Am En­de al­lein: Horst See­ho­fer gibt als Par­tei­chef auf

Amerika Woche - - Meinung -

Ein­sam war es zu­letzt um Horst See­ho­fer ge­wor­den, sehr ein­sam. Nie­mand in der CSU - der baye­ri­schen Schwes­ter­par­tei der CDU von Deutsch­lands Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel - fand sich in den ver­gan­ge­nen Wo­chen mehr, der den Par­tei­chef öf­fent­lich un­ter­stützt hät­te.

Jetzt hat, nach Mer­kles Ver­zicht auf den CDU-Vor­sitz, auch See­ho­fer die Reiß­lei­ne ge­zo­gen, will den Pos­ten als CSU-Chef in Bay­ern früh­zei­tig räu­men. An­fang 2019. Und auch sein Amt als deut­scher In­nen­mi­nis­ter will der 69-Jäh­ri­ge ab­ge­ben. So hat er es nach Teil­neh­mer­an­ga­ben der engs­ten CSU-Spit­ze mit­ge­teilt. Nur der ge­naue Zeit­plan für sei­nen Ab­gang ist noch of fen.

Es ist ei­ne Zä­sur für die ge­sam­te deut­sche Politik: See­ho­fer, ei­nes der gro­ßen Po­lit-Al­pha­tie­re, ei­ner der al­ten Hau­de­gen, von de­nen es nur noch we­ni­ge gibt, steht kurz vor dem end­gül­ti­gen po­li­ti­schen Aus.

Und so tra­gisch dies sei­ne in­ter­nen Kri­ti­ker ob sei­ner Le­bens­leis­tung fin­den, steht See­ho­fer nun Münch­ner Mer­kur Für ei­nen Rück­zug aus frei­en Stü­cken kommt See­ho­fers An­kün­di­gung zu spät. Aber sie kommt gera­de recht­zei­tig, um ein paar Wi­der­sa­cher zu är­gern. See­ho­fer über­lebt im Par­tei­amt nicht nur knapp die Dau­er­ri­va­lin Mer­kel, son­dern auch die Vor­gän­ger Stoiber und Wai­gel, letz­te­ren um gera­de mal drei Wo­chen. Län­ger als schwar­ze Rie­se wird am En­de nur Franz Jo­sef Strauß die Ge­schi­cke der CSU ge­lenkt ha­ben. Vie­le wer­den ihn ver­mis­sen, auch Sö­der, und sei es nur als Sün­den­bock. See­ho­fer war in sei­nen gu­ten Zei­ten, wo­von an­de­re nur träu­men: ein Men­schen­fi­scher, ein ge­schätz­ter und er­folg­rei­cher Mi­nis­ter­prä­si­dent, ein Schwer­ge­wicht, das auch den Kampf mit der Kanz­le­rin auf­nahm. Und wenn ei­gent­lich vor den Scher­ben sei­ner Kar­rie­re: Meh­re­re kra­chen­de Wahl­nie­der­la­gen in Fol­ge und ein dra­ma­ti­scher An­se­hens­ver­lust der CSU in Bay­ern und in Ber­lin ge­hen haupt­säch­lich auf sein Kon­to. Die Zei­ten ab­so­lu­ter Mehr­hei­ten für die CSU schei­nen nun end­gül­tig Ge­schich­te. Und sein per­sön­li­ches An­se­hen ist Um­fra­gen zu­fol­ge längst im Kel­ler.

Schmerz­haft für See­ho­fer: Er, der im­mer an­kün­dig­te, er wol­le am En­de sei­ner Kar­rie­re ei­nen ge­ord­ne­ten Über­gang ge­stal­ten, ist da­mit aus CSU-Sicht nun dop­pelt ge­schei­tert: Nach der Bun­des­tags­wahl-Plei­te im ver­gan­ge­nen Jahr muss­te er auf Druck sei­ner Par­tei und ins­be­son­de­re der Land­tags­frak­ti­on die Staats­kanz­lei in Mün­chen räu­men und Platz für sei­nen ewi­gen Kon­tra­hen­ten Mar­kus Sö­der ma­chen.

Und jetzt, nach dem dra­ma­ti­schen Ab­sturz bei der Land­tags­wahl, hat ihn sei­ne Par­tei bin­nen Wo­chen fak­tisch auch noch aus dem Amt des Par­tei­vor­sit­zen­den ge­jagt. Und wie­der­um dürf­te sein Nach­fol­ger Mar­kus Sö­der hei­ßen.

Selbst Wohl­mei­nen­de nen­nen es tra­gisch, dass See­ho­fer in der Ver­gan­gen­heit schon meh­re­re Mög­lich­kei­ten und Zeit­punk­te für ei­nen selbst­be­stimm­ten Rück­tritt ver­strei­chen ließ. Be­ra­tungs­re­sis­tent sei er ge­wor­den, schimpf­ten vie­le CSU-ler zu­letzt, völ­lig ab­ge­ho­ben. Zwar war See­ho­fer schon im­mer ein po­li­ti­scher Ei­gen­bröt­ler, ein po­lit­scher Stur­kopf, der, wenn es kri­tisch wur­de, im­mer nur sich selbst ver­trau­te, Ent­schei­dun­gen nur mit sich selbst aus­mach­te. Das aber sei zu­letzt im­mer schlim­mer ge­wor­den, heißt es. Die CSU und See­ho­fer hat­ten sich längst weit, weit aus­ein­an­der­ge­lebt.

