Br­ex­it-Streit in Groß­bri­tan­ni­en: Die be­harr­li­che Mrs. May

Amerika Woche - - Meinung -

Svon Sil­via Kusidlo und Chris­toph Mey­er

ie kämpft und kämpft. Sie wer­de die Sa­che durch­ste­hen und den bes­ten De­al für Groß­bri­tan­ni­en her­aus­ho­len, sag­te die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May vor Jour­na­lis­ten. Ihr Vor­bild sei der frü­he­re Kri­cke­tS­port­ler Ge­off­rey Boy­cott, der für sein enor­mes Durch­hal­te­ver­mö­gen be­kannt war. „Ge­off­rey Boy­cott ist im­mer da­bei ge­blie­ben“, be­ton­te May. Und: Er ha­be am En­de ge­won­nen.

Hat May aber über­haupt noch Sie­ges­chan­cen? Vor kur­zem sah es be­reits so aus, als hät­te ihr letz­tes Stünd­lein als Re­gie­rungs­che­fin ge­schla­gen. Gleich zwei Mi­nis­ter und fünf hoch­ran­gi­ge Re­gie­rungs­mit­ar­bei­ter tra­ten zu­rück. Dann Frank­fur­ter Rund­schau Der Streit über den Br­ex­it ist ei­ne Run­de wei­ter. Aber nie­mand kann sa­gen, wie er aus­geht. Pre­mier­mi­nis­te­rin May hat das mit der EU er­ziel­te Ver­hand­lungs­er­geb­nis zwar mit Ach und Krach durch das Ka­bi­nett be­kom­men, doch kurz dar­auf tra­ten Mi­nis­ter zu­rück, wur­den die Ru­fe nach ei­nem Miss­trau­ens­vo­tum im­mer lau­ter. Und die wich­ti­ge Ent­schei­dung im Par­la­ment steht noch be­vor. Die­ser lan­ge und hef­ti­ge Streit zeigt, wie ge­spal­ten die Bri­ten über den Aus­tritt aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on sind. Nach und nach dürf­te zu­dem ei­ni­gen klar wer­den, dass die Bri­ten nur noch die Wahl zwi­schen dem un­ge­lieb­ten ge­re­gel­ten Aus­stieg und dem har­ten Br­ex­it ha­ben. So oder so be­ginnt dann erst die Ar­beit. Die Tren­nung ist das ei­ne, der Neu­auf­bau von Be­zie­hun­gen das an­de­re. FAZ Da glaub­ten die eu­ro­päi­schen Part­ner des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs schon, ei­ne wich­ti­ge Etap­pe auf dem Weg zum Br­ex­it sei zu­rück­ge­legt; zu­mal das bri­ti­sche Ka­bi­nett den Ent­wurf des Aus­tritts­ab­kom­mens ge­bil­ligt hat­te. An­geb­lich. Doch mit je­dem Rück­tritt, der aus Lon­don ge­mel­det wur­de, macht sich wie­der Pes­si­mis­mus breit: Die Ge­fahr, dass das Kö­nig­reich die EU im kom­men­den März oh­ne Ver­trags­ab­schluss ver­lässt, es al­so zum „har­ten Br­ex­it“kommt, ist nicht nur nicht ge­bannt, sie ist viel­leicht grö­ßer als je zu­vor. Von Paris bis Ber­lin sieht man die­se Mög­lich­keit mit Ent­täu­schung und bit­te­rem Rea­lis­mus, be­kam sie über­ra­schend et­was Rü­cken­de­ckung von Um­welt­mi­nis­ter Micha­el Go­ve und Han­dels­mi­nis­ter Li­am Fox.

Zwei Pos­ten wur­den neu be­setzt: Der bis­lang eher un­schein­ba­re Ab­ge­ord­ne­te Ste­phen Bar­clay folgt auf Do­mi­nic Ra­ab als Br­ex­it-Mi­nis­ter. Bar­clay war Staats­se­kre­tär im Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um und dür fte May nicht all­zu viel Är­ger ma­chen.

Die Ver­hand­lun­gen mit der EU sind Chef­sa­che von May, Bar­clays Spiel­raum ist be­grenzt. An die Stel­le der eben­falls zu­rück­ge­tre­te­nen Ar­beits­mi­nis­te­rin Es­t­her McVey ist Ex-In­nen­mi­nis­te­rin Am­ber Rudd ge­tre­ten.

