»My­tho­lo­gie hat mich ge­prägt«

In­ter­view. Im Aus­stei­ger­dra­ma »Cap­tain Fan­tas­tic – Ein­mal Wild­nis und zu­rück« spielt Vig­go Mor­ten­sen ei­nen al­lein­er­zie­hen­den Va­ter von gleich sechs Kin­dern – mit äu­ßerst un­kon­ven­tio­nel­len Er­zie­hungs­me­tho­den. Ein Ge­spräch über Kin­der und Va­ter­sein.

Die Presse am Sonntag - - Menschen - VON KURT ZECHNER UND GI­NI BREN­NER

Er ist nicht be­son­ders groß, hat ein zer­knautsch­tes Ge­sicht, et­was wir­res Haar und spricht mit lei­ser Stim­me in lan­gen, zer­fah­re­nen Sät­zen. Wenn man Vig­go Mor­ten­sen zu­fäl­lig im Kaf­fee­haus sit­zen sä­he, wür­de man ihn auf den ers­ten Blick wohl gar nicht be­mer­ken, ihn wohl kaum für ei­nen in­ter­na­tio­nal er­folg­rei­chen Star hal­ten.

Der ech­te Vig­go – US-Ame­ri­ka­ner mit dä­ni­schen Wur­zeln – ist so ganz an­ders als die Cha­ris­ma­bom­be, die er auf der Lein­wand ver­kör­pert. Über­trie­be­ne Selbst­dar­stel­lung scheint pri­vat so gar nicht sei­ne Sa­che zu sein. Doch wenn man ihm zu­hört, er­kennt man bald sei­ne In­tel­li­genz und ver­steht, war­um er nach sei­nem in­ter­na­tio­na­len Me­gaer­folg mit der „Herr der Rin­ge“Tri­lo­gie sein künst­le­ri­sches Wir­ken vor al­lem auf das In­de­pen­dent-Ki­no ver­legt hat.

In dem neu­en Film „Cap­tain Fan­tas­tic – Ein­mal Wild­nis und zu­rück“des jun­gen US-ame­ri­ka­ni­schen Schau­spie­lers und Re­gis­seurs Matt Ross spielt Mor­ten­sen ei­nen Va­ter, der, frus­triert von der Zi­vi­li­sa­ti­on und der all­ge­mei­nen Ver­dum­mung, sei­ne sechs Kin­der in ei­ner selbst ge­bau­ten Be­hau­sung im Wald groß­zieht – und ih­nen dort ei­ne um­fas­sen­de Bil­dung zu­kom­men lässt. Be­gin­nend von der Jagd auf Klein­wild bis hin zu rus­si­scher Li­te­ra­tur. Als je­doch die – psy­chisch la­bi­le – Mut­ter der Kin­der stirbt, pil­gert die Fa­mi­lie im schrott­rei­fen Klein­bus in Rich­tung „nor­ma­le“Welt. Klei­ne und gro­ße Kul­tur­schocks in­klu­si­ve.

