Ein Nord­ire führt Ir­land an

Frank­reich muss sich im Ach­tel­fi­na­le ge­gen Ir­land be­haup­ten. Die »Boys in Gre­en« wol­len aber ei­ne Rech­nung be­glei­chen – für Thier­ry Hen­rys Hand­spiel im WM-Play-off 2009.

Die Presse am Sonntag - - Euro2016 -

Von der „Lie­bes­af­fä­re, die wir al­le se­hen woll­ten“, schrieb der „Irish Ex­ami­ner“nach dem höchst emo­tio­na­len Ach­tel­fi­nal-Ein­zug der Iren. Se­kun­den nach dem 1:0-Sieg ge­gen Ita­li­en stürm­ten Chef­coach Mar­tin O’Neill und sein As­sis­tenz­trai­ner Roy Kea­ne, der viel­leicht här­tes­te der här­tes­ten ehe­ma­li­gen Fuß­bal­ler, auf­ein­an­der zu. Sie fie­len sich um den Hals: hier der stil­le und be­däch­ti­ge O’Neill, dort der lau­te, der im­mer auf­brau­sen­de, in seiner Hei­mat ver­göt­ter­te Kea­ne.

Sei­nen Job als Fuß­ball­team­chef Ir­lands ver­rich­tet O’Neill aber wei­ter­hin un­auf­ge­regt und mit lei­ser Stim­me – viel­leicht auch, weil er Nord­ire ist. Der Nord­ir­land-Kon­flikt trenn­te bei­de Na­tio­nen von 1969 bis 1998. Es war ein er­bit­ter­ter Kon­flikt zwi­schen Ka­tho­li­ken und Pro­tes­tan­ten, er­schwert durch Ar­beits­lo­sig­keit, Iden­ti­täts­kri­sen und Macht­kämp­fen. Eng­lisch- und schot­tisch­stäm­mi­ge Pro­tes­tan­ten da, iri­sch­na­tio­na­lis­ti­sche Ka­tho­li­ken dort, ra­di­ka­le An­hän­ger der Uni­on mit­ten­drin, Waf­fen­ru­hen folg­ten neu­en An­schlä­gen. IRA, Sinn Fein´ – „Bloo­dy Sun­day“(1972), es dau­er­te Jahr­zehn­te, bis das Land 2005 sei­nen Frie­den of­fi­zi­ell fin­den soll­te. An­schlä­ge gibt es wei­ter­hin, po­li­ti­sche Kri­sen so­wie­so.

O’Neill, 64, hat all das mit­er­lebt. Und sei­ne Ver­pflich­tung in Ir­land zeigt auch, dass An­nä­he­rung auf ganz sim­ple Wei­se funk­tio­niert. »Kea­ne, ra­sier’ dich!« Als Spie­ler ge­hör­te er zum le­gen­dä­ren Team von Not­ting­ham Fo­rest En­de der 1970erJah­re, die Nord­iren führ­te er 1982 bei der WM in Spa­ni­en als Ka­pi­tän an. Sei­ne Trai­ner­kar­rie­re führ­te ihn zu Leices­ter Ci­ty und Cel­tic Glas­gow. Doch ob­wohl er im­mer wie­der für Top­jobs ge­han­delt wur­de, landete er nur bei As­ton Vil­la und Sun­der­land. Mit der Be­ru­fung zum Nach­fol­ger von Gio­van­ni Tra­pat­to­ni im No­vem­ber 2013 scheint O’Neill aber end­gül­tig sei­ne Be­ru­fung ge­fun­den zu ha­ben – im Du­ett mit Kea­ne ist die EM vor dem Ach­tel­fi­na­le ge­gen Frank­reich be­reits ein enor­mer Er­folg. Was sag­te aber der Mann, der auf den ers­ten Blick wie ein ru­hi­ger, pen­sio­nier­ter Brief­trä­ger wirkt, mit dem fein­sin­ni­gen Hu­mor zur Umar­mung Kea­nes? „Ich ha­be ihm ge­ra- ten, er soll sich drin­gend ra­sie­ren . . .“

O’Neill ver­folgt mit Ir­land heu­te in Lyon noch ei­ne ganz an­de­re Mis­si­on. Jetzt soll Fuß­ball-Frank­reich bü­ßen. Auf der Grü­nen In­sel wird nichts ver­ges­sen, schon gar nicht gro­ßes Un­heil. Es ge­schah am 18. No­vem­ber 2009, im Sta­de de Fran­ce, in der WM-Qua­li­fi­ka­ti­on für Süd­afri­ka. 103. Mi­nu­te der Ver­län­ge­rung, es steht 1:1. Thier­ry Hen­ry be­geht ein of­fen­sicht­li­ches Hand­spiel, zwei­mal be­rührt sei­ne lin­ke Hand im Straf­raum den Ball. Er spielt wei­ter, flankt, Wil­li­am Gal­las trif­ft, 2:1. Tor. Ir­land war nicht bei der WM da­bei.

