Der Eis­berg

Po­pu­lis­ten wol­len das Se­xu­al­straf­recht ver­schär­fen. Im­mer wie­der. Was for­dern je­ne, die täg­lich da­mit ar­bei­ten?

Datum - - Inhalt - Text: Ya­ra Hof­bau­er und Jo­nas Vogt · Il­lus­tra­ti­on: Ro­man Ma­gin

Po­pu­lis­ten wol­len das Se­xu­al­straf­recht ver­schär­fen. Was sa­gen je­ne, die täg­lich da­mit ar­bei­ten?

Na­ta­lie ist 19 Jah­re alt, als es pas­siert. Die selbst­be­wuss­te Stu­den­tin kommt auf ei­ner Par­ty mit dem DJ ins Ge­spräch. Er nimmt das be­reits sturz­be­trun­ke­ne Mäd­chen an der Hand, sagt, er wol­le ihr et­was zei­gen. Wie­so sie mit­geht, weiß Na­ta­lie heu­te nicht mehr. Sie lan­den im Ho­tel­zim­mer des DJs, Na­ta­lie schmeißt sich aufs Bett, schläft so­fort ein. Sie wacht erst wie­der auf, als je­mand anal in sie ein­dringt

Ge­schich­ten wie je­ne von Na­ta­lie gibt es in Ös­ter­reich je­den Tag. Um­fra­gen zu­fol­ge wer­den 29,2 Pro­zent der Frau­en in ih­rem Le­ben Op­fer von se­xua­li­sier­ter Ge­walt. Man kann sich das Phä­no­men Se­xu­al­straf­ta­ten wie ei­nen Eis­berg vor­stel­len: Oben aus dem Was­ser ragt ei­ne klei­ne Spit­ze an spek­ta­ku­lä­ren Ta­ten, die öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit be­kom­men. Un­ter Was­ser war­tet ei­ne Flut an All­tags­fäl­len, über die sel­ten ge­spro­chen wird. Ta­ten, die nie an­ge­zeigt wer­den; Ver­fah­ren, die so­fort ein­ge­stellt wer­den.

Das Se­xu­al­straf­recht ist kein schö­nes The­ma, und das hier ist kei­ne schö­ne Ge­schich­te. Es wird um Ge­walt ge­hen, um Macht, um Kon­trol­le und un­frei­wil­li­gen Sex. Es wird um die Tä­ter ge­hen, die An­wäl­te, die Jus­tiz. Es wird um die Fra­ge ge­hen, wie man den Op­fern bes­ser hel­fen kann, aber auch um die Fra­ge, wo der Wunsch nach mehr Ver­ur­tei­lun­gen an sei­ne Gren­zen stößt. Über Mo­na­te hin­weg wur­den da­für un­zäh­li­ge Ge­sprä­che ge­führt. Te­le­fo­nisch und per­sön­lich; on und off re­cor­ds; mit Rich­tern, Wis­sen­schaft­lern, Pro­zess­be­glei­tern, Op­fern. Kurz: Mit al­len, die ir­gend­wie mit dem Se­xu­al­straf­recht zu tun ha­ben. Und die es sich nicht leis­ten kön­nen, nur den Teil über dem Was­ser zu be­trach­ten.

Die Op­fer

Ma­ria und Sab­ri­na ken­nen ein­an­der nicht. Was die bei­den Frau­en eint: Sie ha­ben bei der Po­li­zei an­ge­ge­ben, Op­fer von Se­xu­al­de­lik­ten ge­wor­den zu sein, und die Be­schul­dig­ten wur­den nicht ver­ur­teilt. Den Frau­en hat kein Frem­der hin­ter ei­nem Busch auf­ge­lau­ert. Sie kann­ten die Tä­ter, wenn auch erst kurz. Und sie be­fan­den sich frei­wil­lig mit ih­nen am Tat­ort. Ma­ria und Sab­ri­na sind ty­pi­sche Fäl­le. Ma­ria ist Mit­te 50, ge­schie­den und Mut­ter von zwei er­wach­se­nen Kin­dern. Ihr 19-jäh­ri­ger Sohn wohnt zum Tat­zeit­punkt bei ihr. In der Tat­nacht nimmt er ei­nen Be­kann­ten mit nach Hau­se. Als sich der Sohn schla­fen legt, at­ta­ckiert ›die Bes­tie‹, wie Ma­ria ihn nennt, sie von hin­ten. Ma­ria wehrt sich mit al­ler Kraft, der Kampf en­det, nach­dem er ihr ei­nen 43 Ki­lo­gramm schwe­ren Fern­se­her auf den Rü­cken schmeißt.

