Der In­flu­en­cer des Fürs­ten

Do­mi­nik Fe­ri ist jung, schwarz und pro­eu­ro­pä­isch. In Tsche­chi­en macht ihn das zu ei­nem Po­lit-Star.

Datum - - Inhalt - Text: Ki­li­an Kirch­geß­ner · Fo­to­gra­fie: Björn St­einz

Do­mi­nik Fe­ri ist jung, schwarz und pro­eu­ro­pä­isch. In Tsche­chi­en macht ihn das zu ei­nem Po­lit-Star.

Dass die Bau­ar­bei­ter nicht gut auf ihn zu spre­chen wa­ren, merk­te Do­mi­nik Fe­ri spä­tes­tens, als sie laut wur­den. Vor dem Par­la­ment war das, ei­nem ba­ro­cken Ge­bäu­de­kom­plex im Ge­wirr der his­to­ri­schen Pra­ger Gas­sen. Die Män­ner re­pa­rier­ten die Stra­ßen­bahn­schie­nen, und weil die Bah­nen nicht fuh­ren, ging Do­mi­nik Fe­ri zu Fuß in sein Bü­ro. ›Hey‹, brüll­ten die Ar­bei­ter hin­ter ihm her, ›hey, geh doch end­lich zu­rück in den Ur­wald!‹

Jetzt sitzt Do­mi­nik Fe­ri, der ne­ben tsche­chi­schen auch äthio­pi­sche Vor­fah­ren hat, auf ei­nem klei­nen Bal­kon mit Blick auf die im­po­san­te Pra­ger Burg, un­ter ihm ein In­nen­hof im Par­la­ment. ›Na­tür­lich ha­be ich mich um­ge­dreht und bin zu de­nen hin‹, sagt er, und über sein Ge­sicht huscht ein selbst­be­wuss­tes Lä­cheln. Die­se Si­tua­tio­nen kennt er schon zu lan­ge, als dass sie ihn ver­un­si­chern könn­ten: Zum ei­nen ist er mit sei­ner dunk­len Haut­far­be nun ein­mal un­über­seh­bar, und zum an­de­ren hat ihn die Po­li­tik in die Rol­le des all­ge­gen­wär­ti­gen Ge­gen­spie­lers ge­drängt: Fe­ri, 22 Jah­re alt und Ju­ra-Stu­dent. Ei­ner, der sich of­fen mit dem tsche­chi­schen Re­gie­rungs­chef an­legt, ei­ner, der mit rechts­na­tio­na­len Po­li­ti­kern live im Fern­se­hen de­bat­tiert. Do­mi­nik Fe­ri ist mehr als ein ta­len­tier­ter Jung­po­li­ti­ker: Der jüngs­te Ab­ge­ord­ne­te, den das tsche­chi­sche Par­la­ment je ge­se­hen hat, ist für vie­le Tsche­chen zum Sym­bol für ei­ne an­de­re, für ei­ne an­stän­di­ge Po­li­tik ge­wor­den, zur Hoff­nung je­ner, die nicht mehr viel zu hof­fen wag­ten. Schon wie er aus­sieht: der Afro-Haar­schnitt, da­zu der Dan­dy-Look mit Man- schet­ten­knöp­fen, eng ge­schnit­te­nen Sak­kos, teu­ren Kra­wat­ten und bun­ten So­cken in den Le­der­slip­pers. Er ist An­ker für die ei­nen und fleisch­ge­wor­de­ne Pro­vo­ka­ti­on für die an­de­ren.

Top09 heißt die Par­tei, für die er an­tritt: ei­ne kon­ser­va­ti­ve Par­tei und zu­gleich die ein­zi­ge im tsche­chi­schen Par­la­ment, die sich lei­den­schaft­lich für die Eu­ro­päi­sche Uni­on ein­setzt. Mit die­sen At­tri­bu­ten – kon­ser­va­tiv und pro-eu­ro­pä­isch – ist sie in Tsche­chi­en auf ei­ner Au­ßen­sei­ter­po­si­ti­on. Die tsche­chi­sche Re­gie­rung agiert zwar we­der na­tio­na­lis­tisch noch iso­la­tio­nis­tisch wie in Po­len oder Un­garn. Aber man­che Tsche­chen be­fürch­ten, dass die der­zei­ti­ge Ba­lan­ce schon bald kip­pen könn­te. Pre­mier­mi­nis­ter And­rej Ba­biš, der zweit­reichs­te Tsche­che, ist in ei­ne Rei­he von Af­fä­ren ver­strickt, die von mut­maß­li­chem Sub­ven­ti­ons­be­trug bis hin zu hand­fes­ten In­ter­es­sen­kon­flik­ten rei­chen.

