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Ti­tel­ge­schich­te

Datum - - Inhalt - Text: Si­byl­le Ha­mann · Il­lus­tra­ti­on: Andrea Set­ti­mo

Die Moral ist mit vol­ler Wucht zu­rück. Sie sagt uns, wer wir sind – und vor al­lem, wer nicht.

Die Moral ist mit vol­ler Wucht zu­rück. Sie sagt uns, wer wir sind – und vor al­lem, wer nicht.

Ir­gend­wann im Jahr 1968, zum Bei­spiel. Ein recht­schaf­fe­ner bür­ger­li­cher Mann trug zu je­ner Zeit Ho­sen mit ak­ku­ra­ter Bü­gel­fal­te, ließ sich von sei­ner Gat­tin be­die­nen, wenn er von der Ar­beit nach Hau­se kam und ging sonn­tags meis­tens in den Got­tes­dienst. Er­wisch­te so je­mand sei­ne min­der­jäh­ri­ge Toch­ter beim Kif­fen und Knut­schen mit ei­nem lang­haa­ri­gen Bur­schen, konn­te es gut sein, dass er die Fas­sung ver­lor. ›Wie kannst du nur so et­was tun!‹, wür­de er brül­len. Je­den Tag mit ei­nem an­de­ren rum­ma­chen, schreck­li­che Mu­sik hö­ren, il­le­ga­le Rausch­mit­tel kon­su­mie­ren, wo­mög­lich gar Sex ha­ben, oh­ne ver­hei­ra­tet zu sein – ›Das darf man nicht! Das ist un­mo­ra­lisch! Man kann sich nicht ein­fach al­les er­lau­ben, wor­auf man grad Lust hat! Du bist ja nicht al­lein auf der Welt! Denkst du denn gar nicht an die Fol­gen? Dar­an, was das für dei­ne El­tern be­deu­tet, für den Ruf dei­ner Fa­mi­lie, für al­les, was wir auf­ge­baut ha­ben? Stell dir vor, al­le jun­gen Leu­te wür­den sich so be­neh­men wie du – Sit­te und An­stand wür­den den Bach run­ter­ge­hen, So­dom und Go­mor­ra aus­bre­chen, al­les ka­putt­ge­hen, was uns hei­lig ist. Hast du denn gar kein schlech­tes Ge­wis­sen da­bei?‹

Ein ganz ähn­li­cher Dia­log könn­te heu­te, 50 Jah­re spä­ter, wie­der statt­fin­den. Zum Bei­spiel dann, wenn ei­ne jun­ge Frau, stram­me Ve­ga­ne­rin, nach län­ge­rer Zeit wie­der mal in ihr El­tern­haus zu Be­such kommt und ih­ren Va­ter da­bei be­ob­ach­tet, wie er ge­nüss­lich sein Bil­lig­schnit­zel aus dem Su­per­mark­t­im­biss ver­zehrt. Gut mög­lich, dass auch sie da die Fas­sung ver­liert. ›Wie kannst du so et­was tun!‹, wür­de sie ihn an­schrei­en. Je­den Tag Fleisch, je­den Tag Wachs­tums­hor­mo­ne, An­ti­bio­ti­ka, Dün­ge­mit­tel, je­den Tag Tierquälerei, Tier­trans­por­te, Tier­leid – ›das darf man nicht! Das ist un­mo­ra­lisch! Man kann sich nicht ein­fach alls er­lau­ben, wor­auf man grad Lust hat! Du bist ja nicht al­lein auf der Welt! Denkst du denn gar nicht an die Fol­gen! Dar­an, was das für den Re­gen­wald be­deu­tet, für das Kli­ma, für un­se­re Bö­den, für die Ar­ten­viel­falt? Stell dir vor, al­le acht Mil­li­ar­den Men­schen auf der Welt wür­den sich so ver­hal­ten wie du – der gan­ze Pla­net samt der mensch­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on wä­re längst den Bach run­ter­ge­gan­gen, al­les geht ka­putt, hast du denn gar kein schlech­tes Ge­wis­sen da­bei?‹

