Cl­in­tons Abrech­nung mit sich selbst

Hil­la­ry Cl­in­ton ar­bei­tet in ih­rem neu­en Buch ih­re Nie­der­la­ge auf und zieht durch­aus selbst­kri­tisch Bi­lanz. Par­tei­freun­de wer­fen ihr vor, sich zum fal­schen Zeit­punkt wie­der ins Ram­pen­licht schrei­ben zu wol­len.

Der Standard - - FORSIDE - Frank Herr­mann aus Wa­shing­ton

Was pas­siert ist in der Nacht auf den 9. No­vem­ber 2016, ist oft er­zählt wor­den. Je spä­ter es wur­de, um­so mehr schwan­den Hil­la­ry Cl­in­tons Chan­cen auf den si­cher ge­glaub­ten Wahl­sieg. Was hin­ter den Ku­lis­sen ge­schah, im Ho­tel­zim­mer der Un­ter­le­ge­nen, das hat Cl­in­ton erst­mals de­tail­ge­nau aus ih­rer Per­spek­ti­ve ge­schil­dert.

Hun­de­mü­de sei sie im Lau­fe des Abends ein­ge­schla­fen, schreibt sie in What Hap­pe­n­ed, ih­rem Buch, über die Wahl. Als sie auf­wach­te, hat­te sich die Stim­mung spür­bar ver­düs­tert. Ih­re Be­ra­ter wirk­ten ge­plät­tet, Freun­de und Ver­wand­te wa­ren ge­kom­men, „Leu­te wur­den aus­ge­sandt, um Whis­key zu ho­len“. In der Nacht, nach halb zwei, als die Nach­rich­ten­agen­tur AP Trump zum Sie­ger des Ren­nens in Penn­syl­va­nia er­klär­te, griff sie zum Han­dy, um ih­rem Ri­va­len zu gra­tu­lie­ren. Ku­ri­os sei das ge­we­sen, be­müht nett, „es war al­les so selt­sam nor­mal, als wür­de man ei­nen Nach­barn an­ru­fen, um ihm zu sa­gen, dass man lei­der nicht zur Grill­par­ty kom­men kann“.

Am nächs­ten Vor­mit­tag fuhr sie ins Ho­tel New Yor­ker in Man­hat­tan, um ei­ne Re­de zu hal­ten. Dort, schreibt Cl­in­ton, ha­be sich Mu­ham­mad Ali 1971 nach ei­nem ver­lo­re­nen Kampf ge­gen Joe Fra­zier er­holt. „Ich woll­te nie ver­lie­ren, ich ha­be nie ge­dacht, dass ich ver­lie­ren wür­de“, zi­tiert sie den Bo­xer. „Aber was jetzt zählt, ist die Art, wie du ver­lierst.“

Kri­tik an Trump

Seit Di­ens­tag ist das Buch auf dem Markt, doch be­reits am Sonn­tag hat­te Hil­la­ry Cl­in­ton bei Sun­day Morning, ei­ner Sen­dung von CBS, prä­gnant zu­sam­men­ge­fasst, wo­mit sich ihr Me­moi­ren­band auf 494 Sei­ten be­schäf­tigt. Die Grün­de für Trumps Coup? Der Mann ha­be es ver­stan­den, nost­al­gi­sche Ge­füh­le zu be­die­nen. Er ha­be „Men­schen, die be­un­ru­higt wa­ren we­gen der Fort­schrit­te, die an­de­re mach­ten“, Hoff­nung ge­ge­ben und Trost ge­spen­det. Trump, skiz­ziert sie in ih­rem Buch, ha­be sich in den Me­di­en aus­ge­tobt, wäh­rend sie an Pro­gram­men bas­tel­te. „Manch­mal fra­ge ich mich: Wenn man zu­sam­men­rech­net, was er auf Golf­plät­zen, bei Twit­ter und vorm Fern­se­her an Zeit ver­bringt, was bleibt dann noch üb­rig?“Ihr da­ge­gen, streut sie sich Asche aufs Haupt, sei es nicht ge­lun­gen, die Ver­un­si­cher­ten an­zu­spre­chen.