Da ist zum Bei­spiel der Skan­dal, den die Tsche­chen als ›Af­fä­re Stor­chen­nest‹ ken­nen: Für die Re­no­vie­rung ei­nes ver­fal­le­nen Groß-Bau­ern­hofs be­kam And­rej Ba­biš vor ei­ni­gen Jah­ren rund zwei Mil­lio­nen Eu­ro In­ves­ti­ti­ons-Un­ter­stüt­zung von der EU. Ge­dacht war das Geld für klei­ne und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men, aber nicht für mil­li­ar­den­schwe­re Kon­zer­ne. And­rej

›Geh doch end­lich zu­rück in den Ur­wald!‹, brüll­ten sie ihm hin­ter­her.

Ba­biš um­ging die­se Auf­la­ge, in­dem er kur­zer­hand ei­ne Toch­ter­fir­ma grün­de­te, die tat­säch­lich klein war. Aus dem Bau­ern­hof ist in­zwi­schen ein Well­ness-Res­sort mit Ba­de­see, Kon­fe­renz­hal­le, Ke­gel­bahn und Golf­platz ge­wor­den – be­züg­lich der EU-Bei­hil­fe wird we­gen Be­trugs­ver­dachts ge­gen Ba­biš er­mit­telt.

Aus die­sem Grund woll­te kei­ne der eta­blier­ten Par­tei­en ei­ne Ko­ali­ti­on mit der Par­tei von And­rej Ba­biš ein­ge­hen. Nach lan­gem Hin und Her lie­ßen sich schließ­lich die So­zi­al­de­mo­kra­ten auf ei­ne Ko­ali­ti­on ein – ein Bünd­nis, das nur dank Dul­dung durch die ul­tra­or­tho­do­xen Kom­mu­nis­ten ei­ne Mehr­heit im Ab­ge­ord­ne­ten­haus hat. Und um sich brei­te­re Un­ter­stüt­zung zu si­chern, hat And­rej Ba­biš mit den Stim­men sei­ner Par­tei auch gleich den Chef ei­ner frem­den­feind­li­chen Grup­pie­rung zum Vi­ze­prä­si­den­ten des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses wäh­len las­sen. Für Do­mi­nik Fe­ri ist die Fra­ge nach der Re­gie­rung so et­was wie ein Lack­mus­test: Wird Tsche­chi­en un­ter dem Ein­fluss der Ex­tre­mis­ten von Links und Rechts auch ei­ne il­li­be­ra­le De­mo­kra­tie? Geht das Land auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on?

Jetzt ist Fe­ri erst ein­mal auf dem Weg ins Beisl. ›Auf ein Bier mit Do­mi­nik‹ heißt das For­mat, das er schon im Wahl­kampf per­fek­tio­niert hat: Ir­gend­ein Orts­ver­ein sei­ner Par­tei mie­tet das Ne­ben­zim­mer ei­nes Gast­hau­ses, hängt ein paar Pla­ka­te auf, und schon strö­men sie her­bei, die Neu­gie­ri­gen, die den ex­tra­va­gan­ten Ab­ge­ord­ne­ten ein­mal live er­le­ben wol­len. Dies­mal ist Fe­ri in ei­nem Pra­ger Plat­ten­bau­vier­tel un­ter­wegs; er setzt sich an die Stirn­sei­te des Ti­sches, vor sich knapp 50 Neu­gie­ri­ge. ›Das wird ein Heim­spiel‹, raunt er, als er den Saal be­tritt: In Prag ist sei­ne Mei­nung mehr­heits­fä­hig – je wei­ter er vor­dringt in die länd­li­chen Re­gio­nen, des­to mehr Ge­gen­wind gibt es bei sei­nem Stamm­tisch. Drei Mi­nu­ten dau­ert es, da hat Do­mi­nik Fe­ri ein Bier auf dem Tisch ste­hen, noch­mal zehn Mi­nu­ten spä­ter ist das ers­te Glas leer.

