Ent­hül­lun­gen über das Kopf­tuch

Kleine Zeitung Steiermark - - SONNTAG, 15. JÄNNER 2017 -

EDMs gibt vie­le Grün­de, sich ein Tuch aufs Haupt zu bin­den: kul­tu­rel­le, re­li­giö­se, mo­di­sche oder ganz ein­fach prak­ti­sche. Ein Kopf­tuch schützt vor Käl­te, Wind, Staub oder Son­ne. Das schät­zen auch Pi­ra­ten oder Ski­tou­ren­ge­her. Als Wer­ner Berg 1951 sei­ne Dich­ter­freun­din Chris­ti­ne La­vant por­trä­tier­te, war es für die weib­li­che Be­völ­ke­rung sei­ner Süd­kärnt­ner Wahl­hei­mat üb­lich, Kopf­tuch zu tra­gen – nicht nur bei der Ar­beit auf dem Feld oder im Stall, son­dern auch in der Kir­che. Da­von zeu­gen auch vie­le an­de­re Wer­ke des 1981 frei­wil­lig aus dem Le­ben ge­schie­de­nen Ma­lers.

Doch auch die fei­ne­re Ge­sell­schaft lieb­te das zum Drei­eck ge­fal­te­te Stück Stoff. Fil­me wie „Früh­stück bei Tif­fa­ny“oder „Über den Dä­chern von Niz­za“zei­gen Au­drey Hep­burn oder Gra­ce Kel­ly mit ei­nem kunst­voll un­ter dem Kinn ge­kreuz­ten und im Na­cken ver­kno­te­ten Tuch. Bis heu­te ist ei­ne Kö­ni­gin das pro­mi­nen­tes­te Mo­del für die­se Art Kopf­be­de­ckung. Selbst wenn Eli­sa­beth II. mit ih­ren 90 Jah­ren ei­nen Aus­ritt wagt, wür­de sie sich nie­mals ei­nen Helm auf­set­zen, son­dern trägt lie­ber ein schmu­ckes Kopf­tuch. ass die­ses heu­te trotz­dem in Ver­ruf ge­ra­ten ist, hat vor al­lem mit der pa­tri­ar­cha­len ori­en­ta­li­schen Vor­stel­lung zu tun, dass ins­be­son­de­re ver­hei­ra­te­te Frau­en ih­re Rei­ze vor frem­den Män­nern zu ver­hül­len hät­ten. Sol­che Gedanken fin­det man im or­tho­do­xen Ju­den­tum eben­so wie im Is­lam oder bei kon­ser­va­ti­ven christ­li­chen Ge­mein­schaf­ten wie den Hut­te­rern. Dass auch die meis­ten Or­dens­frau­en das Ver­hül­len ih­res Haa­res be­vor­zu­gen, hat mit den­sel­ben Vor­be­hal­ten ge­gen­über ir­di­schen Ver-lo­ckun­gen zu tun.

Im Fal­le von Chris­ti­ne La­vant, die Wer­ner Berg in mehr als ei­nem Dut­zend Öl­ge­mäl­den, Holz­schnit­ten und Zeich­nun­gen ver­ewig­te, hat­te das Kopf­tuch auch ei­ne kos­me­ti­sche Funk­ti­on. Die haupt­säch­lich vom Stri­cken le­ben­de La­vant­ta­le­rin litt als Mäd­chen un­ter tu­ber­ku­lö­sen Ge­schwuls­ten, die sie bei­na­he er­blin­den und er­tau­ben lie­ßen. Mit­hil­fe von Rönt­gen­strah­len wur­den ih­re „Skro­feln“zwar „weg­ge­brannt“, doch die Nar­ben an Hals und Ge­sicht blie­ben und wur­den scham­haft un­ter Tü­chern ver­bor­gen. it sei­nen aus­drucks­star­ken Por­träts präg­te Wer­ner Berg das Bild von der stets schlaf­lo­sen und ni­ko­tin­süch­ti­gen Schmer­zens­frau und gibt zu­gleich ei­ne Ah­nung von der „Amour fou“, die den ver­hei­ra­te­ten Ma­ler mit sei­ner um elf Jah­re jün­ge­ren „Christl“ver­band und an der letzt­lich bei­de zer­bra­chen. Wenn Chris­ti­ne La­vant nach der Tren­nung von ih­rem „He­xen­meis­ter“Welt­li­te­ra­tur schrieb, dann ist dies zu ei­nem gu­ten Teil ih­rer un­voll­ende­ten Lie­be zu ver­dan­ken. Durch­gän­gi­ger Te­nor ih­rer dich­te­ri­schen Kla­ge, die 1973 nach erst 58 Le­bens­jah­ren all­zu früh ver­stumm­te: „Ich frag mein Herz, das St­un­den­glas,/wie lang die Welt noch steht,/es zit­tert wie ein Schmel­chen­gras/und hat sich um­ge­dreht./wer ist an die­sem Un­glück schuld?/ich sag den Na­men nicht./schon hal­ber­tränkt, doch voll Ge­duld/blühn die Ver­giß­mein­nicht.“(aus: „Die Bett­ler­scha­le“) Er­win Hir­ten­fel­der

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