Die Ana­ly­se ist scharf, der Stil un­ver­krampf­ter, als man es von Cl­in­tons öf­fent­li­chen Auf­trit­ten kennt. Gleich­wohl schei- den sich die Geis­ter dar­an, was die Ex­kan­di­da­tin mit ih­rer Rück­blen­de er­rei­chen möch­te. Sich ein­fach den Frust von der See­le schrei­ben? Oder will sie die Pu­b­li­ci­ty nut­zen, um im Rich­tungs­streit der De­mo­kra­ten, in vol­ler Wucht ent­brannt nach der Nie­der­la­ge, zu in­ter­ve­nie­ren?

Es gibt lin­ke Par­tei­freun­de, die der 69-Jäh­ri­gen übel neh­men, dass sie sich mit ei­nem Wer­be­feld­zug zu­rück­mel­det auf der po­li­ti­schen Büh­ne, statt sich kon­se­quent ins Pri­va­te zu­rück­zu­zie­hen. Cl­in­tons Buch, pol­tert der Kon­gress­ab­ge- ord­ne­te Ja­red Huff­man, ein An­hän­ger von Ber­nie San­ders, er­schei­ne zum denk­bar un­güns­tigs­ten Zeit­punkt, da die Par­tei ver­su­che, sich zu­sam­men­zu­rau­fen und den Blick nach vorn zu rich­ten.

San­ders, der Se­na­tor aus Ver­mont mit sei­nen Brand­re­den ge­gen die Ex­zes­se der Wall Street, ha­be hoff­nungs­los un­rea­lis­ti­sche Re­zep­te zum Bes­ten ge­ge­ben, meint wie­der­um Cl­in­ton. Stän­dig ha­be er ih­re Vor­schlä­ge mit et­was noch Grö­ße­rem – und Un­prak­ti­sche­rem – zu über­tref­fen ver­sucht, wo­mit er sie in ei­ne we­nig be­nei­dens­wer­te Rol­le dräng­te, in die der Schul­meis­te­rin, die den an­de­ren den Spaß ver­der­be.

E-Mail-Af­fä­re

Nach­träg­lich be­dau­ert sie, Ja­mes Co­mey nicht en­er­gi­scher wi­der­spro­chen zu ha­ben, als der sie im Ju­li 2016 zwar ent­las­te­te, aber zu­gleich hef­tig kri­ti­sier­te. Wäh­rend der da­ma­li­ge FBI-Di­rek­tor auf ei­ne Straf­an­zei­ge ver­zich­te­te, nach­dem Cl­in­ton ih­re dienst­li­chen E-Mails als Au­ßen­mi­nis­te­rin über ei­nen pri­va­ten Ser­ver ab­ge­wi­ckelt hat­te, warf er ihr vor, ex­trem un­vor­sich­tig ge­we­sen zu sein. Er ha­be es Trump er­mög­licht, in grel­len Far­ben am Bild der „be­trü­ge­ri­schen Hil­la­ry“zu ma­len. In der Schluss­pha­se des Du­ells ha­be es vie­le be­wo­gen, sich von ihr ab­zu­wen­den.

Das al­les ist nicht wirk­lich neu, eben­so we­nig wie die Tat­sa­che, dass Hil­la­ry Cl­in­ton nicht gut auf Wla­di­mir Pu­tin zu spre­chen ist. Nur ist der Ton noch kom­pro­miss­lo­ser, als er noch vor ein paar Mo­na­ten war. Die rus­si­sche Re­gie­rung ha­be ih­re Kam­pa­gne ge­zielt sa­bo­tiert, ur­teilt sie. Und Trump mö­ge Pu­tin nicht nur, er wol­le of­fen­bar auch so sein wie Pu­tin: ein wei­ßer, au­to­ri­tä­rer Füh­rer. Hil­la­ry Rod­ham Cl­in­ton, „What Hap­pe­n­ed“. 494 Sei­ten. Si­mon & Schus­ter, New York 2017

Hil­la­ry Cl­in­ton rech­net in ih­rem neu­en Buch ab: mit sich selbst, aber auch mit den Me­di­en oder dem da­ma­li­gen FBI-Chef Ja­mes Co­mey we­gen sei­nes Um­gangs mit der E-Mail-Af­fä­re.

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