›Das Pro­blem ist‹, sagt er dann, ›dass die De­bat­te so po­la­ri­siert ge­führt wird: Ent­we­der bist du für die Eu­ro­päi­sche Uni­on oder du willst sie über­haupt nicht. Du kannst sie nicht grund­sätz­lich gut fin­den, aber hier und da Kri­tik üben – für sol­che Zwi­schen­tö­ne gibt es kei­nen Raum.‹ So geht es ihm und sei­ner Par­tei, die einst von Au­ßen­mi­nis­ter Ka­rel Schwarzenberg ge­grün­det wur­de, bei vie­len Po­si­tio­nen: Sie sind, so wie sämt­li­che im Par­la­ment ver­tre­te­ne Par­tei­en, ge­gen Flücht­lings­quo­ten und sie sind Zu­wan­de­rungs­skep­ti­ker. Und trotz­dem wer­den sie von Na­tio­na­lis­ten rechts über­holt, die das The­ma schril­ler an­ge­hen. ›Die Mi­gra­ti­ons­kri­se‹, wie Do­mi­nik Fe­ri sie nennt, ›hat die Un­zu­frie­den­heit vie­ler Tsche­chen mit der EU ge­wis­ser­ma­ßen ge­krönt.‹ Fe­ris dunk­le Haut­far­be und sei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te ste­hen für den er­folg­rei­chen Jung­po­li­ti­ker je­den­falls nicht im Wi­der­spruch zu sei­ner Hal­tung in der Flücht­lings- und Mi­gra­ti­ons­fra­ge. Über die Flücht­lin­ge sag­te er 2015 in ei­nem In­ter­view be­tont di­plo­ma­tisch: ›Es ist wich­tig, of­fen und so­li­da­risch zu sein. Aber gleich­zei­tig muss man in ei­nem ge­wis­sen Maß vor­sich­tig sein.‹

Im Beisl sit­zen rund um Do­mi­nik Fe­ri vor al­lem Rent­ner, sie wa­ren als ers­tes da und ha­ben die bes­ten Plät­ze be­setzt. Wei­ter hin­ten im Raum sitzt sein Stamm­pu­bli­kum: die Stu­den­ten und die Schü­ler. ›Mir geht es dar­um, sie für die Po­li­tik zu in­ter­es­sie­ren‹, sagt Do­mi­nik Fe­ri. Dass Po­li­tik nicht aus ver­kom­me­nen, kor­rup­ten Funk­tio­nä­ren be­steht, wie es die Ex­tre­mis­ten von Rechts und Links be­haup­ten, will er be­wei­sen. Dass En­ga­ge­ment nö­tig ist und dass je­der sei­nen Platz fin­det, der sich en­ga­gie­ren will. Vi­el­leicht, so hofft er, lässt sich ei­ner der Schü­ler an­ste­cken, so ei­nen ähn­li­chen Weg zu ge­hen wie er selbst vor ein paar Jah­ren: Mit Freun­den spiel­te er als Te­enager in ei­ner Jazz­band, sei­ne Hei­mat­stadt Te­pli­ce, im Nord­wes­ten Böh­mens, kam ihm im­mer trost­lo­ser vor. ›Wenn du in Prag abends weg­ge­hen willst‹, sagt Do­mi­nik Fe­ri, ›dann hast du die Wahl zwi­schen zwölf Ver­nis­sa­gen, acht Kon­zer­ten und et­li­chen Thea­ter­stü­cken. Wenn du in Te­pli­ce et­was er­le­ben willst, dann musst du es selbst auf die Bei­ne stel­len.‹ Das war sein Weg in die Po­li­tik: Er lud Mu­si­ker in die Stadt ein, er ver­an­stal­te­te ein klei­nes Fes­ti­val. Er en­ga­gier­te sich da­für, dass Le­ben auf die Plät­ze und Stra­ßen in Te­pli­ce kam. Er trom­mel­te auf Face­book und Ins­ta­gram um Un­ter­stüt­zung und star­te­te so ei­ne klei­ne Re­vo­lu­ti­on in sei­ner Stadt. Bei den nächs­ten Wah­len kam er in den Stadt­rat, die ers­ten über­re­gio­na­len Me­di­en in­ter­es­sier­ten sich für ihn. Schü­ler aus dem gan­zen Land ka­men nach Te­pli­ce, um sich Tipps zu ho­len, wie sie bei sich zu Hau­se auch et­was be­we­gen könn­ten. Und Do­mi­nik Fe­ri kan­di­dier­te schließ­lich fürs Par­la­ment, weil er Ge­schmack fand an der Po­li­tik – und weil er wuss­te, dass sei­ne Par­tei Top09 ein jun­ges Zug­pferd gut brau­chen konn­te. Recht hat­te er: Ei­gent­lich war sein Lis­ten­platz aus­sichts­los, aber dank Vor­zugs­stim­men aus dem gan­zen Land zog er tri­um­phal ins Pra­ger Ab­ge­ord­ne­ten­haus ein.

