Jag­ger und das Mes­ser im Her­zen

Rol­ling Sto­nes. Wer ist der Mid­ni­ght Ram­bler? Und Mr. D? Wie gut kann das ly­ri­sche Ich von Keith Richards mit Geld um­ge­hen? Wis­sens­wer­tes zu den Songs, die die 90.000 Be­su­cher des Kon­zerts heu­te abend in Spiel­berg er­war­ten.

Die Presse - - VORDERSEITE - SAMS­TAG, 16. SEP­TEM­BER 2017 VON THOMAS KRA­MAR

Wis­sens­wer­tes von Thomas Kra­mar zu den Songs, die 90.000 Be­su­cher des Kon­zerts der Rol­ling Sto­nes in Spiel­berg er­war­ten.

Das Pro­gramm der „No Fil­ter“-Tour der Sto­nes ist so klas­sisch, dass es fast schon ent­täu­schend ist. Die fol­gen­den 20 Stü­cke sind ziem­lich fix, da­zu kommt je­den­falls noch ein vom Pu­bli­kum ge­wähl­ter Song, dies­mal „She’s a Rain­bow“, „De­ad Flo­wers“, „Shi­ne a Light“oder „Doo Doo Doo Doo Doo (He­art­brea­ker)“.

Sym­pa­thy for the De­vil (1968) „Plea­se al­low me to in­tro­du­ce mys­elf . . . “Höf­lich wie der Vo­land in Bul­ga­kows Ro­man „Der Meis­ter und Mar­ga­ri­ta“(den er 1968 ge­le­sen hat­te) stellt sich Mick Jag­ger als Teu­fel vor. Er war, singt er, im­mer da­bei: als Pi­la­tus sei­ne Hän­de in Un­schuld wusch, als der Zar er­mor­det wur­de, als der Blitz­krieg wü­te­te. Je­an-Luc Go­dard zeig­te in „One Plus One“, wie der Song im Stu­dio ent­stand: „Der Film war kom­plet­ter Mist“, ur­teil­te Keith Richards streng. Das kann man über sein vor­bild­lich spar­sa­mes Gi­tar­ren­so­lo nicht sa­gen.

It’s On­ly Rock’n’Roll (But I Li­ke it) (1974) Ver­wand­lung. Jag­ger ist kein Sa­tan mehr, son­dern ein Bub, der mit dem sen­sa­ti­ons­lüs­ter­nen Pu­bli­kum ko­ket­tiert: Wenn ich ein Mes­ser in mein Herz ste­chen könn­te, mich auf der Büh­ne um­brin­gen wür­de, fragt er, wür­de euch das be­frie­di­gen? Richards spielt da­zu ein staub­tro­cke­nes Chuck-Ber­ry-Riff im dump­fen Glit­ter­rocks­ound.

Tum­bling Dice (1972) Jag­ger in der Rol­le des un­ver­bes­ser­li­chen Wei­be­rers und Spie­lers: Die Frau­en woll­ten ihn ver­brau­chen, klagt er, woll­ten, dass er sei­ne Ker­ze ab­brennt. Aber er bleibt dem Spiel treu – und trägt sein Schick­sal, wo­hin im­mer das Le­ben ihn auch wür­felt. Der Re­frain zieht sich et­was, das passt zum The­ma.

Out of Con­trol (1997) Nein, ein wür­di­ges Al­ters­werk ha­ben die Sto­nes nie zu­stan­de ge­bracht. (Was dar­an liegt, dass sich Jag­ger wei­gert, alt zu wer­den.) Dem Ide­al am nächs­ten kommt die­ser dra­ma­ti­sche Song. Er sei jung, dumm, ei­tel und char­mant ge­we­sen, er­klärt Jag­ger, aber jetzt sei er au­ßer Kon­trol­le. Dann ruft er um Hil­fe – und spielt Mund­har­mo­ni­ka. Nicht schlecht.