Selbst wenn es May ge­lun­gen sein soll­te, die Zer­falls­er­schei­nun­gen in ih­rem Ka­bi­nett vor­erst zu stop­pen: Un­klar bleibt, wie sie ei­ne Mehr­heit im Par­la­ment für den Br­ex­it-Kom­pro­miss be­kom­men will. Das Un­ter­haus wird vor­aus­sicht­lich im De­zem­ber dar­über ab­stim­men. Fällt das Ab­kom­men durch, wird die Zeit knapp. Be­reits En­de März 2019 will Groß­bri­tan­ni­en die Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­las­sen.

May droht, es wer­de in die­sem Fall ent­we­der ei­nen Br­ex­it oh­ne Ab­kom­men mit un­ab­seh­ba­ren Fol­gen oder gar kei­nen EU-Aus­tritt ge­ben. Ob es ihr ge­lingt, da­mit ge­nü­gend Ab­ge­ord­ne­te auf ih­re Sei­te zu zie­hen? Das ist un­ge­wiss, aber nicht un­mög­lich. Sie zielt mit ih­rem Ap­pell of­fen­bar auf al­le Par­tei­en. selbst wenn be­teu­ert wird, dass man noch im­mer auf ei­ne Ver­hand­lungs­lö­sung hof­fe. Aber viel Geld dar­auf set­zen wür­den nicht ein­mal die­je­ni­gen, die ger­ne an den bri­ti­schen Prag­ma­tis­mus glau­ben. Der Stan­dard, Wi­en Tritt das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich kom­men­den März nach im­mer­hin 46 Jah­ren und knapp drei Mo­na­ten tat­säch­lich aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on aus, wird das po­li­tisch per sal­do für die ver­blei­ben­den 27 Mit­glie­der ein grö­ße­rer Ge­winn als Ver­lust sein. Denn dann hat die EU ei­ne neue Chan­ce, das an­zu­sto­ßen, was sie schon lan­ge drin­gend braucht: ei­nen Pro­zess der Selbst­ver­ge­wis­se­rung. Erst recht mit Blick auf die Sal­vi­nis, Or­báns und Kac­zyns­kis, die ih­re of­fe­ne Ab­leh­nung der Uni­on un­ter dem Deck­man­tel le­gi­ti­mer Kri­tik zu ver­ber­gen ver­su­chen. Ih­nen muss je­ner Teil der Uni­on, der nach wie vor an die eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on glaubt, si­gna­li­sie­ren: Dort ist die Tür, ihr könnt den Bri­ten gern fol­gen. Wer nichts bei­tra­gen will und wem selbst sei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen gleich­gül­tig sind, der hat in der EU nichts ver­lo­ren. Die Welt, Ber­lin Das Per­so­nal des bri­ti­schen Lehr­stücks be­steht aus Op­por­tu­nis­ten und Schur­ken, zu­wei­len in ei­ner Per­son. Hel­den sucht man ver­ge­bens. In ei­ner ver­nünf­ti­gen Welt wür­den sich Groß­bri­tan­ni­en und die EU auf den jetzt aus­ge­han­del­ten De­al ei­ni­gen, der die be­lie­bi­ge Ver­län­ge­rung ei­ner Über­gangs­zeit Vie­le Ab­ge­ord­ne­te aus ih­rer kon­ser­va­ti­ven Frak­ti­on und aus der nord­iri­schen DUP, die ih­re Min­der­heits­re­gie­rung stützt, ha­ben deut­lich ge­macht, dass sie das Ab­kom­men nicht mit­tra­gen wer­den.

Ei­ne Stol­per­fal­le für May könn­te ei­ne Miss­trau­ens­ab­stim­mung in ih­rer Frak­ti­on sein. Die droht ihr zwar schon lan­ge, aber nun wird es ernst: Ihr Erz­feind Ja­cob Rees-Mogg, ein ein­fluss­rei­cher Tor y-Hin­ter­bänk­ler und Br­ex­it-Hard­li­ner, ent­zog ihr sein Ver­trau­en. Vie­le folg­ten ihm und ga­ben das öf­fent­lich be­kannt. Aber nicht je­der plau­der te dar­über. Nö­tig für den Miss­trau­ens­an­trag sind 48 Stim­men.

Wie kann The­re­sa May bei so viel Ge­gen­wind bloß die Ner­ven be­hal­ten? Ihr wird enor­mer Ehr­geiz nach­ge­sagt. Schon als Kind woll­te sie Pre­mier­mi­nis­te­rin von Groß­bri­tan­ni­en wer­den. Ge­schickt tak­tie­rend schaf fte sie es bis ganz nach oben: Die Kon­ser­va­ti­ve be­erb­te nach dem Br­ex­it-Re­fe­ren­dum schließ­lich den zu­rück­ge­tre­te­nen Da­vid Ca­me­ron.