Da­mit be­gann über Nacht sei­ne Ver­wand­lung: Vom Stadt­rat, der sich für schö­ne­re Müll­ei­mer auf dem Haupt­platz ein­setzt, wur­de er zum Ge­gen­spie­ler des Pre­mier­mi­nis­ters. Im In­ter­net kur­sie­ren die Vi­de­os von den Sze­nen, in de­nen sie an­ein­an­der­ge­ra­ten. Bei der De­bat­te et­wa, ob Stu­den­ten künf­tig im gan­zen Land kos­ten­los per Bus und Bahn fah­ren sol­len. Von And­rej Ba­biš stammt der Vor­schlag, er ver­teilt gern sol­che Ge­schen­ke, um sich die Wäh­ler ge­wo­gen zu hal­ten. Do­mi­nik Fe­ri da­ge­gen ar­gu­men­tiert, man sol­le lie­ber die Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten bes­ser aus­stat­ten und die Leh­rer ver­nünf­tig be­zah­len, die im­mer noch we­ni­ger Geld ver­die­nen als ein Stra-

Fe­ri, der Zu­wan­de­rungs­skep­ti­ker, ist ge­gen Flücht­lings­quo­ten.

ßen­bahn­fah­rer oder ei­ne Kas­sie­re­rin bei Lidl. Am Ma­ha­go­ni-Red­ner­pult un­ter den Kris­tall­leuch­tern des Par­la­ments tref­fen sie auf­ein­an­der, die bei­den Wi­der­sa­cher: Pre­mier­mi­nis­ter And­rej Ba­biš, der sich bei sei­nen Auf­trit­ten mit Slim-Fit-Hem­den gern be­tont ju­gend­lich gibt, wirkt ge­gen Do­mi­nik Fe­ri plötz­lich mü­de und alt­ba­cken.

Das Pa­ra­do­xe an die­ser Si­tua­ti­on: Es ist Fe­ri, der jun­ge Ab­ge­ord­ne­te, der das klas­si­sche po­li­ti­sche Hand­werk und die li­be­ra­len Wer­te hoch­hält. Der al­te Mil­li­ar­där hin­ge­gen will den flot­ten Stil sei­ner Un­ter­neh­mens­füh­rung ins Par­la­ment über­tra­gen – ›wir füh­ren den Staat wie ei­ne Fir­ma‹, warb er im Wahl­kampf, und jetzt über­schlägt er sich mit Ge­set­zes­in­itia­ti­ven und Geld­ver­spre­chen, die aber dann ste­cken­blei­ben, weil Mehr­hei­ten feh­len, weil der Ge­set­zes­text nicht aus­ge­reift ist oder sonst ein Hin­der­nis auf dem Weg liegt. ›Die Än­de­run­gen lau­fen in der De­mo­kra­tie eben eher evo­lu­tio­när als re­vo­lu­tio­när‹, sagt Do­mi­nik Fe­ri: ›Dass die Din­ge in der Po­li­tik zwangs­läu­fig dau­ern, ist das ers­te, was man im Stadt­rat lernt!‹ Ein Sei­ten­hieb ist das ge­gen And­rej Ba­biš und die an­de­ren po­li­ti­schen Quer­ein­stei­ger, die dank mil­lio­nen­schwe­ren Mar­ke­tings die kom­mu­na­le Ebe­ne über­sprin­gen – und jetzt im Par­la­ment im­mer wie­der über die Nicht-Be­herr­schung des po­li­ti­schen Hand­werks stol­pern.