Meh­re­re Jahr­zehn­te lang hat­te man bei­na­he ver­ges­sen, wie mo­ra­li­sche Ar­gu­men­te klin­gen. Im Wachs­tums- und Wohl­stands­zeit­al­ter der Sieb­zi­ger- bis Nul­ler­jah­re hat­te man die Moral ab­ge­schüt­telt wie über­flüs­si­gen Bal­last. Es war, zu­min­dest in der west­lich-ka­pi­ta­lis­ti­schen He­mi­sphä­re, die Zeit der In­di­vi­dua­li­sie­rung, der Selbst­ver­wirk­li­chung, der se­xu­el­len Be­frei­ung, des Kon­sum­rauschs, des Mas­sen­tou­ris­mus. Je­der wie er mag, any­thing goes, tu was du willst: Zwei gan­ze Ge­ne­ra­tio­nen wur­den mit die­ser Ge­wiss­heit groß. ›Das darfst du nicht‹ war ein Satz, den nie­mand hö­ren woll­te. Er war ver­bis­sen, klang nach er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger, und er war auch ziem­lich über­flüs­sig. Schließ­lich war ge­nug für al­le da. Man muss­te bloß ge­nug Geld ver­die­nen, um es sich kau­fen zu kön­nen. Oder die Ell­bo­gen aus­fah­ren, um es sich ein­fach zu ho­len.

An die Fol­gen den­ken? An den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt, die Öko­lo­gie, das See­len­heil, die Moral? Sich Selbst­be­schrän­kung auf­er­le­gen? Das war et­was für ein paar Au­ßen­sei­ter – Spin­ner in Je­sus­lat­schen, Öko-Fun­dis, Ha­re-Krish­na-Jün­ger, ver­härm­te Pfar­rer. Man nann­te sol­che Leu­te süf­fi­sant ›Moral­apos­tel‹. Man muss­te sie nicht sehr ernst neh­men.

Im Jahr 2018 je­doch ist die Moral mit vol­ler Wucht zu­rück. Und sie trägt, wie einst, schwer an ih­rem Be­deu­tungs­ge­wicht. Was darf man? Was darf man nicht? Was darf man sa­gen, wel­che Wor­te muss man ver­mei­den, was darf man tun, wenn man sich wei­ter­hin wohl­füh­len will, und was ist ein ab­so­lu­tes No-Go? Das sind wich­ti­ge Fra­gen. Sie be­stim­men dar­über, wo­hin man ge­hört, ob man re­spek­tiert wird und von wem. Man schätzt Be­kann­te an­hand ih­rer Wort­wahl, ih­rer Be­kannt­schaf­ten und ih­rer Ges­ten ein, fühlt sich be­rech­tigt, auf Ba­sis we­ni­ger De­tail­in­for­ma­tio­nen Ur­tei­le über ihr Le­ben zu fäl­len. Manch­mal reicht schon ein Li­ke auf Face­book, um Men­schen zu­zu­ord­nen und ab­zu­schrei­ben. ›Aha, jetzt bist du auch ei­ner von de­nen.‹ ›Da ge­hörst du al­so hin.‹: zu den ver­siff­ten lin­ken Bahn­hofs­klat­schern. Oder zu den Ras­sis­ten. Je nach­dem.

So wie frü­her im Dorf, als ein ein­zi­ger klei­ner Fehl­tritt reich­te, um nach dem Kirch­gang von al­len ge­schnit­ten zu wer­den, dient Moral auch heu­te da­zu, sich ab­zu­gren­zen. Sie be­stimmt, wer zu ei­ner Grup­pe dazugehört, und wer nicht.

