Wirt­schafts­rat der CDU for­dert Auf­schub für Die­sel-Ver­bo­te

Sind die Grenz­wer­te für Fe­in­staub und Stick­oxid in Städ­ten wis­sen­schaft­lich zu recht­fer­ti­gen? Ei­ne Grup­pe von Lun­gen­Spe­zia­lis­ten hat mit ih­rer Kri­tik die De­bat­te um Fahr­ver­bo­te neu ent­facht. Nun wird der Ruf nach mehr Zeit lau­ter.

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Nach dem Vor­stoß ei­ner Grup­pe von Lun­gen­ärz­ten wächst die Kri­tik an Die­sel­fahr­ver­bo­ten in deut­schen Städ­ten. Der Wirt­schafts­rat der CDU for­der­te we­gen der De­bat­te um Fe­in­staub­grenz­wer­te ein Mo­ra­to­ri­um für die Fahr ver­bo­te. „Of­fen­kun­dig be­ste­hen im­mer grö­ße­re - auch me­di­zi­ni­sche Zwei­fel - an der Sinn­haf­tig­keit der Grenz­wer­te für Fe­in­staub und Stick­oxi­de. Wir soll­ten da­her ei­ne wis­sen­schaft­li­che Neu­be­wer­tung der Grenz­wer­te vor­neh­men“, sag­te Ge­ne­ral­se­kre­tär Wolf­gang Stei­ger in Ber­lin. „Bis da­hin soll­ten die be­schlos­se­nen Die­sel-Fahr­ver­bo­te aus­ge­setzt wer­den.“

FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner for­der­te ei­ne Un­ter­su­chung dar­über, ob die EU-Schad­stoff­grenz­wer­te tat­säch­lich dem neu­es­ten me­di­zi­ni­schen Kennt­nis­stand ent­spre­chen: „Da­für brau­chen wir ein po­li­ti­sches Mo­ra­to­ri­um. Es ist er­reich­bar, wenn die Bun­des­kanz­le­rin dies in Brüs­sel zur Chef­sa­che macht.“

Mehr als hun­dert Lun­gen­spe­zia­lis­ten hat­ten zu­vor den ge­sund­heit­li­chen Nut­zen der gel­ten­den Grenz­wer­te für Fe­in­staub und Stick­oxi­de (NOx) an­ge­zwei­felt. Sie se­hen kei­ne wis­sen­schaft­li­che Be­grün­dung, die die gel­ten­den Ober­gren­zen recht­fer­ti­gen wür­de. Vie­le Stu­di­en, die Ge­fah­ren durch Luft­ver­schmut­zung zei­gen soll­ten, hätten er­heb­li­che Schwä­chen.

Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) be­grüß­te die In­itia­ti­ve. „Wir brau­chen ei­ne ganz­heit­li­che Sicht­wei­se“, sag­te der CSU-Po­li­ti­ker. „Wenn über 100 Wis­sen­schaft­ler sich zu­sam­men­schlie­ßen, ist das schon ein­mal ein Si­gnal.“Ein Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher er­klär­te, Scheu­er wer­de die Grenz­wert­dis­kus­si­on in der EU füh­ren. Der Ver­kehrs­mi­nis­ter be­ton­te, die EU ge­be die Mög­lich­keit, Grenz­wert­mess­sta­tio­nen auch dort zu plat­zie­ren, wo die Schad­stof fe­mis­sio­nen nicht am höchs­ten sind. Dies hal­te er für „ei­ne ver­nünf­ti­ge Her­an­ge­hens­wei­se an die Grenz­wer­te“.

Der Ver­kehrs­club Deutsch­land (VCD) re­agier­te mit Kri­tik auf die Aus­sa­gen von Scheu­er und des CDUWirt­schafts­rats. Scheu­er krö­ne sich zum „Schutz­pa­tron der Au­to­in­dus­trie“, sag­te Ver­kehrs­ex­per­te Micha­el Mül­ler-Görnert. „Ein Aus­set­zen der Grenz­wer­te für Fe­in­staub und Stick­oxi­de wä­re ein Schlag ins Ge­sicht der Men­schen, die un­ter den Fol­gen schlech­ter Luft zu lei­den ha­ben.“Statt die - an­geb­lich - wis­sen­schaft­lich be­leg­ten ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen von NO2 und Fe­in­staub „wis­sen­schaft­lich halt­los“in Fra­ge zu stel­len, müs­se Scheu­er viel­mehr da­für sor­gen, dass Die­sel­fahr­zeu­ge sau­be­rer wür­den.

Die Grup­pe von Lun­gen­ärz­ten stell­te sich auch ge­gen ein Po­si­ti­ons­pa­pier der Deut­schen Ge­sell­schaft für Pneu­mo­lo­gie und Be­at­mungs­me­di­zin (DGP) aus dem Jahr 2018. Da­rin hieß es: „Stu­di­en zei­gen, dass die Fe­in­staub­be­las­tung durch Land­wirt­schaft, In­dus­trie und Ver­kehr ge­sund­heits­schäd­lich ist.“Die DGP, die Deut­sche Lun­gen­stif­tung und der Ver­band Pneu­mo­lo­gi­scher Kli­ni­ken, er­klär­ten nun, der Vor­stoß der Me­di­zi­ner wer­de als An­stoß für ei­ne kri­ti­sche Über­prü­fung be­trach­tet.