Es ist Mon­tag­früh, kurz nach acht Uhr. Do­mi­nik Fe­ri ist auf dem Weg ins Par­la­ment, er über­quert den Klein­seit­ner Ring, die­sen Pracht­platz mit sei­nen Ar­ka­den­gän­gen und den gie­bel­ge­schmück­ten Häu­sern rings­um, und strebt dem Haupt­ein­gang zu. Kaum ein Tou­rist wür­de hin­ter den Tü­ren mit dem de­zen­ten Mes­sing­schild den Sitz des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses ver­mu­ten; es ver­steckt sich in meh­re­ren ba­ro­cken Häu­sern, die nach au­ßen zer­glie­dert wir­ken, in ih­rem In­nern aber durch ein Sys­tem von Trep­pen, Gän­gen und Hö­fen mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Fe­ri führt ei­ne Be­su­cher­grup­pe hin­ter sich her, wie­der ein­mal: Wirt­schafts­stu­den­ten sind es, die ihn vor ein paar Wo­chen an­ge­spro­chen ha­ben, und er hat das gan­ze Se­mi­nar zu ei­ner Be­sich­ti­gungs­run­de durchs Par­la­ment ein­ge­la­den. Hin­ter der schwe­ren Tür muss je­der ein­zeln sei­nen Ruck­sack von der Po­li­zei durch­leuch­ten las­sen und durch ei­nen Me­tall­de­tek­tor schrei­ten wie am Flug­ha­fen. Do­mi­nik Fe­ri steht am Rand und un­ter­hält sich mit sei­ner As­sis­ten­tin im Flüs­ter­ton über das wei­te­re Ta­ges­pro­gramm – es ist ein klas­si­scher Mon­tag: Im­mer kom­men da gleich mor­gens die ers­ten Be­su­cher, am Nach­mit­tag dann noch ei­ne Grup­pe. Es sind im­mer jun­ge Leu­te, oft Stu­den­ten, manch­mal Schü­ler, und Do­mi­nik Fe­ri nimmt sich je­des Mal viel Zeit. ›Uns spre­chen Grup­pen aus dem gan­zen Land an, nicht nur aus sei­nem Wahl­kreis‹, sagt sei­ne As­sis­ten­tin, auch sie im Stu­den­ten­al­ter. Das Par­la­ment se­hen, klar, das wol­len al­le Be­su­cher – aber vor al­lem kom­men sie we­gen Do­mi­nik Fe­ri.

Dass er Op­ti­mist bleibt trotz al­ler Be­sorg­nis er­re­gen­der Ent­wick­lun­gen, liegt an ei­ner Rech­nung, die er auf­ge­stellt hat. ›Je­des Jahr wach­sen 100.000 neue Wäh­ler nach, die voll­jäh­rig ge­wor­den sind‹, rech­net er vor. ›In­ner­halb von zehn Jah­ren ent­steht da­durch ei­ne aus­rei­chen­de Wäh­ler­schaft für ei­ne Par­tei, de­ren Haupt­the­ma nicht mehr der Kampf ge­gen die Kor­rup­ti­on ist oder ir­gend­wel­che an­de­ren Din­ge, mit de­nen wir uns heu­te her­um­schla­gen. Sie wer­den Fra­gen stel­len, die sich um Bil­dung

dre­hen, um In­fra­struk­tur, um Le­bens­qua­li­tät, um un­se­re Be­zie­hung zu Eu­ro­pa.‹ Vie­le der Pro­ble­me aus der Ge­gen­wart, da­von ist Fe­ri über­zeugt, wer­den sich dann von selbst er­le­di­gen. Und dann huscht ein brei­tes Strah­len über sein Ge­sicht. Jetzt spielt Fe­ri den Trumpf aus, den ihm sei­ne Ju­gend an die Hand gibt: ›Ich wer­de den größ­ten Teil mei­nes wirt­schaft­lich ak­ti­ven Le­bens in ei­nem Tsche­chi­en ver­brin­gen, in dem And­rej Ba­biš nicht mehr Pre­mier­mi­nis­ter ist und Mi­loš Ze­man nicht mehr Prä­si­dent.‹ Es ist das Wis­sen des 21-Jäh­ri­gen um ei­ne vie­le Jahr­zehn­te zäh­len­de Zu­kunft.

