Die Psy­cho­lo­gie des Elf­me­ters

In der K.-o.-Pha­se sind Elf­me­ter­schie­ßen in al­ler Mun­de. Gibt es den per­fek­ten Pen­al­ty? Sind Go­alies wirk­lich chan­cen­los? Robert Al­mer, an dem schon Ro­nal­do ge­schei­tert ist, gibt Aus­kunft.

Die Presse am Sonntag - - Fussball-wm 2018 - VON J. EB­NER

Re­chen­auf­ga­be ge­fäl­lig? Der Fuß­ball liegt elf Me­ter vor der Tor­li­nie und wird vom Schüt­zen auf bis zu 100 km/h be­schleu­nigt. Bis zum Tor braucht er et­wa ei­ne hal­be Se­kun­de. Da selbst beim bes­ten Go­a­lie die Re­ak­ti­ons­zeit min­des­tens ei­ne Vier­tel­se­kun­de be­trägt, bleibt nur ei­ne wei­te­re Vier­tel­se­kun­de, um den Ball zu er­rei­chen. Das Tor ist 7,32 Me­ter breit, er müss­te al­so mit über 30 km/h durch die Luft flie­gen. Das ist schlicht­weg un­mög­lich.

„Wenn du war­test, bis er schießt, und dann re­agierst, kommst du nicht hin. Du musst ei­nen Schritt frü­her dran sein“, er­klärt Ös­ter­reichs ehe­ma­li­ger Te­am­goa­lie Robert Al­mer, 34 J., die Elf­me­ter­si­tua­ti­on. Ein­zi­ge Chan­ce: spe­ku­lie­ren und schon vor dem Schuss in die Ecke hech­ten. So fällt die Re­ak­ti­ons­zeit weg, und der Tor­mann muss nur noch halb so schnell durch die Luft flie­gen – und das ist für ge­üb­te Pro­fis durch­aus mög­lich.

So sind die Tor­män­ner beim Pen­al­ty zwar im­mer noch klar im Nach­teil, aber nicht mehr chan­cen­los. Denn wie Sta­tis­ti­ken zei­gen, wer­den im Schnitt nur drei von vier Elf­me­tern ver­wan­delt. Da­bei müss­ten es 100 Pro­zent sein. Ein schar­fer Schuss ins Kreuz­eck, wie ihn ein Fuß­ball­pro­fi be­herr­schen soll­te, und die obi­ge Rech­ne­rei wä­re hin­fäl­lig. Oder gab es je­mals ei­nen Elf­me­ter, den der Tor­mann aus dem Kreuz­eck ge­fischt hat? Zu­mal der Schüt­ze noch ei­nen wei­te­ren Vor­teil hat. „Wenn sich der Tor­hü­ter früh be­wegt, kann der Spie­ler das se­hen und dem­ent­spre­chend in die an­de­re Ecke schie­ßen“, er­in­nert Al­mer.

Ei­nen Vor­teil aber ha­ben die Go­alies. „Der Tor­mann hat ei­gent­lich gar kei­ne Druck­si­tua­ti­on. Du kannst im Prin­zip nur ge­win­nen. Wenn du hältst, hast du al­les rich­tig ge­macht, wenn nicht, wird auch kei­ner et­was sa­gen“, er­klärt Al­mer. „Ich glau­be schon, dass für Feld­spie­ler ein Elf­me­ter von der Psy­che und vom Druck her ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Si­tua­ti­on ist.“Schließ­lich ha­ben mit Lio­nel Mes­si und Cris­tia­no Ro­nal­do bei die­ser WM auch zwei Su­per­stars Ner­ven ge­zeigt und je ei­nen El­fer ver­schos­sen. Tat­säch­lich gibt es Aus­wer­tun­gen, die zei­gen, dass Star­spie­ler, die ho­he Er­war­tun­gen zu er­fül­len ha­ben, et­was we­ni­ger treff­si­cher sind als „No­bo­dys“. Die zwei­te Rei­he hat des­we­gen aber noch nie­mand in ein El­fer­schie­ßen ge­schickt.