Moral

als ei­ne durch und durch so­zia­le An­ge­le­gen­heit: So ähn­lich de­fi­niert es auch der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­ge Jo­na­than Haidt. Er schlägt fol­gen­de De­fi­ni­ti­on vor: ›Mo­ra­li­sche Sys­te­me sind in­ein­an­der­grei­fen­de Zu­sam­men­stel­lun­gen von Wer­ten, Tu­gen­den, Nor­men, Ge­bräu­chen, Iden­ti­tä­ten, In­sti­tu­tio­nen, Tech­no­lo­gi­en und ent­wi­ckel­ten psy­chi­schen Mecha­nis­men, die zu­sam­men­wir­ken, um Selbst­sucht zu un­ter­drü­cken oder zu re­gu­lie­ren und so­zia­les Zu­sam­men­le­ben zu er­mög­li­chen.‹

Man­che mag die­se nüch­ter­ne De­fi­ni­ti­on über­ra­schen. Ist Moral denn nicht et­was viel Grö­ße­res, Er­ha­be­ne­res, ei­ne Art hö­he­re Weis­heit? Ist sie nicht das Er­geb­nis ei­nes lan­gen in­ne­ren Rin­gens, ei­ner Su­che nach Wahr­heit, bei der ein In­di­vi­du­um die Ar­gu­men­te ver­schie­dens­ter Sei­ten ge­gen­ein­an­der ab­wiegt und am En­de ent­schei­det, von wel­chen ethi­schen Prin­zi­pi­en es sich lei­ten las­sen will?

Nein, es ist ge­nau um­ge­kehrt, ist Haidt über­zeugt: Zu­erst ent­schei­det der Mensch, zu wel­cher Grup­pe von Men­schen er ge­hö­ren will. Und dann erst sucht er sich die pas­sen­den mo­ra­li­schen Ar­gu­men­te da­zu.

Haidt hat jahr­zehn­te­lang auf der gan­zen Welt zum The­ma Moral ge­forscht. Er hat dar­über ein er­hel­len­des Buch ge­schrie­ben, das in den USA ein viel­dis­ku­tier­ter Best­sel­ler war, al­ler­dings nie ins Deut­sche über­setzt wur­de: ›The Righ­teous Mind‹ heißt es, Un­ter­ti­tel: ›Why Good Peop­le are Di­vi­ded by Po­li­tics and Re­li­gi­on‹. Haidt be­nutzt dar­in das Bild vom Ele­fan­ten und sei­nem Rei­ter. Der gro­ße, schwe­re, ge­mäch­lich da­hin­trot­ten­de Ele­fant ist der In­stinkt. Der leich­te, hoch oben auf ihm sit­zen­de Rei­ter ist der In­tel­lekt. An je­der klei­nen Weg­ga­be­lung, meint Haidt, ent­schei­det der Ele­fant spon­tan und in­tui­tiv, wel­che Rich­tung er ein­schlägt. Der Rei­ter oben­drauf kann die Rich­tung kaum be­ein­flus­sen. Er ist kör­per­lich zu schwach, um den Ele­fan­ten zu len­ken. Aber weil er flott im Den­ken ist und fest da­von über­zeugt, der Be­stim­mer in der Be­zie­hung zu sei­nem Tier zu sein, fin­det er im­mer dut­zen­de wun­der­ba­re Ar­gu­men­te, war­um die vom Ele­fan­ten ein­ge­schla­ge­ne Rich­tung ge­nau die rich­ti­ge ist.

Am Bei­spiel des hit­zig um­kämpf­ten Flücht­lings­the­mas kann man das Ele­fant-und-Rei­ter-Phä­no­men gut il­lus­trie­ren. Es gibt heu­te in Ös­ter­reich Men­schen, die Ge­flüch­te­te ken­nen und ih­nen hel­fen – und sol­che, die das nicht tun. Nicht im­mer lag dem ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung zu­grun­de, oft war auch ein­fach Zu­fall im Spiel: Da war plötz­lich die sy­ri­sche Fa­mi­lie, die im Haus ne­ben­an ein­quar­tiert wur­de. Da war plötz­lich die neue af­gha­ni­sche Schul­kol­le­gin der Toch­ter. Da war die­se Be­geg­nung beim Arzt im War­te­zim­mer. Wer sich aufs Hel­fen ein­ge­las­sen hat, wird heu­te vie­le über­zeu­gen­de Grün­de for­mu­lie­ren kön­nen, war­um das gut und rich­tig war. Wer nicht ge­hol­fen hat, wird wort­reich er­klä­ren kön­nen, war­um die Un­ter­stüt­zung von Flücht­lin­gen schäd­lich ist.

