Wuss­test du so­fort, dass sie die Rich­ti­ge war

Lie­be auf den ers­ten Blick, meinst du Knut schüt­telt amü­siert den Kopf.

Im Ge­gen­teil. Sie hielt mich für ei­nen un­ge­ho­bel­ten Bau­ern und ich sie für ei­ne ar­ro­gan­te Zie­ge.

Ma­til­da lacht. Das klingt nicht ge­ra­de sehr ro­man­tisch.

Am An­fang war es das auch nicht. Aber dann Knut nippt an sei­nem Wein und schweigt ver­son­nen.

Sei­ne Ge­dan­ken rei­sen zu­rück durch die Zeit, und sei­ne blau­en Au­gen blit­zen auf ein­mal wie die ei­nes jun­gen Man­nes. Ma­til­da sieht ihn re­gel­recht vor sich: hoch­ge­wach­sen, dun­kel­haa­rig, gut in orm vom vie­len ahr­rad­fah­ren, ein reund des Wor­tes, der Ro­man­tik, fei­ner Be­ob­ach­tun­gen. Wie ent­täuscht er ge­we­sen sein

* 3 Le­ni war­te­te, die ein­fach nicht auf­tauch­te. Es muss ihn in­ner­lich zer­ris­sen, ihm das Herz ge­bro­chen ha­ben. Wahr­schein­lich ist er sei­nen Brief in Ge­dan­ken Zei­le für Zei­le durch­ge­gan­gen auf der Su­che nach dem Satz, den er bes­ser, über­zeu­gen­der hät­te for­mu­lie­ren müs­sen. Die un­ge­schickt ge­wähl­te or­mu­lie­rung, die Le­ni ab­ge­schreckt ha­ben k nn­te. der lieb­te sie ihn ein­fach nicht so sehr wie er sie Ein Gold­stück für dei­ne Ge­dan­ken , holt Knut sie zu­rück ins Hier und Jetzt. Ma­til­da braucht ei­nen Mo­ment, um sich dar­über klar zu wer­den, was ih­re an­ta­sie ihr eben für ei­nen Streich ge­spielt hat. Die­ser Mann auf dem ahr­rad, der vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ver­geb­lich auf Le­ni ge­war­tet hat, war na­tür­lich Mi­chel, nicht Knut.

Tut mir leid, ich dach­te ge­ra­de an et­was an­de­res. Willst du dar­über re­den

denkt sie. War­um ei­gent­lich nicht , sagt sie. M glich, dass es der Mer­lot ist, der Ma­til­da so red­se­lig macht. Doch nach­dem sie ein­mal an­ge­fan­gen hat zu er­zäh­len, fühlt es sich an wie ei­ne Be­frei­ung. Die Wor­te pur­zeln nur so aus ih­rem Mund, als hät­ten sie dar­auf ge­war­tet.

Knut h rt schwei­gend zu, ver­gisst so­gar, sein lee­res Glas wie­der auf­zu­fül­len, so sehr zieht Ma­til­das Ge­schich­te ihn in den Bann. Bes­ser ge­sagt: Mi­chels und Le­nis Ge­schich­te.

Das Schick­sal hat mir ei­ne unl sba­re Auf­ga­be ge­stellt , schlie t Ma­til­da. Ich bin die letz­te Chan­ce für die bei­den, we­nigs­tens noch die Wahr­heit zu er­fah­ren.

Knut legt den Kopf schief. alls sie sie nicht schon längst ken­nen.

Wie meinst du das Der Brief ist doch nicht an­ge­kom­men.

Na und Vi­el­leicht hat Mi­chel ei­nen wei­te­ren ge­schrie­ben. der sie ha­ben sich ' -.

der Le­ni ist von sich aus zu ihm zu­rück­ge­kehrt. Es gibt ei­ne Mil­li­on M glich­kei­ten, die al­le nichts mit dem ver­lo­ren ge­gan­ge­nen Brief zu tun ha­ben.

/ ' "lo­gisch. Hat sie vor lau­ter Bäu­men den Wald nicht ge­se­hen Steckt sie zu tief drin, um klar zu den­ken Ist sie durch ih­re Ar­beit der­ma en auf schrift­li­che Nach-

0 * +1 * auch an­de­re We­ge der Kom­mu­ni­ka­ti­on in Be­tracht zu zie­hen

Doch nach kur­zem Z gern schüt­telt sie ent­schlos­sen den Kopf. Theo­re­tisch hast du recht, aber so ist es nicht ge­we­sen. Das wei ich ein­fach.

Was sie da so si­cher macht, k nn­te sie selbst nicht sa­gen. Und wenn Knut ihr gleich mit lo­gi­schen Ar­gu­men­ten kommt, die ih­re Be­haup­tung wi­der­le­gen, wird sie ihn be­stimmt nicht über­zeu­gen k nnen.