Sab­ri­na ist am Weg von ih­rer Lehr­stel­le nach Hau­se, als sie an ei­ner Bau­stel­le von ei­nem Ar­bei­ter ge­fragt wird, ob sie mit ihm ei­ne Zi­ga­ret­te rau­chen will. Der Mann nimmt sie mit in den Bau­con­tai­ner, zieht dort sich und Sab­ri­na aus. Sie re­det auf ihn ein, dass sie kei­ne Zeit ha­be. Er packt sie am Zopf, drückt ihr sei­nen Pe­nis in den Mund, nö­tigt sie zu Va­gi­nal- und Anal­sex. Phy­sisch ge­wehrt hat sie sich nicht. ›Ich war in ei­nem Schock­zu­stand, wie fern­ge­steu­ert.‹

Se­xu­al­straf­ta­ten sind ei­ne De­likt­grup­pe mit ei­nem gro­ßen Dun­kel­feld. Op­fer zei­gen über­wie­gend nicht an. Aus Scham, aus ge­rin­gen Er­war­tun­gen ge­gen­über dem Er­geb­nis oder weil sie den Tä­ter per­sön­lich ken­nen. Die Kri­mi­no­lo­gie geht da­von aus, dass nur et­wa je­de sechs­te Ver­ge­wal­ti­gung an­ge­zeigt wird.

Wenn Ma­ria über den Ta­ther­gang er­zählt, kämpft sie mit den Trä­nen, ver­liert sich oft. Die Psych­ia­te­rin, die das ge­richt­li­che Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten er­stellt hat, at­tes­tier­te ihr ei­ne ›his­trio­ni­sche Per­sön­lich­keits­ak­zen­tu­ie­rung‹, ei­nen krank­haf­ten Hang zu Thea­tra­lik. Die Rich­te­rin glaubt ihr die ver­such­te Ver­ge­wal­ti­gung nicht, ›die Bes­tie‹ wird frei­ge­spro­chen. Es ist schwer für Ma­ria, den Gang der Din­ge nach­zu­voll­zie­hen. Wo sei da die Ge­rech­tig­keit? Sie ist seit die­sem De­zem­ber­tag im Jahr 2017 nicht

›Auch wenn ich al­les schwarz auf weiß ha­be, kann der Tä­ter im­mer noch sa­gen, es war frei­wil­lig‹, sagt der Po­li­zist.

mehr die­sel­be. Sie ist in psych­ia­tri­scher Be­hand­lung, traut sich kaum nach drau­ßen, wohnt jetzt in ei­nem be­treu­ten Wohn­haus der Ca­ri­tas.

Das ›per­fek­te‹ Op­fer­ver­hal­ten ist ein schwie­ri­ger Ba­lan­ce­akt, sagt die Kri­mi­no­lo­gin Kat­ha­ri­na Be­clin. ›Es gibt die­se ver­brei­te­te Ein­schät­zung, zu dra­ma­tisch sol­le man nicht auf­tre­ten, aber zu we­nig wei­nen dür­fe ein Op­fer auch nicht, wenn sei­ne Schil­de­run­gen glaub­wür­dig wir­ken sol­len.‹

Die Tä­ter

Sta­tis­ti­ken sind ei­ne schwie­ri­ge Sa­che. Sie zei­gen im­mer ei­nen Aus­schnitt der Wirk­lich­keit, nie ein Ge­samt­bild. So ist das auch bei den Se­xu­al­straf­ta­ten. Es gibt die Dun­kel­feld­for­schung. Es gibt die ›har­te‹ po­li­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik mit An­zei­gen, die aber ih­re Schwä­chen hat: Fäl­le, die nie zur An­zei­ge kom­men, fin­den kei­nen Ein­gang, und ob ei­ner An­zei­ge auch ei­ne Ver­ur­tei­lung folgt, sagt die­se Sta­tis­tik nicht. Aber man kann ver­su­chen, ein paar gro­be Wahr­hei­ten aus den Sta­tis­ti­ken mit­zu­neh­men.

Wahr­heit eins: Die Zahl der an­ge­zeig­ten Ver­ge­wal­ti­gun­gen steigt. Im ers­ten Halb­jahr 2018 wur­den 374 Fäl­le zur An­zei­ge ge­bracht, das sind 40 Pro­zent mehr als im Vor­jah­res­zeit­raum. Dass da­hin­ter auch mehr Ver­ge­wal­ti­gun­gen ste­hen, ist plau­si­bel, lässt sich aber nicht mit Si­cher­heit sa­gen. Es könn­te auch die An­zei­ge­quo­te ge­stie­gen und da­mit die Dun­kel­zif­fer klei­ner ge­wor­den sein.

Wahr­heit zwei: Nicht-Ös­ter­rei­cher wa­ren 2017 un­ter den Ver­ur­teil­ten mit 53 Pro­zent über­re­prä­sen­tiert. Kri­mi­no­lo­gisch ist das kei­ne Über­ra­schung: Die so­zio­lo­gi­schen Ri­si­ko­fak­to­ren für Kri­mi­na­li­tät sind un­ter aus­län­di­schen Staats­bür­gern sta­tis­tisch häu­fi­ger (mehr jun­ge Män­ner mit ge­rin­ger Bil­dung und schlech­tem Ein­kom­men). Au­ßer­dem fällt es leich­ter, den aus­län­di­schen Fremd­tä­ter an­zu­zei­gen als den ei­ge­nen On­kel.