Man recht­fer­tigt die ei­ge­nen Hand­lun­gen – nicht nur vor den Mit­men­schen, son­dern auch vor sich selbst. Man will Zu­stim­mung und Ap­plaus da­für be­kom­men. Und egal, was an neu­en In­for­ma­tio­nen hin­zu­kommt – man kann sie sich im­mer so zu­recht­schnit­zen, dass sie in die be­reits ge­fäll­te Rich­tungs­ent­schei­dung hin­ein­pas­sen. Nur so ist es zu er­klä­ren, dass in dem­sel­ben Land Ös­ter­reich heu­te zwei völ­lig un­ter­schied­li­che Nar­ra­ti­ve über Flücht­lin­ge ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren: hier die Ge­schich­ten über in­ter­es­san­te neue Freund­schaf­ten und er­folg­rei­che In­te­gra­ti­on, dort die Ge­schich­ten über Kri­mi­na­li­tät, Ge­walt und to­ta­les De­sas­ter.

Der ste­tig flie­ßen­de Strom aus Me­dien­be­rich­ten und wei­ter­ge­reich­ten An­ek­do­ten bie­tet ein un­end­li­ches Re­ser­voir, aus dem man sich zu je­dem be­lie­bi­gen Zeit­punkt die il­lus­tra­ti­ven Bei­spie­le für das ei­ge­ne mo­ra­li­sche Nar­ra­tiv her­aus­fi­schen kann. Gleich­zei­tig wird al­les, was nicht ins Nar­ra­tiv hin­ein­passt, eis­kalt aus­ge­blen­det: wenn nicht schon vom Face­book- Al­go­rith­mus oder von der Kro­ne- Re­dak­ti­on, dann vom ei­ge­nen Ele­fan­ten­rei­ter im Ge­hirn. ›Moral bin­det, und sie macht gleich­zei­tig blind‹, schreibt Haidt.

Sind mo­ra­li­sche Re­gel­sys­te­me je­doch aus­tausch­bar? Kann es tat­säch­lich ganz be­lie­big oder gar zu­fäl­lig sein, für wel­ches man sich ent­schei­det?

Ma­chen

wir, um die­ser Fra­ge nach­zu­ge­hen, ei­nen klei­nen Aus­flug in die USA. In Wis­con­sin, im ho­hen Nor­den, wo die Hü­gel grün sind und die Him­mel weit, le­ben ei­ni­ge Grup­pen von Ami­schen. Die Ami­schen ge­hö­ren der streng­gläu­bi­gen pro­tes­tan­ti­schen Täu­fer-Be­we­gung an, sind süd­deut­scher oder schwei­zer Ab­stam­mung und wan­der­ten im 19. Jahr­hun­dert nach Ame­ri­ka aus, weil sie hoff­ten, hier ih­ren tra­di­tio­nel­len Le­bens­stil bes­ser be­wah­ren zu kön­nen, un­be­ein­flusst von der mo­der­nen Zi­vi­li­sa­ti­on, die sie für schäd­lich hal­ten. Man er­kennt die Ami­schen schon von Wei­tem. Sie schau­en aus wie Bau­ern in alt­mo­di­schen Bil­der­bü­chern. Die Män­ner tra­gen Bär­te, Ho­sen­trä­ger und Stroh­hü­te, die Frau­en lan­ge Rö­cke und Kopf­tü­cher in ge­deck­ten Far­ben. De­mut, Ge­hor­sam und Treue sind ih­re wich­tigs­ten mo­ra­li­schen Grund­sät­ze. Sie bau­en Ge­mü­se und Ge­trei­de an, hal­ten Vieh, er­zeu­gen But­ter und Kä­se. Sie be­ar­bei­ten den Bo­den mit Pflug und Och­sen wie vor 200 Jah­ren, mä­hen mit der Sen­se, mel­ken ih­re Kü­he mit der Hand, trans­por­tie­ren ih­re Wa­ren auf Pfer­de­kut­schen zum Markt. Elek­tri­zi­tät, Au­tos, Fern­se­hen, Han­dy und In­ter­net sind für Ami­sche ta­bu. Sie un­ter­rich­ten ih­re Kin­der in ei­ge­nen Schu­len. Der Welt drau­ßen be­geg­net man freund­lich, aber dis­tan­ziert, und man hei­ra­tet aus­schließ­lich un­ter­ein­an­der.