Die Grenz­wer­te sind die Grund­la­ge für Die­sel­fahr ver­bo­te. In der EU gilt für Stick­stoff­di­oxid ein Jah­res­mit­tel­wert von 40 Mi­kro­gramm pro Ku­bik­me­ter, für Fe­in­staub sind es Wer­te je nach Par­ti­kel­grö­ße. Nach ei­nem Be­schluss des Bun­des­ver wal­tungs­ge­richts kön­nen Kom­mu­nen, in de­nen die Grenz­wer te über­schrit­ten wer­den, stre­cken- oder zo­nen­be­zo­ge­ne Fahr­ver­bo­te ge­gen Die­sel ver­hän­gen.

Auf dem Ver­kehrs­ge­richts­tag in Gos­lar gab es Kri­tik an den Die­sel­Fahr ver­bo­ten. Die Ver­bo­te schränk­ten vie­le Pri­vat­leu­te und Ge­wer­be­trei­ben­de in ih­rer grund­ge­setz­lich ga­ran­tier­ten per­sön­li­chen und be­ruf­li­chen Freiheit ein, sag­te Andre­as Krä­mer von der Ar­beits­ge­mein­schaft Ver­kehrs­recht des Deut­schen An­walt­ver­eins (DAV). Der Grenz­wert von 40 Mi­kro­gramm Stick­stoff­di­oxid pro Ku­bik­me­ter Luft im Jah­res­mit­tel er­schei­ne ir­ra­tio­nal und sei will­kür­lich ge­wählt. An vie­len Ar­beits­plät­zen herr­sche ei­ne weit hö­he­re Schad­stoff-Be­las­tung.

Nie­der­sach­sens Jus­tiz­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hav­liza for­der­te da­ge­gen Re­spekt vor der Recht­spre­chung. „Was un­ab­hän­gi­ge Ge­rich­te ent­schei­den, das muss gel­ten“, sag­te die CDU-Po­li­ti­ke­rin auf der Kon­fe­renz. Die Exe­ku­ti­ve müs­se auch Ur­tei­le zu Fahr­ver­bo­ten um­set­zen, die po­li­tisch nicht er­wünscht sei­en. Dass sich der Ver­kehrs­ge­richts­tag mit Die­sel­fahr­ver­bot be­fas­sen müs­se, lie­ge im üb­ri­gen an Volks­wa­gen und an­de­ren Au­to­her­stel­lern, sag­te Hav­liza.

Der Staats­se­kre­tär im Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um, Jo­chen Flas­barth, wies die Kri­tik der Lun­gen­ärz­te zu­rück. Die gel­ten­den Grenz­wer te sei­en das Er­geb­nis vie­ler Stu­di­en, sag­te er. Sie zeig­ten, dass es ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Luft­schad­stof­fen und Lun­gen- und Herz-Kreis­lauf-Er­kran­kun­gen ge­be. „Seit 2010 sind die­se Grenz­wer­te ein­zu­hal­ten. Das tun wir nicht, aber nicht des­halb, weil die Grenz­wer­te falsch sind, son­dern weil die In­dus­trie dre­cki­ge Au­tos ver­kauft hat und weil die Ver­kehrs­po­li­tik ta­ten­los zu­ge­guckt hat.“

Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze be­ton­te, die gro­ße Mehr­heit der Städ­te schaf­fe es, die Grenz­wer­te ein­zu­hal­ten. „Nur dort, wo be­son­ders viel Ver­kehr ist, gibt es Pro­ble­me mit Stick­oxi­den“, sag­te sie. „Wir ha­ben al­so kein Grenz­wert­pro­blem, son­dern ein Die­sel- und Ver­kehrs­pro­blem, das wir zum Bei­spiel mit Hard­ware-Nach­rüs­tun­gen lö­sen kön­nen.“Sie sei er­staunt, dass sich Ärzte in den Di­enst ei­nes sol­chen „Ablen­kungs­ma­nö­vers“stell­ten.

Strik­te Die­sel-Fahr­ver­bo­te gibt es üb­ri­gens nur in Deutsch­land. In an­de­ren eu­ro­päi­schen Städ­ten wie Pa­ris, Lon­don und Mai­land gibt es zum Teil zeit­be­grenz­te Fahr­ver­bo­te. Al­ler­dings sind die­se nicht mit den Re­strik­tio­nen in Deutsch­land ver­gleich­bar, wo sie eher wie blan­ker Ak­tio­nis­mus er­schei­nen - wie in Ham­burg im Stadt­teil Al­to­na. Dort gilt es rund 580 Me­ter in der Ma­xBrau­er-Al­lee und auf 1,6 Ki­lo­me­tern der St­re­se­mann­stra­ße (Fo­to).

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