Spiel­raum

EIN STEILPASS IN DIE TIE­FE DES SPORTS

Die Presse am Sonntag - - Euro2016 -

Im ös­ter­rei­chi­schen Fuß­ball­na­tio­nal­team ist bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich vie­les schief­ge­lau­fen. Da war­tet auf die Ver­ant­wort­li­chen noch viel Ar­beit, es gibt doch ei­ni­ges auf­zu­ar­bei­ten. War­um die Ös­ter­rei­cher in ih­ren Grup­pen­spie­len mit­un­ter hilf­los ge­wirkt ha­ben, wur­de noch nicht rich­tig und se­ri­ös ana­ly­siert.

Vor­erst be­ließ man es sei­tens des ÖFB bei de­zen­ten Schuld­zu­wei­sun­gen, auch Mar­cel Kol­ler bil­de­te kei­ne Aus­nah­me. Beim Schwei­zer ist der na­tür­li­che Re­flex durch­ge­bro­chen, die Schuld zu­nächst bei an­de­ren zu su­chen. Er sei als Trai­ner doch ab­hän­gig von der Mann­schaft, die ha­be je­doch nicht so funk­tio­niert, wie er sich das er­hofft hat. Ver­ant­wort­lich da­für zeich­net den­noch Kol- ler, der in Frank­reich ei­ni­ges an Lehr­geld zah­len muss­te.

Der Schwei­zer wirkt ge­al­tert, das ers­te gro­ße Tur­nier un­ter seiner Füh­rung hat deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen. Kol­ler ist si­cher­lich nicht frei von Schuld, dass das EMUn­ter­neh­men für Ös­ter­reich be­reits wie­der Ge­schich­te ist, dass die Auf­trit­te des ÖFBTeams so be­schei­den aus­ge­fal­len sind. Schon die Vor­be­rei­tung war kei­nes­wegs op­ti­mal, die Stim­mung im Team mu­te­te selt­sam an. Kol­ler sind of­fen­bar ei­ni­ge Din­ge ent­glit­ten, sein Team hat den idea­len Pfad ver­las­sen. Ei­ni­ge seiner tak­ti­schen Maß­nah­men und tief grei­fen­den Per­so­nal­ent­schei­dun­gen, vor al­lem in der ers­ten Hälf­te ge­gen Is­land, ver­wun­der­ten dann auch vie­le Ex- per­ten. Mit Schuld­zu­wei­sun­gen kommt man je­doch nicht wei­ter, Kol­ler wä­re al­so gut be­ra­ten, (zu­min­dest ei­nen Teil der) Miss­er­fol­ge auch auf sei­ne Kap­pe neh­men. Er hat bei die­ser EM ge­hö­rig an Sou­ve­rä­ni­tät ein­ge­büßt, selbst er ist nicht un­fehl­bar. Den­noch, es be­steht kein Grund, die­sen Te­am­chef in­fra­ge zu stel­len. Auch aus fi­nan­zi­el­ler Sicht: Er hat sei­nen Ver­trag mit dem ÖFB be­reits vor der EM ver­län­gert. Prä­si­dent Leo Windt­ner hat ihm so­mit den Rücken ge­stärkt.

Nicht nur Ös­ter­reich hat ei­ne wert­vol­le Er­fah­rung in Frank­reich ge­macht, auch der Trai­ner. Er wird eben­falls da­von pro­fi­tie­ren. Es be­steht so­mit die Hoff­nung, in den nächs­ten Jah­ren den bes­ten Kol­ler, den es je gab, in Ös­ter­reich zu er­le­ben.

Wann Rot-Weiß-Rot al­ler­dings wie­der bei ei­ner Groß­ver­an­stal­tung ver­tre­ten sein wird, wird sich erst wei­sen. Fest steht, dass Ös­ter­reich mit Kol­ler in die Qua­li­fi­ka­ti­on für die WM 2018 in Russ­land star­tet. Und dann ist je­der er­neut ge­for­dert – Spie­ler wie Trai­ner. Kol­ler, der die Ver­ha­be­rung im ös­ter­rei­chi­schen Fuß­ball be­en­det hat, hat schon ein­mal be­wie­sen, dass er ein Team er­folg­reich durch ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on füh­ren kann. Da­mit sind al­ler­dings die Er­war­tun­gen an ihn wie­der sehr hoch, es kommt wie das Amen im Ge­bet. Es ist je­doch zu be­fürch­ten, dass nicht al­le aus die­ser Eu­ro­pa­meis­ter­schaft et­was ge­lernt ha­ben.

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