„Die Pres­se am Sonn­tag“sprach mit dem Schau­spie­ler un­ter an­de­rem über Rol­len­wahl und Kin­der am Set. Sie sind selbst Va­ter. Be­ein­flusst das Ih­re Wahl von Rol­len wie die­ser? Vig­go Mor­ten­sen: Ich weiß nicht, ob es di­rekt ei­nen Ein­fluss dar­auf hat, aber es er­leich­tert es si­cher für mich, in Va­ter­rol­len hin­ein­zu­fin­den. Ge­ne­rell ver­su­che ich doch im­mer, Pro­jek­te zu fin­den, die ich in der Form noch nie ge­macht ha­be. Da muss ein Dreh­buch vor­han­den sein, das po­ten­zi­ell ein Film wer­den kann, den ich selbst gern se­hen wür­de. Ich ver­su­che, mir da auch selbst Freu­de da­mit zu ma­chen. Und ich will mich nicht da­für ge­nie­ren, mit­ge­macht zu ha­ben, we­der jetzt noch in zwan­zig Jah­ren. Das Le­ben ist kurz und geht im­mer noch schnel­ler vor­bei, wenn man äl­ter wird, und da will man doch zu­min­dest gu­te Ge­schich­ten er­zäh­len. Sie ha­ben ein­mal ge­sagt, Sie wol­len bei je­dem Pro­jekt et­was Neu­es ler­nen. Hier ha­ben Sie si­cher Neu­es ge­lernt, Sie ha­ben ja vor dem Dreh so­gar am Set ge­wohnt, um sich an das Le­ben im Wald zu ge­wöh­nen. Ja, in ei­nem Ti­pi, und ich ha­be auch den klei­nen Ge­mü­se­gar­ten an­ge­legt, den man im Film sieht. Das war ei­ne sehr ent­span­nen­de Art der Vor­be­rei­tung auf ei­nen Film. Wirk­lich auf­re­gend war es aber vor al­lem für die Kin­der: Sie ha­ben ein ech­tes Sur­vi­val­trai­ning ab­sol­viert, klet­tern, Hüt­ten bau­en, Feu­er ma­chen, so­gar, wie man ein Schaf fach­ge­recht er­legt und schlach­tet. Dür­fen Kin­der­schau­spie­ler so et­was über­haupt ma­chen? Na ja, ler­nen dür­fen sie al­les (lacht). Im Film gibt es ja ei­ne Sze­ne, in der ein Reh er­legt wird, sie wur­de aber aus vie­len ver­schie­de­nen Shots zu­sam­men­ge­setzt, wir hat­ten ein zah­mes Reh na­mens Lee­land am Set. Das kam aber nicht zu Scha­den, das to­te Tier im Film war ein aus­ge­stopf­tes, und der Rest sind Spe­cial Ef­fects. Der Va­ter, den Sie in die­sem Film spie­len, ar­bei­tet mit sehr un­ge­wöhn­li­chen Er­zie-

