„Ein schlim­mes Kind, das im­mer brav sein muss­te“

In­ter­view. Bir­git Mi­nich­mayr und Phil­ipp Hoch­mair ha­ben ge­mein­sam bei Klaus Ma­ria Bran­dau­er ge­lernt. Im In­ter­view spricht Hoch­mair über den „ex­trem un­kon­ven­tio­nel­len“Un­ter­richt, den ihm na­hen Cha­rak­ter des Nick in „Tie­re“und war­um er die An­ar­chie in „Vors

Die Presse - - FEUILLETON - VON ISA­BEL­LA WALLNÖFER

Be­kom­men Sie oft Fil­me an­ge­bo­ten? Nach wel­chen Kri­te­ri­en wäh­len Sie aus? Phil­ipp Hoch­mair: Mir wird nicht dau­ernd et­was an­ge­bo­ten. Ich er­trin­ke zwar in Ar­beit. Aber es ist nicht so, dass ich 20 Dreh­bü­cher am Tisch lie­gen hät­te.

Wie war es bei „Tie­re“? Der Film ist auf mich zu­ge­kom­men. So wie „Ka­ter“und „Vor­stadt­wei­ber“. Das ha­be ich nicht aus­ge­sucht, es ist ein­fach da­ge­we­sen. Es gibt kaum ei­ne Rol­le, die mir mehr ent­spricht als der Cha­rak­ter des Nick in „Tie­re“. Die­se Nä­he zum Sys­tem, die da ge­zeigt wird, die hat mich ein­ge­holt, mich ge­ru­fen.

Wel­che Nä­he zum Sys­tem mei­nen Sie? Das Be­zie­hungs­sys­tem. Wie der lebt. Was da pas­siert. Das kann ich gut nach­voll­zie­hen.

Als ich „Tie­re“ge­se­hen ha­be, war ich nicht si­cher, wer da die Vi­sio­nen hat – Nick oder sei­ne Frau An­na . . . . . . oder wer hat Recht? Wer ist bö­se? Es ist kom­plex. Die­ses Ge­heim­nis ei­ner Be­zie­hung, dar­in leib­haf­tig zu blei­ben, das ist nicht so ein­fach zu lö­sen. Die Ver­zweif­lung, es nicht zu schaf­fen, das wird da be­schrie- ben, auf ei­ne für mich sehr na­he, aber viel­leicht für die Zu­schau­er ver­stö­ren­de Wei­se.

Au­tor Jörg Kalt woll­te das Buch selbst ver­fil­men, hat 2007 aber Sui­zid be­gan­gen. Der Film be­schreibt ja so ei­ne Zwi­schen­welt, ei­ne Si­tua­ti­on zwi­schen Tod und Le­ben. Kalt war da kurz vor sei­nem Tod – und die­se Ener­gie fühlt man, fin­de ich. Das macht den Film au­ßer­ge­wöhn­lich.

Wie war die Ar­beit mit Bir­git Mi­nich­mayr? Das war be­son­ders gut, weil wir aus dem sel­ben Stall kom­men. Wir ha­ben zu­sam­men stu­diert, wa­ren Schü­ler von Klaus Ma­ria Bran­dau­er. Wir ha­ben schon ei­ne in­ten­si­ve Ge­schich­te, auch wenn wir re­al nicht so vie­le Be­rüh­rungs­punk­te ge­habt ha­ben. Aber mit „Die Aus­lö­schung“wur­den wir zum ers­ten Mal als die Schü­ler, die Kin­der von Bran­dau­er be­setzt.

Wie war sein Un­ter­richt? Ex­trem for­dernd. Ex­trem un­kon­ven­tio­nell. Ex­trem hart. Aber ma­xi­mal ef­fek­tiv, weil Ma­len nach Zah­len, das war bei ihm nicht am Ta­ges­pro­gramm. Er hat den Schul­wart be­sto­chen und dann Un­ter­richt bis vier in der Früh ge­macht. So wie die Ma­ler in Gug­ging nicht auf­hö­ren, wo das Pa­pier zu En­de ist, son­dern den gan­zen Tisch, das Haus, die Bäu­me an­ma­len – so war das auch: Das ist über die Gren­ze hin­aus ge­gan­gen. Ich will so was. Ich war im Her­zen schon so ein Typ.

Das traut man sich ja kaum aus­zu­le­ben. Es gibt gar kei­nen Ort, wo es so et­was gibt. Es wa­ren auch ein paar Leu­te ka­putt nach dem Un­ter­richt, aber bei mir hat das ganz viel her­vor­ge­ru­fen. Für bra­ve Kin­der, die bra­ve Re­geln brau­chen, ist das an­stren­gend. Aber wenn das schlim­me Kind, das im­mer brav sein muss­te, plötz­lich schlimm sein darf, dann ist das wie ei­ne Ex­plo­si­on: Ich fand das ei­ne ex­trem krea­ti­ve, po­si­ti­ve Be­geg­nung. Und das bleibt ei­nem sein Le­ben lang. Das ist das größ­te Ge­schenk. 2003 bis 2009 wa­ren Sie am Burg­thea­ter. Ha­ben Sie es dort nicht aus­ge­hal­ten? Ich ha­be es dort su­per gut aus­ge­hal­ten, aber ich woll­te mich ver­än­dern. Ich woll­te nicht in die­se Rou­ti­ne kom­men. Nach sie­ben Jah­ren mit gro­ßen Rol­len und in der dor­ti­gen Eh­ren­ga­le­rie hän­gend – soll­te ich noch sie­ben Jah­re blei­ben?

Kommt nach ih­rem „Je­der­mann“-Mo­no­log die Rol­le bei den Fest­spie­len? Mei­nen „Je­der­mann“-Mo­no­log mit Band auf dem Dom­platz zu spie­len, wür­de mich rei­zen. Die „Je­der­mann“-Auf­füh­rung an sich ist si­cher ei­ne Eh­re – aber als thea­tra­li­sches Er­leb­nis für mich nicht so span­nend. Bei mei­nem „Je­der­mann“kann man ei­ne sehr per­sön­li­che Sicht auf das The­ma be­kom­men, das ein es­sen­zi­el­les ist. Ich lie­be die­ses Stück! Das ist ei­ne sprach­lich und in­halt­lich her­vor­ra­gen­de Text­vor­la­ge. Die woll­te ich eben be­frei­en in ih­rer Wild­heit.

Am 8. Jän­ner geht „Vor­stadt­wei­ber“wei­ter. Was mö­gen Sie an der Se­rie? Die An­ar­chie. Ich fin­de, sie ist au­ßer­or­dent­lich gut ge­schrie­ben. Sie ist lus­tig. Sie ist bös­ar­tig. Al­les ist Lü­ge. In so ei­nem Sumpf wie Ös­ter­reich ist doch so was wie „Vor­stadt­wei­ber“su­per. Das passt per­fekt.

[ Chris­ti­an Schop­pe ]

Phil­ipp Hoch­mair.

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