Le­mu­ren als Licht­brin­ger

Die Be­sie­de­lung Ma­da­gas­kars ist vol­ler Rätsel. Vie­le Be­woh­ner muss­ten über das Meer, Tie­re ka­men vom Wes­ten, Men­schen weit aus dem Os­ten.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Trinkfest sind sie, die Fin­ger­tie­re, An­ge­hö­ri­ge je­ner Pri­ma­ten, die seit et­wa 60 Mil­lio­nen Jah­ren auf Ma­da­gas­kar le­ben – nur dort –, und ih­rer nächt­li­chen Le­bens­wei­se und ih­res spuk­haf­ten Aus­se­hens we­gen von Lin­ne´ nach den rö­mi­schen Schat­ten­geis­tern der Ver­stor­be­nen be­nannt wur­den: Le­mu­ren. Bei den Fin­ger­tie­ren ist es mit dem Na­men ein­fa­cher: Ih­re Fin­ger zie­hen sich in ei­ne Län­ge, die gro­tesk an­mu­tet, aber ei­nen gu­ten Grund hat: Mit ih­nen klop­fen sie mor­sches Holz auf Ma­den ab und ho­len sie her­aus, des­halb hei­ßen sie auch Pri­ma­ten-Spech­te. Aber sie schät­zen auch an­de­res, den Nekt­ar vom Baum der Rei­sen­den et­wa.

Der wird von den Fin­ger­tie­ren be­stäubt, mit den Fin­gern, an de­nen klebt dann die Be­loh­nung, der zu­cker­hal­ti­ge Saft, oft ver­go­ren: Al­ko­hol. Den mö­gen sie, Sa­mu­el Goch­man (Dart­mouth Col- le­ge) hat es ge­tes­tet: Hö­her­pro­zen­ti­ges wird be­vor­zugt (Roy­al So­cie­ty Open Sci­ence 19. 7.). Die Fin­ger­tie­re ver­tra­gen das, weil sie von ADH4, ei­nem al­ko­holab­bau­en­den En­zym, ei­ne Va­ri­an­te ha­ben, die die Ef­fi­zi­enz um das 40-Fa­che er­höht. Die­se Va­ri­an­te ha­ben auch die gro­ßen Af­fen und wir, da kam sie mit dem Ver­zehr von ver­gä­ren­dem Obst. Wo­zu sie bei den Fin­ger­tie­ren kam, war um­strit­ten, nun ist es ge­klärt.

So wei­sen sie mit ih­ren lan­gen Fin­gern bzw. ih­rer höchst spe­zia­li­sier­ten Er­näh­rung auf ei­nes der gro­ßen Rätsel ih­rer Hei­mat: Dort gibt es nur vier Ord­nun­gen von Säu­ge­tie­ren, aber die ha­ben sich in un­zäh­li­ge Ar­ten auf­ge­spal­ten und je­de Ni­sche ge­nutzt, bei den an­de­ren Land­tie­ren ist es eben­so. Und: Al­le sind klein. Gro­ße ha­ben den Weg nicht ge­schafft, Ga­zel­len oder Lö­wen et­wa, nur das Zwerg­fluss­pferd kam auf die In­sel, es ist ein gu­ter Schwim­mer.

Die Le­mu­ren sind kei­ne, wie ka­men sie und die an­de­ren? Ma­da­gas­kar, die viert­größ­te In­sel der Er­de, liegt 430 Ki­lo­me­ter vor Afri­ka, und das seit et­wa 120 Mil­lio­nen Jah­ren, da zer­brach der Su­per­kon­ti­nent Gond­wa­na. Pri­ma­ten gab es noch nicht. Und ei­ne spä­te­re Land­ver­bin­dung gab es auch nicht, zu- min­dest gibt es kei­ne Be­le­ge da­für, und wenn es doch ei­ne ge­ge­ben hät­te, hät­ten auch grö­ße­re Tie­re sie ge­nutzt. Bleibt der See­weg. Ihn schlug 1915 der Pa­lä­on­to­lo­ge Wil­li­am Mat­t­hew vor, spä­ter bau­te Ge­or­ge Simpson es zur Glücks­spiel-Hy­po­the­se aus: Höchst sel­ten sei es Tie­ren ge­lun­gen, den wei­ten Weg auf Treib­holz zu über­le­ben.

Aber das geht nicht, der Geo­gra­fie und der Me­teo­ro­lo­gie we­gen: Ma­da­gas­kar liegt öst­lich von Afri­ka, die Win­de bla­sen in die Ge­gen­rich­tung, mit den Mee­res­strö­mun­gen ist es eben­so. Die­ser gor­di­sche Kno­ten wur­de erst 2010 ge­löst, von ei­nem Kli­ma­to­lo­gen, Mat­t­hew Hu­ber (Pur­due): Afri­ka und Ma­da­gas­kar la­gen vor 60 Mil­lio­nen Jah­ren viel wei­ter im Sü­den, 1650 Ki­lo­me­ter, dann wan­der­ten sie. Das füt­ter­te Hu­ber in Kli­ma­mo­del­le – und die zeig­ten, dass Win­de und Mee­res­strö­mun­gen frü­her bzw. im Sü­den in die rich­ti­ge Rich­tung gin­gen, es blieb so bis vor 20 Mil­lio­nen Jah­ren, da schloss sich das Zeit­fens­ter (Na­tu­re 453, S. 653). Ein­wan­de­rer aus Bor­neo. 20 Mil­lio­nen Jah­re? Ei­nen In­sel­be­woh­ner gab es da auch noch nicht, er er­hob sich erst vor fünf, sechs Mil­lio­nen Jah­ren und in Afri­ka zum auf­rech­ten Gang. Wann und wie kam er auf die In­sel? Auf der geht es nicht nur bei Tie­ren wun­der­lich zu, Ma­da­gas­sen spie­len et­wa das Xy­lo­fon. Und all ih­re Dia­lek­te ha­ben ei­nen aus­tro­ne­si­schen Kern. Das Xy­lo­fon stammt aus Süd­ost­asi­en, dort spricht man auch den Dia­lekt, in Bor­neo, im In­se­lin­ne­ren, See­fah­rer gab es da nie. Das war der nächs­te gor­di­sche Kno­ten.

