Koh­le­aus­stieg bis 2038!

Nach dem Atom­aus­stieg wird der Koh­le nun end­gül­tig der Gar­aus ge­macht! Für die Ver­brau­cher wird es dann erst rich­tig teu­er wer­den!

Amerika Woche - - Front Page - von Te­re­sa Dapp, Andre­as Ho­enig und Ge­org Is­mar

Um Punkt 04.45 Uhr ge­hen die Hän­de hoch - ir­gend­wie sind es im­mer Ma­ra­thon­ver­hand­lun­gen, wenn es um das Kli­ma geht. Es ist halt müh­sam, Öko­no­mie und Öko­lo­gie in Ein­klang zu brin­gen. Aber auch in Zei­ten gro­ßer Po­la­ri­sie­rung sind noch ge­mein­sa­me Kom­pro­miss­lö­sun­gen mög­lich. Wann kommt der Koh­le­aus­stieg? Von ei­nem his­to­ri­schen Kraft­akt spricht Ex-Kanz­ler­amts­chef Ro­nald Po­fal­la (CDU). „Es ist ge­schafft“, sagt er mü­de nach der Ei­ni­gung mit Kli­ma­schüt­zern, Ge­werk­schaf­tern, Un­ter­neh­mern und Wis­sen­schaft­lern - mit 27:1-Stim­men so­gar fast ein­stim­mig. Als Ab­schluss­da­tum emp­fiehlt die Kom­mis­si­on En­de des Jah­res 2038. Flan­kiert wird das mit Mil­li­ar­den­hil­fen im ho­hen zwei­stel­li­gen Be­reich für Be­schäf­tig­te, be­trof­fe­ne Re­gio­nen und Strom­ver- Frank­fur­ter Rund­schau In die Er­leich­te­rung, das die Kuh end­lich vom Eis ge­bracht wur­de, mischt sich ei­ne gro­ße Sor­ge. Ein Koh­le­aus­stieg mit End­da­tum 2038 ent­spricht nicht den Vor­ga­ben des Pa­ri­ser Welt­kli­ma­ver­trags, laut dem die glo­ba­le Er­wär­mung mög­lichst auf 1,5 Grad be­grenzt wer­den soll. Um da­mit kom­pa­ti­bel zu sein, hät­te 2030 als Schluss­punkt fi­xiert wer­den müs­sen - die For­de­rung, mit der die Ver­tre­ter der Um­welt­ver­bän­de in die Dis­kus­si­on ein­ge­tre­ten sind und die sie lan­ge als nicht ver­han­del­bar be­zeich­net ha­ben. Dass sie nun nicht nur ein oder zwei, son­dern acht Jah­re zu­ge­ge­ben ha­ben, ist hart - und zwar nicht nur für sie, die das ih­ren Mit­glie­dern „ver­kau­fen“müs­sen, son­dern für den Kli­ma­schutz. Dass das End­da­tum laut dem Plan bei ei­ner Über­prü­fung im Jahr 2032 auf 2035 vor­ge­zo­gen wer­den könn­te, al­ler­dings nur im Ein­ver­neh­men mit den Be­trei­bern, dient eher ih­rer Ge­sichts­wah­rung. Die Tat­sa­che, dass das Kli­ma nicht mit sich ver­han­deln lässt, kann kei­ne noch so hoch­ka­rä­ti­ge Kom­mis­si­on au­ßer Kraft set­zen. brau­cher. Es wird teu­er. Ist ein frü­he­rer Aus­stieg mög­lich? Ja. Es gibt ei­ne Klau­sel, auf die die Um­welt­ver­bän­de ge­pocht hat­ten. Wenn Strom­ver­sor­gung und wirt­schaft­li­che La­ge es her­ge­ben, kann das Aus­stiegs­da­tum im Ein­ver­neh­men mit den Be­trei­bern auf 2035 vor­ge­zo­gen wer­den. 2032 soll das über­prüft wer­den. Grü­ne und Um­welt­ver­bän­de set­zen dar­auf, dass an­ge­sichts der Er­der­wär­mung der Druck für ei­nen mög­lichst frü­hen Aus­stieg steigt. Wann wer­den wel­che Kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet? En­de 2017 wa­ren Koh­le­kraft­wer­ke mit ei­ner Leis­tung von 42,6 Gi­ga­watt (GW) am Markt, da­zu kommt ei­ne Re­ser­ve für den Win­ter, wenn es kaum So­lar­strom gibt. Bis 2022 sol­len als Ein­stieg in den Koh­le­aus­stieg ins­ge­samt 12,5 GW vom Netz ge­hen. Be­son­de­ren Wer t le­gen Kli­ma­schüt­zer dar­auf, dass dar­un­ter 3,1 GW Braun­koh­le mehr als bis­her oh­ne­hin schon ge­plant sind. Wel­che Kraft­wer­ke ab­ge­schal­tet wer­den, gibt die Kom­mis­si­on nicht vor, das soll die Po­li­tik mit den Be­trei­bern aus­han­deln. Bis 2030 sol­len noch höchs­tens 17 GW am Markt sein. Droht ei­ne Strom­lü­cke? Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) sagt klar nein. Nach Zah­len des Bun­des­ver­ban­des der Ener­gie- und Was­ser­wirt­schaft (BDEW) hat­ten er­neu­er­ba­re Ener­gie 2018 schon ei­nen An­teil von 35 Pro­zent an der Strom­er­zeu­gung. Auf eben­falls 35 Pro­zent kom­men bis­her Die Welt, Ber­lin Das Er­geb­nis der Re­gie­rungs­kom­mis­si­on zum Koh­le­aus­stieg wird all­seits als ge­sell­schaft­li­cher Kon­sens be­ju­belt. Man glaubt es kaum: Der Staat macht durch Zwangs­ab­schal­tun­gen ge­wal­ti­ge In­dus­trie­an­la­gen zu stran­ded as­sets oh­ne Wert - und es gibt an­geb­lich nur Ge­win­ner. In der Koh­le­kom­mis­si­on durf­te eben je­der, der Rang und Na­men hat, sei­ne Hand auf­hal­ten und sich sei­ne Zu­stim­mung ab­kau­fen las­sen. Nur der Steu­er­zah­ler nicht. Der saß nicht mit am Tisch.