Aber Knut dis­ku­tiert gar nicht. Im Ge­gen­teil.

kay. Bin da­bei. Her­aus­for­de­rung an­ge­nom­men , sagt er und ver­schränkt die Ar­me vor der Brust. Du willst mir hel­fen Ich wür­de sa­gen: Die Mis­si­on Le­ni Wuss­te ich s doch & ein­mal auf die ak­ten. Die sind ziem­lich dünn. 1 + 1 Ma­til­da

1 Doch Knut lässt sich nicht so leicht ent­mu­ti­gen. an­gen wir mit de­nen an, die wir ha­ben , ent­geg­net er und greift nach sei­nem Lap­top. Sag mir al­les, was du wei t, und ich er­stel­le ei­ne Lis­te mit Hin­wei­sen.

ünf Mi­nu­ten spä­ter muss Knut zu­ge­ben, dass die Aus­beu­te mehr als ma­ger ist. Denn sei­ne Lis­te be­steht aus ge­ra­de mal fünf Stich­wor­ten:

Wenn wir we­nigs­tens ei­nen rts­na­men hät­ten , seufzt Ma­til­da. Ja, oder ei­nen Nach­na­men. Ma­til­da hält in­ne. Da klin­gelt et­was in ih­rem Hin­ter­kopf. Sie k nn­te es nicht be­schw ren, aber

Bin gleich zu­rück , ruft sie und ist schnel­ler weg, als Knut sie fra­gen kann, wor­um es geht.

Ganz ent­ge­gen ih­rer Ge­wohn­heit nimmt sie im­mer zwei Stu­fen auf ein­mal und stürmt in ih­re Woh­nung, oh­ne auch nur die Tür hin­ter sich zu schlie en. Der Brief liegt auf ih­rem Nacht­tisch.

War es Abra­ham der Al­bert , mur­melt sie und blät­tert has­tig dar­in her­um, bis sie die ent­schei­den­de Stel­le ge­fun­den hat: , mur­melt sie. 64 7 * 8

Mit ei­nem tri­um­phie­ren­den Lä­cheln kehrt sie zu­rück.

Wir ha­ben ei­nen Nach­na­men sie Knut ent­ge­gen.

Das ist der Durch­bruch. , ruft 6" , grinst Knut. Aber du hast recht, es ist ein An­fang. Die Goog­le-Su­che nach sen

' 3 3 & ers­ten paar Links, die je­doch al­le zu nichts füh­ren.

Wir müs­sen die Su­che ein­schrän­ken , sagt Knut. Sie pro­bie­ren erst die Kom­bi­na­ti­on dann und schlie lich Kei­ne da­von bringt sie wei­ter. Da wä­re es ja fast ein­fa­cher, im Te­le­fon­buch nach­zu­schau­en , lacht Ma­til­da. Knut hält kurz in­ne, dann nickt er an­er­ken­nend. Ein sehr gu­ter Vor­schlag. Ein paar Klicks spä­ter wis­sen sie mehr. 2 ' + 4 5 2 . für den Na­men Vier da­von sind Pri­vat­an­schlüs­se, ei­ner geh rt zu ei­ner Gm­bH.

Knut druckt die Lis­te aus und über­reicht sie Ma­til­da.

Was soll ich da­mit an­fan­gen Knut zuckt mit den Schul­tern. Das wei t du doch , sagt er. Wenn du Le­ni 0 * * 1 rich­ti­ge ist. Dann ver­ab­re­dest du dich mit ihr und über­reichst ihr den Brief. Mis­si­on er­füllt.

Aber das klingt ein­fa­cher, als es ist. Das wei Ma­til­da so­fort. Und es wird ihr im­mer kla­rer, je län­ger sie dar­über nach­denkt.

Sie liegt in ih­rem Bett und starrt die schrä­ge De­cke an, auf der die Lich­ter der un­ten vor­bei­fah­ren­den Au­tos ent­lang­hu­schen.

Die Lis­te mit den Adres­sen und Te­le­fon­num­mern der fünf Le­nis lie­gen auf der Kom­mo­de im lur, gleich ne­ben ih­rem Te­le­fon.

Soll sie wirk­lich ein­fach so zum H rer grei­fen Heu­te al­ler­dings nicht mehr auch wenn die zwei Glä­ser Mer­lot sie et­was über­mü­tig ge­macht ha­ben. Und auch morgen auf kei­nen all. Über­mor­gen ver­mut­lich im­mer noch nicht.

Ma­til­da te­le­fo­niert nun mal nicht gern. Vor al­lem nicht mit Leu­ten, die sie nicht kennt. Schlimm ge­nug, wenn je­mand bei ihr an­ruft.

Die Lis­te schwebt in den fol­gen­den Ta­gen über ihr wie ein Da­mokles­schwert.

Den nächs­ten Abend ver­bringt sie da­mit, ih­re Woh­nung gründ­lich zu put­zen. Den über­nächs­ten da­mit, ih­re Le­bens­mit­tel­vor­rä­te auf ab­ge­lau­fe­ne Pa­ckun­gen zu durch­su­chen und die­se zu ent­sor­gen. Und am drit­ten Abend sor­tiert sie ihr Bü­cher­re­gal neu. Nicht mehr al­pha­be­tisch, son­dern nach Gen­res und in­ner­halb die­ser Gen­res nach Lieb­lings­au­to­ren.

Da­bei fragt sie sich, wel­che Bü­cher Le­ni

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