So­bald Ami­sche ih­ren 16. Ge­burts­tag fei­ern, dür­fen sie sich die Welt drau­ßen an­schau­en. ›Rum­sprin­ga‹ wird die­se Pha­se ge­nannt – ei­ni­ge Ju­gend­li­che ma­chen den Füh­rer­schein, ma­chen se­xu­el­le Er­fah­run­gen, ge­hen auf Rei­sen, su­chen sich viel­leicht so­gar ei­nen Job. Dann je­doch müs­sen sie sich ent­schei­den: ent­we­der Hei­rat,

Rück­kehr und Un­ter­ord­nung un­ter die ri­gi­den ami­schen Re­geln. Oder aber: Man kehrt der Ge­mein­schaft den Rü­cken. Denn klar ist, dass sich der Frie­den in der welt­ab­ge­wand­ten Grup­pe nur auf­recht­er­hal­ten lässt, wenn sich je­der Ein­zel­ne an die Grup­pen­mo­ral ge­bun­den fühlt. Wer an­ders le­ben will, muss ge­hen.

Grü­ne Hü­gel, lau­schi­ge Wäld­chen, viel Platz, hier und dort ein klei­ner Teich: Wer über die Land­stra­ßen die­ser ma­le­ri­schen, dünn be­sie­del­ten Ge­gend fährt, kann sich gut vor­stel­len, dass sich in un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft der Ami­schen ei­ne an­de­re Grup­pe an­sie­deln könn­te, die sich völ­lig ent­ge­gen­ge­setz­ten mo­ra­li­schen Nor­men ver­schreibt. Ei­ne Kom­mu­ne et­wa, die nicht Ge­hor­sam, De­mut und Treue prak­ti­ziert – son­dern, im Ge­gen­teil, bin­dungs­frei­en Sex und An­ar­chie. Die nicht dem lie­ben Gott hul­digt, son­dern dem kol­lek­ti­ven So­zia­lis­mus. Die – wie einst die Mühl-Kom­mu­ne – die bür­ger­li­che Klein­fa­mi­lie für die Wurzel al­len Übels hält und da­her Paar­be­zie­hun­gen grund­sätz­lich ver­bie­tet, eben­so wie Be­zie­hun­gen zwi­schen Kin­dern und ih­ren leib­li­chen El­tern.

Die Moral, die die­se Kom­mu­ne zu­sam­men­hiel­te, wä­re in­halt­lich das to­ta­le Ge­gen­teil je­ner Moral, die die Ami­schen bin­det. Den­noch wür­de sich das kon­kre­te Le­ben in den bei­den Ge­mein­schaf­ten viel­leicht gar nicht so sehr un­ter­schei­den. Die grup­pen­dy­na­mi­schen Pro­zes­se – wie sehr muss sich der Ein­zel­ne an die Grup­pen­re­geln an­pas­sen, wie­viel Ab­wei­chung ist er­laubt und wie wer­den Re­ge­l­über­tre­tun­gen be­straft? – wä­ren wahr­schein­lich ähn­lich. Man stün­de frem­den Be­su­chern mit ähn­li­cher Dis­tanz ge­gen­über und wür­de Ein­mi­schungs­ver­su­che des Staa­tes mit ähn­li­cher Ve­he­menz ab­leh­nen. Wo­mög­lich bil­de­ten sich in bei­den Ge­mein­schaf­ten ähn­li­che in­for­mel­le Hier­ar­chi­en her­aus, wo­mög­lich gä­be es ähn­lich ge­la­ger­te Kon­flik­te bei der Ent­schei­dungs­fin­dung. In bei­den Kom­mu­nen wä­ren die Mit­glie­der zu­dem von der Über­le­gen­heit ih­rer je­weils ei­ge­nen Moral über­zeugt – schließ­lich be­steht die Welt drau­ßen in ih­ren Au­gen ja bloß aus ver­blen­de­ten, be­mit­lei­dens­wer­ten Ge­schöp­fen, die an der Er­leuch­tung ein­fach noch nicht teil­hat­ten. Und wenn je­mand auf­steht und geht – man emp­fän­de das in bei­den Grup­pen als Ver­rat.