Doch be­reits ein­mal fiel sie ih­rem Über­ehr­geiz fast zum Op­fer. In ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Par­la­ments­wahl woll­te sie 2017 die Mehr­heit der Kon­ser­va­ti­ven aus­bau­en, um mehr Rü­cken­wind für die Br­ex­itGe­sprä­che zu be­kom­men. Das Er­geb­nis: Sie ver­lor die ab­so­lu­te Mehr­heit ih­rer Par­tei im Par­la­ment. er­mög­licht, in der die Bri­ten in der Zoll­uni­on blei­ben. Nach und nach könn­te so Groß­bri­tan­ni­en wie­der stär­ker ein­ge­bun­den wer­den in ein Eu­ro­pa, das sich sei­ner Ver­ant­wor­tung als Macht­pol in ei­ner mul­ti­po­la­ren Welt be­wusst wird. Doch die Stim­me der Ver­nunft klingt nicht sehr laut in En­g­land. La Re­pubb­li­ca, Rom Der Br­ex­it ist längst ein Psy­cho-Krieg. May spricht von „un­ter­schied­li­chen Vi­sio­nen“, doch ih­re kon­ser­va­ti­ve Par­tei ist ein Scher­ben­hau­fen (...). Mit­ten in die­sem kol­lek­ti­ven Erd­be­ben und wäh­rend das Pfund ab­sackt, gibt es ei­ne Ge­wiss­heit. Groß­bri­tan­ni­en hat kei­ne Mehr­heit mehr: We­der für die Ab­stim­mung über Mays Plan im Par­la­ment noch für die Aus­ru­fung ei­ner Neu­wahl oder ei­nes zwei­ten Re­fe­ren­dums und auch nicht da­für, May das Ver­trau­en zu ent­zie­hen. Die­ses Land be­fin­det sich in ei­ner un­si­che­ren Schräg­la­ge und glei­tet im­mer mehr in Rich­tung des Un­be­kann­ten ab. In Wirk­lich­keit wür­de es ei­ne Mehr­heit ge­ben: Laut der x-ten Um­fra­ge wür­de heu­te in ei­nem zwei­ten Re­fe­ren­dum klar das Nein zum Br­ex­it ge­win­nen. Aber es ist längst zu spät. Les Échos, Paris The­re­sa May hat ih­re Mi­nis­ter Mitt­woch­abend nur mit gro­ßer Mü­he von der Re­le­vanz der Vor­ab­ver­ein­ba­rung mit den 27 (EU-Staa­ten) über­zeugt. Es ist ein Kom­pro­miss, der stark kri­ti­siert

Lan­ge Zeit prä­sen­tier­te May kei­ne kla­re Li­nie bei ih­ren Br­ex­itVer­hand­lun­gen - das nah­men ihr vie­le übel. Den jetzt prä­sen­tier­ten Ent­wurf für das Ab­kom­men leh­nen Par­la­men­ta­ri­er von al­len Sei­ten ab, ob Br­ex­it-An­hän­ger oder EUBe­für­wor­ter.