Ei­ne Rück­blen­de in den März. Prä­si­dent Mi­loš Ze­man ist ge­ra­de neu ge­wählt wor­den, jetzt wird er für die zwei­te Amts­zeit ver­ei­digt. Ze­man ist für die li­be­ra­len Tsche­chen ein ro­tes Tuch: Der 74-Jäh­ri­ge, kör­per­lich schwer an­ge­schla­gen, be­tä­tigt sich als Steig­bü­gel­hal­ter für die Kom­mu­nis­ten und die Na­tio­na­lis­ten. Auf ei­ner Pres­se­kon­fe­renz mit Wla­di­mir Pu­tin sag­te er, es ge­be viel zu vie­le Jour­na­lis­ten, man müs­se sie ›li­qui­die­ren‹ (was selbst Pu­tin ein schmerz­haf­tes Zu­cken um die Mund­win­kel ver­ur­sach­te). Auf Staats­be­such in Chi­na ver­kün­de­te er, Tsche­chi­en kön­ne von der Volks­re­pu­blik sehr viel ler­nen, und zwar über den ›Zu­sam­men­halt in der Ge­sell­schaft.‹ Er dü­piert In­tel­lek­tu­el­le, wenn er et­wa Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren die Er­nen­nung ver­wei­gert – ei­gent­lich ei­ne Form­sa­che –, weil sie ihm kri­tisch ge­gen­über­ste­hen.

Die­ser Mi­loš Ze­man al­so, mit denk­bar knap­per Mehr­heit im Amt be­stä­tigt, wird im März ver­ei­digt. Ei­ne Ze­re­mo­nie ist es wie für ei­nen Kö­nig, mit Stan­dar­ten, Fan­fa­ren und Ka­no­nen­schüs­sen. Das Pu­bli­kum auf der Pra­ger Burg bil­den vor al­lem die Mi­nis­ter, die Ab­ge­ord­ne­ten und die Se­na­to­ren. Und kaum ist Ze­man ver­ei­digt, kaum hat er ge­schwo­ren, die Ein­heit sei­nes Lan­des vor­an­zu­trei­ben, setzt er an zu sei­ner Re­de. Ein biss­chen läuft er sich ver­bal warm, dann setzt er zur Atta­cke an: ge­gen den öf­fent­lich-recht­li­chen Rund­funk, ge­gen ei­ni­ge na­ment­lich ge­nann­te Print­me­di­en – ge­gen die, die es wa­gen, ihn zu kri­ti­sie­ren. Die Ab­ge­ord­ne­ten mit ih­ren dunk­len An­zü­gen sit­zen starr auf ih­ren Plät­zen, bis plötz­lich Be­we­gung ins Pu­bli­kum kommt: Ei­ni­ge Par­la­men­ta­ri­er er­he­ben sich und ver­las­sen den Saal. Do­mi­nik Fe­ri ist un­ter den ers­ten. Im Fern­se­hen ist sein Afro-Haar­schnitt über die Köp­fe der an­de­ren Zu­hö­rer hin­weg zu se­hen; Fe­ri schrei­tet wür­de­voll dem rück­wär­ti­gen Aus­gang zu.

›Das war ei­ne Ach­ter­bahn der Emo­tio­nen‹, sagt er jetzt, mit ei­ni­gem Ab­stand. ›Sie müs­sen sich vor­stel­len: Das war ein wür­de­vol­ler Rah­men, das rich­tig gro­ße Pro­to­koll. Man spürt re­gel­recht das Staats­tra­gen­de. Und dann müs­sen wir wäh­rend der Re­de raus!‹ Die meis­ten Ab­ge­ord­ne­ten sind sit­zen ge­blie­ben; sei­ne Par­tei ist die ein­zi­ge, die ge­schlos­sen den Saal ver­las­sen hat. Auch Ka­rel Schwarzenberg ging aus dem Raum.