„Wenn du im Trai­ning ein Elf­me­ter­schie­ßen machst, wer­den 95 Pro­zent der Bäl­le drin­nen sein, weil es ein­fach kei­nen Druck gibt“, er­zählt Al­mer. „Aber Trai­ning und Spiel sind zwei Paar un­ter­schied­li­che Schu­he. Im Match ist die Druck­si­tua­ti­on für den Spie­ler ei­ne ganz an­de­re.“

Hin­zu kom­men wo­mög­lich Fak­to­ren wie Mü­dig­keit, ein aus­ver­kauf­tes Sta­di­on und Zehn­tau­sen­de pfei­fen­de geg­ne­ri­sche Fans. Die Ge­gen­spie­ler rich­ten ei­nem auch noch die ei­ne oder an­de­re Bos­haf­tig­keit aus, ob­wohl die Schieds­rich­ter an­ge­hal­ten sind, die­se Ge­plän­kel zu un­ter­bin­den. Und der Tor­mann ru­dert wie wild mit den Ar­men, denn er weiß ge­nau, dass das Au­ge des Schüt­zen zu­min­dest un­be­wusst je­de die­ser Be­we­gun­gen fi­xiert. Der eng­li­sche Weg. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on hilft nur ei­ne akri­bi­sche Vor­be­rei­tung, wie es die Eng­län­der bei die­ser WM vor­ge­macht ha­ben. Coach Ga­reth Sou­th­ga­te hat er­klär­te, El­fer­schie­ßen sei de­fi­ni­tiv kei­ne Glück­sa­che, und ließ Sport­psy­cho­lo­gen an­rü­cken, Lis­ten auf­set­zen und je­de Men­ge Pen­al­ties trai­nie­ren. So hat En­g­land im Ach­tel­fi­na­le ge­gen Ko­lum­bi­en sei­nen Fluch be­en­det. Auf­hol­be­darf hät­ten auch die Nie­der­lan­de, die bei WM- und EMEnd­run­den bis­her nur zwei von sie­ben Elf­me­ter­schie­ßen ge­won­nen ha­ben. Ganz bit­ter sieht es bei den Schwei­zern aus: Die Eid­ge­nos­sen ha­ben bei der WM 2006 ge­gen die Ukrai­ne die ein­zi­ge Pen­al­ty-Ent­schei­dung ih­rer Tur­nier­ge­schich­te ver­lo­ren, und zwar oh­ne da­bei auch nur ei­nen Elf­me­ter ver­wan­delt zu ha­ben.

Für Tor­män­ner gibt es spe­zi­el­le Trai­nings­ein­hei­ten ei­gent­lich nur vor Wett­be­wer­ben, in de­nen es zu Elf­me­ter­schie­ßen kom­men kann, al­so vor Cup­spie­len, vor in­ter­na­tio­na­len Par­ti­en. Al­mer, der sei­ne Kar­rie­re im Ju­ni auch we­gen ei­ner hart­nä­cki­gen Knie­ver­let­zung be­en­det hat, ist in­zwi­schen selbst Tor­mann­trai­ner beim Bun­des­li­gis­ten Mat­ters­burg. Der Stei­rer sagt: „Wir wer­den si­cher das ei­ne oder an­de­re Mal Elf­me­ter trai­nie­ren. Aber das wird sich in Gren­zen hal­ten.“Ob­wohl es na­tür­lich Din­ge ge­be, die zu be­rück­sich­ti­gen sei­en. „Es wird ge­schaut, wel­che Schüt­zen der Geg­ner hat, wel­che die be­vor­zug­ten Ecken sind. Da kann man schon Sta­tis­ti­ken aus­wer­ten.“

Tat­säch­lich er­wei­sen sich Star­spie­ler et­was we­ni­ger treff­si­cher als »No­bo­dys«. EM 2016, Ös­ter­reich ge­gen Por­tu­gal, Al­mer ge­gen CR7: »Die Chan­cen wa­ren 50:50.«

Ir­gend­wie muss sich der Go­a­lie schließ­lich für ei­ne Ecke ent­schei­den. „Ei­ner­seits gibt es die sta­tis­ti­schen In­for­ma­tio­nen, die man im Vor­hin­ein be­kommt: Schießt er mit links oder mit rechts? Wie ist die Po­si­ti­on beim An­lauf? Bei man­chen Spie­lern lässt sich ein biss­chen her­aus­le­sen. Aber im Gro­ßen und Gan­zen ent­schei­det man dann erst in der Si­tua­ti­on.“

So war es auch, als Al­mer bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2016 ge­gen Por­tu­gal in der 79. Mi­nu­te nie­mand Ge­rin­ge­rem als Cris­tia­no Ro­nal­do ge­gen­über­trat. Der Welt­fuß­bal­ler schoss an die Stan­ge, der ös­ter­rei­chi­sche Go­a­lie wur­de ge­fei­ert. „Wir ha­ben da­vor Sta­tis­ti­ken an­ge­schaut, und da war es so, dass er zur Hälf­te links und zur Hälf­te rechts ge­schos­sen hat. Die Chan­cen wa­ren 50:50. Ich bin in die fal­sche Ecke ge­gan­gen, aber er woll­te ihn dann halt zu ge­nau schie­ßen.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.