Ab­schied von der St­ein­koh­le

Der letz­te schwar­ze Tag:

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Die gro­ßen Pfüt­zen auf dem Park­platz der Ze­che Pro­sper-Ha­ni­el in Bot­trop sind an die­sem Tag noch ein we­nig koh­len­staub­schwär­zer als sonst. Es reg­net in Strö­men. Dut­zen­de Gru­ben­wehr­leu­te in ih­ren leuch­tend oran­gen Feu­er­schutz­an­zü­gen und mit Helm­lam­pen ste­hen tap­fer an den Ecken und wei­sen die Au­tos ein. Ei­ner von ih­nen spricht so­fort von dem Un­glück im Berg­werk Ibbenbüren, bei dem ein 29 Jah­re al­ter In­dus­trie­me­cha­ni­ker un­ter Ta­ge ums Le­ben kam. „Ich war nur 80 Me­ter ent­fernt, aber ge­hört ha­be ich nichts“, sagt er. Erst spä­ter ha­be er dann über Funk da­von er­fah­ren. Le­bens­ge­fähr­li­cher St­ein­koh­len­berg­bau - bis zu­letzt.

Vie­le Po­li­ti­ker, Ma­na­ger, Ge­werk­schaf­ter sind an die­sem Tag zur Ze­che ge­fah­ren, um Ab­schied von ei­ner Ära zu neh­men, ei­nem der wich­tigs­ten Ka­pi­tel deut­scher In­dus­trie­ge­schich­te: Nach rund 200 Jah­ren in­dus­tri­el­lem St­ein­koh­len­berg­bau stellt die letz­te deut­sche Ze­che of­fi­zi­ell ih­re För­de­rung ein. Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ist ge­kom­men, eben­so EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker und Nord­rhein-West­fa­lens Mi­nis­ter­prä­si­dent Armin La­schet (CDU). Di­rekt am För­der­turm von Schacht Ha­ni­el ste­hen sie in ei­ner Hal­le mit meh­re­ren Hun­dert wei­te­ren Eh­ren­gäs­ten zu­sam­men und war­ten auf den letz­ten sym­bo­li­schen Akt.

Die Stim­mung ist ge­dämpft, we­ni­ge spre­chen mit­ein­an­der, die Ge­sich­ter sind ernst und an­ge­spannt. In sei­ner Re­de er­in­nert der RAG-Vor­stands­vor­sit­zen­de Pe­ter Schrimpf an den To­ten in Ibbenbüren und an die 13 To­ten vom Don­ners­tag­abend zu­vor bei ei­nem Gru­ben­un­glück in Tsche­chi­en, ei­ne Schlag­wet­ter­ex­plo­si­on in 880 Me­tern Teu­fe, wie der Berg­mann sagt, wenn er Tie­fe meint. Es ist ganz still, als sich dann das arm­di­cke Stahl­seil im Schacht in Be­we­gung setzt und ei­nen För­der­korb nach oben zieht. Es schep­pert und ras­selt und dau­ert ein biss­chen, bis die acht Berg­leu­te in dem Korb über Ta­ge sind. Zu­letzt tritt Re­vier­stei­ger Jür­gen Ja­ku­beit aus der Ka­bi­ne, ein statt­li­ches, sie­ben Ki­lo­gramm schwe­res Stück Koh­le in der Hand, das al­ler­letz­te in Deutsch­land ge­för­der­te Stück. Um 16.19 Uhr über­gibt er es an St­ein­mei­er.

Der Bun­des­prä­si­dent hebt den Zu­sam­men­halt und die So­li­da­ri­tät un­ter Ta­ge her­vor und spricht von dem Re­spekt, der den Berg­leu­ten ge­büh­re, die auch für ei­nen Teil des Wohl­stan­des in Deutsch­land ge­sorgt hät­ten. Er hof­fe, dass dies auch in den re­vier­fer­nen Re­gio­nen nicht ver­ges­sen wer­de. In sei­ner Fe­st­re­de fragt St­ein­mei­er spä­ter rhe­to­risch, ob sich in den Mil­li­ar­den Steu­er­gel­dern für den Berg­bau nicht auch so et­was wie der Dank des Va­ter­lan­des aus­drü­cke. Für die, die 1000 Me­ter un­ter der Er­de in Hit­ze, Dreck und stän­di­ger Ge­fahr Ge­sund­heit und Le­ben ris­kiert ha­ben.

So wie Tho­mas Sid­zik, 51 Jah­re al­ter Re­ser­vist der Gru­ben­wehr aus Gel­sen­kir­chen, schon im Vor­ru­he­stand. Be­reits mit 16 hat er an­ge­fan­gen, war im Ab­bau, auch im Stre­cken­vor­trieb, al­so di­rekt „vor der Koh­le“. Er wur­de Stei­ger, ei­ne Art Vor­ar­bei­ter. Spä­ter bil­de­te er Si­cher­heits­fach­kräf­te aus. „Da geht ei­ne gan­ze Ära zu En­de. In mei­ner Fa­mi­lie sind das jetzt fünf Ge­ne­ra­tio­nen ge­we­sen, die im Berg­bau ge­ar­bei­tet ha­ben.“Die ers­te Ge­ne­ra­ti­on kam noch aus Ma­su­ren.

Auch St­ein­mei­er er­in­nert an die vie­len Zu­ge­wan­der­ten aus Deutsch­land und Eu­ro­pa, aus Nord­afri­ka und Ko­rea, die im St­ein­koh­len­berg­bau Ar­beit fan­den. Und er er­in­ner­te an die Frau­en der Berg­leu­te, die „un­be­sun­ge­ne Hel­din­nen“sei­en, de­ren Ar­beit nicht we­ni­ger hart war. „Den­ken wir nur an die ewi­ge, tag­täg­li­che Mü­he, die Woh­nung und die Fens­ter und Klei­dung sau­ber zu hal­ten, in­mit­ten des schwar­zen Staubs.“

Und jetzt? „Es gibt hier vie­le, vie­le Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne gu­te Zu­kunft hier in der Re­gi­on. Das Wich­tigs­te sind die Men­schen, die sich nicht un­ter­krie­gen las­sen, die in je­dem Ab­schied auch ei­nen neu­en An­fang se­hen“, sagt der Bun­des­prä­si­dent. Auch Tho­mas Sid­zik hat Plä­ne. „Jetzt ist erst­mal zu Hau­se dran. Jetzt kann ich das tun, was ich zu Hau­se die gan­ze Zeit nicht so ge­nau ma­chen konn­te, re­no­vie­ren zum Bei­spiel. Dann ha­ben wir auch noch ei­nen Gar­ten. Dann noch ein biss­chen rei­sen.“

Und auch sein Fach­wis­sen will er ein­brin­gen, et­wa in ei­nem Trai­nings­berg­werk in Reck­ling­hau­sen. Dort will er Schul­klas­sen füh­ren.

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