Wahr­heit drei: Der weit über­wie­gen­de An­teil an Se­xu­al­de­lik­ten schaut an­ders aus als me­di­al dar­ge­stellt. Die meis­ten Fäl­le pas­sie­ren im so­ge­nann­ten ›so­zia­len Nah­raum‹. Die Tä­ter sind Freun­de, Ver­wand­te, der Typ, mit dem man sich im Club den gan­zen Abend so nett un­ter­hal­ten hat. Nur in et­wa zehn Pro­zent der Fäl­le gibt es kei­ne Tä­ter-Op­fer-Be­zie­hung. Das In­nen­mi­nis­te­ri­um gab in ei­nem in­ter­nen Mail En­de Sep­tem­ber die Lo­sung aus, sol­che Fäl­le ›pro­ak­tiv‹ zu kom­mu­ni­zie­ren. Das ist ver­zer­rend. Der ge­fähr­lichs­te Ort für ei­ne Frau ist sta­tis­tisch ge­se­hen nicht der dunk­le Park, son­dern die ei­ge­ne Woh­nung.

Die Po­li­zei

Nach dem Ge­setz lei­tet die Staats­an­walt­schaft das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren, de fac­to macht das aber die Po­li­zei. Dort ver­ber­gen sich die Se­xu­al­de­lik­te hin­ter dem un­schul­di­gen Be­griff ›Er­mitt­lungs­be­reich 03‹. Seit der gro­ßen Po­li­zei­re­form 2003 gibt es für ei­ni­ge De­likt­grup­pen Fach­be­rei­che mit spe­zia­li­sier­ten Po­li­zei­be­am­ten. In Wien gibt es fünf Au­ßen­stel­len des Lan­des­kri­mi­nal­amts, in de­nen Po­li­zei­be­am­te un­ter­schied­li­cher Er­mitt­lungs­be­rei­che tä­tig sind.

Micha­el Eb­ner ar­bei­tet seit über zehn Jah­ren im EB 03. Seit zwei Jah­ren ist er der ein­zi­ge Mann sei­ner Au­ßen­stel­le, ver­nimmt männ­li­che und weib­li­che Op­fer. Zwar ha­ben weib­li­che Op­fer das Recht, von ei­ner Po­li­zei­be­am­tin ver­nom­men zu wer­den, das wür­de aber nur we­ni­ger als die Hälf­te in An­spruch neh­men, so Eb­ner.

Es gibt un­ter­schied­li­che Kon­stel­la­tio­nen, in de­nen es zum Erst­kon­takt zwi­schen den Be­am­ten des EB 03 und dem Op­fer kommt. Die gän­gigs­te: Ein Op­fer geht auf ein re­gu­lä­res Wach­zim­mer, gibt dort an, ver­ge­wal­tigt wor­den zu sein. Oft ge­schieht das erst ei­ni­ge Ta­ge nach der Tat. Dann wird die EB 03 an­ge­ru­fen. In der Re­gel wird das Op­fer aus­führ­lich ein­ver­nom­men. Es er­folgt auch ei­ne kör­per­li­che Un­ter­su­chung, so­fern zu er­war­ten ist, dass re­le­van­te Spu­ren ge­fun­den wer­den kön­nen.

In sei­ner Lauf­bahn hat Eb­ner noch nie er­lebt, dass ein Be­schul­dig­ter ein voll­um­fäng­li­ches Ge­ständ­nis ab­ge­legt hät­te. ›Auch wenn ich al­les schwarz auf weiß ha­be, kann der Tä­ter im­mer noch sa­gen, es war frei­wil­lig‹, sagt Eb­ner. ›Drum wird nie je­mand sa­gen, ich hab sie ver­ge­wal­tigt.‹

Die psy­cho­so­zia­le Pro­zess­be­glei­tung

Ur­su­la Kus­syk sitzt in ei­nem un­schein­ba­ren Be­ra­tungs­zim­mer im 17. Be­zirk. Hier auf der Couch sit­zen nor­ma­ler­wei­se Frau­en, die Op­fer ei­nes Se­xu­al­de­likts ge­wor­den sind. Spricht man mit Leu­ten wie Kus­syk, be­kommt man ein Ge­fühl da­für, was der Be­griff ›Dun­kel­feld‹ kon­kret be­deu­tet.

Man hört Ge­schich­ten von Op­fern, die sich ge­gen ei­ne An­zei­ge ent­schei­den, weil ih­nen die Kraft fehlt. Von Frau­en, die sich im Nach­hin­ein ge­wünscht hät­ten, sich das Ver­fah­ren er­spart zu ha­ben. Ge­schich­ten von Müt­tern, die sich über das Straf­ver­fah­ren in­for­mie­ren und dann ent­schei­den, ih­ren Töch­tern lie­ber ei­ne The­ra­pie zu be­zah­len.