Vig­go Mor­ten­sen

ist ein dä­ni­schame­ri­ka­ni­scher Schau­spie­ler. Welt­be­kannt wur­de er in der Rol­le des Ara­gorn in der Tri­lo­gie „Der Herr der Rin­ge“(2001 bis 2003). Man kennt den 58-jäh­ri­gen Mi­men aber auch aus Strei­fen wie „Hi­dal­go – 3000 Mei­len zum Ruhm“(2004), „Töd­li­che Ver­spre­chen – Eas­tern Pro­mi­ses“(2007) oder et­wa „Ei­ne dunk­le Be­gier­de – A dan­ge­rous Me­thod“(2011). hungs­me­tho­den. Wie viel da­von kön­nen Sie aus Ih­rer Sicht nach­voll­zie­hen? Na­tür­lich bin ich nie so weit ge­gan­gen, jah­re­lang mit mei­nem Sohn im Wald zu le­ben, aber ich ha­be schon auch ver­sucht, ihn mög­lichst im Ein­klang mit der Na­tur zu er­zie­hen. Wir wa­ren im­mer viel drau­ßen. Ich woll­te ihm mög­lichst viel von der Welt zei­gen. Wir sind viel ge­reist, und er war ein sehr in­ter­es­sier­tes Kind, das viel ge­le­sen hat. Ich fin­de ja, dass man als Va­ter oder Mut­ter ei­nen Men­schen nicht for­men kann, son­dern nur be­glei­ten. Er ist ein ganz ei­ge­ner Cha­rak­ter, den kann und will ich nicht än­dern. Da­her ha­be ich auch im­mer ver­sucht, ihn an­zu­lei­ten, für sich selbst zu den­ken. Als er mit so sechs, sie­ben Jah­ren an­ge­fan­gen hat, mir die wirk­lich kom­pli­zier­ten Fra­gen zu stel­len, ha­be ich so gut wie mög­lich pro­biert, ehr­lich zu ant­wor­ten. Aber ich ha­be es eher al­ters­ge­recht an­ge­legt, ich war nicht ganz so di­rekt und of­fen wie mei­ne Fi­gur Ben im Film. Die­ser Ben ist ein Va­ter, der sei­ne Kin­der wirk­lich als ei­gen­stän­di­ge Per­so­nen wahrund ernst nimmt. Ja, das stimmt, und das hal­te ich auch für ei­nen ex­trem gu­ten Zu­gang. Er spricht nicht von oben her­ab mit ih­nen, son­dern zeigt Re­spekt. Kin­der­er­zie­hung ist ja auch im­mer ein Ge­ben und Neh­men. Es ist ein gro­ßer Un­ter­schied, ob ich sa­ge: „Nein, du darfst das nicht, weil ich es sa­ge!“oder: „Nein, du darfst das nicht, weil . . .“und mir dann die Mü­he ma­che, die tat­säch­li­chen Grün­de zu er­klä­ren. Das ist zwar viel zeit­rau­ben­der und an­stren­gen­der, aber es lehrt die Kin­der nicht nur ech­ten Re­spekt vor den Ent­schei­dun­gen ih­rer Er­zie­hungs­be­rech­tig­ten, son­dern hilft ih­nen auch zu ler­nen, wie man ei­nen Stand­punkt for­mu­liert. Ge­nau! Er ist im­mer of­fen für die In­puts sei­ner Kin­der, und wenn er et­was über­zeu­gend fin­det, dann ist er be­reit, sei­ne An­sicht zu än­dern. Die­se Fle­xi­bi­li­tät ist ja die Ei­gen­schaft wirk­lich klu­ger Men­schen, die im­mer wis­sen, dass sie nicht al­les wis­sen kön­nen, und da­zu­ler­nen wol­len. Das Pro­blem ist nur: Wenn Kin­der selbst den­ken ler­nen, dann tun sie das ir­gend­wann auch? Stimmt (lacht). Man muss in Kauf neh­men, dass der Ju­ni­or ir­gend­wann ein­mal sagt: „Du hast ge­sagt, ich soll mir ei­ne ei­ge­ne Mei­nung bil­den – und das ha­be ich ge­macht. Mei­ne Mei­nung: ,Du bist ein Idi­ot!‘“Das ist halt das Ri­si­ko an der Sa­che. Aber auch wenn man kon­trä­re Stand­punk­te hat, muss man trotz­dem ver­su­chen, wei­ter zu kom­mu­ni­zie­ren – auch das ist ei­ne wich­ti­ge Lek­ti­on, die wir un­se­ren Kin­dern bei­brin­gen soll­ten. Ei­ne Ba­lan­ce zu fin­den, mit der al­le le­ben kön­nen – ob in der Fa­mi­lie, in der Schul­klas­se, im Bü­ro. Ei­ne Ge­mein­schaft, die funk­tio­niert, ist nie sta­tisch. Das stimmt auch im gro­ßen Maß­stab: Ei­ne ech­te De­mo­kra­tie ist im­mer in Be­we­gung, sonst geht sie zu­grun­de. Was hat Sie ei­gent­lich als Kind in­spi­riert? Ich bin schon als Kind sehr oft um­ge­zo­gen und war da­her schon ziem­lich früh vie­len ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen auf die Welt aus­ge­setzt. Die­ses Le­ben hat mich si­cher sehr ge­formt, auch als Schau­spie­ler. Ei­ne mei­ner Leh­re­rin­nen hat mich, als ich sechs oder sie­ben Jah­re alt war, mit My­tho­lo­gie be­kannt ge­macht, das hat mich auch sehr ge­prägt.

AFP

er­zählt der im Ein­klang mit der Na­tur groß­zu­zie­hen, Er ha­be ver­sucht, sei­nen Sohn mög­lichst Vig­go Mor­ten­sen. ame­ri­ka­nisch-dä­ni­sche Schau­spie­ler Ben ist auch be­reit, die­sen Stand­punkt zu än­dern, wenn die rich­ti­gen Ar­gu­men­te fal­len.

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