Die Presse

Dieses Theater schneidet ins Fleisch

Werk X. Sieben Frauen, die Judit heißen – und sich selbst oder den Männern sehr weh tun: österreich­ische Erstauffüh­rung von Sibylle Bergs so stoischen wie verstörend­en Monologen „Missionen der Schönheit“.

- VON THOMAS KRAMAR

Das Bühnenbild (von Matthias Krische) wirkt so unordentli­ch wie archaisch wie großartig: Im weiten, von den Zuschauerr­eihen umringten Kreis liegen wild verstreut Brocken aus Gips. Stückwerk. Hände, Füße, Urnen, Flaschen. Eine zerstörte Werkstatt? Eine alte Welt in Trümmern? Die gescheiter­te Schöpfung töpfernder Göttinnen?

Die Aura von Sibylle Bergs Stück legt diese quasi pessimisti­sch-matriarcha­le Deutung nahe. Sein Untertitel ist „Holofernes­momente“, es führt uns sechs Frauen namens Judit in Monologen vor. Alles Rächerinne­n, Männermörd­erinnen?

Was man erfährt: Die erste Judit, erst zwölf Jahre alt, hat ihren Vater ans Bett gefesselt und stellt die Fütterung allmählich ein. Sie selbst ist nur mehr Haut und Knochen: „Ich würde gerne eine Wunde sein“, sagt sie und: „Ich gleiche einem Jungen.“Der eigene Körper als Feind – oder als Geisel in der Hand der Feinde, der Männer. Die zweite Judit schneidet sich mit Scherben und Rasierklin­gen. Die dritte Judit klagt: „Sie haben mir die Haare geschoren, meinen Körper verbrannt und zerschnitt­en, während sie in ihm steckten. Selbst jetzt will ich immer noch gefallen.“Die vierte Judit wird von der Gefallsuch­t auf eine Bühne getrieben, auf der sie sich von möglichst vielen Männern penetriere­n lässt. Die fünfte leidet unter ihrem lieblos gewordenen Ehemann und grübelt: Soll sie ihm die Kehle durchschne­iden oder lieber sich selbst die Augen aus den Höhlen reißen?

Die sechste hat die Jagd nach Liebe aufgegeben, verfällt vor sich hin; die siebte sitzt am Meer und gesteht ruhig: „Ich habe mich gerächt für tausend Jahre genetische­s Ungleichge­wicht, ich habe sie enthauptet, habe ihnen die Eier abgeschnit­ten, sie kastriert, ihnen ihre Würde genommen, ihren Sinn.“Auch die letzte, die achte Judit, 75 Jahre alt, hat es hinter sich: „Mein Mann und die beiden Jungen liegen seit Jahren im Keller.“

Vor fünf Monaten erst hatte im Wiener Rabenhof Sibylle Bergs Stück „Viel gut essen“Premiere: ein böses Porträt des kleinen weißen Mannes, der zum Wutbürger wird, zum Täter, und dabei Opfer bleibt. Genauso sind die sechs Judits in „Missionen der Schönheit“Opfer, auch wenn sie Täterinnen werden. Wessen Opfer? Der Männerwelt? Ja, aber zugleich ihrer selbst, ihrer Mütter, ja: des Lebens. „Das Leben ist ein Zyniker“, sagte der Wutbürger in „Viel gut essen“. Das gilt auch hier. „Die Menschen taugen nichts. Ich tauge nichts“, sagt eine Judit. Und überhaupt, wie weiland Jim Morrison sang: Hier kommt keiner lebend raus.

In Julia Burgers rhythmisch stimmiger Inszenieru­ng singt die Band Stereo Total zwischen den Szenen das herzige Gebrochene-Herzen-Lied „Do The Bambi“. Das bringt Trost. Und man kann dabei lächeln. Verrückt-verzückt, wie Anna Kramer, die die Hälfte der Personen verkörpert, während ihr Bein allmählich eingegipst wird – von Paola Aguilera, die die andere Hälfte spielt, weniger sanft, manchmal fast fordernd, aufbegehre­nd. Was nichts ändert. Alles bleibt. Eine knappe Stunde lang. (Länger wäre zu lang.) Nur Anna Kramer schneidet sich den Gips vom Bein. Ein weiteres Trumm auf dieser unheimlich­en Bühnenwerk­statt.

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