Da­vos such­te Lö­sun­gen für „Glo­ba­li­sie­rung auf Ste­ro­iden“

Amerika Woche - - Global - Na­tio­na­lis­mus Künst­li­che In­tel­li­genz Ver­trau­ens­ver­lust Kampf mit Ro­bo­tern Grenz­über­schrei­tend

Es ist ei­ne bei Teil­neh­mern fast schon lieb­ge­won­ne­ne Tra­di­ti­on, dass Klaus Schwab der Jah­res­ta­gung sei­nes Welt­wirt­schafts­fo­rums (WEF) in Da­vos ein recht sper­ri­ges Mot­to vor­gibt. Dies­mal war es die „Glo­ba­li­sie­rung 4.0“. Was das aber ge­nau be­deu­tet? Nicht al­le Teil­neh­mer des Tref­fens in den Schwei­zer Al­pen wa­ren sich da so si­cher. „Das ist ziem­lich schwam­mig“, mein­te ein deut­scher Top-Ma­na­ger. Und auch vie­le WEF-Mit­ar­bei­ter konn­ten mit dem Be­griff nicht viel an­fan­gen, wie zu hö­ren war.

Im Grun­de geht es - da sind sich vor al­lem die Spit­zen­po­li­ti­ker ei­nig dar­um, dass in ei­ner Zeit des wach­sen­den Na­tio­na­lis­mus ge­mein­sa­me An­stren­gun­gen von­nö­ten sind. „Weil“, so sag­te die deut­sche Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, „al­les an­de­re uns ins Elend füh­ren wird.“Das Pro­blem der „Glo­ba­li­sie­rung 4.0“, ei­ner neu­en Ära der Glo­ba­li­sie­rung, in der es um di­gi­ta­le An­ge­bo­te und Di­enst­leis­tun­gen geht: Wa­ren es in der vo­ri­gen Pha­se be­son­ders Ar­bei­ter, sind nun auch Bü­ro­an­ge­stell­te in ih­ren Jobs be­droht. „Zwei Drit­tel der Ge­sell­schaft ha­ben Angst, ih­ren Ar­beits­platz an ei­nen Ro­bo­ter zu ver­lie­ren“, sagt SAP-Chef Bill McDer­mott.

Wir leb­ten in ei­ner „ganz, ganz ent­schei­den­den Zeit“, in der es nicht vie­le Grau­zo­nen ge­be, hieß es in Da­vos bei ei­nem Abend­es­sen mit EU-Po­li­ti­kern und Kon­zern­chefs. Auch wenn es sich kei­ner ha­be vor­stel­len kön­nen: Die sys­te­mi­sche Fra­ge wer­de wie­der ge­stellt.

WEF-Grün­der Schwab for­dert „ei­nen neu­en so­zia­len Pakt zwi­schen den Bür­gern und ih­ren An­füh­rern, da­mit sich je­der zu Hau­se si­cher ge­nug fühlt, um für die Welt ins­ge­samt of­fen zu blei­ben“. Denn die nächs­te Stu­fe der Glo­ba­li­sie­rung sorgt für gro­ße Un­si­cher­hei­ten.

Ein wich­ti­ger Fak­tor da­bei: Künst­li­che In­tel­li­genz. „Künst­li­che In­tel­li­genz könn­te Men­schen, die nor­ma­le Ar­bei­ter sind, die nicht com­pu­te­raf­fin sind, in die Ar­mut stürzen“, warn­te US-Star-Öko­nom Ro­bert Shil­ler. „In den nächs­ten 10 bis 20 Jah­ren könn­ten wir all un­se­re Ta­xi­fah­rer, un­se­re Lkw-Fah­rer, selbst Ma­tro­sen er­set­zen“, sag­te der Ya­le-Pro­fes­sor mit Blick auf Ro­bo­ter und au­to­no­mes Fah­ren.

