»Ich den­ke nicht täg­lich über den Tod nach«

Der 73-jäh­ri­ge Schau­spie­ler Claus Theo Gärt­ner hat kein Pro­blem mit dem Al­ter. »Das kommt viel­leicht noch, wenn ich 85 bin«, sagt er. An Ru­he­stand denkt er nicht, im Ge­gen­teil. Dem­nächst steht er wie­der als Pri­vat­de­tek­tiv Jo­sef Ma­tu­la vor der Ka­me­ra. Ein

Die Presse am Sonntag - - Letzte Fragen - VON THO­MAS PRI­OR

In Ih­rer Au­to­bio­gra­fie, die vor Kur­zem er­schie­nen ist, schrei­ben Sie gleich zu Be­ginn, Sie hät­ten meh­re­re Le­ben ge­lebt: ei­nes als Schau­spie­ler, ei­nes als Renn­fah­rer und ei­nes als Aben­teu­rer. Das klingt ein biss­chen so, als wä­re Ihr Le­ben schon vor­bei. Claus Theo Gärt­ner: Nee, weiß Gott nicht! Ich ha­be da noch ei­ni­ges zu tun. Wir be­rei­ten ge­ra­de den nächs­ten Film vor. Wie­der über Ihr Al­ter Ego, Jo­sef Ma­tu­la? Aber nicht „Ein Fall für zwei“, son­dern nur Ma­tu­la, qua­si als Rent­ner. Es ist der zwei­te Teil. Der ers­te wur­de heu­er ge­dreht. Wann kommt der Film ins Fernsehen? Am Kar­frei­tag. Ich hof­fe, er stinkt nicht ge­gen „Quo va­dis“oder „Die Bi­bel“ab, die zu Os­tern im­mer lau­fen. Im Ernst: Das ist kein schlech­ter Ter­min, wir rech­nen mit ho­hen Ein­schalt­quo­ten. Sie sind jetzt 73 Jah­re alt, ein Al­ter, mit dem man­che schon seit zehn Jah­ren Rent­ner sind. Wie geht es Ih­nen mit dem Äl­ter­wer­den? Ich ha­be kein Pro­blem da­mit. Das kommt viel­leicht noch, wenn ich 85 bin. War­um ha­ben Sie ge­ra­de jetzt ei­ne Au­to­bio­gra­fie her­aus­ge­bracht? Weil ich eben doch 73 bin. Ich dach­te, wenn ich sie jetzt nicht schrei­be, dann viel­leicht nie. Denkt man im Al­ter öf­ter an den Tod? Ich den­ke nicht täg­lich über den Tod nach, aber bei be­stimm­ten An­läs­sen. Fürch­ten Sie ihn, den Tod? Ich ha­be kei­ne Angst vor dem Tod, ich stel­le nur fest, dass die Ein­schlä­ge im­mer dich­ter kom­men. Vor Kur­zem ist ei­ne gu­te Freun­din ge­stor­ben, mit 52. Bei der Be­er­di­gung, zu der klas­si­schen Mu­sik in der Ka­pel­le, denkt man schon: Du könn­test jetzt auch hier lie­gen. Oder, noch schlim­mer: mei­ne Frau. Ihr Bru­der Jür­gen ist vor 23 Jah­ren an Krebs ge­stor­ben. Wie geht man mit ei­nem sol­chen Ein­schlag, wie Sie es nen­nen, um? Er ist lei­der nur 50 ge­wor­den. Das war furcht­bar. Sie müs­sen sich vor­stel­len: Ich war am Sams­tag bei ihm im Kran­ken­haus. Wir sa­ßen zu­sam­men und tran­ken Rot­wein. Da hat er zu mir ge­sagt: „Wenn ich hier raus bin, komm’ ich mal auf dein Schiff.“Ich hat­te da­mals in Hol­land so ein Boot, das woll­te er se­hen. Und am Mon­tag­mor­gen rief mich mei­ne Mut­ter an und sag­te: „Jür­gen ist tot.“Das konn­te ich nicht fas­sen, lan­ge Zeit nicht. Er war ja, als ich ihn be­such­te, wie kern­ge­sund. Wie ge­sagt: Wir tran­ken Rot­wein und hat­ten Plä­ne. Das ist hart. Und der Tod mei­nes Va­ters war eben­so hart, viel­leicht noch här­ter. Die Nach­richt vom Tod Ih­res Va­ters ha­ben Sie wäh­rend ei­nes Au­to­ren­nens er­hal­ten. Das war das 24-St­un­den-Ren­nen auf dem Nür­burg­ring. Ich muss­te den ers­ten Turn noch fer­tig fah­ren. Aber mit Trä­nen in den Au­gen bin ich vor­her noch nie ein Ren­nen ge­fah­ren. Glau­ben Sie, dass es nach dem Tod ir­gend­wie wei­ter­geht? Das wä­re ei­ne schö­ne Hoff­nung, aber ich glau­be nicht da­ran. Auch Jo­sef Ma­tu­la ist mit den The­men Al­ter und Ver­lust kon­fron­tiert. Vor drei Jah­ren ist sei­ne Woh­nung in die Luft ge­flo­gen, er hat al­les ver­lo­ren. Da­mals woll­ten Sie mit ihm ab­schlie­ßen. Jetzt ma­chen Sie doch wei­ter. Kom­men Sie von Ma­tu­la nicht los? Ich wür­de je­de an­de­re Rol­le auch spie­len, aber Tat­sa­che ist, dass ich nach 30 Jah­ren Ma­tu­la als Schau­spie­ler ver­brannt bin. Vor drei Jah­ren dach­te ich: Ich mach mal ei­ne Pau­se und rei­se, da-