So ver­schie­den die kul­tu­rel­len Re­gel­sys­te­me sind, die die Mensch­heit in ver­schie­de­nen Welt­ge­gen­den her­vor­ge­bracht hat, so un­ter­schied­lich die Re­li­gio­nen und po­li­ti­schen Sys­te­me – je­de Moral wur­zelt in dem­sel­ben Grund­be­dürf­nis: dem Be­dürf­nis nach Zu­ge­hö­rig­keit, Für­sor­ge und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit an­de­ren Men­schen. Die­ses

Be­dürf­nis ist dem Men­schen an­ge­bo­ren. Nach dem ak­tu­el­len Stand der Wis­sen­schaft muss des­we­gen auch das mo­ra­li­sche Grund­ge­rüst nicht erst er­lernt wer­den. Es ist von Ge­burt an vor­han­den, ist bei Klein­kin­dern schon er­kenn­bar, und ge­wis­se Ele­men­te da­von fin­det man über­all, quer durch al­le Kul­tu­ren. Zum Bei­spiel: Es wird uni­ver­sell als ›rich­tig‹ emp­fun­den, dass man an­de­ren nicht grund­los weh­tut. Es wird als ›rich­tig‹ emp­fun­den, Schwä­che­ren zu hel­fen. ›Rich­tig‹ ist auch, wenn Ge­ben und Neh­men in ei­nem ver­nünf­ti­gen Ver­hält­nis zu­ein­an­der ste­hen und ein Min­dest­maß an Fair­ness herrscht. Es ist ›rich­tig‹, wenn Ver­ein­ba­run­gen ein­ge­hal­ten wer­den. Es ist ›rich­tig‹, wenn der Ein­zel­ne auf die Be­dürf­nis­se der Ge­mein­schaft Rück­sicht nimmt. Und es ist eben­so ›rich­tig‹, wenn auf Re­gel­ver­stö­ße ei­ne Sank­ti­on folgt.

Je­des Kin­der­gar­ten­kind weiß, dass es nicht okay ist, ein an­de­res Kind von der Schau­kel zu schub­sen. Wenn ein Kind die Schau­kel je­doch seit ei­ner St­un­de be­setzt und gu­tes Zu­re­den nicht hilft, kommt viel­leicht ir­gend­wann der Punkt, wo das Her­un­ter­schub­sen als okay emp­fun­den wird.

Haidt hat in ver­schie­dens­ten Län­dern und ver­schie­dens­ten Ge­sell­schafts­schich­ten Ver­suchs­rei­hen durch­ge­führt, um Ge­mein­sam­kei­ten und Un­ter­schie­den im Moral­emp­fin­den auf die Spur zu kom­men. Der Va­ter ver­spricht dem Kind ei­nen Ku­gel­schrei­ber als Be­loh­nung für ei­ne gu­te Schul­no­te und hält die­ses Ver­spre­chen dann nicht ein: Das fin­den tie­fre­li­giö­se Slum­be­woh­ner eben­so ›falsch‹ wie wohl­ha­ben­de li­be­ra­le Col­le­ge-Stu­den­ten. Aber ist es ›rich­tig‹ oder ›falsch‹, wenn Frau­en ge­mein­sam mit den Män­nern es­sen? Darf man mit ei­ner Fah­ne den Fuß­bo­den auf­wi­schen, wenn man gera­de kei­nen Putz­fet­zen bei der Hand hat? Ist es ›rich­tig‹ oder ›falsch‹, der An­wei­sung ei­ner Au­to­ri­täts­per­son zu fol­gen, die man per­sön­lich für falsch hält? Darf ein Mäd­chen aus ei­nem bren­nen­den Haus lau­fen, oh­ne sich vor­her an­stän­dig zu ver­hül­len? Hier öff­net sich das wei­te Feld von Kul­tur,

So ver­schie­den die kul­tu­rel­len Re­gel­sys­te­me sind: Sie wur­zeln im Be­dürf­nis nach Zu­ge­hö­rig­keit.