Marc Be­ni­off, Chef des US-Soft­ware­rie­sen und SAP-Ri­va­len Sa­les­force, warn­te noch deut­li­cher vor ei­ner „Tech-Spal­tung“: „Die­je­ni­gen oh­ne Zu­gang zu Künst­li­cher In­tel­li­genz wer­den schwä­cher und är­mer sein, un­ge­bil­de­ter und krän­ker. Al­so müs­sen wir uns fra­gen: Ist dies die Art von Welt, in der wir le­ben wol­len?“

In San Fran­cis­co, wo Sa­les­force zu Hau­se ist, kön­ne man schon gut be­ob­ach­ten, wo­zu Tech­no­lo­gie eben auch füh­ren kön­ne: zu Un­gleich­heit und Ver­trau­ens­ver­lust. In der Stadt und Re­gi­on sor­gen die ho­hen Ein­kom­men der TechIn­ge­nieu­re aus dem Si­li­con Val­ley für hor­ren­de Mie­ten und Häu­ser­prei­se, die sich kaum ein Durch­schnitts­ver­die­ner mehr leis­ten kann.

Aus­tra­li­ens Fi­nanz­mi­nis­ter Ma­thi­as Cor­mann mahn­te da­her, nie­man­den zu­rück­zu­las­sen. „Wir be­fin­den uns in ei­ner Pha­se der Glo­ba­li­sie­rung auf Ste­ro­iden, die in Tei­len der Ge­mein­schaft Druck auf uns aus­übt, auf die wir acht­ge­ben müs­sen.“Des­halb, sagt Schwab, müs­se der Mensch im Mit­tel­punkt ste­hen. „Wir sind in ge­wis­ser Wei­se in ei­nem Kampf zwi­schen Ro­bo­tern und Men­schen. Wir wol­len kei­ne Skla­ven der neu­en Tech­no­lo­gi­en wer­den.“

Star-In­ves­tor Ge­or­ge So­ros - in Da­vos seit Jah­ren mit pi­kan­ten Mei­nun­gen ver­tre­ten - warn­te vor den Aus­wir­kun­gen mo­der­ner Tech­no­lo­gi­en in den Hän­den au­to­ri­tä­rer Re­gime wie Chi­na. Al­go­rith­men als In­stru­ment der Un­ter­drü­ckung - „das kann gut in ei­nem Netz to­ta­li­tä­rer Kon­trol­le en­den, das sich nicht ein­mal Ge­or­ge Or­well hät­te vor­stel­len kön­nen“, mein­te der jü­di­sche 88-Jäh­ri­ge, der nach ei­ge­nen An­ga­ben die Na­zi-Herr­schaft in sei­nem Ge­burts­land Un­garn über­leb­te, weil sein Va­ter ge­fälsch­te Pa­pie­re be­sorgt ha­be.

An­ge­bracht wä­ren grenz­über­schrei­ten­den Lö­sun­gen, doch de­nen ste­hen der­zeit vie­le Ego­is­men im Weg. „Wir ha­ben in den letz­ten bei­den Jah­ren in vie­len Be­rei­chen der Welt ei­nen Rück­schritt hin zu mehr Pro­tek­tio­nis­mus, mehr Ab­schot­tung, we­ni­ger of­fe­nen Märk­ten und we­ni­ger mul­ti­la­te­ra­ler Zu­sam­men­ar­beit er­lebt“, sag­te Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU). „Und des­halb muss die Ant­wort auch hier in Da­vos sein, dass wir nicht we­ni­ger, son­dern mehr in­ter­na­tio­na­le Ko­ope­ra­ti­on brau­chen, dass wir nicht mehr Ab­schot­tung, son­dern mehr Öff­nung brau­chen.“

Da­vos bie­te die Chan­ce, ei­nen in­ter­na­tio­na­len Kon­sens dar­über zu schaf­fen, „dass wir um of­fe­ne Märk­te und in­ter­na­tio­na­le Zu­sam­men­ar­beit kämp­fen und dass wir ei­nen Rück­fall in Iso­la­tio­nis­mus und Na­tio­na­lis­mus nach Mög­lich­keit ver­hin­dern“, ap­pel­lier­te Alt­mai­er.

Ob die Auf­ru­fe zün­den, bleibt al­ler­dings un­ge­wiss. Ak­tu­ell sind vie­le mit ih­ren ei­ge­nen Pro­ble­men be­schäf­tigt: Br­ex­it, Shutdown, Gelb­wes­ten - vie­le Staats­chefs, die ein Wört­chen mit­zu­re­den hätten und de­ren Wort wich­tig ge­we­sen wä­re, fehl­ten dies­mal in Da­vos.

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