Aber See­fah­rer brauch­te es nicht: Als im Zwei­ten Welt­krieg Schif­fe bei In­do­ne­si­en ver­senkt wur­den, tauch­ten Wrack­tei­le spä­ter 6500 Ki­lo­me­ter wei­ter im Wes­ten auf, an der Küs­te Ma­da­gas­kars, so­gar ein Ret­tungs­boot samt Über­le­ben­dem trie­ben Wind und Strö­mung dort­hin. So könn­te es um das Jahr 200 v. Chr. auch ge­we­sen sein, als die ers­ten Sied­ler ka­men: Die In­di­zi­en der In­stru­men­ten­ge­schich­te und Lin­gu­is­tik wur­den von Mar­rey Cox (Mas­sey Uni­ver­si­ty) in ei­ner Gen­ana­ly­se be­stä­tigt: Die Ein­wan­de­rer wa­ren ei­ne klei­ne Grup­pe mit et­wa 30 ge­bär­fä­hi­gen Frau­en aus In­do­ne­si­en (Proc. Roy. Soc. B 2012.0012). Das er­här­te­te Al­ison Crow­t­her (Bris­bane) gera­de mit ei­ner Gen­ana­ly­se der Nutz­pflan­zen: Auch sie stam­men aus In­do­ne­si­en, Reis, Ba­na­nen, Ko­kos­nüs­se, Mun­go­boh­nen (Pnas 30. 5.). Et­was spä­ter als die Os­t­asia­ten ka­men auch Afri­ka­ner. Und was ta­ten sie al­le als Ers­tes? Das Glei­che, was Men­schen übe­r­all ta­ten, wo sie hin­ka­men: Sie rot­te­ten die gro­ßen Tie­re aus. Man­che gab es doch auf Ma­da­gas­kar, zu Rie­sen ge­wor­de­ne Le­mu­ren und flug­los ge­wor­de­ne Vö­gel, drei Me­ter hoch, 400 Ki­lo schwer: Ele­fan­ten­vö­gel. Die über­leb­ten die An­kunft der Sied­ler nicht lang, aber sie hin­ter­lie­ßen et­was, Eier­scha­len. Auch die Ge­ne dar­in sind ana­ly­siert, von Micha­el Bun­ce (Perth), viel­leicht kann man die Tie­re wie­der er­we­cken (Proc. Roy. Soc. B 277, S. 1991).

Und was ta­ten die Men­schen sonst? Über­lie­fert ist es nicht, aber Le­mu­ren kön­nen hel­fen: Heu­te ist Ma­da­gas­kar im Os­ten und Wes­ten be­wal­det, im Zen­trum eher of­fe­nes Gras­land. Es gibt den Ver­dacht, dass groß­flä­chig ge­ro­det wur­de. Aber Mäus­ele­mu­ren spre­chen den Men­schen frei: Sie le­ben in Wäl­dern, und sie wan­der­ten zwi­schen den Küs­ten, auch da­zu brau­chen sie Wald. Der wich vor 50.000 Jah­ren, An­ne Yo­der (Du­ke) hat es in den Ge­nen der Le­mu­ren ge­le­sen: Die wan­der­ten dann nicht mehr, der Wald war weg, wohl durch ei­nen Kli­ma­wan­del (Pnas 18. 7.).

Und noch et­was be­zeu­gen Le­mu­ren: Auf Ma­da­gas­kar gibt es kei­ne Gift­schlan­gen. Die ha­ben der Sna­ke De­tec­tion Theo­ry zu­fol­ge an­ders­wo für die Ent­wick­lung der Pri­ma­ten bis zum Men­schen ge­sorgt: Sie hät­ten zum Wahr­neh­men der Ge­fahr die Au­gen nach vorn ge­rich­tet und ge­schärft und das Ge­hirn ver­grö­ßert und in ihm ein Ge­fah­ren­zen­trum („fe­ar mo­du­le“) ein­ge­rich­tet, das Pul­vi­nar (Jour­nal of Hu­man Evo­lu­ti­on 51, S. 1). Al­le Pri­ma­ten ha­ben es, nur die Le­mu­ren nicht, sie brauch­ten es nicht. Viel­leicht löst das noch ein Rätsel der In­sel: Ein frü­her Le­mur, Ha­dro­pi­the­cus ste­no­gra­tus – ein Gi­gant mit 100 Ki­lo, heu­ti­ge Le­mu­ren ha­ben ma­xi­mal sechs –, hat­te ei­nen Schä­del, der stark an den ei­nes un­se­rer Ah­nen er­in­nert: Ho­mo erec­tus. Der er­hob sich, viel­leicht auch des bes­se­ren Blicks auf Schlan­gen we­gen, Ha­dro­pi­the­cus tat es nicht, er blieb Le­mur.

430 Ki­lo­me­ter vor Afri­ka liegt die In­sel. Ein­wan­dern­de Tie­re ka­men auf Treib­holz. 6500 Ki­lo­me­ter sind es von Bor­neo. Ir­gend­wie schaff­ten Men­schen den Weg.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.