Soll­te sich May am En­de doch ge­gen die­se über­mäch­ti­ge Ko­ali­ti­on durch­set­zen, könn­te sie tat­säch­lich ein­mal als die weib­li­che Ver­si­on des be­harr­li­chen und am En­de sieg­rei­chen Kri­cket-Stars Ge­off­rey Boy­cott in die Ge­schich­te wird und des­sen In­halt genau zu prü­fen ist, um si­cher­zu­stel­len, dass er nicht zum Nach­teil der Un­ter­neh­men des Kon­ti­nents ist (...). Er­schei­nen The­re­sa May und ihr Ma­nu­skript als Ba­lan­ce-Punkt, als ein­zi­ge Mög­lich­keit, um Cha­os zu ver­mei­den? Das ist mög­lich, wenn man be­rück­sich­tigt, dass ei­ne Ver­ein­ba­rung, die von al­len kri­ti­siert wird, die Bes­te ist! de Volks­krant, Ams­ter­dam May kann jetzt nur noch hof­fen, dass die Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten, wenn auch wi­der­stre­bend, doch für das Ab­kom­men stim­men wird - und sei es nur aus Angst, dass Groß­bri­tan­ni­en die EU im nächs­ten Jahr sonst oh­ne Ab­kom­men ver­las­sen müss­te. Das wür­de in ein to­ta­les Cha­os füh­ren. Die EU-Länder tun je­doch gut dar­an, sich auf ein „Nein“vor­zu­be­rei­ten, mit der Fol­ge, dass Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May ge­stürzt wird. Dann steu­ert das Land un­wei­ger­lich auf den Ab­grund zu. Es sei denn, Lon­don schreckt zu­rück und er­bit­tet ei­nen Auf­schub. In dem Fall soll­ten die EU-Länder prag­ma­tisch sein. Kein De­al hät­te auch für die EU Nach­tei­le. Dann lie­ber wei­ter­hin so durch­wurs­teln. De Stan­daard, Brüs­sel Wie die Bri­ten aus dem Mo­rast her­aus­kom­men wol­len, in den sie sich selbst hin­ein­ma­nö­vriert ha­ben, bleibt dem Le­sen im Kaf­fee­satz über­las­sen. Aber Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May hat ei­ne sehr star­ke Trumpf­kar­te für ih­re Politik in der Hand, ein­schließ­lich der der bri­ti­schen Politik ein­ge­hen.

Falls das nicht ge­schieht, dann lä­ge viel­leicht ei­ne an­de­re As­so­zia­ti­on nä­her, die in Tei­len der bri­ti­schen Pres­se gern her­an­ge­zo­gen wird. Der schwar­ze Rit­ter aus der Mon­ty-Py­thon-Ko­mö­die „Rit­ter der Ko­kos­nuss“. Im Du­ell wer­den ihm bei­de Ar­me ab­ge­schla­gen. Er will aber trotz deer wid­ri­gen Um­stän­de wei­ter­kämp­fen. „Ist doch nur 'ne Fleisch­wun­de“, ruft er trot­zig. Und als auch noch die Bei­ne ab sind, sagt er: „Ei­ni­gen wir uns auf ein Un­ent­schie­den!“ ges­tern so schwer ge­schmäh­ten Ver­ein­ba­rung mit der EU. Da­zu gibt es kei­ne Al­ter­na­ti­ve. Nie­mand ha­be bis­her ei­nen glaub­wür­di­gen Ge­gen­vor­schlag auf den Tisch ge­legt, merk­te sie an. Das ist al­so das Bes­te, wor­auf die Bri­ten un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den hof fen kön­nen. Es sei denn, die Br­ex­it-Plä­ne wer­den voll­stän­dig fal­len­ge­las­sen. Ges­tern er­gab ei­ne Um­fra­ge des Sen­ders Sky News, dass 54 Pro­zent der Bri­ten das un­ter­stüt­zen wür­den. Ja, das ist ei­ne Mehr­heit. Aber sie ist zu ge­ring, um wirk­lich über­zeu­gend zu sein. Zu­dem fin­det sie im Par­la­ment kei­nen aus­rei­chen­den po­li­ti­schen Wi­der­hall. Ta­ges-An­zei­ger, Zü­rich Trotz Mays for­scher Pro-Br­ex­itRhe­to­rik und rasch ge­zo­ge­ner ro­ter Li­ni­en ha­ben ihr die EU-Has­ser in ih­rer Par­tei nie ge­traut. Den De­al hal­ten sie nun für ei­nen Schwin­del. Für sie ist der Br­ex­it, den May im Sinn hat, gar kein rich­ti­ger Br­ex­it. Sie kön­nen nicht fas­sen, dass ihr Re­fe­ren­dum­stri­umph von 2016 in ei­ner ver­häng­nis­vol­len „Umar­mung“durch die EU en­den soll. (...) Im Grun­de kommt die bri­ti­sche Politik jetzt in ei­ne Pha­se, in der al­les mög­lich wird - ein Kol­laps der Ver­hand­lun­gen, Neu­wah­len, ei­ne zwei­te Volks­ab­stim­mung. Die To­ry-Hard­li­ner be­ab­sich­ti­gen, ei­nen Miss­trau­ens­an­trag in der Frak­ti­on ge­gen die Par­tei­che­fin ein­zu­brin­gen. Bis­her hat­te man ge­glaubt, dass sich The­re­sa May bei ei­ner sol­chen Ab­stim­mung ge­gen die Par­tei­rech­te be­haup­ten wür­de. Jetzt ist nicht mal das mehr si­cher. Al­les ist im Fluss.

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