Ein Straf­ver­fah­ren ist für die Op­fer ei­ne enor­me Be­las­tung. Auch die psy­cho­so­zia­len Pro­zess­be­glei­te­rin­nen hal­ten ei­ne An­zei­ge nicht im­mer für das bes­te Mit­tel. Man sol­le sich gut über­le­gen, was man er­rei­chen wol­le, da­mit das Ver­fah­ren nicht mit ei­nem wei­te­ren Schlag en­de. Men­schen wie Ur­su­la Kus­syk geht es nicht in ers­ter Li­nie dar­um, die Ver­ur­tei­lungs­quo­te zu er­hö­hen. Son­dern den Op­fern zu hel­fen, mit der Tat ab­schlie­ßen zu kön­nen.

Die Er­war­tungs­hal­tung von Op­fern an ein Straf­ver­fah­ren ist gut er­forscht. Beim Wunsch nach Be­stra­fung geht es we­ni­ger um Ra­che als um die Er­war­tung, dass das Ge­sche­he­ne als Un­recht de­kla­riert wird. ›Um mit Jan Phil­ipp Reemts­ma, dem be­kann­ten Ent­füh­rungs­op­fer, zu spre­chen: Op­fer wol­len, dass sich der Staat mit ih­nen so­li­da­ri­siert und si­gna­li­siert, dass die Tat ein Un­recht und kein Un­glück war‹, sagt die Straf­rechts­pro­fes­so­rin Lya­ne Saut­ner.

Wenn Op­fer sich vom Rechts­staat im Stich ge­las­sen füh­len, ver­tei­digt Kus­syk ihn manch­mal. Sie weiß, dass nicht in al­len Fäl­len ei­ne Ver­ur­tei­lung mög­lich ist. Im Be­ra­tungs­zim­mer in Her­nals hilft man den Be­trof­fe­nen da­bei, ei­ne selbst­be­stimm­te Exit-Stra­te­gie zu fin­den. Auch dann, wenn der Tä­ter nicht ver­ur­teilt wird. Op­fer kön­nen Trost dar­in fin­den, dass ei­ne An­zei­ge be­reits ei­ne mu­ti­ge und eman­zi­pie­ren­de Hand­lung ist. Oder in der Tat­sa­che, dass ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren für den mut­maß­li­chen Tä­ter ein ein­schnei­den­des Er­leb­nis dar­stellt. Manch­mal hilft schon die­se Er­kennt­nis, um nach der Tat wei­ter­le­ben zu kön­nen.

Die Op­fer­an­wäl­te

Bar­ba­ra St­ei­ner ist Rechts­an­wäl­tin und seit rund 20 Jah­ren in der ju­ris­ti­schen Pro­zess­be­glei­tung tä­tig. In Ös­ter­reich ha­ben Op­fer be­stimm­ter De­lik­te, un­ter an­de­rem von Se­xu­al­de­lik­ten, An­spruch auf ju­ris­ti­sche Ver­tre­tung im Straf­ver­fah­ren. Wie ei­ne Lot­sin führt St­ei­ner ih­re Man­dan­ten durch das Ver­fah­ren und ver­sucht, sie vor den ganz gro­ßen Wel­len zu schüt­zen. Oder sie zu­min­dest dar­auf vor­zu­be­rei­ten. Sie er­klärt ih­nen, was auf sie zu­kommt, klärt sie über mög­li­che Fra­gen bei der Ver­neh­mung auf und teilt ih­nen mit, was der Be­schul­dig­te bei der Po­li­zei aus­ge­sagt hat. Die Kanz­lei soll ein Ort sein, wo emo­tio­na­len und psy­chi­schen Be­las­tun­gen Raum ge­ge­ben wird.

›Die Op­fer wer­den teil­wei­se rück­sichts­los oder ver­ständ­nis­los be­han­delt‹, sagt St­ei­ner. Auch von Sei­ten der Be­hör­de. ›Der Vor­fall selbst ist von ei­ner vier­sei­ti­gen Aus­sa­ge vi­el­leicht ein hal­ber Ab­satz. Es geht dann nur noch um die Recht­fer­ti­gung, wie­so sich das Op­fer nicht an­ders ver­hal­ten hat.‹ Nach 20 Jah­ren kennt St­ei­ner die Fra­gen und weiß, was kommt. ›Ich fra­ge mitt­ler­wei­le al­le Man­dan­tin­nen, in wel­chem Stock­werk des Hau­ses die Tat statt­ge­fun­den hat, weil die im­mer ge­fragt wer­den, war­um sie nicht aus dem Fens­ter ge­sprun­gen sind.‹

Op­fer­an­wäl­te ha­ben kei­nen ein­fa­chen Job. St­ei­ner er­zählt von Be­hör­den, die ihr kei­ne Ak­ten­ab­schrift zu­kom­men las­sen, sie ei­nen Tag vor der Ver­hand­lung la­den. ›Ich renn dau­ernd al­lem hin­ter­her‹, sagt St­ei­ner. Da­bei sei­en gut un­ter­stütz­te und be­glei­te­te Op­fer auch im Sin­ne des Straf­ver­fah­rens, weil sie die Chan­cen auf ei­ne ver­wert­ba­re Aus­sa­ge er­hö­hen wür­den.

