Zen­tra­ler Sitz mit Al­pen­blick

Die größ­ten Con­tai­ner­schif­fe kom­men ei­nem beim An­blick des idyl­li­schen Gen­fer Sees mit sei­nen Aus­flugs­damp­fern nicht in den Sinn. Genf ist trotz­dem ein zen­tra­ler Ort der Hoch­see-Schiff­fahrt.

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Ein Con­tai­ner-Rie­se ver­liert auf dem Weg nach Bre­mer­ha­ven in stür­mi­scher See in der Nord­see 281 der Stahl­be­häl­ter. Die See­fah­rer­na­ti­on Niederlande ist bei der Or­tung und Ber­gung schnell und sou­ve­rän im Ein­satz. Der Ei­g­ner der ha­va­rier­ten „MSC Zoe“, Be­sit­zer der zweit­größ­ten Con­tai­ner-Ree­de­rei der Welt, sitzt aber in Genf. Ein Hoch­see­spe­zia­list am Al­pen­rand?

Mee­res­flair

Ein Stand­ort mit Mee­res­flair ist die Schwei­zer Stadt mit ih­rem See und den Aus­flugs­damp­fern dar­auf wahr­lich nicht. Hier gibt es statt Wel­len­bre­chern Al­pen-Pan­ora­ma, mit Blick auf den 4810 Me­ter ho­hen Mont Blanc. Die Küs­ten sind weit weg: Es sind gut 300 Ki­lo­me­ter Luft­li­nie bis zum Mit­tel­meer, fast 600 Ki­lo­me­ter bis zum Atlantik und gut 800 Ki­lo­me­ter bis vor die Küs­te der Niederlande.

Den­noch ist Genf ei­ne der Dreh­schei­ben der in­ter­na­tio­na­len Hoch­see-Schiff­fahrt. Dort tum­meln sich ne­ben dem „Zoe“-Ei­g­ner - der Me­di­ter­ra­ne­an Ship­ping Com­pa­ny (MSC) und Num­mer zwei nach der dä­ni­schen Møl­ler-Ma­ersk-Grup­pe - ei­ni­ge der welt­größ­ten Roh­stoff­händ­ler, der füh­ren­de Wa­ren­prüf- kon­zern SGS so­wie je­de Men­ge Schiffs­bro­ker, Fracht­mak­ler, spe­zia­li­sier­te An­wäl­te, Ban­ker und In­ves­to­ren.

Al­les we­gen der Lie­be

Dass der MSC-Grün­der in den 1970er Jah­ren in Genf star­te­te, hat vor al­lem mit der Lie­be zu tun. Ka­pi­tän Gi­an­lu­i­gi Apon­te stammt aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen in Sor­rent süd­lich von Nea­pel und ar­bei­te­te sich dort auf Fäh­ren vom Ma­tro­sen bis zum Ka­pi­tän hoch - bis er die rei­che Gen­fer Ban­kier­stoch-ter Raf­fae­la ken­nen­lern­te. Ih­re Fa­mi­lie ak­zep­tier­te den Ka­pi­tän, der Schwie­ger­va­ter hol­te ihn in die Bank.

Dort nutz­te Apon­te Ge­schäfts­be­zie­hun­gen und kauf­te sei­nen ers­ten ge­brauch­ten Frach­ter. Heu­te ist MSC mit 510 Con­tai­ner­schif­fen auf den Welt­mee­ren un­ter­wegs und hat 70.000 Mit­ar­bei­ter in 155 Län­dern, wie Spre­cher Gi­les Broom (run­des Fo­to) sagt. Die „Zoe“wur­de 2015 in Ham­burg von der da­mals 4-jäh­ri­gen En­ke­lin Apon­tes na­mens Zoe ge­tauft.

Fa­mi­li­en­be­trieb

MSC ist ein Fa­mi­li­en­be­trieb. Der Grün­der sei als „Co­man­dan­te“be­kannt, heißt es, und ha­be frü­her gern auch am Sams­tag zum Rap­port an­tre­ten las­sen. Heu­te lei­tet sein Sohn Die­go die Ge­schäf­te, Toch­ter Ale­xa ist Fi­nanz­che­fin, und Schwie­ger­sohn Pier­fran­ces­co Va­go lei­tet die An­fang der 1990er Jah­re ge­star­te­te Kreuz­fahrts­par­te, die heu­te eben­so zu den größ­ten der Welt ge­hört. Zah­len gibt es nicht. Das US-Ma­ga­zin „For­bes“schätzt Apon­tes Ver­mö­gen auf 7,5 Mil­li­ar­den Dol­lar.

„Die­se Stadt hat ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on, die Ak­teu­re im in­ter­na­tio­na­len Han­del an­zu­zie­hen“, er­klärt Broom. „Genf at­met den Welt­han­del.“His­to­risch war die roh­stoff­ar­me Schweiz schon im 18. Jahr­hun­dert auf Han­del spe­zia­li­siert.

Nach den Welt­krie­gen schätz­ten Fir­men das un­ver­sehrt ge­blie­be­ne neu­tra­le Land als Stand­ort, z.B. für Ge­schäf­te zwi­schen Ost und West. Heu­te nen­nen Un­ter­neh­men ein gu­tes Um­feld mit at­trak­ti­ven Steu­ern, gro­ßen und klei­nen Ban­ken, den in­ter­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der Welt­han­dels­or­ga­ni­sa­ti­on (WTO) und viel­spra­chi­gen Spe­zia­lis­ten als wich­ti­ge Stand­ort­fak­to­ren.

Ers­te Li­ga

Die Schweiz spielt mit ih­rer kom­mer­zi­el­len Han­dels­flot­te in der ers­ten Li­ga: Nach Vo­lu­men lag sie 2016 welt­weit auf Platz 11, fast gleich­auf mit Groß­bri­tan­ni­en, so die Swiss Tra­ding and Ship­ping As­so­cia­ti­on (STSA), der Ver­band der Roh­wa­ren­händ­ler und Ree­der. Die Flot­te ist grö­ßer als die Nor we­gens, Frank­reichs, der Tür­kei oder der Niederlande. Grie­chen­land ist die­sen Zah­len zu­fol­ge welt­weit mit Ab­stand die Num­mer eins vor Ja­pan, Chi­na, Sin­ga­pur und Deutsch­land.

Als Dreh­schei­be des Welt­han­dels sieht der Kan­ton Genf sich in Eu­ro­pa nur von Lon­don ge­schla­gen. „Genf ist Welt­füh­rer im Han­del mit Öl, Zu­cker, Kaf­fee, Ge­trei­de, Reis und Öl­sa­men, mit 400 Un­ter­neh­men, die die Mehr­heit des glo­ba­len Han­dels ab­de­cken“, heißt es auf sei­ner Web­sei­te.

Al­les in der Schweiz

40 bis 60 Pro­zent der welt­wei­ten Fi­nanz­trans­ak­tio­nen im Han­del lie­fen über Genf. Eben­so die Hälf­te des Han­dels mit Kaf fee und Zu­cker so­wie je ein Drit­tel des in­ter­na­tio­na­len Han­dels mit Reis, Öl und Ge­trei­de. Die größ­ten Roh­stoff­händ­ler der Welt ha­ben ih­ren Sitz ganz oder teils in der Schweiz: die Öl­händ­ler Gun­vor und Mer­cu­ria so­wie der Roh­stoff­händ­ler Vi­tol und Glen­co­re.

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