Die zwei Ge­sich­ter des Fuß­balls

Was bleibt von die­ser Eu­ro­pa­meis­ter­schaft? Erst lie­fer­ten prü­geln­de Hoo­li­gans, dann ju­beln­de Un­der­dogs die Schlag­zei­len ei­nes Tur­niers, von dem sich Ös­ter­reich früh ver­ab­schie­det hat. Die Bi­lanz von vier Wo­chen Groß­er­eig­nis.

Die Presse am Sonntag - - Euro2016 - VON JO­SEF EB­NER

Ins­ge­samt 50 von 51 Spie­len sind ab­sol­viert, 2.350.000 Zuschau­er wa­ren in den Sta­di­en mit da­bei. Sie sa­hen 107 To­re und über 4600 Mi­nu­ten Fuß­ball, mit­un­ter zä­he Ab­wehr­schlach­ten, aber auch spie­le­ri­sche Glanz­lich­ter. Am 10. Ju­ni er­öff­ne­te Gast­geber Frank­reich ge­gen Ru­mä­ni­en im Sta­de de Fran­ce die 15. Eu­ro­pa­meis­ter­schaft, heu­te, ge­nau ei­nen Mo­nat da­nach, kommt es am sel­ben Ort zum Fi­nal-Show­down. Frank­reich ist wie­der mit da­bei, Geg­ner im End­spiel ist Por­tu­gal. Da­zwi­schen lag viel Licht und Schat­ten, Aus­nah­me­kön­ner sorg­ten für Hö­he­punk­te, Un­be­lehr­ba­re be­scher­ten dem Tur­nier aber auch ne­ga­ti­ve Schlag­zei­len.

Die Wi­kin­ger. Te­am­geist, be­geis­tern­de Fans, kul­ti­ge „Hu“-Ru­fe. De­bü­tant Is­land schrieb das Mär­chen die­ser EM. Die kleins­te Na­ti­on, die je bei ei­ner End­run­de teil­ge­nom­men hat, ließ Por­tu­gal und Ös­ter­reich hin­ter sich und schick­te En­g­land nach Hau­se, erst im Vier­tel­fi­na­le war Schluss. Zahn­arzt Hall­gr´ıms­son auf der Trai­ner­bank, der bär­ti­ge Ka­pi­tän Gun­n­ars­son mit sei­nen Ein­wür­fen und TV-Re­por­ter Be­ne­diktsson ha­ben längst Kult­sta­tus er­reicht. Drei Wo­chen lang war die In­sel im Freu­den­tau­mel, der künf­ti­ge Prä­si­dent fei­er­te in der Fan­kur­ve.

II­ri­sche Stimm­ge­walt. Sie wa­ren das freund­li­che Ge­sicht die­ser EM, ih­re Charme-Of­fen­si­ve be­geis­ter­te Frank­reich. Ir­lands An­hän­ger san­gen und tanz­ten für ei­ne jun­ge Fran­zö­sin, ei­ne Non­ne, für ein Ba­by, so­gar für die Po­li­zei und geg­ne­ri­sche Fans. Ih­re Mann­schaft är­ger­te im Ach­tel­fi­na­le im­mer­hin Frank­reich, die iri­schen Fans prä­sen­tier­ten sich selbst in der Nie­der­la­ge eu­ro­pa­meis­ter­lich.

IDer Su­per­star. An­toi­ne Griez­mann ist der neue Held der Fran­zo­sen. Der At­le­ti­co-´Stür­mer schoss den Gast­geber ins End­spiel, schick­te Welt­meis­ter Deutsch­land nach Hau­se. Mit sechs To­ren und zwei As­sists ist er Frank­reichs Er­folgs­ga­rant. Im Fi­na­le kann sich der 25-Jäh­ri­ge nun auf ei­ne Ebe­ne mit Pla­ti­ni und Zi­da­ne he­ben. Es wä­re ein Stern­stun­de für das ge­beu­tel­te Frank­reich: Griez­manns Schwes­ter über­leb­te den Ter­ror­an­schlag im Bat­a­clan, wäh­rend er selbst we­ni­ge Ki­lo­me­ter ent­fernt im Sta­de de Fran­ce, dem Ort des End­spiels, auf Tor­jagd ging.