Bar­ba­ra St­ei­ner ist ei­ne ru­hi­ge, ab­ge­klär­te Frau, und doch är­gert sie sich oft. Über man­geln­den Er­mitt­lungs­wil­len von ein­zel­nen Po­li­zis­ten, über Rich­ter, die im Ge­richts­saal zu sehr zei­gen, wem sie Glau­ben schen­ken und wem nicht, über Staats­an­wäl­te, die bei Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge Fäl­le zu schnell bei­sei­te le­gen. Im Straf­pro­zess ar­bei­ten Men­schen, des­halb ist der Fak­tor Mensch auch ein ent­schei­den­der. Wer wel­che Fäl­le auf den Tisch be­kommt, ent­schei­det in der Jus­tiz die Ge­schäfts­ver­tei­lung. Nach Jah­ren im Ge­schäft weiß St­ei­ner schnell, bei wem so­fort ein­ge­stellt und bei wem wei­ter­er­mit­telt wird. ›Ich er­ken­ne an der Ge­schäfts­zahl, wel­cher Staats­an­walt oder wel­che Staats­an­wäl­tin zu­stän­dig ist‹, sagt St­ei­ner. ›Und ich kann dann gut ein­schät­zen, wie das Er­mitt­lungs­ver­fah­ren wei­ter- oder aus­ge­hen wird.‹

Die An­wäl­te

Be­trach­tet man das Ver­fah­ren durch die Bril­le des Ver­tei­di­gers, er­gibt sich na­tur­ge­mäß ein an­de­res Bild. Denn auch für Be­schul­dig­te von Se­xu­al­straf­ta­ten steht viel auf dem Spiel. Der Vor­wurf bleibt, ins­be­son­de­re bei schwe­ren Ta­ten, oft ein Le­ben lang. ›Das kriegst du nicht mehr weg. Nicht durch ei­ne Ein­stel­lung, nicht durch ei­nen Frei­spruch‹, sagt der Straf­ver­tei­di­ger Le­on­hard Kreg­c­jk. Ei­ner sei­ner Man­dan­ten wur­de vom Vor­wurf des Kin­des­miss­brauchs frei­ge­spro­chen. Zwei Mo­na­te spä­ter hat er sich er­hängt.

Wäh­rend An­wäl­te bei an­de­ren De­lik­ten oft erst ab­war­ten, wel­che Kar­ten die Ge­gen­sei­te hat, ra­ten sie bei Se­xu­al­de­lik­ten, ehest­mög­lich in das Ver­fah­ren ein­zu­stei­gen. Man müs­se die Staats­an­walt­schaft früh von ei­nem Mo­tiv des Op­fers für ei­ne Fal­sch­an­zei­ge oder dem feh­len­den Vor­satz des Be­schul­dig­ten über­zeu­gen. Die Glaub­wür­dig­keit des Op­fers zu un­ter­gra­ben ist häu­fig die ein­zi­ge Ver­tei­di­gungs­mög­lich­keit, sa­gen die An­wäl­te. ›An­de­re Mög­lich­kei­ten hast du ja nicht, wenn es Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge steht.‹

Die po­ten­zi­el­le Fal­sch­an­zei­ge stapft da­her stets als Ele­fant durch den Raum. Tat­sa­che ist: Es gibt sie na­tür­lich. Straf­rechts­pro­fes­so­rin Lya­ne Saut­ner zi­tiert ei­ne Stu­die aus Deutsch­land, wo­nach die Quo­te bei cir­ca zehn Pro­zent lie­gen wür­de. Dar­un­ter fal­len aber nicht nur Ver­leum­dun­gen, son­dern auch Fäl­le wie fal­sche Ver­däch­ti­gun­gen durch Drit­te oder ›Fal­se Me­mo­ry‹. Letz­te­res kommt ins­be­son­de­re bei Kin­des­miss­brauch durch­aus vor. ›Ein ge­ne­ra­li­sier­tes Miss­trau­en ge­gen­über Se­xu­alop­fern hal­te ich für fa­tal‹, sagt Saut­ner. Es drän­ge Op­fer von

Se­xu­al­de­lik­ten ein­mal mehr in die De­fen­si­ve, und das, ob­wohl die An­zei­ge­be­reit­schaft die­ser Op­fer­grup­pe oh­ne­dies ge­ring ist.