Schwarzenberg, Stamm­hal­ter des gro­ßen Adels­ge­schlechts und in Tsche­chi­en von Vie­len nur ›der Fürst‹ ge­nannt, hat Do­mi­nik Fe­ris Weg in die Po­li­tik ge­prägt. Es ist kein Zu­fall, dass sie in der glei­chen Par­tei sind: Schwarzenberg grün­de­te die li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve Par­tei im Jahr 2009, war un­ter ih­rer Flag­ge ei­ni­ge Jah­re lang Au­ßen­mi­nis­ter – und hol­te sich dann früh Do­mi­nik Fe­ri als Be­ra­ter an die Sei­te. Und der zi­tiert heu­te mit Vor­lie­be ei­nen Satz von Schwarzenberg: ›Wer die Leu­te nicht gern hat, der soll lie­ber nicht in die Po­li­tik ge­hen‹ – so for­mu­lier­te Schwarzenberg es ein­mal. ›Das heißt ja nicht, dass man ex­tro­ver­tiert sein muss‹, sagt er, ›ich ha­be na­tür­lich auch mei­ne in­tro­ver­tier­ten Mo­men­te. Aber um die Ar­beit als Par­la­men­ta­ri­er aus­üben zu kön­nen, darf man den Leu­ten nicht aus dem Weg ge­hen.‹

Neu­lich dach­te Fe­ri wie­der an die­sen Satz, es war der Mo­ment, als ihn die Bau­ar­bei­ter vor dem Par­la­ment an­pö­bel­ten, als sie hin­ter ihm her­brüll­ten, er sol­le zu­rück in den Ur­wald. Do­mi­nik Fe­ri dreh­te sich um und ging auf sie zu. Er ließ sie schimp­fen über die EU, über die Mi­gra­ti­on und über die Po­li­tik an sich. Es zeig­te sich, dass sie ei­ner Mas­sen­mail ge­glaubt hat­ten, in der je­mand Do­mi­nik Fe­ri ver­leum­det hat­te. ›Lie­ber fünf Mil­lio­nen Mos­lems im Land als fünf Mil­lio­nen Ze­man-Wäh­ler‹, das ha­be er ge­sagt, stand dar­in. Do­mi­nik Fe­ri lacht. ›So ein Blöd­sinn!‹ Und dann wird er ernst. Ei­ne der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben für Po­li­ti­ker sei es, ge­gen sol­che Ver­leum­dun­gen und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en an­zu­kom­men, die re­gel­recht blüh­ten. Vor dem Par­la­ment ist ihm das ge­lun­gen, er er­läu­ter­te den Bau­ar­bei­tern sei­ne Po­si­ti­on. ›Ich bil­de mir nicht ein, dass ich sie in­halt­lich über­zeu­gen konn­te‹, sagt er. ›Aber wir ha­ben uns per Hand­schlag ver­ab­schie­det, sie ha­ben ge­merkt: Ei­gent­lich ist das doch ein ganz net­ter Typ, mit dem könn­te man gut ein Bier trin­ken.‹

In sol­chen Mo­men­ten keimt Hoff­nung in Do­mi­nik Fe­ri auf: Ganz ab­schrei­ben muss man sie vi­el­leicht doch noch nicht, die klas­si­schen Par­tei­en – auch nicht in Tsche­chi­en. •

Im Fern­se­hen war sein Afro über den Köp­fen al­ler an­de­ren zu se­hen.

Der Au­tor emp­fiehlt, auf ein Bier – auch oh­ne Fe­ri – nach Brünn zu schau­en. Die mäh­ri­sche Haupt­stadt punk­tet mit Charme und Nä­he und mit der ›Su­per Pan­da Cir­cus‹-Bar: Drei jun­ge Brün­ner wa­ren auf Welt­rei­se, um übe­r­all tol­le Bars aus­zu­pro­bie­ren – und an­schlie­ßend die bes­te Bar in Brünn auf­zu­ma­chen.

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›Je­des Jahr wach­sen 100.000 neue Wäh­ler her­an‹, sagt Fe­ri. Auf sie setzt er.

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