Für die po­li­ti­sche Be­frie­dung der Pro­tes­te um den Ham­ba­cher Forst und Schü­ler­streiks ist der Bun­des­re­gie­rung of­fen­bar kein Preis zu hoch, auch wenn der Zu­satz­nut­zen fürs Kli­ma über­schau­bar bleibt. Der eu­ro­päi­sche Emis­si­ons­han­del leis­tet längst bil­li­ge­re und ef­fi­zi­en­te­re Kli­ma­schutz­ar­beit als der deut­sche Staats­in­ter ven­tio­nis­mus.

Doch wer­fen die Land­tags­wah­len in zwei ost­deut­schen Braun­koh­le­län­dern, Bran­den­burg und Sach­sen, ih­re dunk­len Schat­ten Braun- und St­ein­koh­le. Knapp 13 Pro­zent des Stroms stammt aus Gas­kraft­wer­ken, Atom­kraft­wer­ke steu­ern zwölf Pro­zent bei. Der Rest kommt aus Pump­spei­cher- und Öl­kraft­wer­ken. So­mit muss schritt­wei­se ein Drit­tel der Strom­pro­duk­ti­on er­setzt wer­den. Stei­gen die Strom­prei­se? Die Kom­mis­si­on rech­net we­gen der schritt­wei­sen Ver­rin­ge­rung des im Ver­gleich güns­ti­gen Koh­le­stroms ab 2023 mit Preis­ef­fek­ten: „Aus heu­ti­ger Sicht ist zum Aus­gleich die­ses An­stiegs ein Zu­schuss in Hö­he von min­des­tens zwei Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr er­for­der­lich.“Die en­er­gie­in­ten-si­ve In­dus­trie soll mit wei­te­ren Sub­ven­tio­nen un­ter­stützt wer­den. Die größ­ten An­la­gen? Die größ­ten Braun­koh­le­kraft­wer­ke sind Neu­rath und Nie­der­au­ßem im Rhein­land so­wie Jänsch­wal­de und Box­berg in der bran­den­bur­gi­schen Lau­sitz. Zum Pro­blem wird die Fra­ge, was mit dem letz­ten noch im Bau be­find­li­chen St­ein­koh­le­kraft­werk Dat­teln wird. Der Ener­gie­ver­sor­ger Uni­per (frü­her Eon) for­dert rasch Klar­heit - auch mit Blick auf Ent­schä­di­gun­gen. Das 1,2 Mil­li­ar­den Eu­ro teu­re Kraft­werk am Ran­de des Ruhr­ge­biets soll­te nach der­zei­ti­gen Pla­nun­gen 2020 ans Netz ge­hen. Und die Be­schäf­tig­ten? Für Be­schäf­tig­te in den Ta­ge­bau­en und Kraft­wer­ken ab 58 Jah­ren, die die Zeit bis zur Ren­te über­brü­cken müs­sen, soll es ein Anpassungsgeld so­wie ei­nen Aus­gleich von Ren­ten­ein­bu­ßen vor­aus. Will Mer­kel der AfD nicht noch mehr Pro­test­wäh­ler zu­trei­ben, muss sie mit üp­pi­gen Trans­fer­leis­tun­gen da­für sor­gen, dass der Koh­le­aus­stieg im Os­ten nicht all­zu vie­le Ver­lie­rer pro­du­ziert. Die Last des Koh­le­aus­stiegs liegt zu­erst im Wes­ten, doch der Os­ten wird auf Struk­tur­hil­fen aus dem be­schlos­se­nen 40-Mil­li­ar­den-Pro­gramm nicht lan­ge war­ten müs­sen.