Wäh­rend op­fer­sei­tig kri­ti­siert wird, dass die vor­han­de­nen Op­fer­schutz­rech­te nicht aus­rei­chend an­ge­wen­det wer­den, ge­hen sie man­chen Ver­tei­di­gern zu weit. ›Wir müs­sen uns fra­gen: Wo­zu ist der Straf­pro­zess ei­gent­lich da?‹, sagt Kreg­c­jk. ›Für das Op­fer, oder um auf­zu­klä­ren, ob je­mand Schuld an et­was trägt?‹ Bei­spiel für ein sol­ches Op­fer­schutz­recht ist die ›kon­tra­dik­to­ri­sche Ver­neh­mung‹. Es han­delt sich da­bei um die Ein­ver­nah­me des Op­fers im Er­mitt­lungs­ver­fah­ren durch ei­nen Rich­ter oder Sach­ver­stän­di­gen. Die ›kdV‹ dient da­zu, das Op­fer mög­lichst zeit­nah nach der Tat zu ver­neh­men und ihm ei­ne neu­er­li­che Ein­ver­nah­me in der Haupt­ver­hand­lung zu er­spa­ren. Für die Ver­tei­di­ger hat die­se Form der Ein­ver­nah­me den Nach­teil, dass sie das Op­fer nicht selbst be­fra­gen kön­nen. Da­durch ver­lie­ren sie die Mög­lich­keit, ih­re Fra­gen auf­zu­bau­en oder mit Über­ra­schungs­ef­fek­ten zu punk­ten. Die weit­rei­chen­den Op­fer­rech­te sol­len die Op­fer schüt­zen, ha­ben aber even­tu­ell ei­nen an­de­ren, nicht be­ab­sich­tig­ten Ne­ben­ef­fekt: Sie kön­nen die Wahr­schein­lich­keit ei­ner Ver­ur­tei­lung sen­ken. ›Wo ei­ne Stär­kung des Op­fer­schut­zes auf Kos­ten der Wahr­heits­er­for­schung geht, zum Bei­spiel durch Ein­räu­mung von Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­rech­ten, ist ei­ne Zu­nah­me bei den Frei­sprü­chen hin­zu­neh­men‹, sagt Lya­ne Saut­ner. Ein­fa­cher ge­sagt: Wenn Fra­gen of­fen blei­ben, spre­chen Rich­ter eher frei.

Die Staats­an­walt­schaft

Wenn in den Ge­sprä­chen mit Per­so­nen, die tag­täg­lich mit Se­xu­al­straf­ver­fah­ren zu tun ha­ben, Wut auf­kommt, dann ent­lädt sie sich meist ge­gen die Staats­an­walt­schaft. Op­fer­ver­tre­ter wer­fen ihr vor, ih­re Er­mitt­lungs­mög­lich­kei­ten nicht aus­zu­schöp­fen, bei ›Aus­sa­ge ge­gen Aus­sa­ge‹ viel zu schnell ein­zu­stel­len. Die Ver­tei­di­ger se­hen das an­ders: ›Im Zwei­fel klagt die Staats­an­walt­schaft lie­ber an, weil vie­le Staats­an­wäl­te und Staats­an­wäl­tin­nen die Ver­ant­wor­tung nicht über­neh­men wol­len‹, so der Wie­ner Rechts­an­walt Man­fred Ai­ned­ter. Staats­an­walt Gerd Her­mann von der Staats­an­walt­schaft Wien kennt al­le die­se Vor­wür­fe. Gel­ten lässt er sie nicht. ›Wir ha­ben ge­nau wie das Ge­richt ein Ob­jek­ti­vi­täts­ge­bot‹, sagt Her­mann. ›Wenn wir kei­ne Ver­ur­tei­lungs­wahr­schein­lich­keit se­hen, müs­sen wir ein­stel­len. Das wä­re sonst völ­lig un­se­ri­ös.‹

Fakt ist: Es wer­den vie­le Fäl­le ein­ge­stellt. Im Jahr 2015 stan­den 826 Ver­ge­wal­ti­gungs­an­zei­gen 265 An­kla­gen ge­gen­über. Hört man Her­mann zu, klin­gen die Grün­de da­für plau­si­bel. Der Be­schul­dig­te hat Rech­te, die es zu wah­ren gilt. Die Be­weis­mit­tel sind meis­tens über­schau­bar, die Ge­schich­ten oft so dia­me­tral, dass man nicht sa­gen kann, ob ei­ne Se­xu­al­straf­tat oder ei­ne Ver­leum­dung vor­liegt. Ent­schlägt sich ein Op­fer, was vor al­lem bei Be­zie­hungs­ta­ten vor­kommt, er­folgt ei­ne Ein­stel­lung.