1943

Claus Theo Gärt­ner wird am 19. April in Ber­lin ge­bo­ren. Sei­ne Mut­ter ist Bal­lett­tän­ze­rin, sein Va­ter Kauf­mann. Er wächst im Ruhr­ge­biet auf. Nach dem Schau­spiel­stu­di­um in Hannover fol­gen En­ga­ge­ments an re­nom­mier­ten Häu­sern wie dem Ham­bur­ger Tha­lia -Thea­ter. Zwi­schen 1981 und 2013 spielt er 300 Mal den Pri­vat­de­tek­tiv Jo­sef Ma­tu­la in der Kri­mi­se­rie „Ein Fall für zwei“. 2016 kehrt Gärt­ner als Ma­tu­la vor die Ka­me­ra zu­rück – für ein Fil­mSpe­cial. Teil zwei ist be­reits in Pla­nung.

Au­to­bio­gra­fie

Im Schwarz­kopf & Schwarz­kopf Ver­lag ist vor Kur­zem Gärt­ners Au­to­bio­gra­fie er­schie­nen (20,60 Eu­ro). Auf­ge­schrie­ben hat sie sei­ne drit­te Ehe­frau, die Re­gis­seu­rin und Au­to­rin Sa­rah Gärt­ner. nach wird sich schon was er­ge­ben. Aber nix da. Ir­gend­wann kam ein wun­der­ba­res Ma­tu­la-Dreh­buch. Al­so ha­be ich wie­der an­ge­fan­gen. Hät­te ich nichts, wür­de ich mich lang­wei­len. Dann wä­re es mit dem Le­ben ziem­lich bald vor­bei. So ei­ne Le­bens­rol­le scheint Fluch und Se­gen gleich­zei­tig zu sein. Ja. Der Se­gen ist, dass ich gut aus­kom­me, dass es mir die gan­ze Zeit Spaß ge­macht hat, dass ich nie ar­beits­los war. Und der Fluch? Ich ha­be vor ei­ni­gen Jah­ren in die­sem Film über Hel­mut Khol – „Der Mann aus der Pfalz“– den Hei­ner Geiß­ler ge­spielt. Und in der „FAZ“-Kri­tik stand dann: „Was macht denn der Ma­tu­la in der Pfalz?“Da wuss­te ich: Ich bin nur noch Mas­ke, ei­ne Mas­ke für Ma­tu­la. Ist es bit­ter, wenn man im­mer auf die­se Rol­le re­du­ziert wird? Kaum je­mand weiß, dass Sie öf­ter auf der Thea­ter­büh­ne ge­stan­den sind als vor der Ka­me­ra. Nein, nicht mehr. So­lang ich das ge­macht ha­be, hat es mich nicht ge­stört. Erst da­nach. Der Er­folg von „Ein Fall für zwei“hängt stark an Ma­tu­la. Was macht ihn so po­pu­lär? Erst mal sei­ne Au­then­ti­zi­tät. Man kann sich mit ihm iden­ti­fi­zie­ren. Er war nicht der gro­ße Sie­ger­typ, der Ja­mes Bond. Na ja, ein biss­chen schon. Aber doch mehr ein Bond für ar­me Leu­te. Man woll­te ihn ge­win­nen se­hen. Und das hat er, ob­wohl er was auf die Müt­ze ge­kriegt hat, doch im­mer wie­der ge­schafft. Das ist sein Er­folgs­ge­heim­nis. Mitt­ler­wei­le ver­kör­pert er auch ein et­was an­ge­staub­tes Männ­lich­keits­ide­al. Ganz si­cher. Die „Bild“hat ge­schrie­ben: „Ach Ma­tu­la, Du al­ter Ma­cho, Du Held un­se­rer un­ter­ge­gan­ge­nen Män­ner­welt.“Das war er, und das ist er noch. Sind die Gren­zen zwi­schen Claus Theo Gärt­ner und Jo­sef Ma­tu­la ver­schwom­men? Al­les, was der Ma­tu­la hat, hat er von mir. Das Glück war, dass ich die­se Rol­le kre­ieren konn­te. Es gab kei­ne Vor­la­ge. Vie­les hat sich spon­tan er­ge­ben. So hat sich sein Cha­rak­ter von Fol­ge zu Fol­ge ge­fes­tigt. Und an mir an­ge­lehnt. Wo un­ter­schei­den Sie sich? Ich bin viel­leicht nicht so mo­ra­lin­sau­er, wie Ma­tu­la es manch­mal ist. Mo­ra­lin­sau­er? Er ist ja doch ziem­lich kon­ser­va­tiv. Das bin ich nicht. Sie wa­ren im So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund, aus dem auch Ru­di Dutsch­ke her­vor­ge­gan­gen ist. Wür­den Sie sich auch heu­te noch als Lin­ken