Der Koh­le­aus­stieg führt aber nicht nur zu ho­hen Belastungen des Staats­haus­halts, son­dern auch zu stei­gen­den Strom­prei­sen für al­le Ver­brau­cher. Über de­ren Lei­dens­be­reit­schaft ist noch we­nig be­kannt. Kommt es hart auf hart, wird sich die Bun­des­re­gie­rung ent­schei­den müs­sen, ob sie Pro­tes­te lie­ber von Kli­maak­ti­vis­ten hat oder von Gelb­wes­ten.

Die Rech­nung liegt auf dem Tisch, jetzt be­ginnt das ei­gent­li­che Ge­feil­sche. Ent­schei­den­de Fra­ge: Was er­laubt Scholz? Mit dem Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter hat­te bis vor Kur­zem noch kei­ner ge­re­det. Jetzt soll er das Füll­horn öff­nen. Sei­ne SPD hat im Braun­koh­le­land Sach­sen ge­ben. Das könn­te fünf Mil­li­ar­den Eu­ro kos­ten, die Ar­beit­ge­ber und Staat ge­mein­sam schul­tern könn­ten. Be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen sol­len aus­ge­schlos­sen wer­den. Für jün­ge­re Ar­beit­neh­mer soll es Au­sund Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men ge­ben, Ver­mitt­lung in an­de­re Jobs und Fi­nanz­hil­fen bei Lohn­ein­bu­ßen. Gibt es Ent­schä­di­gun­gen? Mil­li­ar­den­kla­gen wie beim Atom­aus­stieg sol­len ver­mie­den wer­den. „Die Kom­mis­si­on geht da­von aus, dass in den Ver­hand­lun­gen mit den Be­trei­bern von Braun­koh­le­kraft­wer­ken die ge­sam­te Pla­nung bis 2030 ein­ver­nehm­lich geregelt wird“, heißt es im Ab­schluss­be­richt. Wie viel Geld be­kom­men die be­trof­fe­nen Re­gio­nen? Ins­ge­samt wer­den bis zu 40 Mil­li­ar­den Eu­ro an Hil­fen ver­an­schlagt - ein ge­wal­ti­ges Kon­junk­tur­pro­gramm. Vor al­lem Nord­rhein-West­fa­len, Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-An­halt sol­len über 20 Jah­re beim Struk­tur­wan­del un­ter­stützt wer­den. Da­zu soll die Ver­kehrs­an­bin­dung der Koh­le­re­gio­nen ver­bes­sert wer­den. Durch die An­sied­lung von Bun­des­be­hör­den oder Steu­er­an­rei­zen aber po­li­tisch oh­ne­hin nichts zu ge­win­nen.