Vie­les ist, wie so oft, aber auch ei­ne Fra­ge der Res­sour­cen. Das fängt da­mit an, dass Rich­ter und Staats­an­wäl­te am Lan­des­ge­richt für Straf­sa­chen mit teil­wei­se vor­sint­flut­li­cher EDV ar­bei­ten und in ei­nem nicht-kli­ma­ti­sier­ten Ge­bäu­de sit­zen, das sich im Som­mer un­er­träg­lich auf­heizt. Und en­det da­mit, dass sich in Wien zwar zwölf Staats­an­wäl­te mit Se­xu­al­straf­sa­chen be­schäf­ti­gen, dies aber bei wei­tem nicht aus­reicht. ›Die meis­ten Fäl­le wer­den ein­ge­stellt, oh­ne dass der Staats­an­walt das Op­fer oder den Tä­ter zu Ge­sicht be­kommt‹, sagt Kat­ha­ri­na Be­clin. Ein­stel­lun­gen er­fol­gen da­her häu­fig auf Ba­sis der Po­li­zei­pro­to­kol­le, die die Aus­sa­gen von Op­fer und Be­schul­dig­tem bloß zu­sam­men­fas­send wie­der­ge­ben. ›Es wür­de wahr­schein­lich schon hel­fen, wenn sich das än­dern wür­de‹, meint Be­clin. Das ist mit den ak­tu­el­len Res­sour­cen al­ler­dings kaum zu ma­chen.

Die Rich­ter

›Wenn ich ei­nem Lai­en sa­ge, ein Ver­ge­wal­ti­ger be­kommt zwei Jah­re, dann bringt das Un­mut. Das kann ich nach­voll­zie­hen.‹ Chris­toph Bau­er ist Rich­ter am Lan­des­ge­richt für Straf­sa­chen Wien und ver­han­delt seit über zehn Jah­ren Se­xu­al­straf­sa­chen. Rich­ter wie Bau­er ha­ben ein Pro­blem: 95 Pro­zent der Fäl­le, die sie ver­han­deln, in­ter­es­sie­ren die Öf­fent­lich­keit nicht. Aber wenn bei den ver­blei­ben­den fünf Pro­zent et­was nicht zu­sam­men­passt, dann ist me­di­al die Höl­le los.

Hin­ter ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung kön­nen sich sehr un­ter­schied­li­che Din­ge ver­ber­gen. So­wohl ei­ne kur­ze Va­gi­nal­pen­e­tra­ti­on mit dem Fin­ger als auch ein stun­den­lan­ges Mar­ty­ri­um mit mehr­fa­chem Ge­schlechts­ver­kehr fal­len un­ter § 201 StGB, den Tat­be­stand der Ver­ge­wal­ti­gung. Um für die je­wei­li­gen Ta­ten ad­äqua­te Stra­fen ge­ben zu kön­nen, sieht der Ge­setz­ge­ber so­ge­nann­te ›Qua­li­fi­ka­tio­nen‹, al­so hö­he­re Straf­rah­men bei Vor­lie­gen be­stimm­ter

95 Pro­zent der Fäl­le in­ter­es­sie­ren die Öf­fent­lich­keit nicht. Aber bei den ver­blei­ben­den fünf ist me­di­al die Höl­le los.

er­schwe­ren­der Um­stän­de vor. Au­ßer­dem spielt die Schuld des Tä­ters ei­ne zen­tra­le Rol­le bei der Aus­schöp­fung des Straf­rah­mens. Bei ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung sind das min­des­tens ein und ma­xi­mal zehn Jah­re. Ist die Tat bei­spiels­wei­se durch Kör­per­ver­let­zung oder ei­ne be­son­ders grau­sa­me Be­ge­hungs­me­tho­de qua­li­fi­ziert, sind so­wohl Min­dest- als auch Höchst­stra­fe hö­her. In­ner­halb die­ser vor­ge­ge­be­nen Rah­men hat der Rich­ter im je­wei­li­gen Fall über die Stra­fe zu ent­schei­den. Die Faust­re­gel, die Rich­ter wie Bau­er auch ih­ren Schöf­fen mit­ge­ben: Für Erst­tä­ter gibt es ein Drit­tel der Stra­fe, und dann han­gelt man sich an­hand der Strafer­schwer­nis- und -er­leich­te­rungs­grün­de hin­auf oder hin­un­ter.

Es gibt sie na­tür­lich, die Fäl­le mit ge­rin­gen Stra­fen. Häu­fig sind sie nicht. Die durch­schnitt­li­che Frei­heits­stra­fe bei Ver­ge­wal­ti­gung lag 2017 bei 4,1 Jah­ren, mit mil­de­ren Stra­fen in We­st­ös­ter­reich. Auch die Op­fer­schutz­ein­rich­tun­gen ha­ben grund­sätz­lich kein Pro­blem mit der Straf­hö­he. Es wer­de nicht zu mild, son­dern zu sel­ten be­straft, heißt es da.