An­de­rer­seits hat die Par­tei See­ho­fer er nun als tra­gi­scher Held die Büh­ne ver­lässt, darf See­ho­fer doch hof­fen, dass man sich sei­ner Ver­diens­te er­in­nern wird. Stutt­gar­ter Zei­tung See­ho­fer schei­det als tra­gi­sche Gestalt aus der Par­tei­po­li­tik. Vor zehn Jah­ren war er an­ge­tre­ten, um die CSU aus der Mi­se­re nach dem Putsch ge­gen Ed­mund Stoiber zu ret­ten. In­zwi­schen er­wies er sich als ein Don Qui­jo­te in Mer­kels Welt. Der Kampf ge­gen die Wind­müh­len ih­rer Flücht­lings­po­li­tik wur­de für ihn zur Ma­nie. Er hat­te gu­te Grün­de, sich der Will­kom­mens­kanz­le­rin ent­ge­gen­zu­stel­len, fand aus die­ser Rol­le aber nicht mehr her­aus. Mit sei­nem Wahl­kampf in­ter­rup­tus für ei­ne Ober­gren­ze der Zu­wan­de­rung mach­te er sich voll­ends un­glaub­wür­dig. viel zu ver­dan­ken, das räu­men auch des­sen Geg­ner ein. Auch die, die ihn jetzt aus dem Amt ge­drängt ha­ben, spre­chen von ei­ner gro­ßen Le­bens­leis­tung des 69-Jäh­ri­gen. Sie lo­ben See­ho­fers so­zia­len Kom­pass, der man­chen Po­li­ti­kern heu­te feh­le. „So­zia­les Ge­wis­sen“der CSU wur­de der In­gol­städ­ter frü­her ge­nannt.

Tat­säch­lich hat See­ho­fer sei­ner Par­tei mehr als 45 Jah­re lang ge­dient - und sie mit ge­prägt. 28 Jah­re saß er für die CSU im Bun­des­tag. Er brach­te es zum Bun­des­mi­nis­ter, zum Par­tei­chef und baye­ri­schen Mi­ni-ster­prä­si­den­ten. Da­bei hat er Hö­hen und Tie­fen er­lebt wie kaum ein an­de­rer, per­sön­lich und po­li­tisch.

2002 er­litt er ei­ne Herz­mus­kel­ent­zün­dung, die ihn fast das Le­ben kos­te­te. Sei­ne ge­sam­te Kar­rie­re stand auf dem Spiel, als er einst im Streit über die Ge­sund­heits­po­li­tik als Bun­des­tags-Frak­ti­ons­vi­ze zu­rück­trat. Doch See­ho­fer kam wie­der, wur­de wie­der Bun­des­mi­nis­ter. 2007 un­ter­lag er im Kampf um den CSU-Vor­sitz sei­nem Ri­va­len Er­win Hu­ber. 2008 aber kam sei­ne gro­ße St­un­de: Nach dem da­ma­li­gen Land­tags­wahl­fi­as­ko und dem Ver­lust der ab­so­lu­ten Mehr­heit hol­te ihn die CSU als Ret­ter nach Mün­chen: Er wur­de in Per­so­nal­uni­on CSU-Chef und Mi­nis­ter­prä­si­dent.

Es folg­te wie­der ein Auf und Ab. See­ho­fers größ­ter Er­folg war die Rück­er­obe­rung der ab­so­lu­ten Mehr­heit der Man­da­te im Land­tag 2013. Doch er muss­te auch vie­le Nie­der­la­gen ver­ant­wor­ten, et­wa die Plei­te bei der Eu­ro­pa­wahl 2014, als See­ho­fers Stra­te­gie, so­zu­sa­gen gleich­zei­tig für und ge­gen Eu­ro­pa zu sein, schief ging.

Ähn­lich war es auch bei der Frank­fur­ter Neue Pres­se See­ho­fer will noch In­nen­mi­nis­ter blei­ben, um nicht vor Mer­kel das Feld zu räu­men. Aber sie könn­te ihn po­li­tisch über­le­ben. Denn nach dem Ver­lust des Par­tei­amts wird sich See­ho­fer noch we­ni­ger als Mer­kel in der Re­gie­rung hal­ten kön­nen. Sie ist in der Ach­tung ih­rer Par­tei längst nicht so tief ge­sun­ken wie See­ho­fer. Hat sie al­so doch ge­gen ihn ge­won­nen? NZZ, Zü­rich Sei­nen Kri­ti­kern hat es See­ho­fer ge­le­gent­lich sehr ein­fach ge­macht: Im Ju­li stritt er mit Mer­kel um ih­re Asyl­po­li­tik und droh­te da­mit, sei­ne Äm­ter nie­der­zu­le­gen. Dass er schließ­lich doch wei­ter mit ihr re­gier­te, muss­te al­le ent­täuscht zu­rück­las­sen: Für Mer­kels Un­ter­stüt­zer Bun­des­tags­wahl im Herbst 2017, als See­ho­fer gleich­zei­tig für und ge­gen die Kanz­le­rin war. Fol­ge war ein Ab­sturz auf nur noch 38,8 Pro­zent. Und wie­der stand See­ho­fer vor dem po­li­ti­schen Aus. Am En­de konn­te er sich nur des­halb als Par­tei­chef hal­ten, weil er be­reit war, das Mi­nis­ter­prä­si­den­ten-Amt zu räu­men.