Re­li­gi­on und Sit­te, das die Moral über­formt und dia­me­tral un­ter­schied­li­che Le­bens­sti­le er­zeugt.

Man darf in al­len Kon­flik­ten nie ver­ges­sen, dass im­mer bei­de Sei­ten fest da­von über­zeugt sind, mo­ra­lisch ›rich­tig‹ zu han­deln. So­gar je­ne, die an­de­re als ›Gut­men­schen‹ ver­spot­ten, neh­men für sich selbst in An­spruch, ›gut‹ zu sein. Tat­säch­lich wird kaum je­mand sa­gen: Ich will So­zi­al­leis­tun­gen für Flücht­lin­ge kür­zen, weil ich bös­ar­tig bin. Statt­des­sen sagt man: Ich will So­zi­al­leis­tun­gen für Flücht­lin­ge kür­zen, weil es ge­recht ist, dass je­ne, die noch nichts ins So­zi­al­sys­tem ein­ge­zahlt ha­ben, we­ni­ger be­kom­men als die ›ei­ge­nen Leu­te‹. Kaum je­mand sagt: Ich will grund­sätz­lich nie­man­dem hel­fen. Statt­des­sen sagt man: Be­stimm­te Leu­te ver­die­nen es nicht, dass man ih­nen hilft, weil sie es drauf an­le­gen, uns aus­zu­nüt­zen, und das darf – im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit – nicht be­lohnt wer­den. Oder man sagt: Es tut den Schwa­chen gar nicht gut, wenn man ih­nen hilft, denn dann ler­nen sie nie, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen.

Die oft be­schwo­re­ne ›Il­le­ga­li­tät‹ und ›Kri­mi­na­li­tät‹ der Flücht­lin­ge er­füllt in der In­nen­sicht der Flücht­lings­fein­de des­we­gen ei­nen wich­ti­gen Zweck: Sie er­mög­licht es, Flücht­lin­ge aus dem Fair­ness­ge­bot der Grup­pe von vorn­her­ein aus­zu­schlie­ßen. Mehr noch: Wenn man sie ›in­te­gra­ti­ons­un­wil­lig‹ nennt und ih­nen Fehl­ver­hal­ten vor­wer­fen kann, wird es er­zie­he­risch so­gar le­gi­tim, sie für die­se Re­gel­ver­let­zung zu be­stra­fen.

Wenn man die Be­dro­hung für die ei­ge­ne Grup­pe nur deut­lich ge­nug emp­fin­det, wird das Ar­senal not­wen­di­ger ›Schutz­maß­nah­men‹ im­mer grö­ßer. Schließ­lich geht es, in der In­nen­sicht der Be­droh­ten zu­min­dest, um das ›Über­le­ben des Vol­kes‹, al­so um al­les. Die ›Ag­gres­so­ren‹ sind in­ner­halb die­ser Lo­gik die an­de­ren: je­ne ›Gut­men­schen‹, die – ab­sicht­lich oder na­iv – die ›Ver­nich­tung un­se­rer Kul­tur und Iden­ti­tät‹ vor­an­trei­ben, in­dem sie feind­li­che Agen­ten der Zer­stö­rung ins Land schleu­sen. Das Bild der ei­ge­nen Recht­schaf­fen­heit wird so lan­ge wei­ter aus­ge­malt, bis es sich mo­ra­lisch ir­gend­wann rich­tig an­fühlt, an der Gren­ze Schieß­be­fehl zu er­tei­len und im Na­men der hö­he­ren Moral (Na­ti­on, west­li­che Wer­te, Gott, Eh­re) zu tö­ten.