IDie Un­auf­fäl­li­gen. Sie mie­den das Ram­pen­licht und das war gut so. Die Schieds­rich­ter pfif­fen recht sou­ve­rän, nur we­ni­ge Fehl­ent­schei­dun­gen muss­ten dis­ku­tiert wer­den, Skan­dal­spie­le blie­ben aus. Es wur­den we­ni­ger Gel­be Kar­ten als beim Tur­nier 2012 ge­zückt, auch die Ab­seits­ent­schei­dun­gen ha­ben sich ver­bes­sert. Pier­lu­i­gi Col­li­na, Chef der Ue­fa-Schieds­rich­ter, hat sei­nen Un­par­tei­ischen vor je­der Par­tie ei­ne Schu­lung ver­ord­net, in der auf die Be­son­der­hei­ten der Teams ein­ge­gan­gen wur­de. Ins Fi­na­le hat es der Bri­te Mark Clat­ten­burg, 41, ge­schafft.

IKein Ter­ror. Ab­ge­se­hen von den Fan-Kra­wal­len (sie­he Flops) war die EM bis­her ei­ne si­che­re Ver­an­stal­tung. Die mas­si­ve Po­li­zei­prä­senz in den Städ­ten, die auf­wen­di­gen Kon­trol­len in Sta­di­en und beim Pu­b­lic Viewing ha­ben sich of­fen­bar aus­ge­zahlt, der Ue­fa zu­fol­ge gab es kei­ne be­son­de­ren Vor­fäl­le. Be­su­cher berich­teten den­noch von ei­nem mul­mi­gen Ge­fühl. Ein lau­ter Knall wäh­rend des Vier­tel­fi­nals zwi­schen Deutsch­land und Italien führ­te in der Pa­ri­ser Fan­zo­ne zu ei­ner Mas­sen­pa­nik. Das Ri­si­ko­ni­veau bleibt bis zum En­de der EM hoch, dann darf fürs Ers­te auf­ge­at­met wer­den.

IRot-Weiß-Rot. Drei Spie­le, ein glück­li­cher Punkt, 1:4 To­re. Ös­ter­reich hat in Frank­reich ent­täuscht, nur die Ukrai­ne (null Punk­te, null To­re) hat schlech­ter ab­ge­schnit­ten. Schnell war nach der Auf­takt­nie­der­la­ge die Eu­pho­rie ver­flo­gen, schnell war klar, dass die Er­war­tun­gen zu hoch ge­grif­fen wa­ren. Te­am­chef Kol­lers Auf­stel­lungs­ex­pe­ri­men­te schlu­gen fehl, den Spie­lern ist es nicht ge­lun­gen, ihr Po­ten­zi­al ab­zu­ru­fen, Top­star Ala­ba kam nie im Tur­nier an. Die Nach­we­hen: Ge­rüch­te und an­geb­li­che In­si­der-Berichte über Streit, Grup­pen­bil­dung und La­ger­kol­ler. Ka­pi­tän Fuchs ist be­reits zu­rück­ge­tre­ten. Als ein­zi­ger Licht­blick bleibt, dass Cris­tia­no Ro­nal­do an Tor­mann Al­mer ver­zwei­felt ist und Ales­san­dro Schöpf ei­ne Ta­lent­pro­be ab­ge­lie­fert hat.

IDie Rück­kehr der Hoo­li­gans. Es wa­ren die ers­ten gro­ßen Schlag­zei­len die­ser EM. Wil­de Schlä­ge­rei­en in Mar-

Iseil­le zwi­schen rus­si­schen und eng­li­schen An­hän­gern, da­nach Atta­cken im Sta­de Ve­lo­dro­me.´ Vor al­lem die Rus­sen be­rei­te­ten den Be­hör­den Sor­gen: durch­trai­niert, bei­na­he mi­li­tä­ri­sches Vor­ge­hen, bes­te Kon­tak­te zur Neo­na­ziSze­ne und zur rus­si­schen Po­li­tik. Die Ue­fa droh­te mit Tur­nier­aus­schluss, der WM-Gast­geber 2018 spiel­te auf Be­wäh­rung wei­ter und ver­ab­schie­de­te sich als Grup­pen­letz­ter nach der Vor­run­de.