Die Zu­kunft

Ös­ter­reich hat ei­ne kla­re Mei­nung zum Se­xu­al­straf­recht. In ei­ner Um­fra­ge für die Re­cher­che­platt­form Ad­den­dum sag­ten im Ju­ni 95 Pro­zent der Be­frag­ten, dass Se­xu­al­de­lik­te zu mil­de be­straft wür­den. Ver­schär­fun­gen im Se­xu­al­straf­recht sind so po­pu­lär, dass nicht im­mer klar ist, wo die be­rech­tig­te Sor­ge en­det und das Wech­seln von po­li­ti­schem Klein­geld an­fängt. Im In­nen­mi­nis­te­ri­um läuft ei­ne Task Force mit Ex­per­ten, die Vor­schlä­ge für ei­ne Re­form des Straf­rechts aus­ar­bei­ten soll. In­nen­mi­nis­ter Kickl hat aber be­reits be­kräf­tigt, dass die­se Vor­schlä­ge nur dort Be­rück­sich­ti­gung fin­den sol­len, wo sie nicht im Kon­trast zum Re­gie­rungs­pro­gramm ste­hen, das ei­ne Ver­schär­fung vor­sieht.

Die meis­ten Ex­per­ten, mit de­nen man re­det, leh­nen den Kern des Vor­ha­bens, al­so die Er­hö­hung des Straf­rah­mens, als sinn­lo­se Sym­bol­po­li­tik ab. Zu­dem gab es bei den Se­xu­al­straf­ta­ten in den letz­ten Jahr­zehn­ten nur Ver­schär­fun­gen. Die letz­ten tra­ten 2016 und 2017 in Kraft und sind noch nicht or­dent­lich eva­lu­iert wor­den. Und manch­mal ha­ben Straf­ver­schär­fun­gen so­gar ei­nen un­er­wünsch­ten Ne­ben­ef­fekt: mehr Frei­sprü­che, weil Rich­ter da­zu nei­gen, bei hö­he­ren Haft­stra­fen zu­rück­hal­ten­der zu ver­ur­tei­len. Auch den um­ge­kehr­ten Ef­fekt gibt es: Als 1992 die Min­dest­stra­fe für das Ver­bots­ge­setz ge­senkt wur­de, stieg die Zahl der Ver­ur­tei­lun­gen si­gni­fi­kant. Vie­le

der im Be­reich des Se­xu­al­straf­rechts tä­ti­gen Per­so­nen at­tes­tie­ren ein Res­sour­cen­pro­blem. Der Jus­tiz­ap­pa­rat brau­che mehr Geld. Es brau­che mehr spe­zi­fi­sche Fort­bil­dun­gen, wahr­schein­lich auch ver­pflich­ten­de, für Rich­ter und Staats­an­wäl­te. Das Ver­ständ­nis für das Op­fer­ver­hal­ten soll­te ver­bes­sert und mehr Res­sour­cen für Er­mitt­lun­gen be­reit­ge­stellt wer­den. Da­mit ei­ne Ent­schla­gung des Op­fers nach An­zei­ge­er­stat­tung nicht zwin­gend mit ei­ner Ein­stel­lung ein­her­geht. Da­mit je­der Fall gründ­lich eva­lu­iert wer­den kann und Wi­der­sprüch­lich­kei­ten nach­ge­gan­gen wird.

Doch auch mit mehr Res­sour­cen wird die Jus­tiz im­mer wie­der an ih­re Gren­zen sto­ßen. Der Wunsch, mehr Tä­ter zu ver­ur­tei­len, spießt sich an vie­len Stel­len mit rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en wie der Un­schulds­ver­mu­tung und dem Grund­satz, dass im Zwei­fel zu Guns­ten des An­ge­klag­ten zu ent­schei­den ist. Man wird nie al­le Tä­ter ver­ur­tei­len kön­nen. Ein Grund mehr, sich auch stär­ker um den Teil des Sys­tems zu küm­mern, der sich vor, ne­ben und nach dem Ge­richts­saal ab­spielt. Op­fer­schutz­ein­rich­tun­gen kön­nen ab­fe­dern, wo der Rechts­staat an sei­ne Gren­zen stößt, und Op­fern er­mög­li­chen, auch oh­ne Ver­ur­tei­lung mit der Tat ab­zu­schlie­ßen.

So war es auch bei Na­ta­lie, der jun­gen Stu­den­tin, die im Ho­tel­zim­mer Op­fer ei­nes se­xu­el­len Über­griffs wur­de. Der mut­maß­li­che Tä­ter wur­de frei­ge­spro­chen. Sie litt schwer un­ter den Fol­gen der Tat, hat­te Sui­zid­ge­dan­ken. ›Ich hab mich dann zum Glück re­gel­mä­ßig mit ei­ner Frau von der psy­cho­so­zia­len Pro­zess­be­glei­tung ge­trof­fen. Sie hat mich da raus­ge­zo­gen‹, er­in­nert sich Na­ta­lie. Der­zeit wa­ckelt aber auch die­se Stüt­ze: Die Pro­zess­be­glei­tun­gen ver­fü­gen ak­tu­ell über kei­ne Zu­sa­ge für ei­ne lang­fris­ti­ge Fi­nan­zie­rung. •

Die meis­ten Ex­per­ten leh­nen ei­ne Er­hö­hung des Straf­rah­mens als sinn­lo­se Sym­bol­po­li­tik ab.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.