Just your Fool (1953/2016) Zu den Vä­tern! Die­ser Rhythm-and-BluesSong wur­de 1953 von Bud­dy John­son in ei­nem Bi­gband-Ar­ran­ge­ment auf­ge­nom­men, Litt­le Wal­ter über­setz­te ihn 1960 in ei­nen Chi­ca­go Blues. Die de­vo­te Lie­bes­er­klä­rung wird et­was düs­ter, wenn der Sän­ger droht: „If you gon­na lea­ve me for so­meo­ne new, gon­na buy me a shot­gun, shoot it at you.“

Ri­de ’em on Down (1955/2016) Noch ein al­ter Blues, dies­falls von Ed­die Tay­lor, der wie so vie­le sei­ner Gil­de aus Mis­sis­sip­pi nach Chi­ca­go wan­der­te. Dan­cing With Mr. D (1973) Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub – dann zupft er Jag­ger nicht, son­dern tanzt mit ihm ei­nen aus­ge­spro­chen mor­bi­den Funk-Blues. Man hört, wie vor al­lem Richards da­mals mit sei­ner End­lich­keit ko­ket­tier­te. Bis heu­te trägt er zwar nicht wie Mr. D die To­ten­schä­del um den Hals, wohl aber ei­nen am Ring­fin­ger.

You Can’t Al­ways Get What you Want (1969) Ei­ner der we­ni­gen Pop­songs, in de­nen die Oboe ei­ne tra­gen­de Rol­le spielt. (Und der ewig bes­te mit klas­si­schem Chor.) Sie führt zu Jag­gers Lob der Be­schei­den­heit – in den drei Be­rei­chen, die in den spä­ten Six­ties zähl­ten: Lie­be, Politik, Dro­gen.

Paint it Black (1966) Nie da­vor und da­nach war Lon­don so düs­ter, wie es die Sto­nes in der Mit­te der Six­ties durch ih­re Son­nen­bril­len sa­hen. In die­sem Song – der durch zwei ge­gen­läu­fi­ge Rhyth­men hek­tisch und sto­isch zu­gleich wirkt – ist so­gar das Herz des Sän­gers schwarz.

Hon­ky Tonk Wo­men (1969) Die ur­sprüng­li­che Ver­si­on ist recht rural (und als „Coun­try Honk“auf „Let it Bleed“zu hö­ren). Die elek­tri­sche Fas­sung be­ginnt im­mer­hin mit ei­ner Kuh­glo­cke, be­vor Jag­ger die ers­ten Zei­len singt, die Pe­ter Schlei­cher so ins Wie­ne­ri­sche über­tra­gen hat: „I triff a fet­te Bei­selhur in Meid­ling.“Bo­den­stän­dig.

Hap­py (1972) Jetzt über­nimmt Keith Richards das Mi­kro­fon – als fröh­li­cher Tu­nicht­gut, der ge­steht: „I ne­ver kept a dol­lar past sun­set, it al­ways bur­ned a ho­le in my pants.“Und: „Al­ways took can­dy from stran­gers, didn’t wan­na get me no tra­de.“Wer kann die­sem Charme – noch da­zu mit Blä­ser­satz – wi­der­ste­hen?

Slip­ping Away (1989) Noch ein­mal der al­te Richards, et­was nach­denk­li­cher, aber auch be­kennt­nis­haft: „All I want is ecs­ta­sy“, singt er, „but I ain’t get­ting much.“Das Le­ben ist kurz, und, ach, auch das Lied ist so schnell vor­bei . . .

Mid­ni­ght Ram­bler (1969) Frau­en­mord war im Pop der Six­ties ein recht be­lieb­tes The­ma (sie­he „Hey Joe“), Jag­ger treibt es hier auf die Spit­ze und schlüpft im aus­ge­dehn­ten Mit­tel­teil erst in die Rol­le des Schän­ders und Mör­ders, um sich dann in ei­nen Rä­cher zu ver­wan­deln, der dem Mid­ni­ght Ram­bler die Keh­le durch­sticht. Richards nann­te das ei­ne „Blues-Oper“.

