Kein Brief ist wie der an­de­re. Vor al­lem nicht die­ser.

Amerika Woche - - Roman -

»Ich hab was für dich da­bei«, ver­kün-

0 2 / Rich­tung Kü­che.

»Aber ich ge­he doch mor­gen früh selbst ein­kau­fen.« Knut kann seit ei­ni­gen Ta­gen wie­der schmerz­frei lau­fen,

selbst Trep­pen sind kein Hin­der­nis mehr, und da­her ist es ei­gent­lich nicht mehr nö­tig, dass Ma­til­da all­abend­lich für ihn ein­kau­fen geht.

Doch dar­um geht es schon lan­ge nicht mehr.

Oh­ne die Wie-war-dein-Tag-Ge­sprä­che mit Knut wür­de Ma­til­da et­was feh­len. Und oh­ne Ma­til­das täg­li­che Be­su­che wür­de sich Knut deut­lich ein­sa­mer füh­len.

Die Zei­tung, das fri­sche Rog­gen­brot und der Strauß Son­nen­blu­men sind dem­zu­fol­ge mehr ein Ali­bi für bei­de.

»Du strahlst so. Hast du et­wa Mi­chel ge­fun­den?«

»Nein, da­mit hat es nichts zu tun«, sagt Ma­til­da schnell, ob­wohl es ihr fast vor­kommt, als wä­re es doch so. Als müss­te ,

") für Le­ni und Mi­chel al­les gut wer­den kann. Wie auch im­mer die­ses »al­les gut« aus­se­hen mag.

Denn heu­te im Amt war wie­der ein Schrei­ben da­bei, das sie un­mög­lich ar­chi­vie­ren konn­te, oh­ne we­nigs­tens noch ein­mal mit Knuts Hil­fe ver­sucht zu ha­ben, ! & 3 / Zu­erst woll­te Ma­til­da den Brief über- 2 sie und ihr Herz be­gann, schnel­ler zu schla­gen. Mit je­der Zei­le wur­de deut­li­cher, dass es sich um ei­nen ganz be­son­de­ren Brief han­del­te. * 4 Ei­nen, der die Zeit still­ste­hen lässt, wenn man ihn liest. Und der das Le­ben der Emp­fän­ge­rin für im­mer ver­än­dern wür­de, wenn sie ihn be­kä­me. Ein an­rüh­ren­der Brief, fast wie der von Mi­chel an Le­ni. Nur dass es für die­ses Paar noch nicht fünf­zig Jah­re zu spät ist Ma­til­da konn­te gar nicht an­ders, als ihn mit nach Hau­se zu neh­men. Und nun liegt er auf Knuts Kü­chen­tisch.

Du hast es wie­der ge­tan , stellt der tro­cken fest.

Schlimmer es das ri­gi­nal. Der Ko­pie­rer war de­fekt.

Hast du kei­ne Ge­wis­sens­bis­se Knut legt ziel­si­cher den Fin­ger auf die Wun­de.

Schon. Aber was ist wich­ti­ger mein rei­nes Ge­wis­sen oder das Le­bens­glück zwei­er Lie­ben­der

Ma­til­da schluckt. Die Wor­te ge­hen ihr glatt über die Lip­pen, aber es fühlt sich selt­sam un­wirk­lich an, sie ausgesprochen zu ha­ben. Als hät­te sie ei­ne Gren­ze über­schrit­ten.

Du machst mich neu­gie­rig , sagt Knut und setzt sei­ne Le­se­bril­le auf. , gibt sie zu. Dies­mal ist

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