In NRW ist sie auch nicht in der Ver­ant­wor­tung. Der Koh­le­aus­stieg ist ein The­ma der Uni­on – im Gu­ten wie im Schlech­ten. Mer­kel wird Scholz viel bie­ten müs­sen, wenn er ih­re Ener­gie­re­vo­lu­ti­on mit Geld ab­fe­dern soll. Falls es in der nächs­ten Zeit in der gro­ßen Ko­ali­ti­on ir­gend­wel­che Pa­ket-De­als zu­guns­ten der So­zi­al­de­mo­kra­ten gibt, könn­te der Grund da­für im Koh­le­kom­pro­miss lie­gen, den die Uni­on drin­gen­der braucht als die SPD. Die wah­ren Kos­ten des Koh­le­aus­stiegs, po­li­tisch und fi­nan­zi­ell, lie­gen noch im Dun­keln. Stutt­gar­ter Zei­tung Der his­to­ri­sche Kraft­akt, den der Koh­le­aus­stieg als zwei­ter Teil der deut­schen Ener­gie­wen­de nach dem Atom­aus­stieg dar­stellt, wird zwan­zig Jah­re dau­ern und nicht nur Po­li­tik und Wirt­schaft her­aus­for­dern, son­dern auch die Bür­ger. Zwar sind die Mehr­hei­ten für ei­nen ra­schen Koh­le­aus­stieg in den Um­fra­gen sta­bil, doch mit der Be­reit­schaft, die Ne­ben­wir­kun­gen beim für die An­sied­lung von neu­en Un­ter­neh­men und Start-ups könn­ten neue Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen. Die Kom­mis­si­on emp­fiehlt, dass al­lein der Bund 5000 neue Ar­beits­plät­ze ab 2028 schaf­fen soll. All das soll in ei­nem Struk­tur­wan­delstaats­ver­trag mit den Län­dern geregelt wer­den. War­um ist der Koh­le­aus­stieg so wich­tig? Weil Deutsch­land den ei­ge­nen Kli­ma­zie­len stark hin­ter­her­hinkt. So klappt es nicht mit ei­nem 40 Pro­zent ge­rin­ge­ren Treib­haus­gas­aus­stoß bis 2020 im Ver­gleich zu 1990. Bis 2030 sol­len es 55 Pro­zent we­ni­ger wer­den, bis 2050 min­des­tens 80 Pro­zent. Wie sind die Re­ak­tio­nen? Im Gro­ßen und Gan­zen über­ra­schend po­si­tiv. „Bes­ser schlech­ten Kli­ma­schutz als gar kei­nen Kli­ma­schutz“, meint et­wa der Prä­si­dent des Deut­schen Na­tur­schutz­rings, Kai Nie­bert. SPD und Ge­werk­schaf­ten lo­ben den Ein­satz für die be­trof­fe­nen Be­schäf­tig­ten, die Grü­nen, dass es über­haupt ei­ne Ei­ni­gung gibt. Die Bun­des­re­gie­rung muss das nun in Ge­set­ze und Ver­trä­ge gie­ßen, ein Mam­mut­pro­jekt wie beim Atom­aus­stieg. Um­bau der Ener­gie­ver­sor­gung mit­zu­tra­gen, ist es noch nicht so weit her. Münch­ner Mer­kur Erst Atom, jetzt Koh­le: Mit dem Dop­pel­aus­stieg wagt die viert­größ­te In­dus­trie­na­ti­on der Welt ein ris­kan­tes Ex­pe­ri­ment. Wäh­rend der Nut­zen um­strit­ten ist, sind die lang­fris­ti­gen Fol­gen gra­vie­rend: Das Aus für die Koh­le bür­det Bür­gern und Be­trie­ben mas­si­ve Las­ten auf, er ge­fähr­det die Kon­kur­renz­fä­hig­keit un­se­rer Wirt­schaft und er­höht die Ab­hän­gig­keit von Pu­tins Gas.

Über all das wä­re zu dis­ku­tie­ren, wenn da­mit wirk­lich ein sub­stan­zi­el­ler Bei­trag zur Kli­ma­ret­tung ver­bun­den wä­re. Aber dann müss­te si­cher­ge­stellt wer­den, dass die EU-Part­ner mit­zie­hen. Sonst wie­der­holt der Koh­le­aus­stieg nur die Feh­ler der Re­gie­rung Mer­kel beim über­stürz­ten Atom­aus­stieg. Deutsch­land wird das Kli­ma im na­tio­na­len Al­lein­gang nicht ret­ten kön­nen. Schon gar nicht mit teu­ren und in­ef­fi­zi­en­ten Kon­zep­ten aus der Mot­ten­kis­te der Pl­an­wirt­schaft.

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