„Ich leuch­te ger­ne in Ab­grün­de“

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR | 67 -

wie di­rekt und un­mit­tel­bar wir ei­ner neu­en Ära ent­ge­gen­steu­ern, in der sprü­che­klop­fen­de Po­li­ti­ker rings­um sehr rasch mit Be­grif­fen wie „Schan­de“oder „Scham“öf­fent­lich gur­geln, selbst aber die Gren­zen wah­rer Scham­lo­sig­keit un­ge­niert aus­deh­nen und über­schrei­ten? Mo­ra­li­sche Ap­pel­le von Po­li­ti­kern, aber auch von Glau­bens­ge­mein­schaf­ten funk­tio­nie­ren heu­te über­haupt nicht mehr, und zwar auf­grund der tech­ni­schen Ent­wick­lung. Je­der Mensch kann sich die ihm ge­neh­me Saue­rei per Knopf­druck aus dem In­ter­net ho­len, wer wird denn da noch auf den er­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger schau­en.

Pas­send zu die­sem The­ma ha­ben Sie vor we­ni­gen Ta­gen ein zwei­tes Stück fer­tig­ge­stellt, „Frem­den­zim­mer“, das im kom­men­den Jahr ur­auf­ge­führt wird. Dar­in ge­rät ein Asy­lant aus Sy­ri­en in ei­nem Ge­mein­de­bau im wahrs­ten Sinn des Wor­tes in die Fän­ge ei­nes bor­nier­ten, in­to­le­ran­ten al­ten Ehe­paars, das al­le nur gän­gi­gen Vor­ur­tei­le aus- packt. Be­wusst ha­ben Sie das Werk als Volks­stück ver­fasst – um die Dras­tik und Vor­ein­ge­nom­men­heit noch zu ver­deut­li­chen? Bei Volks­stü­cken wird ja viel ge­lacht und das ist die idea­le Ver­pa­ckung für ein trau­ri­ges The­ma. Ich will ja in all mei­nen Stü­cken die Zu­schau­er zum La­chen brin­gen, und zwar über Din­ge, die in Wahr­heit zum Wei­nen sind.

Ist der Zy­nis­mus mo­men­tan ei­ne taug­li­che Me­tho­de, der zy­ni­schen Rea­li­tät bei­zu­kom­men? Ich bin nicht Ih­rer Mei­nung, dass ich ein zy­ni­sches Stück ge­schrie­ben ha­be. Ich ver­ab­scheue den Zy­nis­mus, Sie wer­den ihn in kei­nem mei­ner Stü­cke fin­den. Man kann in der dra­ma­ti­schen Kunst die Men­schen bis zum Äu­ßers­ten kri­ti­sie­ren, aber man kann dies nie mit dem Ge­ha­be des Rich­ters, son­dern nur mit dem Blick des Er­kun­ders tun. Dra­ma­ti­ker müs­sen das Ob­jekt ih­rer Be­schrei­bung in ir­gend­ei­ner Wei­se lie­ben, Zy­ni­ker lie­ben nichts und nie­man­den. Nicht ein­mal sich selbst.

Apro­pos Zy­nis­mus: Neu­er­dings wol­len sich auch die Po­li­ti­ker der Ko­ali­ti­on mehr um die, wie sie es mei­nen, „ein­fa­chen Men­schen“küm­mern. Steckt nicht al­lein in die­ser Be­zeich­nung be­reits ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, Her­ab­wür­di­gung? Wä­re es um die Welt nicht weit­aus bes­ser be­stellt, gä­be es dar­in, wört­lich ge­nom­men, weit­aus mehr ein­fa­che, ge­rad­li­ni­ge Men­schen, fern­ab vom Jar­gon und den Denk­wei­sen um­trie­bi­ger Po­pu­lis­ten? Jetzt bin ich wie­der Ih­rer Mei­nung. Die Po­li­ti­ker spre­chen ja nicht nur von „ein­fa­chen Men­schen“, son­dern auch von „de­nen da drau­ßen“. Und am schlimms­ten wird es, wenn Po­li­ti­ker vom „klei­nen Mann“und der „klei­nen Frau“re­den. Als wä­re die Be­völ­ke­rung ei­ne An­samm­lung von Pyg­mä­en. Ich hal­te mir im­mer die Oh­ren zu, wenn Po­li­ti­ker von und für Men­schen spre­chen, die sie in Wahr­heit ver­ach­ten.

„He­roi­sche Flucht aus dem Ehe­kä­fig“: Pe­ter Tur­ri­ni über He­dy Lamarr APA

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