Kur­ze Bei­ne, lan­ger Me­ga­trend

Die Bör­sen agier­ten in den ver­gan­ge­nen Wo­chen wie los­ge­löst von der Rea­li­tät. Jetzt könn­te wie­der ein­mal In­ne­hal­ten loh­nen. Und ei­ne Be­trach­tung des neu­en Fin­tech-In­dex KFTX.

Die Presse am Sonntag - - Mein Geld - VON EDU­ARD ST­EI­NER

Po­li­ti­sche Bör­sen ha­ben in der Tat kur­ze Bei­ne, wie es in ei­ner An­le­ger­weis­heit heißt. Ganz so, als ob die Bör­sen ein Ei­gen­le­ben un­ab­hän­gig von den Er­eig­nis­sen in der Welt füh­ren, be­weg­ten sie sich zu­letzt sehr un­be­irrt nach oben. Br­ex­it hin, Ter­ror­at­ta­cken her – wen küm­mert’s? Putsch in der Tür­kei? Ei­ne Epi­so­de, sieht man sich das Ver­hal­ten der An­le­ger an. Zu­min­dest bis zum Don­ners­tag der ab­ge­lau­fe­nen Wo­che dau­er­te die Ral­lye, die dem kur­zen Ab­sturz nach dem Br­ex­it-Vo­tum folg­te und die den ame­ri­ka­ni­schen Do­wJo­nes auf Re­kord­hö­hen lau­fen ließ. Dass da ein­mal Dampf ab­ge­las­sen und Ge­winn­mit­nah­men er­fol­gen muss­ten, war klar. Stark fie­len sie oh­ne­hin nicht aus. Den­noch war am Frei­tag erst ein­mal In­ne­hal­ten an­ge­sagt.

Of­fen­bar er­in­nern sich zwi­schen­durch doch auch Händ­ler wie­der an die Rea­li­tät. Und die­se lie­fert eben im Mo­ment kei­nen trag­fä­hi­gen An­lass zur Be­ru­hi­gung. Zwar fie­len die Ein­kaufs­ma­na­ger­indi­zes in der Eu­ro­zo­ne und in den USA bes­ser aus als an­ge­nom­men. In Groß­bri­tan­ni­en aber lässt das Br­ex­it-Vo­tum die Wirtschaft so stark ab­stür­zen wie seit den Nach­we­hen der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se An­fang 2009 nicht mehr. Das am Frei­tag pu­bli­zier­te Stim­mungs­ba­ro­me­ter der bri­ti­schen Ein­kaufs­ma­na­ger rutsch­te un­ter die Mar­ke von 50 Punk­ten und si­gna­li­siert so ei­ne Schrump­fung der Wirtschaft.

Der Wo­chen­aus­klang war al­so nicht nur re­la­tiv ru­hig, er war auch von Rat­lo­sig­keit ge­prägt. Und so kann vor­erst als ge­ne­rel­les Leit­mo­tiv für die nächs­te Zeit gel­ten, was die Agen­tur Reuters am Frei­tag vom Han­dels­platz in Zü­rich be­rich­te­te: Händ­ler hät­ten er­klärt, die schlep­pen­de Ent­wick­lung der Welt­kon­junk­tur, die Sor­gen über den künf­ti­gen Kurs der Tür­kei und der kom­men­de Wo­che be­vor­ste­hen­de Stress­test der eu­ro­päi­schen Ban­ken „lie­fer­ten ge­nug Grün­de, sich nicht auf dem Ak­ti­en­markt zu en­ga­gie­ren“. Das Ein­zi­ge, was den Markt stüt­ze, sei die Li­qui­di- täts­ver­sor­gung der No­ten­ban­ken. Zu­min­dest an Eu­ro­pas Bör­sen sieht es der­zeit nach Sei­ten­be­we­gung aus.

Mit an­de­ren Wor­ten: in­ne­hal­ten, nüch­tern blei­ben, mit Be­dacht agie­ren. Und mit In­ter­es­se stu­die­ren, wor­an der Ka­pi­tal­markt sonst so ar­bei­tet.

Als be­ach­tens­wer­tes Er­eig­nis springt da ins Au­ge, dass in der ab­ge­lau­fe­nen Wo­che in den USA ein neu­er Ak­ti­en­in­dex aus der Tau­fe ge­ho­ben wur­de. Die In­vest­ment­bank KBW und der Bör­sen­be­trei­ber Nas­daq Inc. ent­hüll­ten den KBW Nas­daq Fi­nan­ci­al Tech­no­lo­gy In­dex (KFTX). Es ist der ers­te gro­ße In­dex, der aus­schließ­lich die in den USA ko­tier­ten Fin­tech-Un­ter­neh­men er­fasst.

Fin­tech-Un­ter­neh­men sind – wie an die­ser Stel­le schon dar­ge­legt wor­den ist – ein re­la­tiv jun­ger, aber im­mer mehr be­ach­te­ter Me­ga­trend. Sie ma­chen als Soft­ware­fir­men für Be­zahl­dienst­leis­tun­gen oder Kre­dit­ver­mitt­lung den eta­blier­ten, tra­di­tio­nel­len Ban­ken zu­neh­mend Kon­kur­renz bzw. ko­ope­rie­ren auch ver­mehrt mit ih­nen. LET’S MA­KE MO­NEY er­scheint wie­der am 31.7.2016

Un­ter den 49 Fir­men, die in den In­dex ein­ge­gan­gen sind und die ge­mein­sam ei­ne Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung von 785 Mrd. Dol­lar (712 Mrd. Eu­ro) auf­wei­sen, be­fin­den sich so­wohl Bran­chen­gi­gan­ten wie die Kre­dit­kar­ten­fir­men Vi­sa, Mas­ter­card, Ame­ri­can Ex­press oder Pay­Pal als auch mehr oder we­ni­ger er­folg­rei­che Neu­star­ter wie der Kre­dit­ver­mitt­ler Len­ding Club, da­zu Squa­re für mo­bi­le Be­zahl­sys­te­me oder der Wert­kar­ten­an­bie­ter Gre­en Dot Corp.

Die Fin­techs im neu­en In­dex sind von un­ter­schied­li­cher Qua­li­tät und At­trak­ti­vi­tät und von An­le­gern durch­aus kri­tisch zu prü­fen. Aber sie bil­den ei­ne im­mer grö­ße­re Bran­che, die man als An­le­ger ins Au­ge fas­sen kann und die durch den In­dex an Auf­merk­sam­keit ge­winnt – und in der sich viel tut. So gab et­wa Pay­Pal am Don­ners­tag be­kannt, ei­ne Part­ner­schaft mit Vi­sa an­zu­stre­ben. Sie brin­gen sich da­mit üb­ri­gens ge­gen die di­gi­ta­len Brief­ta­schen von App­le und Goog­le in Stel­lung.

Bloom­berg

Be­zah­len mit Pay­Pal. Die Fin­techs ma­chen von sich re­den.

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