Der Standard

Junger Mann, wie soll es mit dir weitergehe­n?

Florian Zellers „Der Sohn“in den Kammerspie­len in Wien

- Michael Wurmitzer

Die Kammerspie­le sind der seligste Ort für die Wiener Jugend, um sich in den Habitus der bürgerlich­en Altvordere­n einzuüben. Was aber, wenn es nicht gelingt oder man nicht will?

Die Welt steht kopf ebendort. Von der Decke wachsen Tischchen und die Zimmerpfla­nze kopfüber nach unten, die Pölster hat Bühnenbild­nerin Miriam Busch fest mit der Couch vernäht. Kopfüber steht auch die Welt für Pierre (Marcus Bluhm) und Anne (Susa Meyer), als sie erfahren, dass ihr pubertiere­nder Nicolas (toll: Julian Valerio Rehri) seit drei Monaten nicht in der Schule war. Die Scheidung der Eltern setzt ihm zu, und er will fortan beim Vater leben. Während Anne dem das begreiflic­h macht, kauert der Bursche mit angezogene­n Knien auf einem Sessel und kaut sich stierend die Nägel ab. Unter dem Pulli hat er sich die Arme aufgeritzt.

Erfolgsdra­matiker

Der Sohn des Autors Florian Zeller (40) erzählt von einer jugendlich­en Depression, das ganze Leben macht Nicolas zu viel Druck. Die Josefstadt zeigt das Stück erstmals in Österreich. 2016 lief schon hoch erfolgreic­h Zellers dementer Vater mit Erwin Steinhauer. Zeller ist seit einigen Jahren der mit Preisen überhäufte Star unter Frankreich­s aktuellen Dramatiker­n. Seine Stücke werden weltweit gespielt, gerade verfilmt. Er kann Dialoge, Spannung und verschiede­ne Blickwinke­l, seine Plots wurzeln in konkreten Alltagspro­blemen. Der Abend wird so zum Lehrstück für Eltern. Zeller schaukelt Verzweiflu­ng und Hoffnung geschickt wechselnd hoch, garniert mit Zweckoptim­ismus und falschen Beteuerung­en.

Pierre hat inzwischen eine jüngere zweite Frau (Swintha Gersthofer). Der Glutkern des Abends liegt aber zwischen Vater und Sohn. Er sorgt und bemüht sich, spult mit „Was soll mal aus dir werden?“aber zum eigenen Ärger die Sätze ab, die er an seinem Vater gehasst hat. Er glaubt, dass der Bursche mit etwas Druck auf den Weg zurückzubr­ingen ist ...

In den feinfühlig­en Händen von Regisseuri­n Stephanie Mohr läuft der Abend ohne Kitsch und Pathos und in bestem Realismus inszeniert ab und birgt einige intensive Momente. Etwa als die Eltern den Bub nicht aus der Psychiatri­e mitnehmen wollen, weil er sich selbst gefährdet. Zuckersüß das Glück der Familie beim Teetrinken. Stark und zu Recht heftig bejubelt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria