». . .und Sie sind nur der En­ri­co, mein Gott!«

Noch im­mer flüs­tern Men­schen auf der Stra­ße Heinz Zu­ber En­ri­cos be­rühm­tes »Ich sag niiiicht!« zu oder schmun­zeln, wenn sie ihn se­hen. Ein Ge­spräch mit dem Burg­schau­spie­ler über sei­nen an­ste­hen­den 75. Ge­burts­tag, das Le­ben als ewi­ge Fern­seh-Kult­fi­gur, die

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Sie wer­den am Don­ners­tag 75 Jah­re alt. Zu­gleich er­scheint Ihr Buch, ei­ne Art Me­moi­ren. Wie ist es Ih­nen beim Schrei­ben ge­gan­gen? Heinz Zu­ber: Das An­ge­bot vom Ver­lag hat­te ich schon beim 70er, da hab ich ge­dacht, Quatsch, war­um soll ich ein Buch schrei­ben. Vo­ri­ges Jahr dach­te ich dann, jetzt wür­de ich gern. Wie das Schrei­ben war? Gut! Aber am An­fang sind mir nur die gräss­li­chen Sa­chen ein­ge­fal­len. Die, bei de­nen ich das Ge­fühl hat­te, man hat mir et­was an­ge­tan. Die­sen Ein­druck hät­te man gar nicht. Ich bin nor­mal auch nicht so! Dann hab ich ge­dacht: Bist du ein bis­serl blöd? Ich hab mich dann am Rie­men ge­ris­sen und ge­sagt: Denk an al­les, was schön war in dei­nem Le­ben. Und es war so vie­les schön. Ich hab, mein Gott, das darf man gar nicht sa­gen, ich hab nichts wirk­lich Schreck­li­ches er­lebt. Un­an­ge­neh­me Din­ge na­tür­lich, wie je­der. Vo­ri­ge Wo­che zum Bei­spiel ist mein Hund ge­stor­ben. Die Rik­ki, ein Da­ckel. Sie war schon 16. Aber sie war ja ei­ne Da­me, ich hab sie im­mer ein paar Jah­re jün­ger ge­macht, wenn Leu­te ge­fragt ha­ben. Als ich jung war und gar kein Geld hat­te, wuss­te ich schon, ir­gend­wann hab ich ein Haus und ei­nen Hund. Vie­le Din­ge, die ich mir als Jun­ger vor­ge­stellt ha­be, ha­ben sich dann fast von selbst er­füllt. Auch die Kar­rie­re? Sie wa­ren am Burg­thea­ter, an der Jo­sef­stadt. Aber dann – die Fra­ge nervt Sie ver­mut­lich schon – . . . . . . dann sind Sie der En­ri­co und Sie wer­den im­mer nur auf den En­ri­co re­du­ziert! Mein Gott! (schlägt sich mit der Hand auf die Stirn, al­le la­chen). Mein Gott, ist das furcht­bar! Ich fühl mich nicht re­du­ziert. Ich bin ja kei­ne Sau­ce. Al­so ein Miss­ver­ständ­nis, dass die ClownRol­le ei­nen Schau­spie­ler qua­si ab­wer­tet? Nein, nein, ich lie­be es. Das ist al­les schön. Wel­che Rol­le spielst du 28 Jah­re lang, wenn du sie nicht gern machst? Ich wär blöd, wenn ich mich ge­nie­ren würd. Ich ha­be das ge­liebt, ich ha­be auch selbst ge­schrie­ben, ich konn­te krea­tiv sein als En­ri­co, weil die Auf­trit­te un­glaub­lich funk­tio­niert ha­ben. Wenn ich auf die Büh­ne ge­kom­men bin, sind dem En­ri­co die Her­zen zu­ge­flo­gen. Das ist noch im­mer so. Wenn man er­zählt, ich tref­fe den En­ri­co, da wer­den vie­le ganz sen­ti­men­tal. Woran, glau­ben Sie, liegt das? Ich weiß! Das ist so schön. Die Idee war, dass En­ri­co das zu be­leh­ren­de Kind ist. Ei­ner, der in die­ser päd­ago­gi­schen Sen­dung vor­macht, wie man es nicht macht, wie man sich irrt, Blöd­sinn an­stellt. Es war Ab­sicht, dass er düm­mer ist als die Kin­der, da­mit sie in­tel­li­gen­ter sein kön­nen. Am En­de hat er doch al­les ver­stan­den, singt ein Lied, und al­les ist gut. Das war mit ein Grund, dass ich „Am dam des“ge­macht ha­be, rei­nen Kla­mauk hät­te ich ab­ge­lehnt. Es war wich­tig, dass En­ri­co in­tel­li­gen­te Men­schen als Part­ner in der Sen­dung hat, so konn­te er ver­rückt und blöd sein. Wür­de die Rol­le heute noch funk­tio­nie­ren? Ja, das weiß ich zu 100 Pro­zent. Nach­dem im Fern­se­hen mit En­ri­co Schluss war, hab ich ihn noch fünf­mal ge­spielt. Bei den Kin­der­fest­spie­len in Her­zo­gen­burg et­wa wa­ren Kin­der, die mich nicht kann­ten, und es hat toll funk­tio­niert. Ha­ben Sie als Kind denn Clowns ge­mocht? Nein, über­haupt nicht. Die­se Bi­en­chen­gib-mir-Ho­nig-Num­mern im Zir­kus mit Spu­cken und so, das fand ich graus­lich. Aber ich hab ei­nen Clown ge­se­hen, als Kind, den Grock, den fand ich gran­di­os. Der Psych­ia­ter und Sui­zid-For­scher Erwin Rin­gel war ein gro­ßer För­de­rer En­ri­cos. Er

1941

wird Heinz Zu­ber n Lör­rach (Ba­den Würt­tem­berg) ge­bo­ren. 1944 floh er mit sei­ner Mut­ter in die Schweiz, dann nach Bre­genz. Spä­ter wächst er in Weil am Rhein (D) auf.

1960,

nach ei­ner Leh­re als Spe­di­ti­ons­kauf­mann, ging er nach Pa­ris, um Schau­spie­ler zu wer­den, und ver­dingt sich als Ka­ri­ka­tu­rist in Mont­mart­re.

1963

ging er nach Wi­en, auf die Aus­bil­dung am Rein­hardt-Se­mi­nar fol­gen Auf­trit­te in der Jo­sef­stadt, bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len, 30 Jah­re im En­sem­ble der Burg oder als TV-„Tat­ort“Kom­mis­sar.

Be­rühmt

wur­de Zu­ber als En­ri­co Em­ma­nu­el Theo­bal­dis­si­mus Fil­lis­si Ma­xi­mo in der Kin­der­sen­dung „Am dam des“, den er über 4000-mal ver­kör­per­te.

Sein Buch

„Soll ich sa­gen?“er­scheint am 7. April, sei­nem 75. Ge­burts­tag, im Ver­lag Amal­thea. soll ge­sagt ha­ben, En­ri­co ha­be mehr für die Kin­der­see­le ge­tan als al­le Kin­der­psy­cho­lo­gen zu­sam­men. Sie kann­ten Rin­gel gut, was hat er im En­ri­co ge­se­hen? Das ist ein Zitat, auf das ich sehr stolz bin, und al­le Psy­cho­lo­gen wer­den sau­er sein! (Lacht.) Er hat ge­se­hen, wie ich auf Kin­der wir­ke. „Sie wer­den ja so ge­liebt“, hat er mir im­mer ge­sagt. Was der Clown aus­löst, kann ich nicht sa­gen. Aber ich glau­be, dass da Em­pa­thie ist, dass er po­si­tiv ist. Ein er­wach­se­ner Mann hat mir ge­schrie­ben, für ihn, der es als Kind nicht leicht hat­te, war der En­ri­co ein Hoff­nungs­punkt, ei­ner, der ihm sag­te: „Halt aus, wird schon weg­ge­hen.“Ich hab zu­rück­ge­schrie­ben: „So hab ich es ge­meint. Kei­ner hat ein nur schö­nes Le­ben. Man darf sich nicht run­ter­zie­hen las­sen. Es geht ums Wie­der­auf­ste­hen.“ Es gibt das Bild vom trau­ri­gen Clown. Trifft das auf Sie zu? Ja, da ist et­was da­hin­ter. Ein Clown über­spielt sei­ne Trau­rig­keit. Ich er­zäh­le Ih­nen ei­ne Ge­schich­te: Bos­ni­en-Krieg, die Zeit des Mas­sa­kers von Sre­bre­ni­ca. Ich hat­te ei­ne bos­ni­sche Fa­mi­lie in mei­nem Haus ein­quar­tiert. Die Fa­mi­lie war aus Sre­bre­ni­ca, der Va­ter war noch dort, und die Kin­der ha­ben ein Bild von ih­rem Va­ter auf ei­nem Last­wa­gen ge­se­hen. Die gan­ze Fa­mi­lie war in . . . Trau­er ist kein Aus­druck, in tie­fer De­pres­si­on. Da gab es ei­nen Bu­ben, Ado, er hat ge­merkt, wie trau­rig al­le sind, und hat ge­blö­delt und ver­sucht, sie zum La­chen zu brin­gen. Und es ist ihm ge­lun­gen! Den­ken Sie, dass ein Clown in ei­ner wirk­lich ver­zwei­fel­ten Si­tua­ti­on hilf­reich sein kann? Ja, si­cher. Die Cli­niC­lowns ar­bei­ten auf der Ba­sis. Dann gibt’s an­de­re Bei­spie­le: Jer­ry Le­wis hat mit „Der Tag, an dem der Clown wein­te“ei­nen wun­der­vol­len, nie ver­öf­fent­lich­ten Ho­lo­caust-Film ge­macht. Er hat ge­sagt, Be­ni­g­ni ha­be mit „La vi­ta e` bel­la“die Idee ge­stoh­len. Hilft ei­nem die Clown­mas­ke auch selbst? Ja, ich hab manch­mal auch, wenn mich et­was ge­är­gert hat, das als Clown lus­tig ver­ar­bei­tet, mich auch ein­mal ge­rächt. Ich konn­te Din­ge schrei­ben, mich ab­re­agie­ren. Ein Bei­spiel, als der Pe­ter Za­dek mir als Kri­tik sag­te: „Mensch, ich ver­steh dich im­mer“, da hab ich ein Lied ge­schrie­ben: „Deut­lich spre­chen! Im­mer klar und deut­lich spre­chen . . .“ Sie ha­ben die Bos­ni­en-Flücht­lin­ge an­ge­spro­chen, Sie sind da­mals für Flücht­lings­kin­der auf­ge­tre­ten. Ha­ben Sie ein­mal an­ge­dacht, den En­ri­co heute zu re­ak­ti­vie­ren? Das mir den Bos­ni­en-Flücht­lin­gen war Claus Pey­manns Idee. Die­se Flücht­lin­ge ha­ben al­le die­sel­be Spra­che ge­spro­chen, ich hab das Pro­gramm pho­ne­tisch auf Ser­bo­kroa­tisch ge­lernt. In wel­cher Spra­che willst du das heute ma­chen? Mei­ner Mei­nung nach wä­re es auf­dring­lich, das heute zu ma­chen. Wenn ich sa­ge: Komm, ich mach dir jetzt den Clown, da hät­te ich Be­den­ken. Im Buch schrei­ben Sie, dass Sie an­ge­sichts des heu­ti­gen Flücht­lings­elends wie­der oft an Ih­re ei­ge­ne Flucht­ge­schich­te den­ken. Es muss ei­ne nicht so an­ge­neh­me Flucht ge­we­sen sein. 1944 muss­ten mei­ne Mut­ter und ich vor den Al­li­ier­ten flüch­ten. Ich kann mich er­in­nern, dass die Leu­te Angst hat­ten, an die Bom­bar­de­ments und das Feu­er. Wir muss­ten über ei­ne Stra­ße ren­nen, die un­ter Be­schuss war. Mei­ne Er­in­ne­rung an die Flucht ist aber auch schön. Ich ha­be in der Schweiz zum ers­ten Mal Lich­ter in den Nacht ge­se­hen ha­be, die Re­gen­trop­fen ha­ben bunt ge­leuch­tet. Wir sind ja nicht weit, nur 100 Ki­lo­me­ter, ge­flüch­tet, an den Bo­den­see. Mei­ne Mut­ter er­zähl­te mir spä­ter, dass man uns dort trotz­dem „Pack von der Front“nann­te. Wir ha­ben dann am Pfän­der ge­wohnt, das war un­glaub­lich schön. Noch heute geht mir dort das Herz auf.

. . . was Sie denn lus­tig fin­den? Den Vit´asek find ich ganz toll. Oder Bus­ter Kea­ton, da hab ich als Kind schon so la­chen kön­nen. Er ist in sei­ner Ernst­haf­tig­keit un­glaub­lich lus­tig. Leu­te la­chen über die Wahr­heit und Ernst­haf­tig­keit ei­ner Si­tua­ti­on. Wenn sie sich selbst er­ken­nen im Un­ge­schick. Das ist beim Clown ja ge­nau­so. . . . ob es für Sie ein Vor­bild als Clown ge­ge­ben hat? Nur mei­ne Mut­ter. Lou­is de Fun`es hat ein­mal ge­sagt, die Fi­gur, die ich in mei­nen Fil­men spie­le, ist mei­ne Mut­ter, und wenn Sie glau­ben, ich über­trei­be, dann ha­ben Sie mei­ne Mut­ter nicht ge­kannt. Wie mei­ne Mut­ter war? Irr­sin­nig tem­pe­ra­ment­voll, ei­ne Se­kun­de konn­te sie sich wahn­sin­nig freu­en, dann är­gern, dann war sie ganz trau­rig. . . . ob Sie je­mals Angst vor Clowns hat­ten? Ich hat­te nie Angst. Ein­mal woll­te mich ein Schü­ler der Film­aka­de­mie als bö­sen Clown ein­set­zen, da hab ich Nein ge­sagt. Aber na­tür­lich ist es lus­tig, wenn ein Clown bö­se ist. Die Angst vor Clowns hat, glaub ich, mit der Mas­ke zu tun. Vom Bo­den­see sind Sie u. a. nach Pa­ris, nach Wi­en, ans Burg­thea­ter, ge­kom­men. Gibt’s Rol­len, von de­nen Sie noch träu­men? Nein, ich hab kei­ne Träu­me mehr. Vor fünf Jah­ren war das an­ders, aber jetzt nicht mehr. Ich hab es un­fass­bar ge­nos­sen, nach der Pen­si­on am Burg­thea­ter Ope­ret­ten in Ba­den zu spie­len, die sind so wun­der­bar, man kann so viel Er­folg da­mit ha­ben. Dort bin ich zum letz­ten Mal als En­ri­co auf­ge­tre­ten, das war ein Ju­bel, das kann man sich nicht vor­stel­len. Im Mo­ment spie­le ich nicht. Vo­ri­gen Som­mer ha­be ich zwei Mo­na­te en sui­te ge­spielt, da hab ich ein bis­serl Pro­ble­me mit dem Blut­druck be­kom­men. Ist das ei­ne Be­gleit­erschei­nung des 75ers, dass man sich zu­rück­neh­men muss? Na ja, wenn man ge­sund ist, ist es auch mit 75 schön. Es ist ge­sund, Theater zu spie­len! Ge­sund fürs Herz, fürs Hirn, für den Kör­per. Mein Gott, Er­ni Man­gold oder Pe­ter Ma­tic,´ die sind so toll, die im­po­nie­ren mir sehr. Aber die sind auch dau­ernd im Trai­ning. Ich hab ja die ver­gan­ge­nen Jah­re nur fall­wei­se ge­spielt. Im Buch fällt auf, dass Sie viel über Ihr Le­ben schrei­ben, Pri­va­tes aber eher aus­spa­ren. Und das möch­te ich wei­ter tun. Er­zäh­len kann ich al­les, auch mei­ne Kol­le­gen ken­nen mich gut. Aber es hat kei­nen Sinn, das in die Öf­fent­lich­keit zu tra­gen. Das Pri­va­te steht bei Schau­spie­lern oft im Vor­der­grund, die ma­chen da­mit PR, das find ich grau­en­haft, das hät­te ich nie ge­tan. Wenn Sie nicht mit­schrei­ben, er­zähl ich mein gan­zes Le­ben! Er­zäh­len Sie uns, wie Sie Ge­burts­tag fei­ern? Vor Kur­zem hab ich ge­sagt, da geh ich mit der Rik­ki spa­zie­ren. Das geht jetzt halt nicht mehr. Gro­ße Fei­ern moch­te ich nie. Aber es ist der­zeit so viel los, die­sen Rum­mel ha­be ich ja über­haupt nicht mehr er­war­tet, und ich muss sa­gen, ich freu mich sehr dar­über.

Mir­jam Reit­her

Sitzt man mit Heinz Zu­ber im Dom­may­er in sei­ner Wahl­hei­mat Hiet­zing, flüs­tern Da­men, wenn sie ihn se­hen.

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