„Skan­dal!, Trap’ wur­de be­stoh­len“, schrieb da­mals „Cor­rie­re del­lo Sport“. Tra­pat­to­ni schrie sich am Platz hei­ser. „Hand, Hand, Hand!“, schrie er dem vier­ten Of­fi­zi­el­len und klopf­te sich un­über­seh­bar mi­nu­ten­lang auf die lin­ke Hand. Doch die (fal­sche) Tat­sa­chen­Ent­schei­dung des Schwe­den Mar­tin Hans­son hat­te Be­stand, Pro­tes­te wur­den ab­ge­lehnt, es gab auch kein Wie- der­ho­lungs­spiel – da­für ei­nen Scheck über fünf Mil­lio­nen Eu­ro vom Welt­ver­band Fi­fa. Da­mit Ir­lands Ver­band nicht klagt und die WM in Süd­afri­ka ih­ren Frie­den hat­te. „Le Hand Got­tes – Be­trü­ger Hen­ry macht den Ma­ra­do­na“, ur­teil­te da­mals die „Sun“. Tag der Abrech­nung. Fünf Spie­ler aus dem ak­tu­el­len Ir­land-Team wa­ren da­mals schon da­bei. „Na­tür­lich wird dar­über ge­spro­chen, aber ich weiß nicht, ob es uns be­ein­flus­sen soll“, be­tont O’Neill. Doch selbst die „Im­mer-Gu­teLau­ne“-Fans sin­nen auf Wie­der­gut­ma­chung – es wird al­so un­ge­heu­er laut und ge­wiss im­mens emo­tio­nal. „Ei­ne al­te Rech­nung ist zu be­glei­chen“, ahnt be­reits die „L’E´qui­pe“.

Frank­reich hat bei die­ser Neu­auf­la­ge aber nicht un­er­heb­li­che Vor­tei­le. Die Mann­schaft hat als EM-Gast­ge­ber Rü­cken­wind, die Er­geb­nis­se aus der Grup­pen­pha­se ver­hei­ßen bes­se­re Chan­cen, und als Sie­ger der Grup­pe A hat­te die E´qui­pe Tri­co­lo­re viel mehr Re­ge­ne­ra­ti­ons­zeit und Ru­he, sich auf die­ses Spiel vor­zu­be­rei­ten. Seit Mon­tag hat Di­dier De­schamps sei­ne Mann­schaft nur noch auf die­ses Spiel ein­ge­stellt. Nach ei­nem Pres­se­mee­ting mit Di­mi­tri Pay­et und Yo­han Ca­baye gab es am Di­ens­tag nur noch ein für Me­di­en of­fe­nes Trai­ning. Da­nach gin­gen die Tü­ren zu, der Bas­ke be­gehr­te sei­ne Ru­he. Ver­bands­chef No­el¨ Le Graet¨ be­ton­te, dass es das Ziel blei­be, un­ter die bes­ten vier zu kom­men – al­so wur­den die To­re kom­plett ab­ge­rie­gelt.

Ver­mu­tet wird nun, dass Frank­reich nach per­so­nel­len Ex­pe­ri­men­ten wie­der zu der Elf zu­rück­kehrt, die im Er­öff­nungs­spiel be­gon­nen hat. Sprich, mit Paul Pog­ba und An­toi­ne Griez­mann, aber auch mit den Gelb-vor­be­las­te­ten Ra­mi, Ko­sciel­ny, N’Go­lo Kan­te´ und Mit­tel­stür­mer Gi­roud. Bay­erns Kings­ley Co­man, der schnells­te Mann die­ser EM mit „ge­blitz­ten“33 km/h, wird wohl auf der Bank Platz neh­men.

Ei­nes wis­sen die Fran­zo­sen: Je län­ger es in dem K.-o.-Spiel un­ent­schie­den steht, um­so schwie­ri­ger wird es. Dann wer­den mit je­dem An­griff die Ru­fe der Iren von den Rän­gen lau­ter, dann er­hält die Sze­ne­rie des 18. No­vem­ber 2009 neue Gestalt. Ra­mi: „Es ist im­mer noch das­sel­be, wir müs­sen da drau­ßen Fuß­ball spie­len. Und wenn mög­lich, das Spiel vor der 85. Mi­nu­te ge­win­nen. Denn das könn­te dann psy­cho­lo­gisch doch här­ter wer­den.“

AFP

Mar­tin O’Neill: im­pul­siv, be­geis­tert – und mit Ir­land auch er­folg­reich.

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