Ma­til­da ver­lässt ih­re Kom­fort­zo­ne.

Amerika Woche - - Roman -

* 0 -5 ) , 6) , 7 / frie­den. Auf dem Mo­ni­tor er­scheint die Fas­sa­de ei­nes Ca­fés. Über sei­nem Ein­gang prangt ein Schild: Bis­tro Kost­Bar.

»Tat­säch­lich – ge­nau das ist der Na­me, der in dem Brief ge­nannt wird!« Ma­til­da ist be­ein­druckt. »Hier jobbt Kla­ra al­so. Gibt es auch ei­ne Adres­se?«

»Aber na­tür­lich«, ant­wor­tet Knut und mar­kiert mit dem Maus­zei­ger die Bild­un­ter­schrift. »Kas­ta­ni­en­al­lee, Ber­lin. Stadt­teil Prenz­lau­er Berg.« Die Haupt­stadt al­so. »Wie bist du auf Ber­lin ge­kom­men?« »Das war gar nicht so schwer«, grinst Knut. »Jo­na­than er­wähnt ei­ne Rei­he von Stu­di­en­fä­chern, die zu Kla­ra pas­sen könn­ten. Dar­un­ter auch Brau­we­sen. Das kann man in ganz Deutsch­land nur an zwei Or­ten stu­die­ren: in Wei­hen­ste­phan bei Mün­chen und in Ber­lin.«

»Aber was, wenn es in Mün­chen eben­falls ein Bis­tro mit die­sem Na­men gibt?«

»Das spielt kei­ne Rol­le. Denn auch das Fach Pup­pen­spiel kann man nur an zwei Or­ten stu­die­ren: an der Hoch­schu­le für Schau­spiel­kunst in Ber­lin oder an der Mu­sik­hoch­schu­le in Stutt­gart. Es muss al­so Ber­lin sein!«

0 1 Der Brief wird sein Ziel er­rei­chen und je­man­den sehr glück­lich ma­chen. An­de­rer­seits: Sie kann den Brief ja kaum »An die blond ge­lock­te Kla­ra, die ab und zu im Bis­tro Kost­Bar ar­bei­tet« adres­sie­ren … Oder doch?

Knut legt den Kopf schief. »Du weißt schon, dass du da hin­fah­ren musst.«

Ma­til­da 8 ) ) der be­schau­li­chen Kle­in­stadt zu ver­lau­fen, in der sie lebt. »Das kann ich nicht!«, wehrt sie er­schro­cken ab. »Okay«, sagt sie. Weil es die ein­zi­ge mög­li­che Ant­wort ist.

Sie wünsch­te, es wä­re an­ders.

9 &2 0 ch­mä­ßig zu ver­tei­len: ei­ne Wo­che im Früh­jahr, zwei im Au­gust, ei­ne An­fang Ok­to­ber und schließ­lich ei­ne zwi­schen den Jah­ren. Auch wenn sie nie ver­reist, emp­fin­det sie die­se lang­fris­ti­ge und nie­mals in­fra­ge ge­stell­te Pla­nung als be­ru­hi­gend. Die drei Ta­ge, die sie »für al­le Fäl­le« noch üb­rig be­hält, hat sie bis­her nie ge­braucht. Um­so er­staun­ter ist man in der Per­so­nal­ab­tei­lung, als sie kurz­fris­tig um zwei freie Ta­ge bit­tet.

»Ist ir­gend­was pas­siert?« fragt Ro­se­ma­rie, die seit Jahr und Tag die Ur­laubs­an­trä­ge be­ar­bei­tet.

»Nein, kei­ne Sor­ge. Ich gön­ne mir bloß zwei Ta­ge Well­ness«, be­haup­tet Ma­til­da und rech­net schon da­mit, dass Ro­se­ma­rie in schal­len­des Ge­läch­ter aus­bricht, denn ih­re spon­ta­ne Aus­re­de klingt al­les an­de­re

*7 % 0 et die Vor­stel­lung, sie könn­te sich frei­wil­lig vor frem­den Men­schen ent­klei­den und mit Schlamm be­schmie­ren las­sen, gera­de­zu ab­surd. Auch wenn es an­ders zu­gin­ge als in dem Ar­ti­kel über Well­ness­ho­tels, den Ma­til­da ein­mal ge­le­sen hat und auf dem ih­re Vor­stel­lung von Well­ness be­ruht, wä­ren An­wen­dun­gen jeg­li­cher Art das Letz­te, wo­für sie frei­wil­lig Geld aus­ge­ben oder auch nur ei­nen Ur­laubs­tag op­fern wür­de. Na­tür­lich kann sie Ro­se­ma­rie nicht er­zäh­len, wo­für sie den Ur­laub tat­säch­lich

3 # 4 wenn sie an ei­nem Sams­tag nach Ber­lin reist, ist noch lan­ge nicht si­cher, ob Kla­ra an die­sem Tag auch ar­bei­tet. In­dem Ma­til­da ein ver­län­ger­tes Wo­che­n­en­de ein­plant, steigt die Wahr­schein­lich­keit, die jun­ge : / ) ; % sie auch drei Über­nach­tun­gen re­ser­viert, aber die kann sie not­falls noch am sel­ben Tag stor­nie­ren.

»Das wird dir gut­tun«, meint Ro­se­ma­rie. »So ei­ne klei­ne Aus­zeit vom All­tag wirkt Wun­der ge­gen Stress.« Nicht ah­nend, dass es ge­nau die Aus­zeit vom All­tag ist, die Ma­til­da Stress be­rei­tet.

Am Mor­gen der Abrei­se ist sie na­tür­lich viel zu früh start­be­reit. Die Ti­ckets, die Knut für sie aus­ge­druckt hat, ste­cken

< = 3 in Klar­sicht­fo­lie ver­staut, eben­so wie der Stadt­plan, auf dem sie Bahn­hof, Ho­tel und das Bis­tro Kost­Bar mar­kiert hat. Bar­geld hat sie im Brust­beu­tel ver­steckt, die Geld­kar­te in ei­nem Ge­heim­fach ih­res Man­tels. Der dun­kel­blaue Rei­se­trol­ley wirkt klei­ner, als er ist. Im­mer­hin ist Ma­til­da für drei Über­nach­tun­gen ge­rüs­tet und hat­te kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten, al­les, was sie da­für brau­chen wür­de, da­rin un­ter­zu­brin­gen.

Auf dem Weg zum Bahn­hof reicht die Zeit für ei­nen klei­nen Schlen­ker zum Su­per­markt, um noch ein we­nig Rei­se­pro­vi­ant zu kau­fen.

Ma­til­da ent­schei­det sich schnell für ei­ne Fla­sche stil­les Was­ser mit Cr­an­ber­ryGe­schmack, was sich ir­gend­wie exo­tisch und ge­sund zu­gleich an­hört – al­so ge­nau das rich­ti­ge Ge­tränk für ein Aben­teu­er.

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