be­zeich­nen? Ja. Und wo im lin­ken Spek­trum ste­hen Sie? Zwi­schen SPD und Grü­nen. Wo­bei mir bei den Grü­nen nicht gefällt, dass sie hier in Ber­lin al­les be­stim­men wol­len. Zum Bei­spiel, dass wir da und dort nur 30 St­un­den­ki­lo­me­ter fah­ren sol­len. Das hat un­heim­li­ches Cha­os ver­ur­sacht. Ist das ei­ne öko­lo­gi­sche­re Form der – wie ha­ben Sie es ge­nannt – Mora­l­in­säu­re? Rich­tig. Die Grü­nen sind mir auch zu mo­ra­lin­sau­er. Trotz­dem wäh­le ich sie. Und die SPD? Die muss man wäh­len. Sonst ist sie weg vom Fens­ter. Ha­ben Sie ei­ne Er­klä­rung für den Auf­schwung der AfD? Angst. Man hat es in der Flücht­lings­kri- . . . an wen oder was Sie glau­ben? Es gibt noch ein Le­ben vor dem Tod – da­ran glau­be ich. . . . wie vie­le Zi­ga­ret­ten Sie pro Tag rau­chen? Un­ge­fähr 30. Wenn es mir leicht­fal­len wür­de, wür­de ich ja auch mit dem Rau­chen auf­hö­ren. Das Rauch­ver­bot stört mich al­ler­dings nicht. Im Ge­gen­teil. Ich fin­de es so­gar an­ge­nehm, dass in Re­stau­rants nicht mehr ge­raucht wer­den darf. Ich ge­he ger­ne raus. Nir­gend­wo ha­be ich so vie­le Leu­te ken­nen­ge­lernt wie vor Kn­ei­pen­tü­ren. . . . wel­che Par­tei Sie bei der Ber­lin-Wahl am 18. Sep­tem­ber ge­wählt ha­ben? Die Grü­nen und die SPD (man kann ei­ne Erst­stim­me für den Di­rekt­kan­di­da­ten im Wahl­kreis ab­ge­ben und ei­ne Zweit­stim­me für die Par­tei, Anm.). se ver­ab­säumt, die Leu­te auf­zu­klä­ren. Aber das könn­te man nach­ho­len. Was hal­ten Sie von An­ge­la Mer­kel? Ich fin­de sie in Ord­nung. Das, was sie macht und sagt, ist rich­tig. Ich mei­ne, wir sind 80 Mil­lio­nen! Es wä­re doch ein Witz, wenn wir das nicht schaf­fen. Ih­re Frau ist Schwei­ze­rin, Sie pen­deln zwi­schen Ber­lin und Ba­sel. Was ist der Un­ter­schied zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz? Man­che Schwei­zer – si­cher nicht al­le – sind schon sehr spie­ßig. Das geht mir auf den We­cker. Und Deut­sche wer­den in der Schweiz nicht so sehr ge­mocht. Das spürt man hin und wie­der. Als Kind ha­ben Sie mit Ih­rer Fa­mi­lie ei­ne Zeit lang in Ti­rol ge­lebt, in Fulp­mes. Wie ist heu­te Ih­re Wahr­neh­mung von Ös­ter­reich? Es gefällt mir nicht, dass Ös­ter­reich die Gren­zen dicht­ma­chen will. Wenn das pas­siert, wird es für Eu­ro­pa schwie­rig. An­sons­ten un­ter­schei­det sich Ös­ter­reich nicht so sehr von Deutsch­land. Sie sind viel her­um­ge­kom­men. Gibt es für Sie den schöns­ten Ort der Welt? Das än­dert sich stän­dig. Wenn ich es mir leis­ten könn­te, hät­te ich si­cher zehn Plät­ze, wo ich stän­dig hin­fah­ren wür­de. Wel­che wä­ren das? New York, Pa­ris, Neu­see­land, Bo­ra Bo­ra. Auch ein Stück Afri­ka wä­re da­bei. Was ist Ihr nächs­tes Rei­se­ziel? Das weiß ich noch nicht. Im Jän­ner geht ja die Dre­he­rei schon wie­der los. Kön­nen Sie vom zwei­ten Ma­tu­la-Teil schon et­was vor­weg­neh­men? Er spielt zum Teil in Ös­ter­reich. In Fulp­mes? Nein, aber in den Ber­gen.

APA

„Ir­gend­wann wuss­te ich: Ich bin nur noch Mas­ke, ei­ne Mas­ke für Ma­tu­la“, sagt Claus Theo Gärt­ner.

„Nicht mehr“heißt aber, dass es Sie ir­gend­wann ge­stört hat.

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