Von Ro­cke­fel­ler zu Fer­gu­son

Kleine Zeitung Steiermark - - KULTUR | 43 -

Der ost­eu­ro­päi­sche Ein­wan­de­rer Isaac Rez­ni­koff steht An­fang des 20. Jahr­hun­derts vor der Ein­wan­de­rungs­be­hör­de auf El­lis Island vor New York. Den Na­men Rez­ni­koff kön­ne er gleich ver­ges­sen, da­mit wür­den die Amis ihn nie auf­neh­men, rät ihm ein ge­witz­ter Kol­le­ge. „Sag ih­nen, du heißt Ro­cke­fel­ler. Da­mit kannst du nichts falsch ma­chen.“Als Rez­ni­koff nach stun­den­lan­gem War­ten an die Rei­he kommt, greift er sich auf die Fra­ge nach sei­nem Na­men ver­zwei­felt an die Stirn und platzt auf Jid­disch her­aus: „Ich hob far­ges­sen!“Und so be­gann Isaac Rez­ni­koff sein neu­es Le­ben in Ame­ri­ka als Icha­bod Fer­gu­son.

Die­ser al­te jü­di­sche Witz, mit dem Paul Aus­ter sein 1260 Sei­ten star­kes Opus Ma­gnum „4321“be­ginnt und be­schließt, ist auch ei­ne Pa­ra­bel über das mensch­li­che Schick­sal und die sich end­los ga­beln­den We­ge, de­nen man sich auf sei­nem Gang durchs Le­ben stel­len muss. Wie an­ders ver­läuft das Le­ben als Rez­ni­koff, Ro­cke­fel­ler oder Fer­gu­son? Wie sich Ro­bert Frost in sei­nem Ge­dicht „Der nicht ge­gan­ge­ne Weg“fragt, was wä­re, wenn er die an­de­re Ab­zwei­gung ge­nom­men hät­te, so fragt sich Aus­ter, was mit dem En­kel des Ein­wan­de­rers pas­siert, wenn sich ei­ni­ge Um­stän­de ver­schie­ben.

Und so ent­wi­ckelt er ne­ben­ein­an­der vier ver­schie­de­ne Bio­gra­fi­en sei­nes Ar­chie Fer­gu­son, nicht al­le sym­pa­thisch, mit­un­ter wird es mi­nu­ti­ös und zäh. Und doch geht die Er­zäh­lung vor und zu­rück, vor und zu­rück, wie ein Tanz, manch­mal Sam­ba, manch­mal Fox­trott. Und ir­gend­wann ist man ganz drin­nen, von 1947 (auch Aus­ters Ge­burts­jahr) bis in die 70er-jah­re hin­ein. „Und es heißt auch et­was, in den Sei­ten ei­nes Bu­ches zu le­ben“, sagt Lud­wig Witt­gen­stein, ein Held von Aus­ter, ein Held sei­nes Fer­gu­son.

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