Der kroa­ti­sche An­hang sorg­te beim Spiel ge­gen Tsche­chi­en mit ras­sis­ti­schen Pa­ro­len und dem Zün­den von Feu­er­werks­kör­pern für ei­nen Tief­punkt. Die Ue­fa sprach ei­ne mil­de Geld­stra­fe von 100.000 Eu­ro aus.

Th­ree Li­ons. Spott und Hä­me für das Mut­ter­land des Fuß­balls. En­g­land kas­sier­te trotz Vor­sprungs ei­ne 1:2-Plei­te ge­gen Is­land, die EM war da­mit im Ach­tel­fi­na­le zu En­de, die größ­te Bla­ma­ge des Tur­niers per­fekt. Das ver­jüng­te Star­ensem­ble konn­te die Er­war­tun­gen ein­mal mehr nicht er­fül­len, auch der Tor­mann war wie­der nicht

Iun­schul­dig. Te­am­chef Hodg­son dank­te un­mit­tel­bar nach dem bit­te­ren Aus mit vor­be­rei­te­ter Ab­schieds­re­de ab.

Zla­tan. Von al­len Su­per­stars hat be­son­ders Zla­tan Ibra­hi­mo­vic´ ent­täuscht. Sei­ne ma­ge­re EM-Aus­beu­te: sie­ben Schüs­se in drei Spie­len, kein Tor. Schwe­dens ein­zi­ger Tref­fer blieb ein iri­sches Ei­gen­tor, nach der Grup­pen­pha­se ging es nach Hau­se. Be­reits wäh­rend des Tur­niers gab Ibra­hi­mo­vic´ sei­nen Rück­tritt aus dem Na­tio­nal­team be­kannt, nun soll der 34-Jäh­ri­ge bei Man­ches­ter Uni­ted für Fu­ro­re sor­gen.

IHolp­ri­ge Plät­ze. Spie­ler rutsch­ten rei­hen­wei­se aus, Bäl­le ver­spran­gen sich, das Spiel­ni­veau litt. Der Ra­sen in Mar­seil­le, Lil­le und St. De­nis prä­sen­tier­te sich in ei­nem ka­ta­stro­pha­len Zus­tand, auch Frank­reichs Te­am­chef De­schamps be­klag­te sich. In Lil­le wur­de die Ra­sen­flä­che schließ­lich vor dem Ach­tel­fi­na­le ge­tauscht. Das nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Un­ter­neh­men Rich­ter Ra­sen hat un­ter an­de­rem das Sta­de Pier­re-Mau­roy in Lil­le aus­ge­stat­tet und sieht die fran­zö­si­schen Gre­en­kee­per in der Ver­ant­wor­tung.

IDie Tak­tik. Re­agie­ren statt agie­ren – wird die EM so in die Fuß­ball­ge­schich­te ein­ge­hen? Spie­le­ri­scher Glanz fehl­te über wei­te Stre­cken, das Haupt­au­gen­merk galt der De­fen­si­ve. Die Fol­ge: Vie­le der oh­ne­hin we­ni­gen To­re (2,14 pro Spiel) fie­len nach Stan­dard­si­tua­tio­nen. Da­für wur­de mit Drei­er-, Vie­rer­und Fün­fer­ket­te, mit­un­ter so­gar mit zwei Vie­rer­ket­ten al­les ge­bo­ten, was das de­fen­si­ve Tak­tik­lehr­buch her­gibt. Die Nord­iren wech­sel­ten so­gar in al­len ih­rer vier Par­ti­en das Sys­tem.

II24 statt 16 Mann­schaf­ten, da­zu ein neu­er Mo­dus, der es Grup­pen­drit­ten wie Por­tu­gal er­laubt, ins End­spiel ein­zu­zie­hen. Nicht al­le wa­ren glück­lich mit der auf­ge­bläh­ten EM. „24 Mann­schaf­ten sind zu viel“, mein­te et­wa DFB-Coach Löw, Al­ba­ni­en muss­te als Grup­pen­drit­ter drei Ta­ge zit­tern, ehe das end­gül­ti­ge Aus fest­stand. Die Fifa will den­noch an ih­rer Mam­mutWM mit 40 Teams (2026) fest­hal­ten.

Reu­ters

Egal, ob Sieg oder Nie­der­la­ge: Wo iri­sche Fans wa­ren, herrsch­te Par­ty.

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