Miss You (1978) Auf dem Al­bum „So­me Girls“muss­ten sich die Sto­nes nicht nur mit dem Punk mes­sen, son­dern auch die/den Dis­co ent­de­cken. Das ge­lang ih­nen viel bes­ser. Jag­ger be­klagt im Fal­sett, dass er al­lein schla­fen müs­se, um dann in tie­fe­rer La­ge mit Wein und „so­me Pu­er­to Ri­can girls“zur Par­ty zu ru­fen.

Street Fight­ing Man (1968) Qua­si-Fort­set­zung von „Dan­cing in the Street“(Mar­tha & The Van­del­las, 1964) und Lieb­lings­song al­ler 68er-Re­tro­spek­ti­ven. Der ak­zen­tu­ier­te Rhyth­mus passt ja auch per­fekt zu De­mo-Se­quen­zen. Da­bei er­klärt Jag­ger doch nur, dass ihm ar­men eng­li­schen Kn­a­ben im schläf­ri­gen Lon­don nichts blei­be, als in ei­ner Rock’n’Roll-Band zu sin­gen. Start me Up (1978/1981) Wer zwei- bis ein­deu­ti­ge Se­xu­al­m­e­ta­phern mag (und Au­to­wer­bung mit Pin-ups okay fin­det), ist hier gut be­dient. Das Gi­tar­ren­riff ist, äh, sug­ges­tiv und half Mi­cro­soft bei der Markt­ein­füh­rung von Win­dows 95.

Brown Su­gar (1971) Gleich noch ein­mal stren­ger Se­xis­mus­ver­dacht. „The ly­ric was all to do with the du­al com­bi­na­ti­on of drugs and girls“, sag­te Jag­ger selbst. Auch die Sze­ne – ein Skla­ven­markt im al­ten New Or­leans – ist nicht wirk­lich kor­rekt.

(I Can’t Get No) Sa­tis­fac­tion (1965) Als die Kon­sum­welt (und die Kla­ge über sie) noch jung war: Jag­ger gibt den nie Zuf­rie­de­nen, Richards um­kreist ihn mit dem läs­sigs­ten Gi­tar­ren­riff al­ler Zei­ten. Was für ein Glück, dass er es nicht, wie ur­sprüng­lich ge­plant, von Blä­sern spie­len ließ!

Gim­me Shel­ter (1969) „War, child­ren, it’s just a shot away“: Die­ser Song, viel­leicht der schöns­te der Sto­nes, zeich­net die Na­her­war­tung ei­ner Apo­ka­lyp­se, pri­vat, po­li­tisch und dann wie­der pri­vat. Trau­er, Angst, Kla­ge, Su­che nach Schutz und doch ein win­zi­ger Strahl Zu­ver­sicht.

Jum­pin’ Jack Flash (1968) Am En­de bleibt die­ser Held, an­geb­lich nach Richards’ Gärt­ner be­nannt, der sich einst nach psy­che­de­li­schen Wir­ren mel­de­te: in ei­nem Hur­ri­kan ge­bo­ren, von ei­ner Bär­ti­gen auf­ge­zo­gen, mit Schlä­gen ge­schul­meis­tert, halb er­trun­ken, ge­krönt mit ei­nem Na­gel im Kopf. Was für ei­ne Pas­si­on. Nicht der Chris­tus, der Can­di­de des Pop. „It’s all right now.“

[ Reuters ]

„I’m a man of wealth and tas­te“: Wenn Mick Jag­ger heu­te abend am Red-Bull-Ring in Spiel­berg auf­tritt, wird er wie im­mer in et­li­che Rol­len schlüp­fen, bis hin zum Frau­en­mör­der – und doch er selbst blei­ben, ein Mann, der das Al­ter ver­wei­gert.

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