Im Recht füh­len sich im­mer al­le. Die ›Not­wen­dig­keit der Selbst­ver­tei­di­gung‹ pre­dig­ten die Na­zis eben­so wie die Ro­ten Kh­mer, die ras­sis­ti­schen Ge­walt­tä­ter eben­so wie is­la­mis­ti­sche IS-Ter­ro­ris­ten.

Jo­na­than Haidt, ein klas­sisch li­be­ra­ler Col­le­ge-Pro­fes­sor von der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te, ver­sucht in sei­nem Buch, was heut­zu­ta­ge we­ni­ge wa­gen: Er kriecht in das Moral­emp­fin­den der po­li­ti­schen Ge­gen­sei­te hin­ein, der Trump-Wäh­ler und Red­necks. Nicht, um de­ren po­li­ti­sche Hal­tun­gen in­halt­lich zu recht­fer­ti­gen. Son­dern, um sie zu ver­ste­hen. Nur wer weiß, aus wel­chen mo­ra­li­schen Qu­el­len sich die­se Über­zeu­gun­gen spei­sen, ver­steht die In­brunst, mit der sie ver­tei­digt wer­den, ist Haidt über­zeugt. Und erst, wenn man sich auf die­se in­stink­ti­ve, emo­tio­na­le

Kaum je­mand sagt: Ich will grund­sätz­lich nie­man­dem hel­fen.

Ebe­ne ein­lässt, wird klar, war­um man in der po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Ver­nunft, Fak­ten und ra­tio­na­len Ar­gu­men­ten so we­nig aus­rich­ten kann.

Um

auf die bei­den fik­ti­ven An­fangs­bei­spie­le zu­rück­zu­kom­men: Der Va­ter ver­zwei­felt ja tat­säch­lich dar­an, dass die Auf­lö­sung der Se­xu­al­mo­ral die Fa­mi­lie zer­stört. Die Toch­ter ver­zwei­felt tat­säch­lich dar­an, dass un­ser Fleisch­kon­sum un­se­ren Pla­ne­ten zer­stört. Und wer kann sich schon an­ma­ßen zu be­haup­ten, die ei­ne Angst sei ›ob­jek­tiv‹ lä­cher­lich und die an­de­re ›ob­jek­tiv‹ be­rech­tigt?

Wo­mit am En­de noch ei­ne ban­ge Fra­ge bleibt: Wie sind po­li­ti­sche Über­zeu­gun­gen dann je­mals ver­än­der­bar? Und wie las­sen sich das ab­grund­tie­fe Miss­trau­en und die Spal­tung zwi­schen den po­li­ti­schen La­gern über­win­den, die wir heu­te in sämt­li­chen De­mo­kra­ti­en der west­li­chen Welt be­ob­ach­ten? Haidts Ant­wort dar­auf ist so lo­gisch wie er­nüch­ternd: Mit Mora­li­sie­ren er­reicht man das je­den­falls nicht. Das Ein­zi­ge, das fest­ge­fah­re­ne Mei­nun­gen manch­mal ins Wan­ken brin­gen kann, meint der Psy­cho­lo­ge, sind Be­zie­hun­gen und per­sön­li­che Er­leb­nis­se.

Et­wa die Be­geg­nung mit ei­nem Men­schen, den man mag, ob­wohl er völ­lig kon­trä­re mo­ra­li­sche Grund­sät­ze hat. Ein in­ten­si­ves Er­leb­nis, bei dem Men­schen völ­lig an­ders re­agie­ren, als man auf­grund ih­rer Über­zeu­gun­gen ver­mu­ten wür­de. Zu­wen­dung aus ei­ner Ecke, aus der man Ab­leh­nung er­war­tet hät­te oder um­ge­kehrt. Oder die zu­fäl­li­ge Ge­le­gen­heit, ei­ne Zeit lang in den Schu­hen von je­mand an­de­rem zu ge­hen. •

Die Au­to­rin emp­fiehlt das im Text zi­tier­te Buch › The Righ­teous Mind: Why Good Peop­le Are Di­vi­ded by Po­li­tics and Re­li­gi­on› von Jo­na­than Haidt, das 2012 er­schie­nen ist.

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