Der letz­te Tanz des al­ten Paa­res

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören - THO­MAS KRAMAR

Mick Har­vey: „The De­cad­ance (La d´ecad­an­se)“. Da­ge­gen war „Je t’ai­me“harm­los: In „La d´ecad­an­se“(1972) tanz­ten Ser­ge Gains­bourg und Ja­ne Bir­kin in den Tod, er als schmut­zi­ger Al­ter, sie als früh­rei­fe Jun­ge, flüs­ternd und flö­tend, tief in den Oh­ren des Hö­rers. Das ist nicht zu über­tref­fen, auch nicht an Las­zi­vi­tät. Mick Har­vey hat sich zu ei­ner ganz und gar nicht las­zi­ven In­ter­pre­ta­ti­on ent­schlos­sen: Bei ihm meint man kei­ne von To­des­sehn­sucht ge­trie­be­nen un­glei­chen Lie­ben­den zu hö­ren, son­dern ein al­tes Ehe­paar, das den Eros bei­na­he hin­ter sich und den Tod na­he vor sich hat. Mick Har­vey und sei­ne Frau Ka­ty klin­gen warm, zärt­lich, in­nig. Und fromm, wenn sie am Schluss uni­so­no die Göt­ter bit­ten, ih­re wan­dern­den See­len zu be­schüt­zen. Da ist das Schlag­zeug längst ver­stummt, nur die wild vi­brie­ren­de Or­gel ist noch da, und sie bleibt, singt, wenn kein Mensch mehr singt, fast ei­ne Mi­nu­te lang, als ob sie es wä­re, die die See­len be­glei­tet.

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