Zur Wahr­heit ge­hört aber auch: In Ber­lin, bei den da­mals lau­fen­den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen, woll­te die CSU nicht auf ihn ver­zich­ten. Er war der ein­zi­ge, dem man die nö­ti­ge Durch­schlags­kraft at­tes­tier­te.

See­ho­fer nutz­te dies, um noch ein­mal durch­zu­star ten: Er zim­mer te sich ein Rie­sen-In­nen­mi­nis­te­ri­um zu­recht. In dem Amt po­la­ri­sier­te er von An­fang an, kei­nem Streit ging er aus dem Weg. Zwei Re­gie­rungs­kri­sen, ein­mal we­gen der Asyl­po­li­tik, ein­mal we­gen des In­lands­ge­heim­dienst­chefs Hans-Ge­org Maa­ßen, war See­ho­fer von nun an der po­pu­lis­ti­sche Stö­ren­fried, für Mer­kels Geg­ner ein Feig­ling, der klein bei­ge­ge­ben hat­te. Am En­de mach­ten es sich See­ho­fers Kri­ti­ker all­zu leicht. Schnitt die Uni­on in Wah­len und Um­fra­gen schlecht ab, konn­ten sie ihn zum Sün­den­bock ma­chen oder, wie er selbst es ein­mal aus­drück­te: zum „Wat­schen­baum“. Um Mer­kel aus der Schuss­li­nie zu neh­men, ver­such­ten CDU­Po­li­ti­ker, die CSU und hier vor al­lem See­ho­fer für die Schwä­che der Uni­on ver­ant­wort­lich zu ma­chen. de Volks­krant, Ams­ter­dam Es war eher ei­ne Fra­ge des Wann als des Ob. Seit Mo­na­ten ist die Kri­tik aus den ei­ge­nen Rei­hen an dem 69-jäh­ri­gen Po­li­ti­ker so stark, dass manch ei­ner an sei­ner Stel­le dem Druck be­reits nach­ge­ge­ben gin­gen min­des­tens mit auf See­ho­fers Kon­to. Für die Op­po­si­ti­on war der In­nen­mi­nis­ter von Be­ginn an der Geg­ner Num­mer eins.

Auch im An­se­hen der Be­völ­ke­rung - zu­min­dest im nicht­bay­ri­schen Teil - rutsch­te er im­mer wei­ter ab. Ge­ra­de­zu dra­ma­tisch ab­wärts ging es nach je­ner denk­wür­di­gen Nacht An­fang Ju­li, als See­ho­fer auf dem Hö­he­punkt sei­nes Asyl-Streits mit der Kanz­le­rin sei­nen Rück­tritt an­kün­dig­te - und am En­de doch bei­de Äm­ter be­hielt.

Dies­mal aber soll See­ho­fers Rück­tritt tat­säch­lich end­gül­tig sein: An­fang 2019 als Par­tei­chef, und dann, wohl sehr bald, auch als Mi­nis­ter. Den Zeit­plan will See­ho­fer in die­ser Wo­che ver­kün­den. Ei­nes im­mer­hin will die CSU ih­rem Noch-Vor­sit­zen­den er­mög­li­chen, be­tont ei­ner aus dem engs­ten Füh­rungs­zir­kel: ei­nen „wür­di­gen Ab­schied“. hät­te. Aber See­ho­fer igno­rier­te sei­ne miss­li­che La­ge. Die schwe­ren Ver­lus­te, die die CSU bei der Land­tags­wahl in Bay­ern im ver­gan­ge­nen Mo­nat er­litt, schei­nen je­doch sein Schick­sal be­sie­gelt zu ha­ben.

Wie im­mer er selbst es auch sieht: Der Rück­tritt See­ho­fers ist un­trenn­bar mit dem an­ge­kün­dig­ten Ab­schied von (An­ge­la) Mer­kel als CDU-Vor­sit­zen­de und da­mit letzt­end­lich auch als Kanz­le­rin ver­bun­den. Ih­re An­kün­di­gung hat den Druck auf ihn noch wei­ter er­höht.

Die Schwes­ter­par­tei CDU be­trach­tet See­ho­fer als Haupt­ver­ant­wort­li­chen für das schlech­te Funk­tio­nie­ren der jet­zi­gen Re­gie­rung und der Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD woll­te den bay­ri­schen Po­li­ti­ker so­wie­so am liebs­ten von An­fang an los­wer­den.

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